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    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß
    die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen,
    Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei
    anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens
    aber unterschätzen. Und doch ist man bei jedem solchen
    allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit der
    Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen.
    Es gibt einzelne Männer, denen sich die Verehrung
    ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe
    auf Eigenschaften und Leistungen ruht, die den Zielen
    und Idealen der Menge durchaus fremd sind. Man wird
    leicht annehmen wollen, daß es doch nur eine Minder-
    zahl ist, welche diese großen Männer anerkennt, wäh-
    rend die große Mehrheit nichts von ihnen wissen will.
    Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den
    Unstimmigkeiten zwischen dem Denken und dem Han-
    deln der Menschen und der Vielstimmigkeit ihrer
    Wunschregungen.

    Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sich in
    Briefen meinen Freund. Ich hatte ihm meine kleine

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    Schrift zugeschickt, welche die Religion als Illusion be-
    handelt, und er antwortete, er wäre mit meinem Urteil
    über die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber,
    daß ich die eigentliche Quelle der Religiösität nicht ge-
    würdigt hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das
    ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen
    anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen
    voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung
    der „Ewigkeit“ nennen möchte, ein Gefühl wie von
    etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam „Ozea-
    nischem“. Dies Gefühl sei eine rein subjektive Tatsache,
    kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persönlicher Fort-
    dauer knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle der
    religiösen Energie, die von den verschiedenen Kirchen
    und Religionssystemen gefaßt, in bestimmte Kanäle ge-
    leitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur auf Grund
    dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös
    heißen, auch wenn man jeden Glauben und jede Illu-
    sion ablehne.

    Diese Äußerung meines verehrten Freundes, der selbst
    einmal den Zauber der Illusion poetisch gewürdigt hat,
    brachte mir nicht geringe Schwierigkeiten. Ich selbst
    kann dies „ozeanische“ Gefühl nicht in mir entdecken.
    Es ist nicht bequem, Gefühle wissenschaftlich zu be-
    arbeiten. Man kann versuchen, ihre physiologischen
    Anzeichen zu beschreiben. Wo dies nicht angeht, –
    ich fürchte, auch das ozeanische Gefühl wird sich einer

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    solchen Charakteristik entziehen, – bleibt doch nichts
    übrig, als sich an den Vorstellungsinhalt zu halten, der
    sich assoziativ am ehesten zum Gefühl gesellt. Habe ich
    meinen Freund richtig verstanden, so meint er dasselbe,
    was ein origineller und ziemlich absonderlicher Dichter
    seinem Helden als Trost vor dem freigewählten Tod
    mitgibt: „Aus dieser Welt können wir nicht fallen.“1)
    Also ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit, der
    Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen der Außenwelt.
    Ich möchte sagen, für mich hat dies eher den Charakter
    einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne beglei-
    tenden Gefühlston, wie er aber auch bei anderen Denk-
    akten von ähnlicher Tragweite nicht fehlen wird. An
    meiner Person könnte ich mich von der primären Natur
    eines solchen Gefühls nicht überzeugen. Darum darf ich
    aber sein tatsächliches Vorkommen bei anderen nicht
    bestreiten. Es fragt sich nur, ob es richtig gedeutet
    wird und ob es als „fons et origo“ aller religiösen Be-
    dürfnisse anerkannt werden soll.

    Ich habe nichts vorzubringen, was die Lösung dieses
    Problems entscheidend beeinflussen würde. Die Idee,
    daß der Mensch durch ein unmittelbares, von Anfang
    an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von seinem Zu-
    sammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt so
    fremdartig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer

    1)D. Chr. Grabbe: Hannibal: „Ja, aus der Welt werden wir
    nicht fallen. Wir sind einmal darin.“

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    Psychologie, daß eine psychoanalytische, d. i. genetische
    Ableitung eines solchen Gefühls versucht werden darf.
    Dann stellt sich uns folgender Gedankengang zur Ver-
    fügung: Normalerweise ist uns nichts gesicherter als
    das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies
    Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles
    andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein Trug
    ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe
    Grenze in ein unbewußt seelisches Wesen fortsetzt,
    das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade
    dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung
    gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Ver-
    hältnis des Ichs zum Es schuldet. Aber nach außen
    wenigstens scheint das Ich klare und scharfe Grenz-
    linien zu behaupten. Nur in einem Zustand, einem
    außergewöhnlichen zwar, den man aber nicht als krank-
    haft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Höhe
    der Verliebtheit droht die Grenze zwischen Ich
    und Objekt zu verschwimmen. Allen Zeugnissen
    der Sinne entgegen behauptet der Verliebte, daß Ich
    und Du Eines seien und ist bereit, sich, als ob es so
    wäre, zu benehmen. Was vorübergehend durch eine
    physiologische Funktion aufgehoben werden kann, muß
    natürlich auch durch krankhafte Vorgänge gestört wer-
    den können. Die Pathologie lehrt uns eine große An-
    zahl von Zuständen kennen, in denen die Abgrenzung
    des Ichs gegen die Außenwelt unsicher wird, oder die

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    Grenzen wirklich unrichtig gezogen werden; Fälle, in
    denen uns Teile des eigenen Körpers, ja, Stücke des
    eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Ge-
    fühle wie fremd und dem Ich nicht zugehörig er-
    scheinen, andere, in denen man der Außenwelt zu-
    schiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von
    ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ich-
    gefühl Störungen unterworfen und die Ichgrenzen sind
    nicht beständig.

    Eine weitere Überlegung sagt: Dies Ichgefühl des
    Erwachsenen kann nicht von Anfang an so gewesen
    sein. Es muß eine Entwicklung durchgemacht haben,
    die sich begreiflicherweise nicht nachweisen, aber mit
    ziemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren läßt.1) Der
    Säugling sondert noch nicht sein Ich von einer Außen-
    welt als Quelle der auf ihn einströmenden Empfin-
    dungen. Er lernt es allmählich auf verschiedene An-
    regungen hin. Es muß ihm den stärksten Eindruck
    machen, daß manche der Erregungsquellen, in denen
    er später seine Körperorgane erkennen wird, ihm jeder-
    zeit Empfindungen zusenden können, während andere
    sich ihm zeitweise entziehen – darunter das Begehrteste:
    die Mutterbrust – und erst durch ein Hilfe heischendes
    Schreien herbeigeholt werden. Damit stellt sich dem

    1)S. die zahlreichen Arbeiten über Ichentwicklung und Ichgefühl
    von Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (1913),
    bis zu den Beiträgen von P. Federn 1926, 27 und später.

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    Ich zuerst ein „Objekt“ entgegen, als etwas, was sich
    „außerhalb“ befindet und erst durch eine besondere
    Aktion in die Erscheinung gedrängt wird. Einen wei-
    teren Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empfin-
    dungsmasse, also zur Anerkennung eines „Draußen“,
    einer Außenwelt, geben die häufigen, vielfältigen, un-
    vermeidlichen Schmerz-
    und Unlustempfindungen, die
    das unumschränkt herrschende Lustprinzip aufheben
    und vermeiden heißt. Es entsteht die Tendenz, alles,
    was Quelle solcher Unlust werden kann, vom Ich abzu-
    sondern, es nach außen zu werfen, ein reines Lust-Ich
    zu bilden, dem ein fremdes, drohendes Draußen
    gegenübersteht. Die Grenzen dieses primitiven Lust-Ichs
    können der Berichtigung durch die Erfahrung nicht ent-
    gehen. Manches, was man als lustspendend nicht
    aufgeben möchte, ist doch nicht Ich, ist Objekt, und
    manche Qual, die man hinausweisen will, erweist sich
    doch als unabtrennbar vom Ich, als innerer Herkunft.
    Man lernt ein Verfahren kennen, wie man durch ab-
    sichtliche Lenkung der Sinnestätigkeit und geeignete
    Muskelaktion Innerliches – dem Ich angehöriges –
    und Äußerliches – einer Außenwelt entstammendes –
    unterscheiden kann und tut damit den ersten Schritt
    zur Einsetzung des Realitätsprinzips, das die weitere
    Entwicklung beherrschen soll. Diese Unterscheidung
    dient natürlich der praktischen Absicht, sich der ver-
    spürten und der drohenden Unlustempfindungen zu

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    erwehren. Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlust
    erregungen aus seinem Inneren keine anderen Methoden
    zur Anwendung bringt, als deren es sich gegen Unlust
    von außen bedient, wird dann der Ausgangspunkt be-
    deutsamer krankhafter Störungen.

    Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außen-
    welt. Richtiger gesagt: Ursprünglich enthält das Ich
    alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab.
    Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpf-
    ter Rest eines weitumfassenderen, ja, – eines allum-
    fassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbunden-
    heit des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn wir
    annehmen dürfen, daß dieses primäre Ichgefühl sich im
    Seelenleben vieler Menschen – in größerem oder ge-
    ringerem Ausmaße – erhalten hat, so würde es sich
    dem enger und schärfer umgrenzten Ichgefühl der
    Reifezeit wie eine Art Gegenstück an die Seite stellen,
    und die zu ihm passenden Vorstellungsinhalte wären
    gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit
    mit dem All, dieselben, mit denen mein Freund das
    „ozeanische“ Gefühl erläutert. Haben wir aber ein
    Recht zur Annahme des Überlebens des Ursprüng-
    lichen neben dem Späteren, das aus ihm geworden ist?

    Unzweifelhaft; ein solches Vorkommnis ist weder
    auf seelischem, noch auf anderen Gebieten befremdend.
    Für die Tierreihe halten wir an der Annahme fest,
    daß die höchstentwickelten Arten aus den niedrigsten

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    hervorgegangen sind. Doch finden wir alle einfachen
    Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das
    Geschlecht der großen Saurier ist ausgestorben und
    hat den Säugetieren Platz gemacht, aber ein richtiger
    Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil, lebt noch
    mit uns. Die Analogie mag zu entlegen sein, krankt
    auch an dem Umstand, daß die überlebenden niedri-
    gen Arten zumeist nicht die richtigen Ahnen der heuti-
    gen, höher entwickelten sind. Die Zwischenglieder sind
    in der Regel ausgestorben und nur durch Rekonstruk-
    tion bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen ist die
    Erhaltung des Primitiven neben dem daraus entstande-
    nen Umgewandelten so häufig, daß es sich erübrigt,
    es durch Beispiele zu beweisen. Meist ist dieses Vor-
    kommen Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quanti-
    tativer Anteil einer Einstellung, einer Triebregung, ist
    unverändert erhalten geblieben, ein anderer hat die
    weitere Entwicklung erfahren.

    Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der
    Erhaltung im Psychischen, das kaum noch Bearbeitung
    gefunden hat, aber so reizvoll und bedeutsam ist, daß
    wir ihm auch bei unzureichendem Anlaß eine Weile
    Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir den Irr-
    tum überwunden haben, daß das uns geläufige Ver-
    gessen eine Zerstörung der Gedächtnisspur, also eine
    Vernichtung bedeutet, neigen wir zu der entgegen-
    gesetzten Annahme, daß im Seelenleben nichts, was

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    einmal gebildet wurde, untergehen kann, daß alles
    irgendwie erhalten bleibt und unter geeigneten Um-
    ständen, z. B. durch eine so weit reichende Regression
    wieder zum Vorschein gebracht werden kann. Man
    versuche sich durch einen Vergleich aus einem ande-
    ren Gebiet klar zu machen, was diese Annahme zum
    Inhalt hat. Wir greifen etwa die Entwicklung der
    Ewigen Stadt als Beispiel auf.1) Historiker belehren uns,
    das älteste Rom war die Roma quadrata, eine um-
    zäunte Ansiedlung auf dem Palatin. Dann folgte die
    Phase des Septimontium, eine Vereinigung der Nieder-
    lassungen auf den einzelnen Hügeln, darauf die Stadt,
    die durch die Servianische Mauer begrenzt wurde, und
    noch später, nach all den Umwandlungen der republi-
    kanischen und der frühen Kaiserzeit die Stadt, die
    Kaiser Aurelianus durch seine Mauern umschloß. Wir
    wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter ver-
    folgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit
    den vollkommensten historischen und topographischen
    Kenntnissen ausgestattet denken, im heutigen Rom von
    diesen frühen Stadien noch vorfinden mag. Die aurelia-
    nische Mauer wird er bis auf wenige Durchbrüche fast
    unverändert sehen. An einzelnen Stellen kann er Strecken
    des Servianischen Walles durch Ausgrabung zu Tage
    gefördert finden. Wenn er genug weiß, – mehr als

    1)Nach The Cambridge Ancient History, T. VII. 1928. „The
    founding of Rome“ by Hugh Last.

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    die heutige Archäologie, – kann er vielleicht den
    ganzen Verlauf dieser Mauer und den Umriß der
    Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von den
    Gebäuden, die einst diese alten Rahmen ausgefüllt
    haben, findet er nichts oder geringe Reste, denn sie
    bestehen nicht mehr. Das Äußerste, was ihm die beste
    Kenntnis des Roms der Republik leisten kann, wäre,
    daß er die Stellen anzugeben weiß, wo die Tempel
    und öffentlichen Gebäude dieser Zeit gestanden hatten.
    Was jetzt diese Stellen einnimmt, sind Ruinen, aber
    nicht ihrer selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus
    späteren Zeiten nach Bränden und Zerstörungen. Es
    bedarf kaum noch einer besonderen Erwähnung, daß
    alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengungen
    in das Gewirre einer Großstadt aus den letzten Jahr-
    hunderten seit der Renaissance erscheinen. Manches
    Alte ist gewiß noch im Boden der Stadt oder unter
    ihren modernen Bauwerken begraben. Dies ist die Art
    der Erhaltung des Vergangenen, die uns an histori-
    schen Städten wie Rom entgegentritt.

    Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom
    sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern ein
    psychisches Wesen von ähnlich langer und reichhaltiger
    Vergangenheit. In dem also nichts, was einmal zu-
    stande gekommen war, untergegangen ist, in dem ne-
    ben der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren
    noch fortbestehen. Das würde für Rom also bedeuten,

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    daß auf dem Palatin die Kaiserpaläste und das Septi-
    zonium des Septimius Severus sich noch zur alten Höhe
    erheben, daß die Engelsburg noch auf ihren Zinnen
    die schönen Statuen trägt, mit denen sie bis zur
    Gothenbelagerung geschmückt war, usw. Aber noch
    mehr: an der Stelle des Palazzo Caffarelli stünde wie-
    der, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen brauche,
    der Tempel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar
    dieser nicht nur in seiner letzten Gestalt, wie ihn die
    Römer der Kaiserzeit sahen, sondern auch in seiner
    frühesten, als er noch etruskische Formen zeigte und
    mit tönernen Antifixen geziert war. Wo jetzt das
    Coliseo steht, könnten wir auch die verschwundene
    Domus aurea des Nero bewundern, auf dem Pantheon
    platze fänden wir nicht nur das heutige Pantheon, wie
    es uns von Hadrian hinterlassen wurde, sondern auf
    demselben Grund auch den ursprünglichen Bau des
    M. Agrippa, ja, derselbe Boden trüge die Kirche Maria
    sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie
    gebaut ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine
    Änderung der Blickrichtung oder des Standpunktes von
    seiten des Beobachters, um den einen oder den ande-
    ren Anblick hervorzurufen.

    Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter
    auszuspinnen, sie führt zu Unvorstellbarem, ja, zu Ab-
    surdem. Wenn wir das historische Nacheinander räum-
    lich darstellen wollen, kann es nur durch ein Neben-

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    einander im Raum geschehen; derselbe Raum verträgt
    nicht zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine
    müßige Spielerei zu sein; er hat nur eine Rechtferti-
    gung; er zeigt uns, wie weit wir davon entfernt sind,
    die Eigentümlichkeiten des seelischen Lebens durch
    anschauliche Darstellung zu bewältigen.

    Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung neh-
    men. Er fragt uns, warum wir gerade die Vergangen-
    heit einer Stadt ausgewählt haben, um sie mit der
    seelischen Vergangenheit zu vergleichen. Die Annahme
    der Erhaltung alles Vergangenen gilt auch für das
    Seelenleben nur unter der Bedingung, daß das Organ
    der Psyche intakt geblieben ist, daß sein Gewebe nicht
    durch Trauma oder Entzündung gelitten hat. Zerstö-
    rende Einwirkungen, die man diesen Krankheitsursa-
    chen gleichstellen könnte, werden aber in der Ge-
    schichte keiner Stadt vermißt, auch wenn sie eine
    minder bewegte Vergangenheit gehabt hat als Rom,
    auch wenn sie, wie London, kaum je von einem
    Feind heimgesucht wurde. Die friedlichste Entwicklung
    einer Stadt schließt Demolierungen und Ersetzungen
    von Bauwerken ein, und darum ist die Stadt von
    vorneherein für einen solchen Vergleich mit einem
    seelischen Organismus ungeeignet.

    Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter
    Verzicht auf eine eindrucksvolle Kontrastwirkung zu
    einem immerhin verwandteren Vergleichsobjekt, wie

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    es der tierische oder menschliche Leib ist. Aber auch
    hier finden wir das nämliche. Die früheren Phasen der
    Entwicklung sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie
    sind in den späteren, zu denen sie den Stoff geliefert
    haben, aufgegangen. Der Embryo läßt sich im Erwach-
    senen nicht nachweisen, die Thymusdrüse, die das Kind
    besaß, ist nach der Pubertät durch Bindegewebe er-
    setzt, aber selbst nicht mehr vorhanden; in den Röh-
    renknochen des reifen Mannes kann ich zwar den
    Umriß des kindlichen Knochens einzeichnen, aber
    dieser selbst ist vergangen, indem er sich streckte und
    verdickte, bis er seine endgültige Form erhielt. Es
    bleibt dabei, daß eine solche Erhaltung aller Vorstufen
    neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich
    ist, und daß wir nicht in der Lage sind, uns dies Vor-
    kommen anschaulich zu machen.

    Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit.
    Vielleicht sollten wir uns zu behaupten begnügen, daß
    das Vergangene im Seelenleben erhalten bleiben kann,
    nicht notwendigerweise zerstört werden muß. Es
    ist immerhin möglich, daß auch im Psychischen manches
    Alte – in der Norm oder ausnahmsweise – soweit
    verwisch-
    verwicht oder aufgezehrt wird, daß es durch keinen
    Vorgang mehr wiederhergestellt und wiederbelebt werden
    kann, oder daß die Erhaltung allgemein an gewisse
    günstige Bedingungen geknüpft ist. Es ist möglich, aber
    wir wissen nichts darüber. Wir dürfen nur daran fest-

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    halten, daß die Erhaltung des Vergangenen im Seelen-
    leben eher Regel als befremdliche Ausnahme ist.

    Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen,
    es gebe bei vielen Menschen ein „ozeanisches“ Gefühl,
    und geneigt, es auf eine frühe Phase des Ichgefühls
    zurückzuführen, erhebt sich die weitere Frage, welchen
    Anspruch hat dieses Gefühl als die Quelle der reli-
    giösen Bedürfnisse angesehen zu werden.

    Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein
    Gefühl kann doch nur dann eine Energiequelle sein,
    wenn es selbst der Ausdruck eines starken Bedürfnisses
    ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint mir die Ab-
    leitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch
    sie geweckten Vatersehnsucht unabweisbar, zumal da
    sich dies Gefühl nicht einfach aus dem kindlichen Leben
    fortsetzt, sondern durch die Angst vor der Übermacht
    des Schicksals dauernd erhalten wird. Ein ähnlich starkes
    Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vater-
    schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle
    des ozeanischen Gefühls, das etwa die Wiederherstellung
    des uneingeschränkten Narzißmus anstreben könnte,
    vom Vordergrund abgedrängt. Bis zum Gefühl der kind-
    lichen Hilflosigkeit kann man den Ursprung der reli-
    giösen Einstellung in klaren Umrissen verfolgen. Es
    mag noch anderes dahinterstecken, aber das verhüllt
    einstweilen der Nebel.

    Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische Gefühl

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    nachträglich in Beziehungen zur Religion geraten ist.
    Dies Eins-
    sein mit dem All, was als Gedankeninhalt
    ihm zugehört, spricht uns ja an wie ein erster Versuch
    einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur
    Ableugnung der Gefahr, die das Ich als von der Außen-
    welt drohend erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis,
    daß es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen kaum
    faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer meiner
    Freunde, den ein unstillbarer Wissensdrang zu den
    ungewöhnlichsten Experimenten getrieben und endlich
    zum Allwisser gemacht hat, versicherte mir, daß man
    in den Yogapraktiken durch Abwendung von der Außen-
    welt, durch Bindung der Aufmerksamkeit an körper-
    liche Funktionen, durch besondere Weisen der Atmung
    tatsächlich neue Empfindungen und Allgemeingefühle
    in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu ur-
    alten, längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens
    auffassen will. Er sieht in ihnen eine sozusagen physio-
    logische Begründung vieler Weisheiten der Mystik.
    Beziehungen zu manchen dunkeln Modifikationen des
    Seelenlebens wie Trance und Ekstase lägen hier nahe.
    Allein mich drängt es, auch einmal mit den Worten
    des Schillerschen Tauchers auszurufen:

    „Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht.“