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Berlin, 18. XII. 08.
Lieber Herr Professor,
Sie dürfen nicht annehmen, daß ich in der Korrespondenz so genau mit Ihnen rechne. Auch der Sonderabdruck war ja ein Lebenszeichen, mit dem ich mich sehr gefreut habe. Das Referat im Neurologischen Centralblatt gibt natürlich kein genaues Bild von der Diskussion zu meinem Vortrag. Meine Antwort an Ziehen war schärfer; ich habe die entsprechenden Ausdrücke nicht in das Autoreferat gebracht, weil sich gedruckt alles ganz anders macht als gesprochen. In Berlin mehren sich die Zeichen keimenden Verständnisses. Nach einer Sitzung in dieser Woche
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trugen mir z.B. mehrere Fachkollegen Beobachtungen aus ihrer Praxis vor und waren den Anschauungen, die ich ihnen entwickelte, durchaus nicht abgeneigt. In der Oppenheimschen Poliklinik, die ich oft besuche, mache ich dieselbe Erfahrung. Große Hoffnung setze ich auf eine Psychoanalyse, die ich vor einer Woche begonnen habe. Es ist ein 17jähriger junger Mann aus der jüdischen Aristokratie. Er leidet u.a. an einem hartnäckigen, lokalisierten Rückenschmerz seit fünf Jahren, außerdem an sexual- neurasthenischen Beschwerden. Er war fast fünf Jahre in den Händen von Orthopäden etc., dann bei Oppenheim, der ihn mit Radium etc. behandelte und ihn schließlich zu mir schickte. Er ist mit 2 Assistenten Oppenheims verwandt. Wenn ich in diesem, von allen Seiten
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als prognostisch äußerst ungünstig bezeichneten Falle Erfolg hätte, so würde das sehr viel ausmachen. Der Anfang verheißt Gutes. Ich führe eine besonders genaue Krankengeschichte, weil der Fall von höchstem Interesse ist, besonders für das familiäre Auftreten gewisser Symptome. Noch keine Analyse hat mir solche Freude gemacht. Der Pat., den O. als sehr unzugänglich bezeichnete, ist sehr interessiert und sehr froh, daß er seit dem zweiten Behandlungstage von seinen allnächtlichen Angstanfällen und Pollutionen befreit ist. Ein merkwürdiger endemischer Herd von Freudianern existiert seit ca. einem Monat in Charlottenburg. Einer meiner ersten Patienten war ein sehr intelligenter Philologe, Lehrer an einer
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neu gegründeten Schule in Ch. Er ist sehr dankbar und hat ein sehr feines Verständnis für die Analyse. Gelegentlich eines Ereignisses mit einigen Schülern hat er nun seinem Direktor Ihre und meine Schriften vorgelegt. Der sitzt nun seit vier Wochen darüber, verlangt vom Schularzt, daß er sich schleunigst die ganze Sexualtheorie zu eigen macht und – – prüft ihn darin! Und die Lehrer müssen auch mitmachen. Mein Gewährsmann sagt: Wer die Arbeiten nicht kennt, gilt jetzt beim Direktor als rückständig. Und welcher Lehrer möchte das sein? – Übrigens hörte ich von einem Buchhändler, daß die Traumdeutung stark gekauft wird. Es gibt freilich auch Unerfreuliches. Ich sandte vor einigen Monaten eine englische Bearbeitung meiner früheren Publikationen über sexuelle Traumen
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an Morton Prince (Journal of Abnormal Psychology). Ich hatte ihm vorher das Thema mitgeteilt. Er bat, das Manuskript zu senden; er werde es prüfen; freilich sei er nicht sehr für die Veröffentlichung von Dingen, die schon anderweitig publiziert wären. Das sah schon nach Ausrede aus, denn er selbst ließ gerade damals eine Arbeit in wörtlicher Übersetzung in einer deutschen Zeitschrift nachdrucken. Auf das Manuskript kam nach sehr langer Zeit ein ausweichender Bescheid, bis schließlich der zweite Redakteur einen abschlägigen Bescheid sandte, den ich Ihnen beilege. Die Begründung ist gut. Gleichzeitig erfolgte das um zahlreiche Fettflecke bereicherte Manuskript zurück. Vielleicht noch unangenehmer hat
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mich eine Mitteilung von Jung berührt. Nachdem das Jahrbuch bereits in Druck gegeben ist, teilt er mir mit, daß er meine Referate – die er seit über zwei Monaten in Händen hat – zurückgestellt habe. Er habe der Reklame wegen (!) das erste Heft recht reichhaltig gestalten wollen. Ich gehe wohl in der Annahme nicht fehl, daß er in letzter Stunde meine Referate durch eine Arbeit von ihm selbst ersetzt hat. Ich finde es im höchsten Grade rücksichtslos, mir dies als fait accompli mitzuteilen. Für die Reichhaltigkeit zu sorgen, war wohl auch früher Zeit. Ich habe Jung in ruhiger und sachlicher Form geantwortet, daß ich unter den vorliegenden Umständen mit den Referaten über die deutsche und österreichische Literatur zurücktrete, ihn aber dringend
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ersucht, die Referate über Ihre Schriften jetzt zum Abdruck zu bringen. Ich weiß, daß sehr vielen Kollegen an einem objektiven Übersichtsreferat sehr gelegen ist, und der natürliche Ort dafür ist doch das erste Heft. Ich darf versichern, daß ich lieber die Drucklegung aller drei Manuskripte überhaupt untersagt hätte, um Jung zu zeigen, daß seine Selbstherrlichkeit auch ihre Grenzen hat. Ich glaubte aber in Ihrem Sinne zu handeln, indem ich mit meinen Ansprüchen soweit wie möglich zurücktrat. Ich füge diesem Briefe noch ein Bild bei, das Sie gewiß interessieren wird. Es entspricht doch genau der Jensenschen Schilderung, wie die Gradiva von Stein zu Stein schreitet.
*) Se brauchen es nicht zurückzusenden
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