• S.

    276

    Schimpf lindern soll, ist doch schließlich nichts anderes als
    die Übersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich,
    wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen.

    Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, daß
    Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: Gefühlsbindun-
    gen) auch das Wesen der Massenseele ausmachen. Erinnern
    wir uns daran, daß von solchen bei den Autoren nicht die
    Rede ist. Was ihnen entsprechen würde, ist offenbar hinter
    dem Schirm, der spanischen Wand, der Suggestion ver-
    borgen. Auf zwei flüchtige Gedanken stützen wir zunächst
    unsere Erwartung. Erstens, daß die Masse offenbar durch
    irgend eine Macht zusammengehalten wird. Welcher Macht
    könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als dem
    Eros, der alles in der Welt zusammenhält? Zweitens, daß man
    den Eindruck empfängt, wenn der Einzelne in der Masse seine
    Eigenart aufgibt und sich von den Anderen suggerieren läßt,
    er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Ein-
    vernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also
    vielleicht doch „ihnen zuliebe“.

    V

    Zwei künstliche Massen; Kirche und Heer

    Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Ge-
    dächtnis, daß man sehr verschiedene Arten von Massen und
    gegensätzliche Richtungen in ihrer Ausbildung unterscheiden
    kann. Es gibt sehr flüchtige Massen und höchst dauerhafte;
    homogene, die aus gleichartigen Individuen bestehen, und
    nicht homogene; natürliche Massen und künstliche, die zu
    ihrem Zusammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern;
    primitive Massen und gegliederte, hoch organisierte. Aus
    Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt ist,

  • S.

    277

    möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen Wert legen,
    die bei den Autoren eher zu wenig beachtet wird; ich meine
    die von führerlosen Massen und von solchen mit Führern.
    Und recht im Gegensatz zur gewohnten Übung soll unsere
    Untersuchung nicht eine relativ einfache Massenbildung zum
    Ausgangspunkt wählen, sondern an hoch organisierten,
    dauerhaften, künstlichen Massen beginnen. Die interessante-
    sten Beispiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemein-
    schaft der Gläubigen, und die Armee, das Heer.

    Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt es wird
    ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet, um sie vor der
    Auflösung zu bewahren21) und Veränderungen in ihrer
    Struktur hintanzuhalten. Man wird in der Regel nicht be-
    fragt oder es wird einem nicht freigestellt, ob man in eine
    solche Masse eintreten will; der Versuch des Austrittes wird
    gewöhnlich verfolgt oder strenge bestraft oder ist an ganz
    bestimmte Bedingungen geknüpft. Warum diese Vergesell-
    schaftungen so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem
    Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der eine
    Umstand an, daß man an diesen hochorganisierten, in solcher
    Weise vor dem Zerfall geschützten Massen mit großer
    Deutlichkeit gewisse Verhältnisse erkennt, die anderswo weit
    mehr verdeckt sind.

    In der Kirche – wir können mit Vorteil die katholische
    Kirche zum Muster nehmen – gilt wie im Heer, so ver-
    schieden beide sonst sein mögen, die nämliche Vorspiegelung
    (Illusion), daß ein Oberhaupt da ist – in der katholischen
    Kirche Christus, in der Armee der Feldherr, – das alle
    Einzelnen der Masse mit der gleichen Liebe liebt. An dieser
    Illusion hängt alles; ließe man sie fallen, so zerfielen sofort,

    21) Die Eigenschaften „stabil“ und „künstlich“ scheinen bei den
    Massen zusammenzufallen oder wenigstens intim zusammenzu-
    hängen.

  • S.

    278

    soweit der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. Von
    Christus wird diese gleiche Liebe ausdrücklich ausgesagt: Was
    ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern,
    das habt ihr mir getan. Er steht zu den Einzelnen der
    gläubigen Masse im Verhältnis eines gütigen älteren Bruders,
    ist ihnen ein Vaterersatz. Alle Anforderungen an die Einzel-
    nen leiten sich von dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer
    Zug geht durch die Kirche, eben weil vor Christus alle
    gleich sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe haben.
    Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der christ-
    lichen Gemeinde mit einer Familie heraufbeschworen und
    nennen sich die Gläubigen Brüder in Christo, das heißt
    Brüder durch die Liebe, die Christus für sie hat. Es ist nicht
    zu bezweifeln, daß die Bindung jedes Einzelnen an Christus
    auch die Ursache ihrer Bindung untereinander ist. Ähnliches
    gilt für das Heer; der Feldherr ist der Vater, der alle seine
    Soldaten gleich liebt, und darum sind sie Kameraden unter-
    einander. Das Heer unterscheidet sich strukturell von der
    Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von solchen Massen
    besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam der Feldherr und
    Vater seiner Abteilung, jeder Unteroffizier der seines Zuges.
    Eine ähnliche Hierarchie ist zwar auch in der Kirche aus-
    gebildet, spielt aber in ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle,
    da man Christus mehr Wissen und Bekümmern um die Ein-
    zelnen zuschreiben darf als dem menschlichen Feldherrn.

    Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur einer
    Armee wird man mit Recht einwenden, daß die Ideen des
    Vaterlandes, des nationalen Ruhmes und andere, die für den
    Zusammenhalt der Armee so bedeutsam sind, hier keine
    Stelle gefunden haben. Die Antwort darauf lautet, dies sei
    ein anderer, nicht mehr so einfacher Fall von Massenbindung,
    und wie die Beispiele großer Heerführer, Caesar, Wallen-
    stein, Napoleon, zeigen, sind solche Ideen für den Bestand

  • S.

    279

    einer Armee nicht unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz
    des Führers durch eine führende Idee und den Beziehungen
    zwischen beiden wird später kurz die Rede sein. Die Ver-
    nachlässigung dieses libidinösen Faktors in der Armee, auch
    dann, wenn er nicht der einzig wirksame ist, scheint nicht
    nur ein theoretischer Mangel, sondern auch eine praktische
    Gefahr. Der preußische Militarismus, der ebenso unpsycho-
    logisch war wie die deutsche Wissenschaft, hat dies vielleicht
    im großen Weltkrieg erfahren müssen. Die Kriegsneurosen,
    welche die deutsche Armee zersetzten, sind ja großenteils als
    Protest des Einzelnen gegen die ihm in der Armee zuge-
    mutete Rolle erkannt worden, und nach den Mitteilungen
    von E. Simmel22) darf man behaupten, daß die lieblose
    Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vorgesetzten
    obenan unter den Motiven der Erkrankung stand. Bei
    besserer Würdigung dieses Libidoanspruches hätten wahr-
    scheinlich die phantastischen Versprechungen der 14 Punkte
    des amerikanischen Präsidenten nicht so leicht Glauben ge-
    funden und das großartige Instrument wäre den deutschen
    Kriegskünstlern nicht in der Hand zerbrochen.

    Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen Massen
    jeder Einzelne einerseits an den Führer (Christus, Feldherrn),
    anderseits an die anderen Massenindividuen libidinös gebun-
    den ist. Wie sich diese beiden Bindungen zueinander ver-
    halten, ob sie gleichartig und gleichwertig sind und wie sie
    psychologisch zu beschreiben wären, das müssen wir einer
    späteren Untersuchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber
    jetzt schon eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, daß sie
    die Bedeutung des Führers für die Psychologie der Masse nicht
    genügend gewürdigt haben, während uns die Wahl des ersten
    Untersuchungsobjekts in eine günstigere Lage gebracht hat.

    22) Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma“, München 1918.

  • S.

    280

    Es will uns scheinen, als befänden wir uns auf dem richtigen
    Weg, der die Haupterscheinung der Massenpsychologie, die
    Unfreiheit des Einzelnen in der Masse, aufklären kann. Wenn
    für jeden Einzelnen eine so ausgiebige Gefühlsbindung nach
    zwei Richtungen besteht, so wird es uns nicht schwer werden,
    aus diesem Verhältnis die beobachtete Veränderung und
    Einschränkung seiner Persönlichkeit abzuleiten.

    Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse bestehe in
    den in ihr vorhandenen libidinösen Bindungen, erhalten wir
    auch in dem Phänomen der Panik, welches am besten an
    militärischen Massen zu studieren ist. Eine Panik entsteht,
    wenn eine solche Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß
    kein Befehl des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß
    jeder für sich selbst sorgt ohne Rücksicht auf die anderen.
    Die gegenseitigen Bindungen haben aufgehört und eine
    riesengroße, sinnlose Angst wird frei. Natürlich wird auch
    hier wieder der Einwand naheliegen, es sei vielmehr umge-
    kehrt, indem die Angst so groß gewachsen sei, daß sie sich
    über alle Rücksichten und Bindungen hinaussetzen konnte.
    Mc Dougall hat sogar (S. 24) den Fall der Panik (aller-
    dings der nicht militärischen) als Musterbeispiel für die von
    ihm betonte Affektsteigerung durch Ansteckung (primary
    induction) verwertet. Allein diese rationelle Erklärungs-
    weise geht hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung,
    warum die Angst so riesengroß geworden ist. Die Größe der
    Gefahr kann nicht beschuldigt werden, denn dieselbe Armee,
    die jetzt der Panik verfällt, kann ähnlich große und größere
    Gefahren tadellos bestanden haben, und es gehört geradezu
    zum Wesen der Panik, daß sie nicht im Verhältnis zur
    drohenden Gefahr steht, oft bei den nichtigsten Anlässen
    ausbricht. Wenn der Einzelne in panischer Angst für sich
    selbst zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Einsicht,
    daß die affektiven Bindungen aufgehört haben, die bis dahin

  • S.

    281

    die Gefahr für ihn herabsetzten. Nun, da er der Gefahr
    allein entgegensteht, darf er sie allerdings höher einschätzen.
    Es verhält sich also so, daß die panische Angst die Lockerung
    in der libidinösen Struktur der Masse voraussetzt und in
    berechtigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß die
    Libidobindungen der Masse an der Angst vor der Gefahr
    zugrunde gegangen wären.

    Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, daß die
    Angst in der Masse durch Induktion (Ansteckung) ins Unge-
    heure wachse, keineswegs widersprochen. Die Mc Dougall-
    sche Auffassung ist durchaus zutreffend für den Fall, daß die
    Gefahr eine real große ist und daß in der Masse keine starken
    Gefühlsbindungen bestehen, Bedingungen, die verwirklicht
    werden, wenn zum Beispiel in einem Theater oder Vergnü-
    gungslokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere
    Zwecke verwertete Fall ist der oben erwähnte, daß ein
    Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr nicht über
    das gewohnte und oftmals gut vertragene Maß hinaus ge-
    steigert ist. Man wird nicht erwarten dürfen, daß der
    Gebrauch des Wortes „Panik“ scharf und eindeutig bestimmt
    sei. Manchmal bezeichnet man so jede Massenangst, andere
    Male auch die Angst eines Einzelnen, wenn sie über jedes
    Maß hinausgeht, häufig scheint der Name für den Fall
    reserviert, daß der Angstausbruch durch den Anlaß nicht
    gerechtfertigt wird. Nehmen wir das Wort „Panik“ im Sinne
    der Massenangst, so können wir eine weitgehende Analogie
    behaupten. Die Angst des Individuums wird hervorgerufen
    entweder durch die Größe der Gefahr oder durch das Auf-
    lassen von Gefühlsbindungen (Libidobesetzungen); der letztere
    Fall ist der der neurotischen Angst23). Ebenso entsteht die
    Panik durch die Steigerung der alle betreffenden Gefahr oder

    23)S. „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse.“
    XXV. Vorlesung.

  • S.

    282

    durch das Aufhören der die Masse zusammenhaltenden
    Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall ist der neurotischen
    Angst analog. (Vgl. hiezu den gedankenreichen, etwas phan-
    tastischen Aufsatz von Béla v. Felszeghy: Panik und
    Pankomplex, „Imago“, VI, 1920.)

    Wenn man die Panik wie Mc Dougall (l. c.) als eine
    der deutlichsten Leistungen der „group mind“ beschreibt, ge-
    langt man zum Paradoxon, daß sich diese Massenseele in einer
    ihrer auffälligsten Äußerungen selbst aufhebt. Es ist kein
    Zweifel möglich, daß die Panik die Zersetzung der Masse
    bedeutet, sie hat das Aufhören aller Rücksichten zur Folge,
    welche sonst die Einzelnen der Masse für einander zeigen.

    Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik ist so
    ähnlich, wie er in der Nestroyschen Parodie des
    Hebbelschen Dramas von Judith und Holofernes dar-
    gestellt wird. Da schreit ein Krieger: „Der Feldherr hat den
    Kopf verloren“, und darauf ergreifen alle Assyrer die Flucht.
    Der Verlust des Führers in irgend einem Sinne, das Irre-
    werden an ihm, bringt die Panik bei gleichbleibender Gefahr
    zum Ausbruch; mit der Bindung an den Führer schwinden
    – in der Regel – auch die gegenseitigen Bindungen der
    Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bologneser
    Fläschchen, dem man die Spitze abgebrochen hat.

    Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so leicht zu
    beobachten. Vor kurzem geriet mir ein von katholischer
    Seite stammender, vom Bischof von London empfohlener eng-
    lischer Roman in die Hand mit dem Titel: „When it was
    dark“, der eine solche Möglichkeit und ihre Folgen in ge-
    schickter und, wie ich meine, zutreffender Weise ausmalte.
    Der Roman erzählt, wie aus der Gegenwart, daß es einer
    Verschwörung von Feinden der Person Christi und des
    christlichen Glaubens gelingt, eine Grabkammer in Jerusalem
    auffinden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimathia

  • S.

    283

    bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den Leichnam Christi
    am dritten Tag nach seiner Beisetzung heimlich aus seinem
    Grabe entfernt und hier bestattet habe. Damit ist die Auf-
    stehung Christi und seine göttliche Natur abgetan und die
    Folge dieser archäologischen Entdeckung ist eine Erschütterung
    der europäischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme
    aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, nach-
    dem das Komplott der Fälscher enthüllt werden kann.

    Was bei der hier angenommenen Zersetzung der religiösen
    Masse zum Vorschein kommt, ist nicht Angst, für welche der
    Anlaß fehlt, sondern rücksichtslose und feindselige Impulse
    gegen andere Personen, die sich bis dahin dank der gleichen
    Liebe Christi nicht äußern konnten24). Außerhalb dieser Bin-
    dung stehen aber auch während des Reiches Christi jene
    Individuen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, die
    ihn nicht lieben und die er nicht liebt; darum muß eine Reli-
    gion, auch wenn sie sich die Religion der Liebe heißt, hart
    und lieblos gegen diejenigen sein, die ihr nicht angehören. Im
    Grunde ist ja jede Religion eine solche Religion der Liebe
    für alle, die sie umfaßt, und jeder liegt Grausam-
    keit und Intoleranz gegen die nicht dazugehörigen
    nahe. Man darf, so schwer es einem auch persönlich
    fällt, den Gläubigen daraus keinen zu argen Vor-
    wurf machen; Ungläubige und Indifferente haben es in
    diesem Punkte psychologisch um so viel leichter. Wenn diese
    Intoleranz sich heute nicht mehr so gewalttätig und grausam
    kundgibt wie in früheren Jahrhunderten, so wird man daraus
    kaum auf eine Milderung in den Sitten der Menschen
    schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache davon in der
    unleugbaren Abschwächung der religiösen Gefühle und der

    24) Vergleiche hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach
    dem Wegfall der landesväterlichen Autorität bei P. Federn,
    Die vaterlose Gesellschaft, Wien, 1919.

  • S.

    284

    von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu suchen.
    Wenn eine andere Massenbindung an die Stelle der religiösen
    tritt, wie es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so
    wird sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden er-
    geben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn die
    Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine ähnliche
    Bedeutung für die Massen gewinnen könnten, würde sich
    dasselbe Resultat auch für diese Motivierung wiederholen.

    VI

    Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen

    Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und
    gefunden, daß sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht
    werden, von denen die eine an den Führer – wenigstens für
    sie – bestimmender zu sein scheint als die andere, die der
    Massenindividuen aneinander.

    Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu
    untersuchen und zu beschreiben. Man hätte von der Fest-
    stellung auszugehen, daß eine bloße Menschenmenge noch
    keine Masse ist, solange sich jene Bindungen in ihr nicht
    hergestellt haben, hätte aber das Zugeständnis zu machen,
    daß in einer beliebigen Menschenmenge sehr leicht die
    Tendenz zur Bildung einer psychologischen Masse hervor-
    tritt. Man müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder
    beständigen Massen, die spontan zustande kommen, Aufmerk-
    samkeit schenken, die Bedingungen ihrer Entstehung und
    ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde uns der Unterschied
    zwischen Massen, die einen Führer haben, und führerlosen
    Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit Führer die
    ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den anderen
    der Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt