[Mitteilung Freuds] Über das Brautreisen 1912-510/1912

Winterstein, Alfred (1912-510/1912): [Mitteilung Freuds] Über das Brautreisen

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S.

Zur Psychoanalyse des Reisens                      491

     Und C. F. Meyer, „der zum Reiseschritt Verdammte“, den
der in seiner wahren Bedeutung nur allzu kenntliche Wanderdrang
sein Leben lang nicht verliess, singt:

»Zu wandern ist das Herz verdammt,
Das seinen Jugendtag versäumt,
Sobald die Lenzessonne flammt,
Sobald die Welle wieder schäumt.

Verscherzte Jugend ist ein Schmerz
Und einer ew’gen Sehnsucht Hort.
Nach seinem Lenze sucht das Herz
In einem fort, in einem fort!«*

     Meines Wissens findet sich zuerst bei O. Weininger eine be-
wusste Erkenntnis von der geheimen Verbindung zwischen Reise-
trieb und Sexualtrieb. Die betreffende Stelle lautet in »Geschlecht
und Charakter« (S. 317): »Er (Kant) war so wenig erotisch, daß
er nicht einmal das Bedürfnis hatte zu reisen**«. Auch Havelock
Ellis macht gelegentlich eine hierhergehörige Bemerkung. In der im
Frühling und Herbst auftretenden Reiselust erblickt er ein Überbleibsel
der zu diesen Hochzeiten der Sexualität von den Männern früher
einmal unternommenen Raubzüge, die die Erbeutung eines Weibes
bezweckten***.

     Die eben besprochene Tatsache, daß viele Menschen zu be-
stimmten Zeiten des Jahres Lust zum Reisen verspüren, erschöpft
nicht alle möglichen Fälle. Dieser Wandertrieb zeigt die mannig-
faltigsten Abstufungen: von der mit mäßiger Intensität im Frühjahr
und Herbst†, überhaupt in der schönen Jahreszeit, auftretenden
Reiselust der meisten Menschen über die heftigere, von zeitlicher


* In Tiecks Novelle, Die Sommerreise (1833), verfolgt Walther den Ent-
führer der Cousine eines Freundes; es stellt sich aber heraus, daß sein eigener
Reisebegleiter Ferdinand der Verfolgte ist. Das beständige Haschen und Wieder-
verlieren der Maschinka wird in der Form zum Ausdruck gebracht, in-
dem die Reisebeschreibung im Vordergrund steht und die eigentliche Handlung der
Novelle nur flüchtig, wie die Maschinka, hervortritt. — Hier wird uns in typischer
Weise anschaulich gemacht, wie die Dichter das Primäre, das erotische Motiv, in
der Darstellung zu verschleiern suchen. Als weitere Beispiele verdienen eine No-
velle von Th. Mann: Der Kleiderschrank, und J. Wassermanns Erzählung:
Geronimo de Aguilar, herangezogen zu werden. — Auch in Hofmannsthals
Schauspiel: Christinas Heimreise, wird das sexuelle Abenteuer durch die Reise-
stimmung ermöglicht.
** Was anmerkungsweise als Erklärung angegeben wird, verdunkelt durch
seinen metaphysischen Charakter die gute psychologische Einsicht.
*** Einer mündlichen Mitteilung Prof. Freuds verdanke ich die nachstehenden
Ausführungen: Das Reisen, um die Braut zu finden, läßt sich urgeschichtlich be-
gründen in der Sitte, daß der Vater die mannbaren Söhne austrieb, die sich dann
im fremden Land die Braut und mit ihr das Königreich gewannen. Die Märchen,
in denen auch immer ein fremder zugereister Prinz einheiratet, scheinen diese
urzeitlichen Zustände zu wiederholen.
† Vgl. Mörikes Gedicht »Fußreise«: »So fühlt auch mein alter, lieber
Adam Herbst- und Frühlingsfieber.«