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Psychoanalyse und Kurpfuscherei
von
Sigm. Freud
Die folgenden Bruchstücke sind der anfangs September 1926
im „Internationalen Psychoanalytischen Verlag“ erscheinenden
neuesten Schrift Sigm. Freuds, „Die Frage der Laienanalyse,
Unterredungen mit einem Unparteiischen“, entnommen. Das Buch
enthält mehr, als der Titel verrät. Der Begründer der Psycho-
analyse nimmt nicht nur Stellung zu der jetzt aktuell gewordenen
Frage, ob die Handhabung der von ihm geschaffenen Therapie
den Medizinern vorbehalten bleiben soll, sondern gibt wieder
in knappen Zügen eine Darstellung seiner Lehre, sowohl der
tiefenpsychologischen Ergebnisse, als ihrer praktischen Anwen-
dung bei der analytischen Bekämpfung von Neurosen und
Charakterstörungen. Diesmal wendet sich die Darstellung der
Psychoanalyse nicht an ein gelehrtes Publikum, sondern – in
Dialogform, lehrend, Vorurteile auflösend und diskutierend –
gleichsam an einen als einflußreich angenommenen Mitbürger,
in dessen Gesichtskreis die Psychoanalyse jetzt als Objekt der
Gesetzgebung und der Gesetzesanwendung gerückt ist. Insbesondere
die konkreten Vorgänge während der analytischen Kur werden
eingehender verdeutlicht, als es in sonstigen gemeinverständlichen
Darstellungen bisher geschah. – Die hier wiedergegebenen
Bruchstücke sind dem letzten Teile des Buches entnommen, der
die im Titel angeführte „Laienfrage“ selbst behandelt.Ein historisches Anrecht auf den Alleinbesitz der Analyse
haben die Ärzte nicht, vielmehr haben sie sie bis vor kurzem
alles aufgeboten, von der seichtesten Spötterei bis zur schwer-
wiegendsten Verleumdung, um ihr zu schaden. Sie werden
mit Recht antworten, das gehört der Vergangenheit an und
braucht die Zukunft nicht zu beeinflussen. Ich bin einver-
standen, aber ich fürchte, die Zukunft wird anders sein, als
Sie sie vorhergesagt haben.Erlauben Sie, daß ich dem Wort „Kurpfuscher“ den Sinn
gebe, auf den es Anspruch hat an Stelle der legalen Bedeutung.
Für das Gesetz ist der ein Kurpfuscher, der Kranke behandelt,S.
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ohne sich durch den Besitz eines staatlichen Diploms als Arzt
ausweisen zu können. Ich würde eine andere Definition be-
vorzugen: Kurpfuscher ist, wer eine Behandlung unternimmt,
ohne die dazu erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zu
besitzen. Auf dieser Definition fußend, wage ich die Behaup-
tung, daß – nicht nur in den europäischen Ländern – die
Ärzte zu den Kurpfuschern in der Analyse ein überwiegendes
Kontingent stellen. Sie üben sehr häufig die analytische Be-
handlung aus, ohne sie gelernt zu haben und ohne sie zu
verstehen.Es ist vergeblich, daß Sie mir einwenden wollen, das sei
gewissenlos, das möchten Sie den Ärzten nicht zutrauen. Ein
Arzt wisse doch, daß ein ärztliches Diplom kein Kaperbrief
ist und ein Kranker nicht vogelfrei. Dem Arzt dürfe man
immer zubilligen, daß er im guten Glauben handle, auch wenn
er sich dabei vielleicht im Irrtum befinde.Die Tatsachen bestehen; wir wollen hoffen, daß sie sich
so aufklären lassen, wie Sie es meinen. Ich will versuchen,
Ihnen auseinanderzusetzen, wie es möglich wird, daß ein Arzt
sich in den Dingen der Psychoanalyse so benimmt, wie er es
auf jedem anderen Gebiet sorgfältig vermeiden würde.Hier kommt in erster Linie in Betracht, daß der Arzt in
der medizinischen Schule eine Ausbildung erfahren hat, die
ungefähr das Gegenteil von dem ist, was er als Vorbereitung
zur Psychoanalyse brauchen würde. Seine Aufmerksamkeit ist
auf objektiv feststellbare anatomische, physikalische, chemische
Tatbestände hingelenkt worden, von deren richtiger Erfassung
und geeigneter Beeinflussung der Erfolg des ärztlichen Handelns
abhängt. In seinen Gesichtskreis wird das Problem des Lebens
gerückt, soweit es sich uns bisher aus dem Spiel der Kräfte
erklärt hat, die auch in der anorganischen Natur nachweisbar
sind. Für die seelischen Seiten der Lebensphänomene wird
das Interesse nicht geweckt, das Studium der höheren geistigen
Leistungen geht die Medizin nichts an, es ist das Bereich einer
anderen Fakultät. Die Psychiatrie allein sollte sich mit den
Störungen der seelischen Funktionen beschäftigen, aber man
weiß, in welcher Weise und mit welchen Absichten sie es tut.S.
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Sie sucht die körperlichen Bedingungen der Seelenstörungen
auf und behandelt sie wie andere Krankheitsanlässe.Die Psychiatrie hat darin recht und die medizinische Aus-
bildung ist offenbar ausgezeichnet. Wenn man von ihr aus-
sagt, sie sei einseitig, so muß man erst den Standpunkt aus-
findig machen, von dem aus diese Charakteristik zum Vorwurf
wird. An sich ist ja jede Wissenschaft einseitig, sie muß es
sein, indem sie sich auf bestimmte Inhalte, Gesichtspunkte,
Methoden einschränkt. Es ist ein Widersinn, an dem ich
keinen Anteil haben möchte, daß man eine Wissenschaft gegen
eine andere ausspielt. Die Physik entwertet doch nicht die
Chemie, sie kann sie nicht ersetzen, aber auch von ihr nicht
vertreten werden. Die Psychoanalyse ist gewiß ganz besonders
einseitig, als die Wissenschaft vom seelisch Unbewußten. Das
Recht auf Einseitigkeit soll also den medizinischen Wissen-
schaften nicht bestritten werden.Der gesuchte Standpunkt findet sich erst, wenn man von
der wissenschaftlichen Medizin auf die praktische Heilkunde ab-
lenkt. Der kranke Mensch ist ein kompliziertes Wesen, er kann
uns daran mahnen, daß auch die so schwer faßbaren seeli-
schen Phänomene nicht aus dem Bild des Lebens gelöscht
werden dürfen. Der Neurotiker gar ist eine unerwünschte
Komplikation, eine Verlegenheit für die Heilkunde nicht minder
als für die Rechtspflege und den Armeedienst. Aber er existiert
und geht die Medizin besonders nahe an. Und für seine
Würdigung wie für seine Behandlung leistet die medizinische
Schulung nichts, aber auch gar nichts. Bei dem innigen Zu-
sammenhang zwischen den Dingen, die wir als körperlich
und als seelisch scheiden, darf man vorhersehen, daß der Tag
kommen wird, an dem sich Wege der Erkenntnis und hoffent-
lich auch der Beeinflussung von der Biologie der Organe und
von der Chemie zu dem Erscheinungsgebiet der Neurosen
eröffnen werden. Dieser Tag scheint noch ferne, gegenwärtig
sind uns diese Krankheitszustände von der medizinischen Seite
her unzugänglich.Es wäre zu ertragen, wenn die medizinische Schulung den
Ärzten bloß die Orientierung auf dem Gebiete der NeurosenS.
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versagte. Sie tut mehr; sie gibt ihnen eine falsche und schäd-
liche Einstellung mit. Die Ärzte, deren Interesse für die
psychischen Faktoren des Lebens nicht geweckt worden ist,
sind nun allzu bereit, dieselben gering zu schätzen und als
unwissenschaftlich zu bespötteln. Deshalb können sie nichts
recht ernst nehmen, was mit ihnen zu tun hat, und fühlen
die Verpflichtungen nicht, die sich von ihnen ableiten. Darum
verfallen sie der laienhaften Respektlosigkeit vor der psycho-
logischen Forschung und machen sich ihre Aufgabe leicht.
Man muß ja die Neurotiker behandeln, weil sie Kranke sind
und sich an den Arzt wenden, muß auch immer Neues ver-
suchen. Aber wozu sich die Mühe einer langwierigen Vor-
bereitung auferlegen? Es wird auch so gehen; wer weiß, was
das wert ist, was in den analytischen Instituten gelehrt wird.
Je weniger sie vom Gegenstand verstehen, desto unternehmen-
der werden sie. Nur der wirklich Wissende wird bescheiden,
denn er weiß, wie unzulänglich dies Wissen ist.
Der Vergleich der analytischen Spezialität mit anderen
medizinischen Fächern, den Sie zu meiner Beschwichtigung
herangezogen haben, ist also nicht anwendbar. Für Chirurgie,
Augenheilkunde usw. bietet die Schule selbst die Möglichkeit
zur weiteren Ausbildung. Die analytischen Lehrinstitute sind
gering an Zahl, jung an Jahren und ohne Autorität. Die medi-
zinische Schule hat sie nicht anerkannt und kümmert sich
nicht um sie. Der junge Arzt, der seinen Lehrern so vieles
hat glauben müssen, daß ihm zur Erziehung seines Urteils
wenig Anlaß geworden ist, wird gerne die Gelegenheit er-
greifen, auf einem Gebiet, wo es noch keine anerkannte
Autorität gibt, endlich auch einmal den Kritiker zu spielen.
Es gibt noch andere Verhältnisse, die sein Auftreten als analy-
scher Kurpfuscher begünstigen. Wenn er ohne ausreichende
Vorbereitung Augenoperationen unternehmen wollte, so würde
der Mißerfolg seiner Starextraktionen und Iridektomien und
das Wegbleiben der Patienten seinem Wagestück bald ein Ende
bereiten. Die Ausübung der Analyse ist für ihn vergleichs-
weise ungefährlich. Das Publikum ist durch die durchschnitt-
lich günstigen Ausgänge der Augenoperationen verwöhnt undS.
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erwartet sich Heilung vom Operateur. Wenn aber der „Nerven-
arzt“ seine Kranken nicht herstellt, so verwundert sich niemand
darüber. Man ist durch die Erfolge der Therapie bei den Ner
vösen nicht verwöhnt worden, der Nervenarzt hat sich wenigstens
„viel mit ihnen abgegeben“. Da läßt sich eben nicht viel machen,
die Natur muß helfen oder die Zeit. Also beim Weib zuerst die
Menstruation, dann die Heirat, später die Menopause. Am Ende
hilft wirklich der Tod. Auch ist das, was der ärztliche Analytiker
mit dem Nervösen vorgenommen hat, so unauffällig, daß sich
daran kein Vorwurf klammern kann. Er hat ja keine Instru-
mente oder Medikamente verwendet, nur mit ihm geredet, ver-
sucht, ihm etwas ein- oder auszureden. Das kann doch nicht
schaden, besonders wenn dabei vermieden wurde, peinliche oder
aufregende Dinge zu berühren. Der ärztliche Analytiker, der sich
von der strengen Unterweisung frei gemacht hat, wird gewiß
den Versuch nicht unterlassen haben, die Analyse zu verbessern,
ihr die Giftzähne auszubrechen und sie den Kranken ange-
nehm zu machen. Und wie gut, wenn er bei diesem Versuch
stehen geblieben, denn wenn er wirklich gewagt hat, Wider-
stände wachzurufen, und dann nicht wußte, wie ihnen zu
begegnen ist, ja, dann kann er sich wirklich unbeliebt ge-
macht haben.Die Gerechtigkeit erfordert das Zugeständnis, daß die Tätig-
keit des ungeschulten Analytikers auch für den Kranken harm-
loser ist als die des ungeschickten Operateurs. Der mögliche
Schaden beschränkt sich darauf, daß der Kranke zu einem
nutzlosen Aufwand veranlaßt wurde und seine Heilungschancen
eingebüßt oder verschlechtert hat. Ferner, daß der Ruf der
analytischen Therapie herabgesetzt wird. Das ist ja alles recht
unerwünscht, aber es hält doch keinen Vergleich mit den
Gefahren aus, die vom Messer des chirurgischen Kurpfuschers
drohen. Schwere, dauernde Verschlimmerungen des Krank-
heitszustandes sind nach meinem Urteil auch bei ungeschickter
Anwendung der Analyse nicht zu befürchten. Die unerfreu-
lichen Reaktionen klingen nach einer Weile wieder ab. Neben
den Traumen des Lebens, welche die Krankheit hervorgerufen
haben, kommt das bißchen Mißhandlung durch den Arzt nichtS.
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in Betracht. Nur daß eben der ungeeignete therapeutische Ver-
such nichts Gutes für den Kranken geleistet hat.*
Ist die Ausübung der Psychoanalyse überhaupt ein Gegen-
stand, der behördlichem Eingreifen unterworfen werden soll,
oder ist es zweckmäßiger, ihn der natürlichen Entwicklung
zu überlassen? Ich werde gewiß hier keine Entscheidung
treffen, aber ich nehme mir die Freiheit, Ihnen dieses Problem
zur Überlegung vorzulegen. In unserem Vaterlande herrscht
von alters her ein wahrer furor prohibendi, eine Neigung
zum Bevormunden, Eingreifen und Verbieten, die, wie wir
alle wissen, nicht gerade gute Früchte getragen hat. Es scheint,
daß es im neuen, republikanischen Österreich noch nicht viel
anders geworden ist. Ich vermute, daß Sie bei der Entscheidung
über den Fall der Psychoanalyse, der uns jetzt beschäftigt,
ein gewichtiges Wort mitzureden haben; ich weiß nicht, ob
Sie die Lust oder den Einfluß haben werden, sich den bureau-
kratischen Neigungen zu widersetzen. Meine unmaßgeblichen
Gedanken zu unserer Frage will ich Ihnen jedenfalls nicht
ersparen. Ich meine, daß ein Überfluß an Verordnungen und
Verboten der Autorität des Gesetzes schadet. Man kann be-
obachten: wo nur wenige Verbote bestehen, da werden sie
sorgfältig eingehalten, wo man auf Schritt und Tritt von Ver-
boten begleitet wird, da fühlt man förmlich die Versuchung,
sich über sie hinwegzusetzen. Ferner, man ist noch kein
Anarchist, wenn man bereit ist, einzusehen, daß Gesetze und
Verordnungen nach ihrer Herkunft nicht auf den Charakter
der Heiligkeit und Unverletzlichkeit Anspruch haben können,
daß sie oft inhaltlich unzulänglich und für unser Rechts-
gefühl verletzend sind oder nach einiger Zeit so werden,
und daß es bei der Schwerfälligkeit der die Gesellschaft
leitenden Personen oft kein anderes Mittel zur Korrektur
solch unzweckmäßiger Gesetze gibt, als sie herzhaft zu über-
treten. Auch ist es ratsam, wenn man den Respekt vor Ge-
setzen und Verordnungen erhalten will, keine zu erlassen,
deren Einhaltung und Übertretung schwer zu überwachenS.
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die knappe und eindrucksvolle Aufschrift: Chi tocca, muore.
Das reicht vollkommen hin, um das Benehmen der Passanten
gegen herabhängende Drähte zu regeln. Die entsprechenden
deutschen Warnungen sind von einer überflüssigen und be-
leidigenden Weitschweifigkeit: Das Berühren der Leitungs-
drähte ist, weil lebensgefährlich, strengstens verboten. Wozu
das Verbot? Wem sein Leben lieb ist, der erteilt es sich
selbst, und wer sich auf diesem Wege umbringen will, der
fragt nicht nach Erlaubnis.„Es gibt aber Fälle, die man als Präjudiz für die Frage
der Laienanalyse anführen kann. Ich meine das Verbot der
Versetzung in Hypnose durch Laien und das kürzlich erlassene
Verbot der Abhaltung okkultistischer Sitzungen und Gründung
solcher Gesellschaften.“Ich kann nicht sagen, daß ich ein Bewunderer dieser
Maßnahmen bin. Die letztere ist ein ganz unzweifelhafter
Übergriff der polizeilichen Bevormundung zum Schaden der
intellektuellen Freiheit. Ich bin außer dem Verdacht, den
sogenannt okkulten Phänomenen viel Glauben entgegenzu-
bringen oder gar Sehnsucht nach ihrer Anerkennung zu
verspüren; aber durch solche Verbote wird man das Interesse
der Menschen für diese angebliche Geheimwelt nicht ersticken.
Vielleicht hat man im Gegenteil etwas sehr Schädliches
getan, der unparteiischen Wißbegierde den Weg verschlossen,
zu einem befreienden Urteil über diese bedrückenden Mög-
lichkeiten zu kommen. Aber dies auch nur wieder für
Österreich. In anderen Ländern stößt auch die „parapsychische“
Forschung auf keine gesetzlichen Hindernisse. Der Fall der
Hypnose liegt etwas anders als der der Analyse. Die Hyp-
nose ist die Hervorrufung eines abnormen Seelenzustandes
und dient den Laien heute nur als Mittel zur Schaustellung.
Hätte sich die anfänglich so hoffnungsvolle hypnotische Therapie
gehalten, so wären ähnliche Verhältnisse wie die der Analyse
entstanden. Übrigens erbringt die Geschichte der Hypnose ein
Präzedens zum Schicksal der Analyse nach anderer Richtung.
Als ich ein junger Dozent der Neuropathologie war, eiferten
die Ärzte in der leidenschaftlichsten Weise gegen die Hyp-S.
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nose, erklärten sie für einen Schwindel, ein Blendwerk des
Teufels und einen höchst gefährlichen Eingriff. Heute haben
sie dieselbe Hypnose monopolisiert, bedienen sich ihrer un-
gescheut als Untersuchungsmethode und für manche Nerven-
ärzte ist sie noch immer das Hauptmittel ihrer Therapie.
Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich denke nicht daran, Vor-
schläge zu machen, die auf der Entscheidung beruhen, ob
gesetzliche Regelung oder Gewährenlassen in Sachen der Analyse
das Richtigere ist. Ich weiß, das ist eine prinzipielle Frage,
auf deren Lösung die Neigungen der maßgebenden Personen
wahrscheinlich mehr Einfluß nehmen werden als Argumente.
Was mir für eine Politik des laissez faire zu sprechen scheint,
habe ich bereits zusammengestellt. Wenn man sich anders
entschließt, zu einer Politik des aktiven Eingreifens, dann
allerdings scheint mir die eine lahme und ungerechte Maß-
regel des rücksichtslosen Verbots der Analyse durch Nicht-
ärzte, keine genügende Leistung zu sein. Man muß sich dann
um mehr bekümmern, die Bedingungen, unter denen die
Ausübung der analytischen Praxis gestattet ist, für alle, die
sie ausüben wollen, feststellen, irgendeine Autorität aufrichten,
bei der man sich Auskunft holen kann, was Analyse ist und
was für Vorbereitung man für sie fordern darf, und die
Möglichkeiten der Unterweisung in der Analyse fördern.
Also entweder in Ruhe lassen oder Ordnung und Klarheit
schaffen, nicht aber in eine verwickelte Situation mit einem
vereinzelten Verbot dreinfahren, das mechanisch aus einer
inadäquat gewordenen Vorschrift abgeleitet wird.*
... Die analytische Ausbildung überschneidet zwar den Kreis
der ärztlichen Vorbereitung, schließt diesen aber nicht ein
und wird nicht von ihm eingeschlossen. Wenn man, was
heute noch phantastisch klingen mag, eine psychoanalytische
Hochschule zu gründen hätte, so müßte an dieser vieles ge-
lehrt werden, was auch die medizinische Fakultät lehrt: neben
der Tiefenpsychologie, die immer das Hauptstück bleiben
würde, eine Einführung in die Biologie, in möglichst großemS.
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Umfang die Kunde vom Sexualleben, eine Bekanntheit mit
den Krankheitsbildern der Psychiatrie. Anderseits würde der
analytische Unterricht auch Fächer umfassen, die dem Arzt
ferne liegen und mit denen er in seiner Tätigkeit nicht
zusammenkommt: Kulturgeschichte, Mythologie, Religions-
psychologie und Literaturwissenschaft. Ohne eine gute Orien-
tierung auf diesen Gebieten steht der Analytiker einem großen
Teil seines Materials verständnislos gegenüber. Dafür kann
er die Hauptmasse dessen, was die medizinische Schule lehrt,
für seine Zwecke nicht gebrauchen. Sowohl die Kenntnis der
Fußwurzelknochen, als auch die der Konstitution der Kohlen-
wasserstoffe, des Verlaufs der Hirnnervenfasern, alles, was
die Medizin über bazilläre Krankheitserreger und deren Be-
kämpfung, über Serumreaktionen und Gewebsneubildungen
an den Tag gebracht hat: alles gewiß an sich höchst schätzens-
wert, ist für ihn doch völlig belanglos, geht ihn nichts an,
hilft ihm weder direkt dazu, eine Neurose zu verstehen und
zu heilen, noch trägt dieses Wissen zur Schärfung jener intellek-
tuellen Fähigkeiten bei, an welche seine Tätigkeit die größten
Anforderungen stellt. Man wende nicht ein, der Fall liege
so ähnlich, wenn sich der Arzt einer anderen medizinischen
Spezialität, z. B. der Zahnheilkunde, zuwendet. Auch dann
kann er manches nicht brauchen, worüber er Prüfung ab-
legen mußte, und muß vieles dazulernen, worauf ihn die
Schule nicht vorbereitet hatte. Die beiden Fälle sind doch
nicht gleichzusetzen. Auch für die Zahnheilkunde behalten
die großen Gesichtspunkte der Pathologie, die Lehren von
der Entzündung, Eiterung, Nekrose, von der Wechselwirkung
der Körperorgane ihre Bedeutung; den Analytiker führt seine
Erfahrung aber in eine andere Welt mit anderen Phänomenen
und anderen Gesetzen. Wie immer sich die Philosophie über
die Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem hinwegsetzen
mag, für unsere Erfahrung besteht sie zunächst und gar für
unsere praktischen Bemühungen.Es ist ungerecht und unzweckmäßig, einen Menschen,
der den andern von der Pein einer Phobie oder einer Zwangs-
vorstellung befreien will, zum Umweg über das medizinischeS.
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Studium zu zwingen. Es wird auch keinen Erfolg haben,
wenn es nicht gelingt, die Analyse überhaupt zu unterdrücken.
Stellen Sie sich eine Landschaft vor, in der zu einem ge-
wissen Aussichtspunkt zwei Wege führen, der eine kurz und
geradlinig, der andere lang, gewunden und umwegig. Den
kurzen Weg versuchen Sie durch eine Verbottafel zu sperren,
vielleicht, weil er an einigen Blumenbeeten vorbeiführt, die
Sie geschont wissen wollen. Sie haben nur dann Aussicht,
daß Ihr Verbot respektiert wird, wenn der kurze Weg steil
und mühselig ist, während der längere sanft aufwärts führt.
Verhält es sich aber anders und ist im Gegenteil der Um-
weg der beschwerlichere, so können Sie leicht den Nutzen
Ihres Verbots und das Schicksal Ihrer Blumenbeete erraten.
Ich besorge, Sie werden die Laien ebensowenig zwingen
können Medizin zu studieren, wie es mir gelingen wird, die
Ärzte zu bewegen, daß sie Analyse lernen. Sie kennen ja
auch die menschliche Natur.*
… Wir halten es nämlich gar nicht für wünschenswert, daß
die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt werde und
dann ihre endgültige Ablagerung im Lehrbuch der Psychiatrie
finde, im Kapitel Therapie, neben Verfahren wie hypnotische
Suggestion, Autosuggestion, Persuasion, die aus unserer Un-
wissenheit geschöpft, ihre kurzlebigen Wirkungen der Träg-
heit und Feigheit der Menschenmassen danken. Sie verdient
ein besseres Schicksal und wird es hoffentlich haben. Als
„Tiefenpsychologie“, Lehre vom seelisch Unbewußten, kann
sie all den Wissenschaften unentbehrlich werden, die sich
mit der Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur und
ihrer großen Institutionen, wie Kunst, Religion und Gesell-
schaftsordnung beschäftigen. Ich meine, sie hat diesen Wissen-
schaften schon bis jetzt ansehnliche Hilfe zur Lösung ihrer
Probleme geleistet, aber dies sind nur kleine Beiträge im
Vergleich zu dem, was sich erreichen ließe, wenn Kultur-
historiker, Religionspsychologen, Sprachforscher usw. sich dazu
verstehen werden, das ihnen zur Verfügung gestellte neueS.
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Forschungsmittel selbst zu handhaben. Der Gebrauch der
Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer An-
wendungen; vielleicht wird die Zukunft zeigen, daß sie nicht
die wichtigste ist. Jedenfalls wäre es unbillig, der einen An-
wendung alle anderen zu opfern, bloß weil dies Anwendungs-
gebiet sich mit dem Kreis ärztlicher Interessen berührt.Denn hier entrollt sich ein zweiter Zusammenhang, in
den man nicht ohne Schaden eingreifen kann. Wenn die
Vertreter der verschiedenen Geisteswissenschaften die Psycho-
analyse erlernen sollen, um deren Methoden und Gesichts-
punkte auf ihr Material anzuwenden, so reicht es nicht aus,
daß sie sich an die Ergebnisse halten, die in der analytischen
Literatur niedergelegt sind. Sie werden die Analyse verstehen
lernen müssen auf dem einzigen Weg, der dazu offen steht,
indem sie sich selbst einer Analyse unterziehen. Zu den Neuro-
tikern, die der Analyse bedürfen, käme so eine zweite Klasse
von Personen hinzu, die die Analyse aus intellektuellen Mo-
tiven annehmen, die nebenbei erzielte Erhöhung ihrer Leistungs-
fähigkeit aber gewiß gerne begrüßen werden. Zur Durch-
führung dieser Analysen bedarf es einer Anzahl von Analytikern,
für die etwaige Kenntnisse in der Medizin besonders geringe
Bedeutung haben werden. Aber diese – Lehranaly-
tiker wollen wir sie heißen – müssen eine besonders sorgfältige
Ausbildung erfahren haben. Will man ihnen diese nicht ver-
kümmern, so muß man ihnen Gelegenheit geben, Erfahrungen
an lehrreichen und beweisenden Fällen zu sammeln, und
da gesunde Menschen, denen auch das Motiv der Wiß-
begierde abgeht, sich nicht einer Analyse unterziehen, können
es wiederum nur Neurotiker sein, an denen – unter sorg-
samer Kontrolle – die Lehranaly-
tiker für ihre spätere, nicht-
ärztliche Tätigkeit erzogen werden. Das Ganze erfordert aber
ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit und verträgt keine
kleinlichen Beschränkungen.Vielleicht glauben Sie nicht an diese rein theoretischen
Interessen der Psychoanalyse oder wollen ihnen keinen Ein-
fluß auf die praktische Frage der Laienanalyse einräumen.
Dann lassen Sie sich mahnen, daß es noch ein anderes An-S.
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wendungsgebiet der Psychoanalyse gibt, das dem Bereich des
Kurpfuschergesetzes entzogen ist und auf das die Ärzte kaum
Anspruch erheben werden. Ich meine ihre Verwendung in
der Pädagogik. Wenn ein Kind anfängt, die Zeichen einer
unerwünschten Entwicklung zu äußern, verstimmt, störrisch
und unaufmerksam wird, so wird der Kinderarzt und selbst
der Schularzt nichts für dasselbe tun können, selbst dann nicht,
wenn das Kind deutliche nervöse Erscheinungen, wie Angst-
lichkeiten, Eßunlust, Erbrechen, Schlafstörung produziert. Eine
Behandlung, die analytische Beeinflussung mit erzieherischen
Maßnahmen vereinigt, von Personen ausgeführt, die es nicht
verschmähen, sich um die Verhältnisse des kindlichen Milieus
zu bekümmern, und die es verstehen, sich den Zugang zum
Seelenleben des Kindes zu bahnen, bringt in einem beides
zustande, die nervösen Symptome aufzuheben und die be-
ginnende Charakterveränderung rückgängig zu machen. Unsere
Einsicht in die Bedeutung der oft unscheinbaren Kinderneurosen
als Disposition für schwere Erkrankungen des späteren Lebens
weist uns auf diese Kinderanalysen als einen ausgezeichneten
Weg der Prophylaxis hin. Es gibt unleugbar noch Feinde der
Analyse; ich weiß nicht, welche Mittel ihnen zu Gebote stehen,
um auch der Tätigkeit dieser pädagogischen Analytiker oder
analytischen Pädagogen in den Arm zu fallen, halte es auch
für nicht leicht möglich. Aber freilich, man soll sich nie zu
sicher fühlen.Übrigens, um zu unserer Frage der analytischen Behandlung
erwachsener Nervöser zurückzukehren, auch hier haben wir
noch nicht alle Gesichtspunkte erschöpft. Unsere Kultur übt
einen fast unerträglichen Druck auf uns aus, sie verlangt nach
einem Korrektiv. Ist es zu phantastisch zu erwarten, daß die
Psychoanalyse trotz ihrer Schwierigkeiten zur Leistung be-
rufen sein könnte, die Menschen für ein solches Korrektiv
vorzubereiten? … Die inneren Entwicklungsmöglichkeiten
der Psychoanalyse sind doch durch Verordnungen und Ver-
bote nicht zu treffen.
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Psychoanalyse und Kurpfuscherei
1926-002/1926.2