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Berlin, 16. VII. 08.
Sehr geehrter Herr Professor,
Eigentlich sollte ich Sie jetzt im Ferienanfang in Ruhe lassen, muß Ihnen aber doch einiges auf Ihren Brief erwidern. Was ich letztes Mal über Zürich kurz bemerkte, sollte sich nicht auf meine Angelegenheit mit Jung beziehen, sondern auf die ganze jetzige Stellungnahme der Zürcher. Um aber zuerst das andre zu erledigen: mir ist eine Entzweiung mit Zürich durchaus nicht erwünscht. Mein Brief an Jung war so entgegenkommend wie möglich (ich könnte Ihnen eine Kopie schicken). Die Nichtbeantwortung ist doch recht rücksichtslos. Aber wenn sich jetzt oder später, sei es durch Ihre Vermittlung oder sonstwie, das gute Einvernehmen wieder herstellen läßt, so werde ich gewiß
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nicht schmollen! Im Gegenteil möchte ich in Konnex mit dem Burghölzli bleiben. Wenn auch meinem Fortgang von dort mancherlei Unerfreuliches vorausging, so habe ich doch so viel gute Erinnerungen mitgenommen, daß ich den Frieden gewiß nicht stören möchte. Die Ursache liegt doch tiefer. Jungs Verhalten zu mir ist doch nur Symptom. Ich glaube, sämtliche Wiener Herren hatten in Salzburg den Eindruck, daß von Zürich nicht mehr viel zu erwarten sei. Von zuverlässiger Seite habe ich Nachrichten über die neuesten Wandlungen, und unter dem Eindruck dieser Mitteilungen schrieb ich Ihnen das letzte Mal. Ich will Sie nicht mit Einzelheiten plagen. Aber das plötzliche Einschlafen der bis April so lebhaft besuchten
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Freudschen Abende ist auffällig. Jung scheint sich seinen alten spiritistischen Neigungen wieder zuzuwenden. Aber lassen Sie das bitte unter uns bleiben! Macht aber Jung aus diesem Grunde und seiner Karriere zuliebe nicht mehr mit, so ist es im Burghölzli eben aus. Bleuler allein, so tüchtig er sonst ist, wird nichts tun. Er ist ein sehr komplizierter Mensch, ganz aus Reaktionsbildungen zusammengesetzt. Seine äußerliche Einfachheit und oft übertriebene Bescheidenheit verdeckt einen starken Größenkomplex. Salzburg war diesem letzteren nicht zuträglich. Die andern kommen wenig in Betracht. Riklin ist Jungs Kreatur. Nur auf Maeder wäre zu rechnen, er ist intelligent und unabhängig. Eitingon ist zur
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aktiven Mitarbeit wohl kaum geeignet, obwohl er das beste Verständnis hat. Auf diese gesamten Verhältnisse, nicht auf meine Sache, bezog sich also die Bemerkung. Die Referate schreibe ich möglichst kurz, aber allzu kurz dürfen sie doch auch nicht sein. Ein paar Resultate aus Ihren Schriften herauszugreifen hat doch keinen Sinn. Die wichtigsten Gedankengänge, die zu den Resultaten führen, und der heutige Stand müssen doch zum Ausdruck kommen. Übrigens macht ein knappes Referat nicht weniger Arbeit als ein ausführliches. Das Referat über den Witz, an dem ich gerade schreibe, wird ca. eineinhalb Druckseiten lang – Rank hat mir alles Gewünschte zugeschickt. Wardas Arbeiten werde ich berücksichtigen.
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Von Deuticke habe ich schon den ersten Korrekturbogen erhalten. – Darf ich Sie noch um Beantwortung einer früher gestellten Frage bitten? Ich wüßte gern, ob Sie meinen Plan, einen Kurs für Ärzte zu halten, billigen. Ich wünsche Ihnen recht angenehme Tage in Berchtesgaden und füge für Sie und die werten Ihrigen, auch namens meiner Frau, die besten Grüße hinzu.
Ihr ergebener Abraham
Schöneberger Ufer 22
Berlin 10785
Duitsland
Dietfeldhof
Berchtesgaden, Bayern 83471
Duitsland
C15F3