• S.

    Berlin, Schöneberger Ufer 22, 15. I. 08.

    Sehr verehrter Herr Professor,

    Ihre rasche Antwort, für die ich Ihnen aufs herzlichste danke, kam mir sehr erwünscht. Daß ich mich hilfesuchend an Sie wandte, anstatt noch in ein paar Sitzungen selbständig weiter zu graben, beschämt mich nachträglich ein bißchen. Die Umstände machen es aber begreiflich: ich wollte gerade in einem von Oppenheim mir überwiesenen Falle einen raschen analytischen Triumph und ärgerte mich daher, als ich nicht weiter kam, zumal da es in der ersten Sitzung so flott gegangen war. Freilich bin ich auch an einen recht schwierigen Fall

  • S.

    geraten, 47 Jahre alt, und voll starker Verdrängungen. Wie gut er seine Geheimnisse birgt, zeigt folgender Vorfall. Nachdem ich Ihnen geschrieben hatte, ging ich in einer Sitzung auf die frühere hypnotische Behandlung des Pat. ein. Er erzählte, die Hypnose habe ihm geschadet. Auf weiteres Eingehen: in der ersten Hypnose sei ihm etwas eingefallen, etwas sehr Peinliches, er habe es nicht ausgesprochen und habe sich beim Erwachen nicht mehr daran erinnert. Auf der Heimfahrt im Tram kam der Einfall wieder, und nun mußte er sofort gewisse Zwangsformeln halblaut vor sich hinsagen, geriet darüber in Aufregung, fürchtete den andern Leuten im Wagen aufzufallen, stieg aus und lief, 

  • S.

    die Formeln vor sich hinsagend, lange in den Straßen herum, ehe er in seine Wohnung ging. Bisher ist es mir nicht gelungen, diesen Einfall herauszubringen, trotz redlicher Bemühungen. Diese führten noch in derselben Sitzung dazu, daß Pat. nicht recht mehr auf meine Instruktionen einging. Offenbar übertrug er den Groll, den er damals gegen den Hypnotiseur gehabt hat, auf mich. Zur folgenden Sitzung kam er verspätet und in gänzlich ablehnender Affektlage.Typisches »Drüberwegreden«, immer auf andres überspringen war alles, was er produzierte; er war dabei in einer unechten Euphorie, stellte die Zwangssymptome als gar nicht so bedeutend hin, wollte sie durch Energie 

  • S.

    überwinden können. Sehr deutlich: ich brauche deine Behandlung nicht! In der folgenden Sitzung schwand das Drüberwegreden ganz allmählich, und ich konnte die Vermutung, daß sein Nachforschen nach der Entstehung aller Dinge wirklich von sexueller Neugier kommt, ohne allzu große Mühe bestätigen. Ich hoffe, nun werde ich auch weiter vorwärtskommen, obgleich der Fall in verschiedener Hinsicht nicht günstig liegt. – Mit der Übung werde ich hoffentlich eine größere Sicherheit erlangen. Zu meinem Trost fand ich heute in einer Anmerkung am Schlusse der Hysterie-Analyse (Dora), daß es Ihnen früher in ähnlichen Situationen auch nicht immer besser gegangen ist. Ich muß 

  • S.

    die Technik erst erwerben und bin deshalb sehr froh über die Winke, die Sie mir in Ihrem Brief gegeben haben. Es freut mich sehr, daß Sie den mitgeteilten Fliegetraum ver- wenden können. Heute sende ich Ihnen einen Traum von mir und zwei von meiner Frau. Ich bitte Sie, nach Ihrem Belieben Gebrauch davon zu machen, auch Änderungen vorzunehmen. Natürlich möchten wir nicht mit Namen genannt sein. Die Träume sind in direkter Rede mitgeteilt, die Deutungen in dritter Person, als wenn die Träume von einem Fremden herrühren. Der erste, lange Traum von meiner Frau scheint mir nicht mit 

  • S.

    aller erforderlichen Vollständigkeit gedeutet. Vielleicht ist da irgendein gemeinsamer Komplex hinderlich. Der Godiva -Traum scheint mir wegen seiner Konzentriertheit als Paradigma brauchbar. Ich wurde im Schreiben durch meinen Zwangs-Patienten unterbrochen. Heute bin ich recht gut vorwärts gekommen und habe verschiedene Quellen gefunden, aus denen nach längerer Remission das Zwangsbeten und Grübeln von neuem hervorgegangen sind. Ich will Ihnen darüber später berichten, für heute werden Ihnen die Beilagen genug zu lesen 

  • S.

    geben. Nur noch eine Bitte. Würden Sie mir gelegentlich mitteilen, wie Sie das Umschlagen des zwangsweisen Betens in zwangsweises Leugnen Gottes (dem wieder vermehrtes Beten folgt) erklären? Ich habe bei meinem Pat. eine Vermutung in dieser Hinsicht. Nun muß ich noch ein Versprechen erfüllen, daß ich bei meinem Dortsein Ihrer Frau Gemahlin gab. Ich habe mich im Park-Hotel, das direkt am Bahnhof Zoologischer Garten liegt, erkundigt. Der Preis eines Zimmers mit zwei Betten im ersten bis dritten Stock ist 10 M. (oder darüber). Ich bin natürlich sehr gern bereit, mich auch 

  • S.

    in Pensionen etc. zu erkundigen. Selbstverständlich wüßten wir gern, wann Ihre Frau Gemahlin und Fräulein Tochter kommen. Ich bitte Sie, diesen Wunsch, mit meiner Frau und meiner Empfehlung, den Damen auszurichten. Mit den besten Grüßen Ihr dankbar ergebener
    Karl Abraham

    Bezüglich der beiden Träume meiner Frau möchte ich noch einen Wunsch äußern. Es wäre mir lieber, die persönlichen Verhältnisse etwas unkenntlich zu machen, falls die beiden Träume in Druck kommen sollten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich dann Manuskript oder Korrektur an dieser Stelle einsehen könnte, um einige Punkte etwas zu verschleiern, ohne daß der Wert der Träume leidet. Ihnen persönlich wollte ich Träume und Deutung ohne jede Entstellung mitteilen.