Freud, Sigmund (1911-002/1912): Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von Paranoia (Dementia paranoides)
S.
Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen
Falle von Paranoia (Dementia paranoides).Von Sigm. Freud (Wien).
In der Behandlung der Krankengeschichte des Senatspräsidenten
Schreber1) habe ich mich mit Absicht auf ein Mindestmaß von Deutung
eingeschränkt, und darf darauf vertrauen, daß jeder psychoanalytisch
geschulte Leser aus dem mitgeteilten Material mehr entnommen haben
wird, als ich ausdrücklich ausspreche, daß es ihm nicht schwer gefallen
ist, die Fäden des Zusammenhanges enger anzuziehen und Schluß-
folgerungen zu erreichen, die ich bloß andeute. Ein freundlicher Zufall,
der die Aufmerksamkeit anderer Autoren des gleichen Bandes auf die
Schrebersche Selbstbiographie gelenkt hat, läßt auch erraten, wieviel
noch aus dem symbolischen Gehalt der Phantasien und Wahnideen
des geistreichen Paranoikers zu schöpfen ist2).Eine zufällige Bereicherung meiner Kenntnisse seit der Ver-
öffentlichung meiner Arbeit über Schreber hat mich nun in den
Stand gesetzt, eine seiner wahnhaften Behauptungen besser zu würdigen
und als mythologisch beziehungsreich zu erkennen. Auf Seite 48
erwähne ich das besondere Verhältnis des Kranken zur Sonne, die ich
für ein sublimiertes „Vatersymbol“ erklären mußte. Die Sonne spricht
mit ihm in menschlichen Worten und gibt sich ihm so als ein belebtes
Wesen zu erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit Drohworten
anzuschreien; er versichert auch, daß ihre Strahlen vor ihm erbleichen,
wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner „Genesung“1)Siehe den Aufsatz im ersten Halbband dieses Jahrbuches, Band III,
auf Grundlage der „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“.
2)Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, ebenda S. 164 und 207,
Spielrein, Über den psychischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw.,
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rühmt er sich, daß er ruhig in die Sonne sehen kann und davon nur in
sehr bescheidenem Maße geblendet wird, was natürlich früher nicht
möglich gewesen wäre. (Anmerkung auf Seite 139 des Schreberschen
Buches.)An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne schauen
zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an. Man liest
bei S. Reinach1) (nach Keller, Tiere des Altertums), daß die alten
Naturforscher dieses Vermögen allein den Adlern zugestanden, die als
Bewohner der höchsten Luftschichten zum Himmel, zur Sonne und
zum Blitze in besonders innige Beziehung gebracht wurden2). Dieselben
Quellen berichten aber auch, daß der Adler seine Jungen einer Probe
unterzieht, ehe er sie als legitim anerkennt. Wenn sie es nicht zustande
bringen, in die Sonne zu schauen, ohne zu blinzeln, werden sie aus dem
Nest geworfen.Über die Bedeutung dieses Tiermythus kann kein Zweifel sein.
Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei den Menschen
geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit seinen Jungen anstellt,
ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie sie von den verschiedensten
Völkern aus alten Zeiten berichtet wird. So vertrauten die am Rhein
wohnenden Kelten ihre Neugeborenen den Fluten des Stromes an, um sich
zu überzeugen, ob sie wirklich ihres Blutes wären. Der Stamm der
Psyllen im heutigen Tripolis, der sich der Abkunft von Schlangen
rühmte, setzte seine Kinder der Berührung solcher Schlangen aus;
die rechtmäßig Geborenen wurden entweder nicht gebissen oder erholten
sich rasch von den Folgen des Bisses3). Die Voraussetzung dieser
Eprobungen führt tief in die totemistische Denkweise primitiver
Völker hinein. Der Totem – das Tier oder die animistisch gedachte
Naturmacht, von der der Stamm seine Abkunft herleitet – verschont
die Angehörigen dieses Stammes als seine Kinder, wie es selbst von
ihnen als Stammvater verehrt und eventuell verschont wird. Wir sind
hier bei Dingen angelangt, die mir berufen scheinen, ein psycho-
analytisches Verständnis für die Ursprünge der Religion zu ermöglichen.Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt und verlangt,
daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden, benimmt sich also
wie ein Abkömmling der Sonne, der seine Kinder der Ahnenprobe
unterzieht.1)Cultes, Mythos et Religions, T. III, 1908, p. 80.
2)An den höchsten Stellen der Tempel waren Bilder von Adlern angebracht,
um als „magische“ Blitzableiter zu wirken (S. Reinach l. c.).3)Siehe Literaturnachweise bei Reinach l. c., T. III und T, I, p. 74.
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unterwirft. Und wenn Schreber sich rühmt, daß er ungestraft und
ungeblendet in die Sonne schauen kann, hat er den mythologischen
Ausdruck für seine Kindesbeziehung zur Sonne wiedergefunden, hat
uns von neuem bestätigt, wenn wir seine Sonne als ein Symbol des
Vaters auffassen. Erinnern wir uns daran, daß Schreber in seiner
Krankheit seinen Familienstolz frei äußert („Die Schrebers gehören
dem höchsten himmlischen Adel an“)1), daß wir ein menschliches
Motiv für seine Erkrankung an einer femininen Wunschphantasie
in seiner Kinderlosigkeit gefunden haben, so wird uns der Zusammen-
hang seines wahnhaften Vorrechtes mit den Grundlagen seines Krank-
seins deutlich genug.Dieser kleine Nachtrag zur Analyse eines Paranoiden mag dartun,
wie wohlbegründet die Behauptung Jungs ist, daß die mythen-
bildenden Kräfte der Menschheit nicht erloschen sind, sondern heute
noch in den Neurosen dieselben psychischen Produkte erzeugen wie in
den ältesten Zeiten. Ich möchte eine früher gemachte Andeutung2)
wieder aufnehmen, indem ich ausspreche, daß für die religionsbildenden
Kräfte dasselbe gilt. Und ich meine, es wird bald an der Zeit sein, einen
Satz, den wir Psychoanalytiker schon vor langem ausgesprochen haben,
zu erweitern, zu seinem individuellen, ontogenetisch verstandenen
Inhalt, die anthropologische, phylogenetisch zu fassende Ergänzung
hinzuzufügen. Wir haben gesagt: Im Traume und in der Neurose
finden wir das Kind wieder mit den Eigentümlichkeiten seiner Denk-
weisen und seines Affektlebens. Wir werden ergänzen: auch den
wilden, den primitiven Menschen, wie er sich uns im Lichte der
Altertumswissenschaft und der Völkerforschung zeigt.1)Denkwürdigkeiten. S. 24. – „Adel“ gehört zu „Adler“.
2)Zwangshandlungen und Religionsübung. 1907.