• S.

    XXXIII. VORLESUNG

    DIE WEIBLICHKEIT

    Meine Damen und Herren! Die ganze Zeit über,
    während ich mich vorbereite, mit Ihnen zu sprechen,
    ringe ich mit einer inneren Schwierigkeit. Ich fühle
    mich sozusagen meiner Lizenz nicht sicher. Es ist ja
    richtig, daß die Psychoanalyse sich in fünfzehn Arbeits-
    jahren verändert und bereichert hat, aber darum könnte
    doch eine Einführung in die Psychoanalyse unverändert
    und un-
    ergänzt bleiben. Immer schwebt es mir vor, daß
    diesen Vorträgen die Daseinsberechtigung fehlt. Den
    Analytikern sage ich zu wenig und überhaupt nichts
    Neues, Ihnen aber zu viel und solche Dinge, für deren
    Verständnis Sie nicht ausgerüstet sind, die nicht für Sie
    gehören. Ich habe nach Entschuldigungen ausgeschaut
    und jede einzelne Vorlesung durch eine andere Be-
    gründung rechtfertigen wollen. Die erste, über die
    Traumtheorie, sollte Sie mit einem Schlage wieder
    mitten in die analytische Atmosphäre versetzen und
    Ihnen zeigen, wie haltbar sich unsere Anschauungen
    erwiesen haben. An der zweiten, die die Wege vom
    Traum zum sogenannten Okkultismus verfolgt, reizte
    mich die Gelegenheit, ein freies Wort über ein Arbeits-
    gebiet zu sagen, auf dem heute vorurteils-
    volle Erwar
    tungen gegen leidenschaftliche Widerstände kämpfen,

  • S.

    155

    und ich durfte hoffen, Ihr am Beispiel der Psycho-
    analyse zur Toleranz erzogenes Urteil werde mir die
    Begleitung auf diesen Ausflug nicht verweigern. Die
    dritte Vorlesung, die über die Zerlegung der Persönlich-
    keit, stellte gewiß die härtesten Zumutungen an Sie, so
    fremdartig war ihr Inhalt, aber ich konnte diesen ersten
    Ansatz einer Ichpsychologie Ihnen unmöglich vorent-
    halten, und wenn wir ihn vor fünfzehn Jahren besessen
    hätten, hätte ich ihn schon damals erwähnen müssen.
    Die letzte Vorlesung endlich, der Sie wahrscheinlich
    nur unter großer Anspannung gefolgt sind, brachte not-
    wendige Berichtigungen, neue Lösungsversuche der
    wichtigsten Rätselfragen, und meine Einführung wäre
    zu einer Irreführung geworden, wenn ich darüber ge-
    schwiegen hätte. Sie sehen, wenn man es unternimmt,
    sich zu entschuldigen, kommt es am Ende darauf
    hinaus, daß alles unvermeidlich war, alles Verhängnis.
    Ich unterwerfe mich; ich bitte Sie, tun Sie es auch.

    Auch die heutige Vorlesung sollte keine Aufnahme
    in eine Einführung finden, aber sie kann Ihnen eine
    Probe einer analytischen Detailarbeit geben und ich
    kann zweierlei zu ihrer Empfehlung sagen. Sie bringt
    nichts als beobachtete Tatsachen, fast ohne Beisatz von
    Spekulation, und sie beschäftigt sich mit einem Thema,
    das Anspruch auf Ihr Interesse hat wie kaum ein
    anderes. Über das Rätsel der Weiblichkeit haben die
    Menschen zu allen Zeiten gegrübelt:

    „Häupter in Hieroglyphenmützen,
    Häupter in Turban und schwarzem Barett,

  • S.

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  • S.

    157

    sieht in diesem Vorkommen das Anzeichen einer
    Zwiegeschlechtigkeit, Bisexualität, als ob das
    Individuum nicht Mann oder Weib wäre, sondern
    jedesmal beides, nur von dem einen soviel mehr als vom
    andern. Sie werden dann aufgefordert, sich mit der
    Idee vertraut zu machen, daß das Verhältnis, nach dem
    sich Männliches und Weibliches im Einzelwesen ver-
    mengt, ganz erheblichen Schwankungen unterliegt. Da
    aber doch, von allerseltensten Fällen abgesehen, bei
    einer Person nur einerlei Geschlechtsprodukte – Eier,
    oder Samenzellen – vorhanden sind, müssen Sie an der
    entscheidenden Bedeutung dieser Elemente irre werden
    und den Schluß ziehen, das, was die Männlichkeit oder
    die Weiblichkeit ausmache, sei ein unbekannter Cha-
    rakter, den die Anatomie nicht erfassen kann.

    Kann es vielleicht die Psychologie? Wir sind ge-
    wohnt, männlich und weiblich auch als seelische Quali-
    täten zu gebrauchen und haben ebenso den Gesichts-
    punkt der Bisexualität auf das Seelenleben übertragen.
    Wir sprechen also davon, daß ein Mensch, ob Männ-
    chen oder Weibchen, sich in diesem Punkt männlich,
    in jenem weiblich benehme. Aber Sie werden bald ein-
    sehen, das ist bloß Gefügigkeit gegen die Anatomie und
    gegen die Konvention. Sie können den Begriffen männ-
    lich und weiblich keinen neuen Inhalt geben. Die
    Unterscheidung ist keine psychologische; wenn Sie
    männlich sagen, meinen Sie in der Regel „aktiv“, und
    wenn Sie weiblich sagen, „passiv“. Nun ist es richtig,
    daß eine solche Beziehung besteht. Die männliche Ge-
    schlechtszelle ist aktiv beweglich, sucht die weibliche

  • S.

    158

    auf und diese, das Ei, ist unbeweglich, passiv erwar-
    tend. Dies Verhalten der geschlechtlichen Elementar-
    organismen ist sogar vorbildlich für das Benehmen der
    Geschlechtsindividuen beim Sexualverkehr. Das Männ-
    chen verfolgt das Weibchen zum Zweck der sexuellen
    Vereinigung, greift es an, dringt in dasselbe ein. Aber
    damit haben Sie eben für die Psychologie den Charakter
    des Männlichen auf das Moment der Aggression re-
    duziert. Sie werden zweifeln, ob Sie damit etwas
    Wesentliches getroffen haben, wenn Sie erwägen, daß
    in manchen Tierklassen die Weibchen die stärkeren
    und aggressiven sind, die Männchen nur aktiv bei dem
    einen Akt der geschlechtlichen Vereinigung. So ist
    es z. B. bei den Spinnen. Auch die Funktionen der Brut-
    pflege und Aufzucht, die uns als so exquisit weiblich
    erscheinen, sind bei Tieren nicht regelmäßig an das
    weibliche Geschlecht geknüpft. Bei recht hochstehenden
    Arten beobachtet man, daß die Geschlechter sich in die
    Aufgabe der Brutpflege teilen oder selbst, daß das
    Männchen sich allein ihr widmet. Selbst auf dem Ge-
    biet des menschlichen Sexuallebens merken Sie bald,
    wie unzureichend es ist, das männliche Benehmen durch
    Aktivität, das weibliche durch Passivität zu decken.
    Die Mutter ist in jedem Sinn aktiv gegen das Kind,
    selbst vom Saugakt können Sie ebenso wohl sagen, sie
    saugt das Kind als sie läßt sich vom Kinde säugen. Je
    weiter Sie sich dann vom engeren sexuellen Gebiet ent-
    fernen, desto deutlicher wird jener „Überdeckungs-
    fehler“. Frauen können große Aktivität nach verschie-
    denen Richtungen entfalten, Männer können nicht mit

  • S.

    159

    ihresgleichen zusammenleben, wenn sie nicht ein hohes
    Maß von passiver Gefügigkeit entwickeln. Wenn Sie
    jetzt sagen, diese Tatsachen enthielten eben den Beweis,
    daß Männer wie Weiber im psychologischen Sinn
    bisexuell sind, so entnehme ich daraus, daß Sie bei sich
    beschlossen haben, aktiv mit männlich, passiv mit weib-
    lich zusammenfallen zu lassen. Aber ich rate Ihnen
    davon ab. Es erscheint mir unzweckmäßig und es bringt
    keine neue Erkenntnis.

    Man könnte daran denken, die Weiblichkeit
    psychologisch durch die Bevorzugung passiver Ziele zu
    charakterisieren. Das ist natürlich nicht dasselbe wie
    die Passivität; es mag ein großes Stück Aktivität not-
    wendig sein, um ein passives Ziel durchzusetzen. Viel-
    leicht geht es so zu, daß sich beim Weib von ihrem
    Anteil an der Sexualfunktion her eine Bevorzugung
    passiven Verhaltens und passiver Zielstrebungen ein
    Stück weit ins Leben hinein erstreckt, mehr oder we-
    niger weit, je nachdem sich diese Vorbildlichkeit des
    Sexuallebens begrenzt oder ausbreitet. Dabei müssen
    wir aber Acht haben, den Einfluß der sozialen Ord-
    nungen nicht zu unterschätzen, die das Weib gleichfalls
    in passive Situationen drängen. Das ist alles noch sehr
    ungeklärt. Eine besonders konstante Beziehung zwischen
    Weiblichkeit und Triebleben wollen wir nicht über-
    sehen. Die dem Weib konstitutionell vorgeschriebene
    und sozial auferlegte Unterdrückung seiner Aggression
    begünstigt die Ausbildung starker masochistischer Re-
    gungen, denen es ja gelingt, die nach innen gewendeten
    destruktiven Tendenzen erotisch zu binden. Der

  • S.

    160

    Masochismus ist also, wie man sagt, echt weiblich.
    Wenn Sie aber dem Masochismus, wie so häufig, bei
    Männern begegnen, was bleibt Ihnen übrig, als zu sagen,
    diese Männer zeigen sehr deutliche weibliche Züge?

    Nun sind Sie bereits vorbereitet darauf, daß auch
    die Psychologie das Rätsel der Weiblichkeit nicht lösen
    wird. Diese Aufklärung muß wohl anderswoher
    kommen und kann nicht kommen, ehe wir erfahren
    haben, wie die Differenzierung der lebenden Wesen in
    zwei Geschlechter überhaupt entstanden ist. Nichts
    wissen wir darüber und die Zweigeschlechtlichkeit ist
    doch ein so auffälliger Charakter des organischen Le-
    bens, durch den es sich scharf von der unbelebten Natur
    scheidet. Unterdes finden wir an jenen menschlichen
    Individuen, die durch den Besitz von weiblichen Ge-
    nitalien als manifest oder vorwiegend weiblich cha-
    rakterisiert sind, genug zu studieren. Der Eigenart der
    Psychoanalyse entspricht es dann, daß sie nicht be-
    schreiben will, was das Weib ist, – das wäre eine für
    sie kaum lösbare Aufgabe, – sondern untersucht, wie
    es wird, wie sich das Weib aus dem bisexuell veran-
    lagten Kind entwickelt. Wir haben darüber einiges in
    letzter Zeit erfahren, dank dem Umstande, daß mehrere
    unserer trefflichen Kolleginnen in der Analyse begonnen
    haben, diese Frage zu bearbeiten. Die Diskussion

    darüber hat aus dem Unterschied der Geschlechter einen
    besonderen Reiz bezogen, denn jedesmal, wenn eine
    Vergleichung zu Ungunsten ihres Geschlechts auszu-
    fallen schien, konnten unsere Damen den Verdacht
    äußern, daß wir, die männlichen Analytiker, gewisse

  • S.

    161

    tief eingewurzelte Vorurteile gegen die Weiblichkeit
    nicht überwunden hätten, was sich nun durch die
    Parteilichkeit unserer Forschung strafte. Wir hatten es
    dagegen auf dem Boden der Bisexualität leicht, jede
    Unhöflichkeit zu vermeiden. Wir brauchten nur zu
    sagen: Das gilt nicht für Sie. Sie sind eine Ausnahme,
    in diesem Punkt mehr männlich als weiblich.

    Mit zwei Erwartungen treten wir auch an die
    Untersuchung der weiblichen Sexualentwicklung heran:
    Die erste, daß auch hier die Konstitution sich nicht
    ohne Sträuben in die Funktion fügen wird. Die andere,
    daß die entscheidenden Wendungen bereits vor der
    Pubertät angebahnt oder vollzogen sein werden. Beide
    sind bald bestätigt. Des weiteren sagt uns der Vergleich
    mit den Verhältnissen beim Knaben, daß die Entwick-
    lung des kleinen Mädchens zum normalen Weib die
    schwierigere und kompliziertere ist, denn sie umfaßt zwei
    Aufgaben mehr, zu denen die Entwicklung des Mannes
    kein Gegenstück zeigt. Verfolgen wir die Parallele von
    ihrem Anfang an. Gewiß ist schon das Material bei
    Knabe und Mädchen verschieden; um das festzustellen,
    braucht es keine Psychoanalyse. Der Unterschied in der
    Bildung der Genitalien wird von anderen körperlichen
    Verschiedenheiten begleitet, die zu bekannt sind, als
    daß sie der Erwähnung bedürften. Auch in der Trieb-
    anlage treten Differenzen hervor, die das spätere Wesen
    des Weibes ahnen lassen. Das kleine Mädchen ist in der
    Regel weniger aggressiv, trotzig und selbstgenügsam,
    es scheint mehr Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu haben,
    die man ihm erweisen soll, darum abhängiger und ge-

  • S.

    162

    fügiger zu sein. Daß es sich leichter und schneller zur
    Beherrschung der Exkretionen erziehen läßt, ist sehr
    wahrscheinlich nur die Folge dieser Gefügigkeit; Harn
    und Stuhl sind ja die ersten Geschenke, die das Kind
    seinen Pflegepersonen macht, deren Beherrschung die
    erste Konzession, die sich das kindliche Triebleben ab-
    ringen läßt. Man empfängt auch den Eindruck, daß das
    kleine Mädchen intelligenter, lebhafter ist als der
    gleichaltrige Knabe, es kommt der Außenwelt mehr
    entgegen, macht zur gleichen Zeit stärkere Objekt-
    besetzungen. Ich weiß nicht, ob dieser Vorsprung der
    Entwicklung durch exakte Feststellungen erhärtet
    worden ist, jedenfalls steht es fest, daß das Mädchen
    nicht intellektuell rückständig genannt werden kann.
    Aber diese Geschlechtsunterschiede kommen nicht sehr
    in Betracht, sie können durch individuelle Variationen
    aufgewogen werden. Für die Absichten, die wir zu-
    nächst verfolgen, können wir sie vernachlässigen.

    Die frühen Phasen der Libidoentwicklung scheinen
    beide Geschlechter in gleicher Weise durchzumachen.
    Man hätte erwarten können, daß sich beim Mädchen
    bereits in der sadistisch-analen Phase ein Zurückbleiben
    der Aggression äußert, aber das trifft nicht ein. Die
    Analyse des Kinderspiels hat unseren weiblichen Ana-
    lytikern gezeigt, daß die aggressiven Impulse der kleinen
    Mädchen an Reichlichkeit und Heftigkeit nichts zu
    wünschen übrig lassen. Mit dem Eintritt in die phallische
    Phase treten die Unterschiede der Geschlechter vollends
    gegen die Übereinstimmungen zurück. Wir müssen nun
    anerkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner Mann.

  • S.

    163

    Diese Phase ist beim Knaben bekanntlich dadurch aus-
    gezeichnet, daß er sich von seinem kleinen Penis lust-
    volle Sensationen zu verschaffen weiß und dessen er-
    regten Zustand mit seinen Vorstellungen von sexuellem
    Verkehr zusammenbringt. Das nämliche tut das Mäd-
    chen mit ihrer noch kleineren Klitoris. Es scheint, daß
    sich bei ihr alle onanistischen Akte an diesem Penis-
    äquivalent abspielen, daß die eigentlich weibliche
    Vagina noch für beide Geschlechter unentdeckt ist.
    Vereinzelte Stimmen berichten zwar auch von früh-
    zeitigen vaginalen Sensationen, aber es dürfte nicht
    leicht sein, solche von analen oder Vorhofsensationen
    zu unterscheiden; auf keinen Fall können sie eine große
    Rolle spielen. Wir dürfen daran festhalten, daß in der
    phallischen Phase des Mädchens die Klitoris die leitende
    erogene Zone ist. Aber so soll es ja nicht bleiben, mit
    der Wendung zur Weiblichkeit soll die Klitoris ihre
    Empfindlichkeit und damit ihre Bedeutung ganz oder
    teilweise an die Vagina abtreten, und dies wäre die eine
    der beiden Aufgaben, die von der Entwicklung des
    Weibes zu lösen sind, während der glücklichere Mann
    zur Zeit der Geschlechtsreife nur fortzusetzen braucht,
    was er in der Periode der sexuellen Frühblüte vor-
    geübt hatte.

    Wir werden auf die Rolle der Klitoris noch
    zurückkommen, wenden uns jetzt zur zweiten Aufgabe,
    mit der die Entwicklung des Mädchens belastet ist. Das
    erste Liebesobjekt des Knaben ist die Mutter, sie bleibt
    es auch in der Formation des Ödipuskomplexes, im
    Grunde genommen durchs ganze Leben hindurch. Auch

  • S.

    164

    fürs Mädchen muß die Mutter – und die mit ihr ver-
    schmelzenden Gestalten der Amme, Pflegerin – das
    erste Objekt sein; die ersten Objektbesetzungen erfolgen
    ja in Anlehnung an die Befriedigung der großen und
    einfachen Lebensbedürfnisse und die Verhältnisse der
    Kinderpflege sind für beide Geschlechter die gleichen.
    In der Ödipussituation ist aber für das Mädchen der
    Vater das Liebesobjekt geworden, und wir erwarten,
    daß sie bei normalem Ablauf der Entwicklung vom
    Vaterobjekt aus den Weg zur endgültigen Objektwahl
    finden wird. Das Mädchen soll also im Wandel der
    Zeiten erogene Zone und Objekt tauschen, die beide der
    Knabe beibehält. Es entsteht dann die Frage, wie geht
    das vor sich, im besonderen: wie kommt das Mädchen
    von der Mutter zur Bindung an den Vater, oder mit
    anderen Worten: aus ihrer männlichn in die ihr bio-
    logisch bestimmte weibliche Phase?

    Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit,
    wenn wir annehmen dürften, von einem bestimmten
    Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegen-
    geschlechtlichen Anziehung geltend und dränge das
    kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz dem
    Knaben das Beharren bei der Mutter gestatte. Ja man
    könnte hinzunehmen, daß die Kinder dabei den Winken
    folgen, die ihnen die geschlechtliche Bevorzugung der
    Eltern gibt. Aber so gut sollen wir es nicht haben, wir
    wissen kaum, ob wir an jene geheimnisvolle, analytisch
    nicht weiter zersetzbare Macht, von der die Dichter
    soviel schwärmen, im Ernst glauben dürfen. Wir haben
    eine Auskunft ganz anderer Art aus mühevollen Unter-

  • S.

    165

    suchungen gewonnen, für welche wenigstens das Ma-
    terial leicht zu beschaffen war. Sie müssen nämlich
    wissen, daß die Zahl der Frauen, die bis in späte Zeiten
    in der zärtlichen Abhängigkeit vom Vaterobjekt, ja
    noch vom realen Vater, verbleiben, eine sehr große ist.
    An solchen Frauen mit intensiver und lang andauernder
    Vaterbindung haben wir überraschende Feststellungen
    gemacht. Wir wußten natürlich, daß es ein Vorstadium
    von Mutterbindung gegeben hatte, aber wir wußten
    nicht, daß es so inhaltsreich sein, so lang anhalten, so
    viel Anlässe zu Fixierungen und Dispositionen hinter-
    lassen könne. Während dieser Zeit ist der Vater nur ein
    lästiger Rivale; in manchen Fällen überdauert die
    Mutterbindung das vierte Jahr. Fast alles, was wir
    später in der Vaterbeziehung finden, war schon in ihr
    vorhanden und ist nachher auf den Vater übertragen
    worden. Kurz, wir gewinnen die Überzeugung, daß man
    das Weib nicht verstehen kann, wenn man nicht diese
    Phase der präödipalen Mutterbindung
    würdigt.

    Nun wollen wir gerne wissen, welches die libidi-
    nösen Beziehungen des Mädchens zur Mutter sind. Die
    Antwort lautet: sie sind sehr mannigfaltig. Da sie durch
    alle drei Phasen der kindlichen Sexualität gehen, neh-
    men sie auch die Charaktere der einzelnen Phasen an,
    drücken sich durch orale, sadistisch-anale und phallische
    Wünsche aus. Diese Wünsche vertreten sowohl aktive
    als passive Regungen; wenn man sie auf die später
    auftretende Differenzierung der Geschlechter bezieht,
    was man aber möglichst vermeiden soll, kann man sie
     

  • S.

    166

    männliche und weibliche heißen. Sie sind überdies voll
    ambivalent, ebensowohl zärtlicher als feindselig-aggres-
    siver Natur. Die letzteren kommen oft erst zum Vor
    schein, nachdem sie in Angstvorstellungen verwandelt
    worden sind. Es ist nicht immer leicht, die Formulie-
    rung dieser frühen Sexualwünsche aufzuzeigen; am
    deutlichsten drückt sich der Wunsch aus, der Mutter
    ein Kind zu machen, wie der ihm entsprechende, ihr
    ein Kind zu gebären, beide der phallischen Zeit ange-
    hörig, befremdend genug, aber durch die analytische
    Beobachtung über jeden Zweifel festgestellt. Der Reiz
    dieser Untersuchungen liegt in den überraschenden
    Einzelfunden, die sie uns bringen. So z. B. entdeckt
    man die Angst, umgebracht oder vergiftet zu werden,
    die später den Kern einer paranoiden Erkrankung
    bilden kann, schon in dieser präödipalen Zeit auf die
    Mutter bezogen. Oder, ein anderer Fall: Sie erinnern
    sich an eine interessante Episode aus der Geschichte der
    analytischen Forschung, die mir viele peinliche Stunden
    verursacht hat. In der Zeit, da das Hauptinteresse auf
    die Aufdeckung sexueller Kindheitsträume gerichtet
    war, erzählten mir fast alle meine weiblichen Patienten,
    daß sie vom Vater verführt worden waren. Ich mußte
    endlich zur Einsicht kommen, daß diese Berichte
    unwahr seien, und lernte so verstehen, daß die hysteri-
    schen Symptome sich von Phantasien, nicht von realen
    Begebenheiten ableiten. Später erst konnte ich in dieser
    Phantasie von der Verführung durch den Vater den
    Ausdruck des typischen Ödipuskomplexes beim Weibe
    erkennen. Und nun findet man in der präödipalen Vor-

  • S.

    167

    geschichte der Mädchen die Verführungsphantasie
    wieder, aber die Verführerin ist regelmäßig die Mutter.
    Hier aber berührt die Phantasie den Boden der Wirk-
    lichkeit, denn es war wirklich die Mutter, die bei den
    Verrichtungen der Körperpflege Lustempfindungen am
    Genitale hervorrufen, vielleicht sogar zuerst erwecken
    mußte.

    Ich erwarte, daß Sie zu dem Verdacht bereit seien,
    diese Schilderung von der Reichhaltigkeit und der
    Stärke der sexuellen Beziehungen des kleinen Mädchens
    zu seiner Mutter sei sehr überzeichnet. Man hat doch
    Gelegenheit, kleine Mädchen zu sehen und merkt ihnen
    nichts dergleichen an. Aber der Einwand trifft nicht zu;
    man kann genug an den Kindern sehen, wenn man zu
    beobachten versteht, und überdies wollen Sie bedenken,
    wie wenig von seinen sexuellen Wünschen das Kind zu
    vorbewußtem Ausdruck bringen oder gar mitteilen
    kann. Wir bedienen uns dann nur eines guten Rechts,
    wenn wir nachträglich die Residuen und Konsequenzen
    dieser Gefühlswelt an Personen studieren, bei denen
    diese Entwicklungsvorgänge eine besonders deutliche
    oder selbst eine übermäßige Ausbildung erreicht hatten.
    Die Pathologie hat uns ja immer den Dienst geleistet,
    durch Isolierung und Übertreibung Verhältnisse kennt-
    lich zu machen, die in der Normalität verdeckt ge-
    blieben wären. Und da unsere Untersuchungen keines-
    wegs an schwer abnormen Menschen ausgeführt worden
    sind, meine ich, wir dürfen ihre Ergebnisse für glaub-
    würdig halten.

    Wir werden jetzt unser Interesse auf die eine Frage

  • S.

    168

    richten, woran denn diese mächtige Mutterbindung des
    Mädchens zu Grunde geht. Wir wissen, das ist ihr ge-
    wöhnliches Schicksal; sie ist dazu bestimmt, der Vater-
    bindung den Platz zu räumen. Da stoßen wir auf eine
    Tatsache, die uns den weiteren Weg weist. Es handelt
    sich bei diesem Schritt in der Entwicklung nicht um
    einen einfachen Wechsel des Objekts. Die Abwendung
    von der Mutter geschieht im Zeichen der Feindseligkeit,
    die Mutterbindung geht in Haß aus. Ein solcher Haß
    kann sehr auffällig werden und durchs ganze Leben
    anhalten, er kann später sorgfältig überkompensiert
    werden, in der Regel wird ein Teil von ihm über-
    wunden, ein anderer Teil bleibt bestehen. Darauf haben
    die Begebenheiten späterer Jahre natürlich starken Ein-
    fluß. Wir beschränken uns aber darauf, ihn zur Zeit
    der Wendung zum Vater zu studieren und nach seinen
    Motivierungen zu befragen. Wir hören dann eine lange
    Liste von Anklagen und Beschwerden gegen die Mutter,
    die die feindseligen Gefühle des Kindes rechtfertigen
    sollen, von sehr verschiedenem Wert, deren Würdigung
    wir nicht unterlassen werden. Manche sind offenkundige
    Rationalisierungen, die wirklichen Quellen der Feind-
    schaft haben wir zu finden. Ich hoffe, Sie werden Anteil
    daran nehmen, wenn ich Sie diesmal durch alle Details
    einer psychoanalytischen Untersuchung führe.

    Der Vorwurf gegen die Mutter, der am weitesten
    zurückgreift, lautet, daß sie dem Kind zu wenig Milch
    gespendet hat, was ihr als Mangel an Liebe ausgelegt
    wird. Nun hat dieser Vorwurf in unseren Familien eine
    gewisse Berechtigung. Die Mütter haben oft nicht genug

  • S.

    169

    Nahrung für das Kind und begnügen sich damit, es
    ein halbes oder dreiviertel Jahre zu
    säugen. Bei primitiven Völkern werden die Kinder bis
    zu zwei und drei Jahren an der Mutterbrust genährt.
    Die Gestalt der nährenden Amme wird in der Regel mit
    der Mutter verschmolzen; wo dies nicht geschehen ist,
    wandelt sich der Vorwurf in den anderen, daß sie die
    Amme, die das Kind so bereitwillig nährte, zu früh
    weggeschickt hat. Aber was immer der wirkliche Sach-
    verhalt gewesen sein mag, es ist unmöglich, daß der
    Vorwurf des Kindes so oft berechtigt ist, als man ihm
    begegnet. Es scheint vielmehr, daß die Gier des Kindes
    nach seiner ersten Nahrung überhaupt unstillbar ist, daß
    es den Verlust der Mutterbrust niemals verschmerzt. Ich
    wäre gar nicht überrascht, wenn die Analyse eines
    Primitiven, der noch an der Mutterbrust saugen durfte,
    als er schon laufen und sprechen konnte, denselben Vor-
    wurf zu Tage fördern würde. Mit der Entziehung der
    Brust hängt wahrscheinlich auch die Angst vor Ver-
    giftung zusammen. Gift ist die Nahrung, die einen
    krank macht. Vielleicht führt das Kind auch seine
    frühen Erkrankungen auf diese Versagung zurück. Es
    gehört bereits ein gut Stück intellektueller Schulung
    dazu, um an Zufall zu glauben; der Primitive, der Un-
    gebildete, gewiß auch das Kind, wissen für alles, was
    geschieht, einen Grund anzugeben. Vielleicht war es ur-
    sprünglich ein Motiv im Sinne des Animismus. In
    manchen Schichten unserer Bevölkerung kann noch
    heute niemand sterben, der nicht von einem anderen
    umgebracht worden wäre, am besten vom Doktor. Und

  • S.

    170

    die regelmäßige neurotische Reaktion auf den Tod einer
    nahestehenden Person ist doch die Selbstbeschuldigung,
    daß man selbst diesen Tod verursacht hat.

    Die nächste Anklage gegen die Mutter flammt auf,
    wenn das nächste Kind in der Kinderstube erscheint.
    Wenn möglich, hält sie den Zusammenhang mit der
    oralen Versagung fest. Die Mutter konnte oder wollte
    dem Kind nicht mehr Milch geben, weil sie die Nah-
    rung für das neu Angekommene brauchte. Im Falle, daß
    die beiden Kinder so nahe beisammen sind, daß die
    Laktation durch die zweite Gravidität geschädigt wird,
    erwirbt ja dieser Vorwurf eine reale Begründung und
    merkwürdiger Weise ist das Kind auch bei einer Alters-
    differenz von nur 11 Monaten nicht zu jung, um den
    Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen. Aber nicht allein
    die Milchnahrung mißgönnt das Kind dem unerwünsch-
    ten Eindringling und Rivalen, sondern ebenso alle an-
    deren Zeichen der mütterlichen Fürsorge. Es fühlt sich
    entthront, beraubt, in seinen Rechten geschädigt, wirft
    einen eifersüchtigen Haß auf das Geschwisterchen und
    entwickelt einen Groll auf die ungetreue Mutter, der
    sich sehr oft in einer unliebsamen Veränderung seines
    Benehmens Ausdruck schafft. Es wird etwa „schlimm“,
    reizbar, unfolgsam und macht seine Erwerbungen in der
    Beherrschung der Ausscheidungen rückgängig. Das ist
    alles längst bekannt und wird als selbstverständlich hin-
    genommen, aber wir machen uns selten die richtige
    Vorstellung von der Stärke dieser eifersüchtigen Re-
    gungen, von der Zähigkeit, mit der sie haften bleiben,
    sowie von der Größe ihres Einflusses auf die spätere

  • S.

    171

    Entwicklung. Besonders, da dieser Eifersucht in den
    späteren Kinderjahren immer neue Nahrung zugeführt
    wird und die ganze Erschütterung sich bei jedem neuen
    Geschwisterchen wiederholt. Es ändert auch nicht viel
    daran, wenn das Kind etwa der bevorzugte Liebling
    der Mutter bleibt; die Liebesansprüche des Kindes sind
    unmäßig, fordern Ausschließlichkeit, lassen keine
    Teilung zu.

    Eine reichliche Quelle für die Feindseligkeit des
    Kindes gegen die Mutter ergeben seine mannigfachen,
    je nach der Libidophase wechselnden Sexualwünsche,
    die meist nicht befriedigt werden können. Die stärkste
    dieser Versagungen ereignet sich in der phallischen Zeit,
    wenn die Mutter die lustvolle Betätigung am Genitale
    verbietet, – oft unter harten Drohungen und mit allen
    Zeichen des Unwillens, – zu der sie doch das Kind selbst
    angeleitet hatte. Man sollte meinen, das wären Motive
    genug, die Abwendung des Mädchens von der Mutter
    zu begründen. Man würde dann urteilen, diese Ent-
    zweiung folge unvermeidlicher Weise aus der Natur der
    kindlichen Sexualität, aus der Unmäßigkeit der Liebes-
    ansprüche und der Unerfüllbarkeit der Sexualwünsche.
    Ja vielleicht denkt man, diese erste Liebesbeziehung des
    Kindes sei zum Untergang verurteilt, eben darum, weil
    sie die erste ist, denn diese frühzeitigen Objekt-
    besetzungen sind regelmäßig im hohen Grade ambi-
    valent; neben der starken Liebe ist immer eine starke
    Aggressionsneigung vorhanden und je leidenschaftlicher
    das Kind sein Objekt liebt, desto empfindlicher wird es
    gegen Enttäuschungen und Versagungen von dessen

  • S.

    172

    Seite. Endlich muß die Liebe der angehäuften Feind-
    seligkeit erliegen. Oder man kann eine solche ursprüng-
    liche Ambivalenz der Liebesbesetzungen ablehnen und
    darauf hinweisen, daß es die besondere Natur des
    Mutter-Kind-Verhältnisses ist, die mit der gleichen Un-
    vermeidlichkeit zur Störung der kindlichen Liebe führt,
    denn auch die mildeste Erziehung kann nicht anders
    als Zwang ausüben und Einschränkungen einführen, und
    jeder solche Eingriff in seine Freiheit muß beim Kind
    als Reaktion die Neigung zur Auflehnung und Aggres-
    sion hervorrufen. Ich meine, die Diskussion dieser Mög-
    lichkeiten könnte sehr interessant werden, aber da
    stellt sich plötzlich ein Einwand ein, der unser Interesse
    in eine andere Richtung drängt. Alle diese Momente,
    die Zurücksetzungen, Liebesenttäuschungen, die Eifer-
    sucht, die Verführung mit nachfolgendem Verbot,
    kommen doch auch im Verhältnis des Knaben zur
    Mutter zur Wirksamkeit und sind doch nicht im Stande,
    ihn dem Mutterobjekt zu entfremden. Wenn wir nicht
    etwas finden, was für das Mädchen spezifisch ist, beim
    Knaben nicht oder nicht so vorkommt, haben wir den
    Ausgang der Mutterbindung beim Mädchen nicht
    erklärt.

    Ich meine, wir haben dies spezifische Moment ge-
    funden, und zwar an erwarteter Stelle, wenn auch in
    überraschender Form. An erwarteter Stelle, sage ich,
    denn es liegt im Kastrationskomplex. Der anatomische
    Unterschied muß sich doch in psychischen Folgen aus-
    prägen. Eine Überraschung war es aber, aus den Ana-
    lysen zu erfahren, daß das Mädchen die Mutter für

  • S.

    173

    seinen Penismangel verantwortlich macht und ihr
    diese Benachteiligung nicht verzeiht.

    Sie hören, wir schreiben auch dem Weib einen
    Kastrationskomplex zu. Mit gutem Grund, aber er
    kann nicht denselben Inhalt haben wie beim Knaben.
    Bei diesem entsteht der Kastrationskomplex, nachdem
    er durch den Anblick eines weiblichen Genitales erfah-
    ren hat, daß das von ihm so hoch geschätzte Glied nicht
    notwendig mit dem Körper beisammen sein muß. Er
    entsinnt sich dann der Drohungen, die er sich durch
    seine Beschäftigung mit dem Glied zugezogen, fängt an,
    ihnen Glauben zu schenken und gerät von da an unter
    den Einfluß der Kastrationsangst, die der
    mächtigste Motor seiner weiteren Entwicklung wird.
    Auch der Kastrationskomplex des Mädchens wird durch
    den Anblick des anderen Genitales eröffnet. Es merkt
    sofort den Unterschied und – man muß es zugestehen
    – auch seine Bedeutung. Es fühlt sich schwer beein-
    trächtigt, äußert oft, es möchte „auch so etwas haben“
    und verfällt nun dem Penisneid, der unvertilgbare
    Spuren in seiner Entwicklung und Charakterbildung
    hinterlassen, auch im günstigsten Fall nicht ohne
    schweren psychischen Aufwand überwunden werden
    wird. Daß das Mädchen die Tatsache ihres Penis-
    mangels anerkennt, will nicht etwa besagen, daß sie
    sich ihr leichthin unterwirft. Im Gegenteil, sie hält noch
    lange an dem Wunsch fest, auch so etwas zu bekommen,
    glaubt an diese Möglichkeit bis in unwahrscheinlich
    weite Jahre, und noch zu Zeiten, wenn das Wissen um
    die Realität die Erfüllung dieses Wunsches längst als

  • S.

    174

    unerreichbar bei Seite geworfen hat, kann die Analyse
    nachweisen, daß er im Unbewußten erhalten geblieben
    ist und eine ansehnliche Energiebesetzung bewahrt hat.
    Der Wunsch, den ersehnten Penis endlich doch zu be-
    kommen, kann noch seinen Beitrag zu den Motiven
    leisten, die das gereifte Weib in die Analyse drängen,
    und was sie verständiger Weise von der Analyse er-
    warten kann, etwa die Fähigkeit, einen intellektuellen
    Beruf auszuüben, läßt sich oft als eine sublimierte Ab-
    wandlung dieses verdrängten Wunsches erkennen.

    An der Bedeutsamkeit des Penisneides kann man
    nicht gut zweifeln. Hören Sie sich sich als ein Beispiel
    männlicher Ungerechtigkeit die Behauptung an, daß
    Neid und Eifersucht im Seelenleben der Frauen eine
    noch größere Rolle spielen als bei den Männern. Nicht
    daß diese Eigenschaften bei Männern vermißt würden
    oder daß sie bei Frauen keine andere Wurzel hätten als
    den Penisneid, aber wir sind geneigt, das Mehr bei den
    Frauen diesem letzteren Einfluß zuzuschreiben. Es hat
    sich aber bei manchen Analytikern die Neigung er-
    geben, jenen ersten Schub von Penisneid, in der phal-
    lischen Phase, in seiner Bedeutung herabzudrücken. Sie
    meinen, was man von dieser Einstellung bei der Frau
    findet, sei der Hauptsache nach eine sekundäre Bildung,
    die bei Gelegenheit späterer Konflikte durch Regression
    auf jene frühinfantile Regung zu Stande gekommen.
    Nun ist das ein allgemeines Problem der Tiefenpsycho-
    logie. Bei vielen pathologischen – oder auch nur un-
    gewöhnlichen – Trieb-einstellungen z. B. bei allen
    sexuellen Perversionen fragt es sich, wieviel von

  • S.

    175

    deren Stärke den frühinfantilen Fixierungen, wieviel
    dem Einfluß späterer Erlebnisse und Entwicklungen zu-
    zuteilen ist. Es handelt sich dabei fast immer um Er-
    gänzungsreihen, wie wir sie bei der Erörterung der
    Neurosenätiologie angenommen haben. Beide Momente
    teilen sich in wechselndem Ausmaß in die Ver-
    ursachung; ein Minder auf der einen Seite wird durch
    ein Mehr auf der anderen wettgemacht. Das Infantile
    ist in allen Fällen richtunggebend, ausschlaggebend nicht
    immer, aber doch oftmals. Grade im Fall des Penis-
    neides möchte ich mit Entschiedenheit für das Über-
    gewicht des infantilen Moments eintreten.

    Die Entdeckung seiner Kastration ist ein Wende-
    punkt in der Entwicklung des Mädchens. Drei Ent-
    wicklungsrichtungen gehen von ihr aus; die eine führt
    zur Sexualhemmung oder zur Neurose, die nächste zur
    Charakterveränderung im Sinne eines Männlichkeits-
    komplexes, die letzte endlich zur normalen Weiblich-
    keit. Über alle drei haben wir ziemlich viel, wenn auch
    nicht alles erfahren. Der wesentliche Inhalt der ersten
    ist, daß das kleine Mädchen, welches bisher männlich
    gelebt hatte, sich durch Erregung seiner Klitoris Lust
    zu verschaffen wußte und diese Betätigung mit seinen
    oft aktiven Sexualwünschen, die der Mutter galten, in
    Beziehung brachte, sich durch den Einfluß des Penis-
    neides den Genuß seiner phallischen Sexualität verder-
    ben läßt. Durch den Vergleich mit dem soviel besser
    ausgestatteten Knaben in seiner Selbstliebe gekränkt,
    verzichtet es auf die masturbatorische Befriedigung an
    der Klitoris, verwirft seine Liebe zur Mutter und ver-

  • S.

    176

    drängt dabei nicht selten ein gutes Stück seiner Sexual-
    strebungen überhaupt. Die Abwendung von der Mutter
    erfolgt wohl nicht mit einem Schlag, denn das Mädchen
    hält seine Kastration zuerst für ein individuelles Un-
    glück, erst allmählich dehnt sie dieselbe auf andere weib-
    liche Wesen, endlich auch auf die Mutter aus. Ihre Liebe
    hatte der phallischen Mutter gegolten; mit der Ent-
    deckung, daß die Mutter kastriert ist, wird es möglich,
    sie als Liebesobjekt fallen zu lassen, so daß die lange
    angesammelten Motive zur Feindseligkeit die Oberhand
    gewinnen. Das heißt also, daß durch die Entdeckung der
    Penislosigkeit das Weib dem Mädchen ebenso entwertet
    wird wie dem Knaben und später vielleicht dem Manne.

    Sie wissen alle, welche überragende ätiologische
    Bedeutung unsere Neurotiker ihrer Onanie einräumen.
    Sie machen sie für alle ihre Beschwerden verantwortlich
    und wir haben große Mühe sie glauben zu machen, daß
    sie im Irrtum sind. Aber eigentlich sollten wir ihnen zu-
    gestehen, daß sie im Recht sind, denn die Onanie ist die
    Exekutive der kindlichen Sexualität, an deren Fehlent-
    wicklung sie allerdings leiden. Nur beschuldigen die
    Neurotiker meist die Onanie der Pubertätszeit; die früh-
    kindliche, auf die es in Wirklichkeit ankommt, haben
    sie meist vergessen. Ich wollte, ich hätte einmal die Ge-
    legenheit, Ihnen ausführlich darzulegen, wie wichtig alle
    tatsächlichen Einzelheiten der frühen Onanie für die
    spätere Neurose oder den Charakter des Einzelnen wer-
    den, ob sie entdeckt wurde oder nicht, wie die Eltern sie
    bekämpften oder zuließen, ob es ihm selbst gelang, sie zu
    unterdrücken. Das alles hat unvergängliche Spuren in

  • S.

    177

    seiner Entwicklung hinterlassen. Aber ich bin vielmehr
    froh, daß ich dies nicht zu tun brauche; es wäre eine
    schwere, langwierige Aufgabe und am Ende würden Sie
    mich in Verlegenheit bringen, weil Sie ganz gewiß prak-
    tische Ratschläge von mir forderten, wie man sich als
    Elternteil oder als Erzieher gegen die Onanie der kleinen
    Kinder verhalten soll. In der Entwicklung der Mäd-
    chen, die ich Ihnen vorführe, hören Sie nun ein Beispiel
    dafür, daß das Kind sich selbst um die Befreiung von
    der Onanie bemüht. Aber es gelingt ihm nicht immer.
    Wo der Penisneid einen starken Impuls gegen die kli-
    toridische Onanie erweckt hat und diese doch nicht wei-
    chen will, entspinnt sich ein heftiger Befreiungskampf,
    in dem das Mädchen gleichsam die Rolle der jetzt abge-
    setzten Mutter selbst aufnimmt und seine ganze Unzu-
    friedenheit mit der minderwertigen Klitoris im Wider-
    streben gegen die Befriedigung an ihr zum Ausdruck
    bringt. Noch viele Jahre später, wenn die onanistische
    Betätigung längst unterdrückt ist, setzt sich ein Inter-
    esse fort, das wir als Abwehr einer noch immer gefürch-
    teten Versuchung deuten müssen. Es äußert sich im Auf-
    tauchen von Sympathie für Personen, denen man ähn-
    liche Schwierigkeiten zumutet, es geht als Motiv in die
    Eheschließung ein, ja es kann die Wahl des Ehe- oder
    Liebespartners bestimmen. Die Erledigung der frühkind-
    lichen Masturbation ist wahrlich keine leichte oder
    gleichgiltige Sache.

    Mit dem Aufgeben der klitoridischen Masturbation
    wird auf ein Stück Aktivität verzichtet. Die Passivität
    hat nun die Oberhand, die Wendung zum Vater

  • S.

    178

    wird vorwiegend mit Hilfe passiver Triebregungen voll-
    zogen. Sie erkennen, daß ein solcher Entwicklungsschub,
    der die phallische Aktivität aus dem Weg räumt, der
    Weiblichkeit den Boden ebnet. Wenn dabei nicht zuviel
    durch Verdrängung verloren geht, kann diese Weiblich-
    keit normal ausfallen. Der Wunsch, mit dem sich das
    Mädchen an den Vater wendet, ist wohl ursprünglich
    der Wunsch nach dem Penis, den ihr die Mutter ver-
    sagt hat und den sie nun vom Vater erwartet. Die weib-
    liche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der
    Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind er-
    setzt, das Kind also nach alter symbolischer Äquivalenz
    an die Stelle des Penis tritt. Es entgeht uns nicht, daß
    sich das Mädchen schon früher, in der ungestörten phal-
    lischen Phase ein Kind gewünscht hatte; das war ja der
    Sinn ihres Spieles mit Puppen. Aber dies Spiel war nicht
    eigentlich der Ausdruck ihrer Weiblichkeit, es diente der
    Mutteridentifizierung in der Absicht der Ersetzung der
    Passivität durch Aktivität. Sie spielte die Mutter und
    die Puppe war sie selbst; nun konnte sie an dem Kind
    all das tun, was die Mutter an ihr zu tun pflegte. Erst
    mit dem Einmünden des Peniswunsches wird das Puppen-
    kind ein Kind vom Vater und von da an das stärkste
    weibliche Wunschziel. Das Glück ist groß, wenn dieser
    Kinderwunsch später einmal seine reale Erfüllung findet,
    ganz besonders aber, wenn das Kind ein Knäblein ist,
    das den ersehnten Penis mitbringt. In der Zusammen-
    stellung: Ein Kind vom Vater ruht der Akzent häufig
    genug auf dem Kind und läßt den Vater unbetont. So
    schimmert der alte männliche Wunsch nach dem Besitz

  • S.

    XXXIII. Die Weiblichkeit. 179

    des Penis noch durch die vollendete Weiblichkeit durch.
    Aber vielleicht sollten wir diesen Peniswunsch eher als
    einen exquisit weiblichen anerkennen.

    Mit der Übertragung des Kind-Penis-Wunsches auf
    den Vater ist das Mådchen in die Situation des Odipus-
    komplexes eingetreten. Die Feindseligkeit gegen die Mut-
    ter, die nicht erst neu geschaffen zu werden brauchte,
    erfåhrt jetzt eine grofte Verstårkung, denn sie wird zur
    Rivalin, die vom Vater all das erhålt, was das Mådchen
    von ihm begehrt. Der Odipuskomplex des Mådchens hat
    uns lange den Einblick in dessen práódipale Mutterbin-
    dung verhüllt, die doch so wichtig ist und so nachhaltige
    Fixierungen hinterläßt. Für das Mädchen ist die Odipus-
    situation der Ausgang einer langen und schwierigen Ent-
    wicklung, eine Art vorläufiger Erledigung, eine Ruhe-
    position, die man nicht so bald verläßt, besonders da
    der Beginn der Latenzzeit nicht fern ist. Und nun fällt
    uns im Verhiltnis des Odipuskomplexes zum Kastrations-
    komplex ein Unterschied zwischen den Geschlechtern
    auf, der wahrscheinlich folgenschwer ist. Der Odipus-
    komplex des Knaben, in dem er seine Mutter begehrt
    und seinen Vater als Rivalen beseitigen möchte, ent-
    wickelt sich natürlich aus der Phase seiner phallischen
    Sexualitàt. Die Kastrationsdrohung zwingt ihn aber,
    diese Einstellung aufzugeben. Unter dem Eindruck der
    Gefahr, den Penis zu verlieren, wird der Odipuskomplex
    verlassen, verdrängt, im normalsten Falle gründlich zer-
    stórt, und als sein Erbe ein strenges Überich eingesetzt.
    Was beim Mádchen geschieht, ist beinahe das Gegenteil.
    Der Kastrationskomplex bereitet den Odipuskomplex vor

  • S.

    180

    anstatt ihn zu zerstören, durch den Einfluß des Penis
    neides wird das Mädchen aus der Mutterbindung ver-
    trieben und läuft in die Ödipussituation wie in einen
    Hafen ein. Mit dem Wegfall der Kastrationsangst ent
    fällt das Hauptmotiv, das den Knaben gedrängt hatte,
    den Ödipuskomplex zu überwinden. Das Mädchen ver
    bleibt in ihm unbestimmt lange, baut ihn nur spät und
    dann unvollkommen ab. Die Bildung des Überichs muß
    unter diesen Verhältnissen leiden, es kann nicht die
    Stärke und die Unabhängigkeit erreichen, die ihm seine
    kulturelle Bedeutung verleihen und – Feministen hören
    es nicht gerne, wenn man auf die Auswirkungen dieses
    Moments für den durchschnittlichen weiblichen Charak-
    ter hinweist.

    Um nun zurückzugreifen: als die zweite der mög-
    lichen Reaktionen nach der Entdeckung der weiblichen
    Kastration haben wir die Entwicklung eines starken
    Männlichkeitskomplexes erwähnt. Damit ist gemeint, daß
    das Mädchen sich gleichsam weigert, die unliebsame Tat-
    sache anzuerkennen, in trotziger Auflehnung seine bis-
    herige Männlichkeit noch übertreibt, an seiner klitori-
    dischen Betätigung festhält und seine Zuflucht zu einer
    Identifizierung mit der phallischen Mutter oder dem
    Vater nimmt. Was kann für diesen Ausgang entscheidend
    sein? Wir können uns nichts anderes vorstellen als einen
    konstitutionellen Faktor, ein größeres Ausmaß von Ak-
    tivität, wie es sonst für das Männchen charakteristisch ist.
    Das Wesentliche des Vorganges ist doch, daß an dieser
    Stelle der Entwicklung der Passivitätsschub vermieden
    wird, der die Wendung zur Weiblichkeit eröffnet. Als die

  • S.

    181

    äußerste Leistung dieses Männlichkeitskomplexes er-
    scheint uns die Beeinflussung der Objektwahl im Sinne
    einer manifesten Homosexualität. Die analytische Erfah-
    rung lehrt uns zwar, daß die weibliche Homosexualität
    selten oder nie die infantile Männlichkeit gradlinig fort-
    setzt. Es scheint dazuzugehören, daß auch solche Mäd-
    chen für eine Weile den Vater zum Objekt nehmen und
    sich in die Ödipussituation begeben. Dann aber werden
    sie durch die unausbleiblichen Enttäuschungen am Vater
    zur Regression auf ihren frühen Männlichkeitskomplex
    gedrängt. Man darf die Bedeutung dieser Enttäuschun-
    gen nicht überschätzen; sie bleiben auch dem zur Weib-
    lichkeit bestimmten Mädchen nicht erspart, ohne den
    gleichen Erfolg zu haben. Die Übermacht der konstitu-
    tionellen Moments scheint unbestreitbar, aber die zwei
    Phasen in der Entwicklung der weiblichen Homosexua-
    lität spiegeln sich sehr schön in den Praktiken der Ho-
    mosexuellen, die eben so oft und eben so deutlich Mutter
    und Kind mit einander spielen wie Mann und Weib.

    Was ich Ihnen da erzählt habe, ist sozusagen die
    Vorgeschichte des Weibes. Es ist eine Erwerbung der
    allerletzten Jahre, mag Ihnen als Probe analytischer
    Kleinarbeit interessant gewesen sein. Da die Frau selbst
    das Thema ist, gestatte ich mir, diesmal einige Frauen
    namentlich zu erwähnen, denen diese Untersuchung wich-
    tige Beiträge verdankt. Dr. Ruth Mack Bruns-
    wick hat als die erste einen Fall von Neurose be-
    schrieben, der auf eine Fixierung im präödipalen Sta-
    dium zurückging und die Ödipussituation überhaupt
    nicht erreicht hatte. Er hatte die Form einer Eifersuchts-

  • S.

    182

    paranoia und erwies sich der Therapie zugänglich.
    Dr. Jeanne Lampl-de Groot hat die so un-
    glaubwürdige phallische Aktivität des Mädchens gegen
    die Mutter in gesicherten Beobachtungen festgestellt,
    Dr. Helene Deutsch gezeigt, daß die Liebesakte
    homosexueller Frauen die Mutter-Kind Beziehungen re-
    produzieren.

    Das weitere Verhalten der Weiblichkeit durch die
    Pubertät bis in die Zeit der Reife zu verfolgen, liegt
    nicht in meiner Absicht. Unsere Einsichten wären auch
    unzureichend dafür. Einige Züge werde ich im Nach-
    folgenden zusammenstellen. An die Vorgeschichte an-
    knüpfend will ich hier nur hervorheben, daß die Ent-
    faltung der Weiblichkeit der Störung durch die Rest-
    erscheinungen der männlichen Vorzeit ausgesetzt bleibt.
    Regressionen zu den Fixierungen jener präödipalen Pha-
    sen ereignen sich sehr häufig; in manchen Lebensläufen
    kommt es zu einem wiederholten Alternieren von Zeiten,
    in denen die Männlichkeit oder die Weiblichkeit die
    Oberhand gewonnen hat. Ein Stück dessen, was wir
    Männer das „Rätsel des Weibes“ heißen, leitet sich viel-
    leicht von diesem Ausdruck der Bisexualität im weib-
    lichen Leben ab. Aber eine andere Frage scheint wäh-
    rend dieser Untersuchungen spruchreif geworden zu sein.
    Wir haben die Triebkraft des Sexuallebens Libido ge-
    nannt. Dies Sexualleben wird von der Polarität Männ-
    lich-Weiblich beherrscht; also liegt es nahe, das Verhält-
    nis der Libido zu diesem Gegensatz ins Auge zu fassen.
    Es wäre nicht überraschend, wenn sich herausstellte, daß
    jeder Sexualität ihre besondere Libido zugeordnet wäre,

  • S.

    183

    so daß eine Art von Libido die Ziele des männlichen,
    eine andere die des weiblichen Sexuallebens verfolgen
    würde. Aber nichts dergleichen ist der Fall. Es gibt nur
    eine Libido, die in den Dienst der männlichen wie der
    weiblichen Sexualfunktion gestellt wird. Wir können ihr
    selbst kein Geschlecht geben; wenn wir sie nach der kon-
    ventionellen Gleichstellung von Aktivität und Männlich-
    keit selbst männlich heißen wollen, dürfen wir nicht ver-
    gessen, daß sie auch Strebungen mit passiven Zielen ver-
    tritt. Immerhin, die Zusammenstellung „weibliche Li-
    bido“ läßt jede Rechtfertigung vermissen. Es ist dann
    unser Eindruck, daß der Libido mehr Zwang angetan
    wurde, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funktion
    gepreßt ist, und daß – um teleologisch zu reden – die
    Natur ihren Ansprüchen weniger sorgfältig Rechnung
    trägt als im Falle der Männlichkeit. Und das mag –
    wiederum teleologisch gedacht – seinen Grund darin
    haben, daß die Durchsetzung des biologischen Ziels der
    Aggression des Mannes anvertraut und von der Zustim-
    mung des Weibes einigermaßen unabhängig gemacht
    worden ist.

    Die sexuelle Frigidität des Weibes, deren Häufig-
    keit diese Zurücksetzung zu bestätigen scheint, ist ein
    erst ungenügend verstandenes Phänomen. Manchmal psy-
    chogen und dann der Beeinflussung zugänglich, legt sie
    in anderen Fällen die Annahme einer konstitutionellen
    Bedingtheit, selbst den Beitrag eines anatomischen Fak-
    tors, nahe.

    Ich habe versprochen, Ihnen noch einige psychische
    Besonderheiten der reifen Weiblichkeit vorzuführen, wie

  • S.

    184

    sie uns in der analytischen Beobachtung entgegen treten.
    Mehr als durchschnittlichen Wahrheitswert nehmen wir
    für diese Behauptungen nicht in Anspruch; auch ist es
    nicht immer leicht auseinanderzuhalten, was dem Ein-
    fluß der Sexualfunktion und was der sozialen Züchtung
    zuzuschreiben ist. Wir schreiben also der Weiblichkeit
    ein höheres Maß von Narzißmus zu, das noch ihre Ob-
    jektwahl beeinflußt, so daß geliebt zu werden dem
    Weib ein stärkeres Bedürfnis ist, als zu lieben. An der
    körperlichen Eitelkeit des Weibes ist noch die Wirkung
    des Penisneides mitbeteiligt, da sie ihre Reize als späte-
    Entschädigung für die ursprüngliche sexuelle Minder-
    wertigkeit um so höher einschätzen muß. Der Scham,
    die als eine exquisit weibliche Eigenschaft gilt, aber weit
    mehr konventionell ist, als man denken sollte, schreiben
    wir die ursprüngliche Absicht zu, den Defekt des Geni-
    tales zu verdecken. Wir vergessen nicht, daß sie später-
    hin andere Funktionen übernommen hat. Man meint,
    daß die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen
    der Kulturgeschichte wenig Beiträge geleistet haben, aber
    vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des
    Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man
    versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu er-
    raten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nach-
    ahmung gegeben, in dem sie mit der Geschlechtsreife die
    Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale ver-
    hüllt. Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand
    darin, die Fasern an einander haften zu machen, die am
    Körper in der Haut staken und nur mit einander
    verfilzt waren. Wenn Sie diesen Einfall als phantastisch
     

  • S.

    185

    zurückweisen und mir den Einfluß des Penismangels auf
    die Gestaltung der Weiblichkeit als eine fixe Idee an-
    rechnen, bin ich natürlich wehrlos.

    Die Bedingungen der Objektwahl des Weibes sind
    häufig genug durch soziale Verhältnisse unkenntlich ge-
    macht. Wo sie sich frei zeigen darf, erfolgt sie oft nach
    dem narzißtischen Ideal des Mannes, der zu werden das
    Mädchen gewünscht hatte. Ist das Mädchen in der Vater-
    bindung, also im Ödipuskomplex verblieben, so wählt
    es nach dem Vatertypus. Da bei der Wendung von der
    Mutter zum Vater die Feindseligkeit der ambivalenten
    Gefühlsbeziehung bei der Mutter verblieben ist, sollte
    eine solche Wahl eine glückliche Ehe versichern. Aber
    sehr oft tritt der Ausgang ein, der eine solche Erledigung
    des Ambivalenzkonflikts im allgemeinen bedroht. Die zu-
    rückgelassene Feindseligkeit kommt der positiven Bin-
    dung nach und greift auf das neue Objekt über. Der
    Ehemann, der zunächst vom Vater geerbt hatte, tritt mit
    der Zeit auch das Muttererbe an. So kann es leicht ge-
    schehen, daß die zweite Hälfte des Lebens einer Frau
    von dem Kampf gegen ihren Mann erfüllt wird, wie die
    kürzere erste von der Auflehnung gegen ihre Mutter.
    Nachdem diese Reaktion ausgelebt worden ist, kann sich
    eine zweite Ehe leicht sehr viel befriedigender gestalten.
    Eine andere Wandlung im Wesen der Frau, für die die
    Liebenden nicht vorbereitet sind, mag eintreten, nach
    dem in der Ehe das erste Kind geboren worden ist. Unter
    dem Eindruck der eigenen Mutterschaft kann eine Iden-
    tifizierung mit der eigenen Mutter wieder belebt werden,
    gegen die sich das Weib bis zur Ehe gesträubt hatte, und

  • S.

    186

    alle verfügbare Libido an sich reißen, so daß der Wieder-
    holungszwang eine unglückliche Ehe der Eltern repro-
    duziert. Daß das alte Moment des Penismangels seine
    Kraft noch immer nicht eingebüßt hat, zeigt sich in der
    verschiedenen Reaktion der Mutter auf die Geburt eines
    Sohnes oder einer Tochter. Nur das Verhältnis zum Sohn
    bringt der Mutter uneingeschränkte Befriedigung; es ist
    überhaupt die vollkommenste, am ehesten ambivalenz-
    freie aller menschlichen Beziehungen. Auf den Sohn kann
    die Mutter den Ehrgeiz übertragen, den sie bei sich unter-
    drücken mußte, von ihm die Befriedigung all dessen er-
    warten, was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex ver-
    blieben ist. Selbst die Ehe ist nicht eher versichert, als
    bis es der Frau gelungen ist, ihren Mann auch zu ihrem
    Kind zu machen und die Mutter gegen ihn zu agieren.

    Die Mutteridentifizierung des Weibes läßt zwei
    Schichten erkennen, die präödipale, die auf der zärt-
    lichen Bindung an die Mutter beruht, und sie zum Vor-
    bild nimmt, und die spätere aus dem Ödipuskomplex,
    die die Mutter beseitigen und beim Vater ersetzen will.
    Von beiden bleibt viel für die Zukunft übrig, man hat
    wohl ein Recht zu sagen, keine wird im Laufe der Ent-
    wicklung in ausreichendem Maße überwunden. Aber die
    Phase der zärtlichen präödipalen Bindung ist die für
    die Zukunft des Weibes entscheidende; in ihr bereitet
    sich die Erwerbung jener Eigenschaften vor, mit denen
    sie später ihrer Rolle in der Sexualfunktion genügen und
    ihre unschätzbaren sozialen Leistungen bestreiten wird.
    In dieser Identifizierung gewinnt sie auch die Anzie-
    hung für den Mann, die dessen ödipale Mutterbin-

  • S.

    187

    dung zur Verliebtheit entfacht. Nur daß dann so häufig
    erst der Sohn das erhält, um was er für sich geworben
    hatte. Man hat den Eindruck, die Liebe des Mannes und
    die der Frau sind um eine psychologische Phasendifferenz
    auseinander.

    Daß man dem Weib wenig Sinn für Gerechtigkeit
    zuerkennen muß, hängt wohl mit dem Überwiegen des
    Neids in ihrem Seelenleben zusammen, denn die Gerech-
    tigkeitsforderung ist eine Verarbeitung des Neids, gibt
    die Bedingung an, unter der man ihn fahren lassen kann.
    Wir sagen auch von den Frauen aus, daß ihre sozialen
    Interessen schwächer und ihre Fähigkeit zur Triebsubli-
    mierung geringer sind als die der Männer. Das erstere
    leitet sich wohl vom dissozialen Charakter ab, der allen
    Sexualbeziehungen unzweifelhaft eignet. Liebende finden
    an einander Genüge und noch die Familie widerstrebt
    der Aufnahme in umfassendere Verbände. Die Eignung
    zur Sublimierung ist den größten individuellen Schwan-
    kungen unterworfen. Hingegen kann ich es nicht unter-
    lassen, einen Eindruck zu erwähnen, den man immer
    wieder in der analytischen Tätigkeit empfängt. Ein Mann
    um die Dreißig erscheint als ein jugendliches, eher un-
    fertiges Individuum, von dem wir erwarten, daß es die
    Möglichkeiten der Entwicklung, die ihm die Analyse er-
    öffnet, kräftig ausnützen wird. Eine Frau um die gleiche
    Lebenszeit aber erschreckt uns häufig durch ihre psychi-
    sche Starrheit und Unveränderlichkeit. Ihre Libido hat
    endgültige Positionen eingenommen und scheint unfähig,
    sie gegen andere zu verlassen. Wege zu weiterer Ent-
    wicklung ergeben sich nicht; es ist, als wäre der ganze

  • S.

    188

    Prozeß bereits abgelaufen, bliebe von nun an unbeein-
    flußbar, ja als hätte die schwierige Entwicklung zur
    Weiblichkeit die Möglichkeiten der Person erschöpft.
    Wir beklagen diesen Sachverhalt als Therapeuten, selbst
    wenn es uns gelingt, dem Leiden durch die Erledigung
    des neurotischen Konflikts ein Ende zu machen.

    Das ist alles, was ich Ihnen über die Weiblichkeit
    zu sagen hatte. Es ist gewiß unvollständig und fragmen-
    tarisch, klingt auch nicht immer freundlich. Vergessen

    Sie aber nicht, daß wir das Weib nur insofern beschrie-
    ben haben, als sein Wesen durch seine Sexualfunktion
    bestimmt wird. Dieser Einfluß geht freilich sehr weit,
    aber wir behalten im Auge, daß die einzelne Frau auch
    sonst ein menschliches Wesen sein mag. Wollen Sie mehr

    über die Weiblichkeit wissen, so befragen Sie ihre eigenen
    Lebenserfahrungen, oder Sie wenden sich an die Dichter,
    oder Sie warten, bis die Wissenschaft Ihnen tiefere und
    besser zusammenhängende Auskünfte geben kann.