• S.

    28.4.12

    Prof. Dr. Freud                           Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Ich antworte Ihnen umgehend wegen des Einschlusses von Putnam. Unser guter Freund hat vergessen, daß Lüge und Schwindel längst den Weg über den Ozean nach Europa gefunden haben. Erinnern Sie ihn daran und tauchen Sie den Pinsel tief einA, um breit zu malen.

         Mit den Verfolgungen sehen Sie sonst zu schwarz. Sonderbar ist nur, daß ich von keinem unserer Freunde drüben wegen Allen Starr interpelliert worden bin.1

         Ihre Nachrichten über den Verlauf Ihrer Familienangelegenheit verzehre ich mit größter Spannung. Einen Brief von Elma habe ich erst gleichzeitig mit dem Ihrigen bekommen. Er ist sehr liebenswürdig, fordert keine Antwort und wird erledigt sein, wenn Sie so gut sind, ihr meinen Dank auszurichten. Von all Ihren Bedenken hat mir das eine Eindruck gemacht: ob Ihre Tageseinteilung und Lebensweise Raum hat für eine junge, lebenslustige und an Ihrer Arbeit nicht tief interessierte Frau.

         Ein Brief von Frau Dr. MargareteB Stegmann2 gibt unerfreuliche Nachricht von dem elenden Verlauf ihrer Ehe, die jetzt vor der Auflösung steht. Das ist allerdings kein Vorzeichen für Sie. Stegmann hat unglaublich toll gehandelt und auf ganz Unerfüllbares gerechnet.

     

         Ich kann mich vor Arbeit nicht rühren, finde durchaus nicht die Zeit, die Tabusache fertig zu machen. Um mich zu zwingen, habe ich sie als Vortrag im Verein angekündigt.3

         Im Hause ist alles wohl. Emden ist noch da.4

                                                    Herzlichsten Gruß

                                                            Ihr Freud

     

     

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    A In der Handschrift: ihn.

    B In der Handschrift: Margarethe.

     

         1    Siehe 294 F, Anm. 2.

         2    Margarete Stegmann (?-?), ab 1912 Mitglied der Berliner Vereinigung. Über sie und ihren Ehemann (siehe 64 F und Anm. 4) hatte Freud an Jung geschrieben: "Ein altes Weib

    soll man ehren, aber nicht heiraten, die Liebe ist doch nur für die Jungen" (Freud/Jung, 30.11.1911, Briefwechsel, S. 519).

         3    Siehe unten 298 F und Anm. 1.

         4    Emden (siehe 223 F und Anm. 8) war wieder für einige Wochen in Wien (Freud/Jung, 21.4.1912, Briefwechsel, S. 553).