Nächstenliebe und Aggressiontrieb 1930-001/1930.2

Freud, Sigmund (1930-001/1930.2): Nächstenliebe und Aggressiontrieb

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  • S.

    pun
    Die psychoanalytische
    Bewegung

    ョ
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    Е

    LE Jahrgang JanuarsFebruar 1930 Heft 1
    SA ‏ה‎

    Nächstenliebe und Aggressionstrieb
    Von
    Sigm. Freud

    Dem soeben erschienenen neuen Buche
    Sigm. Freuds, „Das Unbehagen in
    der Kultur“, entnehmen wir das folgende
    Bruchstück aus dem V. Kapitel,

    Wir haben die Schwierigkeit der Kulturentwicklung als eine allge-
    meine Entwicklungsschwierigkeit aufgefafit, indem wir sie auf die
    Trigheit der Libido zurückführten, auf deren Abneigung, eine alte
    Position gegen eine neue zu verlassen. Wir sagen ungefähr dasselbe,
    wenn wir den Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität davon ab-
    leiten, daß die sexuelle Liebe ein Verhältnis zwischen zwei Personen
    ist, bei dem ein Dritter nur überflüssig oder störend sein kann, wäh-
    rend die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren Menschen-
    anzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebesverhältnisses bleibt kein Inter-
    esse für die Umwelt übrig; das Liebespaar genügt sich selbst, braucht
    auch nicht das gemeinsame Kind, um glücklich zu sein. In keinem
    anderen Falle verrät der Eros so deutlich den Kern seines Wesens, die
    Absicht aus mehreren eines zu machen, aber wenn er dies, wie es
    sprichwörtlich geworden ist, in der Verliebtheit zweier Menschen zu
    einander erreicht hat, will er darüber nicht hinausgehen.

    Wir können uns bisher sehr gut vorstellen, daß eine Kulturgemein-
    schaft aus solchen Doppelindividuen bestünde, die in sich libidinös

    ‎des‏ יש

  • S.

    gesåttigt, durch das Band der Arbeits- und Interessengemeinschaft mit
    einander verknüpft sind. In diesem Falle brauchte die Kultur der
    Sexualitit keine Energie zu entziehen. Aber dieser wiinschenswerte
    Zustand besteht nicht und hat niemals bestanden; die Wirklichkeit
    zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den ihr bisher zugestandenen
    Bindungen begnügt, daß sie die Mitglieder der Gemeinschaft auch
    libidinós an einander binden will, daß sie sich aller Mittel hiezu be-
    dient, jeden Weg begiinstigt, starke Identifizierungen unter ihnen her-
    zustellen, im größten Ausmaße zielgehemmte Libido aufbietet, um die
    Gemeinschaftsbande durch Freundschaftsbeziehungen zu kråftigen. Zur
    Erfüllung dieser Absichten wird die Einschränkung des Sexuallebens
    unvermeidlich. Uns fehlt aber die Einsicht in die Notwendigkeit,
    welche die Kultur auf diesen Weg dringt und ihre Gegnerschaft zur
    Sexualitåt begriindet. Es muf sich um einen, von uns noch nicht ent-
    deckten, störenden Faktor handeln.

    Eine der sogenannten Idealforderungen der Kulturgesellschaft kann
    uns hier die Spur zeigen. Sie lautet: Du sollst den Nåchsten
    lieben wie dich selbst; sie ist weltberühmt, gewiß älter als das
    Christentum, das sie als seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber
    sicherlich nicht sehr alt; in historischen Zeiten war sie den Menschen
    noch fremd. Wir wollen uns naiv zu ihr einstellen, als hérten wir
    von ihr zum ersten Mal. Dann können wir ein Gefühl von Uber-
    raschung und Befremden nicht unterdrücken. Warum sollen wir das?
    Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen wir das zu-
    stande ? Wie wird es uns möglich? Meine Liebe ist etwas mir Wert-
    volles, das ich nicht ohne Rechenschaft verwerfen darf. Sie legt mir
    Pflichten auf, die ich mit Opfern zu erfüllen bereit sein muß. Wenn
    ich einen anderen liebe, muß er es auf irgendeine Art verdienen, (Ich
    sehe von dem Nutzen, den er mir bringen kann, sowie von seiner
    möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für mich ab; diese beiden
    Arten der Beziehung kommen fiir die Vorschrift der Nächstenliebe
    nicht in Betracht.) Er verdient es, wenn er mir in wichtigen Stücken
    so ähnlich ist, daß ich in ihm mich selbst lieben kann; er verdient

    == BR

  • S.

    es, wenn er soviel vollkommener ist als ich, daf ich mein Ideal von
    meiner eigenen Person in ihm lieben kann; ich muß ihn lieben,
    wenn er der Sohn meines Freundes ist, denn der Schmerz des Freun-
    des, wenn ihm ein Leid 2086606, wire auch mein Schmerz, ich müßte
    ihn teilen. Aber wenn er mir fremd ist und mich durch keinen eige-
    nen Wert, keine bereits erworbene Bedeutung für mein Gefühlsleben
    anziehen kann, wird es mir schwer, ihn zu lieben. Ich tue sogar Un-
    recht damit, denn meine Liebe wird von allen den Meinen als Be-
    vorzugung geschätzt; es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den
    Fremden ihnen gleichstelle. Wenn ich ihn aber lieben soll, mit jener
    Weltliebe, bloß weil er auch ein Wesen dieser Erde ist, wie das
    losekt, der Regenwurm, die Ringelnatter, dann wird, fürchte ich, ein
    geringer Betrag Liebe auf ihn entfallen, unmóglich soviel, als ich nach
    dem Urteil der Vernunft berechtigt bin, für mich selbst - zuriickzube-
    halten. Wozu eine so feierlich auftretende Vorschrift,
    wenn ihre Erfüllung sich nicht als vernünftig emp-
    fehlen kann?

    Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierigkeiten.
    Dieser Fremde ist nicht nur im allgemeinen nicht liebenswert, ich muß
    ehrlich bekennen, er hat mehr Anspruch auf meine Feindseligkeit,
    sogar auf meinen Haß. Er scheint nicht die mindeste Liebe für mich
    zu haben, bezeigt mir nicht die geringste Rücksicht. Wenn es ihm
    einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken, mich zu schädigen, fragt
    sich dabei auch nicht, ob die Höhe seines Nutzens der Größe des
    Schadens, den er mir zufügt, entspricht. Ja, er braucht nicht einmal
    einen Nutzen davon zu haben; wenn er nur irgend eine Lust damit
    befriedigen kann, macht er sich nichts daraus, mich zu verspotten, zu
    beleidigen, zu verleumden, seine Macht an mir zu zeigen, und je
    Sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto sicherer darf ich dies
    Benehmen gegen mich von ihm erwarten. Wenn er sich anders ver-
    hilt, wenn er mir als Fremdem Rücksicht und Schonung erweist, bin
    ich ohnedies, ohne jene Vorschrift, bereit, es ihm in ähnlicher Weise
    zu vergelten. Ja, wenn jenes großartige Gebot lauten würde: Liebe

    きま

  • S.

    deinen Nächsten wie dein Nächster dich liebt, dann
    würde ich nicht widersprechen. Es gibt ein zweites Gebot, das mir
    noch unfafibarer scheint und ein noch heftigeres Stráuben in mir ent-
    fesselt. Es heißt: Liebe deine Feinde. Wenn ich's recht iiber-
    lege, habe ich unrecht, es als eine noch stirkere Zumutung abzu-
    weisen. Es ist im Grunde dasselbe.t

    Ich glaube nun von einer wiirdevollen Stimme die Mahnung zu
    hören: Eben darum, weil der Nächste nicht liebenswert und eher
    dein Feind ist, sollst du ihn lieben wie dich selbst. Ich verstehe dann,
    das ist ein åhnlicher Fall wie das Credo quia absurdum.

    Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste, wenn er aufge-
    fordert wird, mich so zu lieben wie sich selbst, genau so antworten
    wird wie ich und mich mit den nåmlichen Begriindungen abweisen
    wird. Ich hoffe, nicht mit demselben objektiven Recht, aber dasselbe
    wird auch er meinen. Immerhin gibt es Unterschiede im Verhalten
    der Menschen, die die Ethik mit Hinwegsetzung iiber deren Bedingt-
    heit also „gut“ und „böse“ klassifiziert. Solange diese unleugbaren
    Unterschiede nicht aufgehoben sind, bedeutet die Befolgung der hohen,
    ethischen Forderungen eine Schådigung der Kulturabsich-
    ten, indem sie direkte Prämien für das Bôsesein aufstellt.
    Man kann hier die Frinnerung an einen Vorgang nicht abweisen, der
    sich in der franzosischen Kammer zutrug, als iiber die Todesstrafe
    verhandelt wurde; ein Redner hatte sich leidenschaftlich fiir ihre Ab-
    schaffung eingesetzt und erntete stürmischen Beifall, bis eine Stimme
    aus dem Saale die Worte dazwischenrief : „Que messieurs les assassins

    commencent !“

    1) Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpónte psychologische Wahr-
    heiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu bringen. So gesteht H. Heine: „Ich
    habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein
    Strohdach, aber cin gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem
    Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich
    ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen
    etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde
    ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill, verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt — ja
    man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.“
    (Heine, Gedanken und Einfälle.)

  • S.

    Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alledem ist, daß der
    Mensch nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen ist, das sich, wenn
    angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern daß er zu seinen
    Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung
    rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der Nächste nicht nur möglicher
    Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Ag-
    gression an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädi-
    gung auszunützen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell zu gebrauchen,
    sich in den Besitz seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm
    Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu töten. Homo homini lupus ;
    wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den
    Mut, diesen Satz zu bestreiten ?

    Diese grausame Aggression wartet in der Regel eine Provo-
    kation ab oder stellt sich in den Dienst einer anderen Ab-
    sicht, deren Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen wäre.
    Unter ihr günstigen Umständen, wenn die seelischen Gegen-
    kräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen sind, äußert sie sich auch
    spontan, enthüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung
    der eigenen Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung,
    der Einbrüche der Hunnen, der sogenannten Mongolen unter Dschen-
    gis Khan und Timurlenk, der Eroberung Jerusalems durch die from-
    men Kreuzfahrer, ja, selbst noch die Schrecken des letzten Welt-
    krieges in seine Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit
    dieser Auffassung demütig beugen müssen,

    Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst ver-
    spüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Mo-
    ment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu
    ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der
    Menschen für einander ist die Kulturgesellschaft beständig vom Zer-
    fall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht
    zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige
    Interessen. Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrieben
    der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische

    ෴ඇ෴ (4 2. LL

  • S.

    Reaktionsbildungen niederzuhalten. Daher also das Aufgebot von Me-
    thoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebes-
    beziehungen antreiben sollen, daher die Einschrånkung des Sexual-
    lebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie
    sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes
    der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderlåuft. Durch
    alle ihre Mühen hat diese Kulturstrebung bisher nicht sehr viel er-
    reicht. Die grobsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt hofft sie zu
    verhiiten, indem sie sich selbst das Recht beilegt, an den Verbrechern
    Gewalt zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren Äußerungen der
    menschlichen Aggression vermag das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder
    von uns kommt dahin, die Erwartungen, die er in der Jugend an
    seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen fallen zu lassen und kann
    erfahren, wie sehr ihm das Leben durch deren Ubelwollen erschwert
    und schmerzhaft gemacht wird. Dabei wire es ein Unrecht, der Kul-
    tur vorzuwerfen, daf sie Streit und Wettkampf aus den mensch-
    lichen Betitigungen ausschließen will. Diese sind sicherlich unentbehr-
    lich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig Feindschaft, wird nur zum
    Anlaß für sie mißbraucht.

    Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung vom Übel
    gefunden zu haben. Der Mensch ist eindeutig gut, seinem Nächsten
    wohlgesinnt, aber die Einrichtung des privaten Eigentums hat seine
    Natur verdorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die Macht
    und damit die Versuchung, den Nächsten zu mißhandeln; der vom
    Besitz Ausgeschlossene muß sich in Feindseligkeit gegen den Unter-
    drücker auflehnen. Wenn man das Privateigentum aufhebt, alle Güter
    gemeinsam macht und alle Menschen an deren Genuß teilnehmen läft,
    werden Übelwollen und Feindseligkeit unter den Menschen ver-
    schwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind, wird keiner Grund
    haben, in dem anderen seinen Feind zu sehen; der notwendigen
    Arbeit werden sich alle bereitwillig unterziehen. Ich habe nichts mit
    der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen Systems zu tun,
    ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung des privaten Eigentums

    == ⑩ ー

  • S.

    zweckdienlich und vorteilhaft ist.‘ Aber seine psychologische Vor-
    aussetzung vermag ich als haltlose Illusion zu erkennen. Mit der Auf-
    hebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressions-
    lust eines ihrer Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß nicht das
    stärkste. An den Unterschieden von Macht und Einfluß, welche die
    Aggression mifbrauchen, daran hat man nichts geändert, auch an ihrem
    Wesen nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden,
    herrschte fast uneingeschrånkt in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr
    armselig war, zeigt sich bereits in der Kinderstube, kaum daß das
    Eigentum seine anale Urform aufgegeben hat, bildet den Bodensatz
    aller zårtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen, vielleicht
    mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu ihrem månnlichen Kind.
    Räumt man das persönliche Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt
    noch das Vorrecht aus sexuellen Beziehungen, das die Quelle der
    stärksten MiRgunst und der heftigsten Feindseligkeit unter den sonst
    gleichgestellten Menschen werden muß. Hebt man auch dieses auf
    durch die völlige Befreiung des Sexuallebens, beseitigt also die Familie,
    die Keimzelle der Kultur, so låft sich zwar nicht vorhersehen, welche
    neuen Wege die Kulturentwicklung einschlagen kann, aber eines darf
    man erwarten, daß der unzerstårbare Zug der menschlichen Natur ihr
    auch dorthin folgen wird.

    Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die Befriedigung
    dieser ihrer Aggressionsneigung zu verzichten; sie fithlen sich nicht
    wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren Kulturkreises, daß er dem
    Trieb einen Ausweg an der Befeindung der Aufenstchenden gestattet,
    ist nicht gering zu schätzen. Es ist immer möglich, cine größere Menge
    von Menschen in Liebe an einander zu binden, wenn nur andere fiir

    1) Wer in seinen eigenen jungen Jahren das Elend der Armut verkostet, die Gleich-
    gåltigkeit und den Hochmut der Besitzenden erfahren hat, sollte vor dem Verdacht ge-
    schützt sein, daß er kein Verständnis und kein Wohlwollen für die Bestrebungen hat,
    die Besitzungleichheit der Menschen und was sich aus ihr ableitet, zu bekimpfen. Freilich,
    wenn sich dieser Kampf auf die abstrakte Gerechtigkeitsforderung der Gleichheit aller
    Menschen berufen will, liegt der Einwand zu nahe, daf die Natur durch die håchst un-
    gleichmäßige körperliche Ausstattung und geistige Begabung der Einzelnen Ungerechtig-
    keiten eingesetzt hat, gegen die es keine Abhilfe gibt.

    HELENS ДИО

  • S.

    die AuBerung der Aggression übrig bleiben. Ich habe mich einmal
    mit dem Phänomen beschäftigt, daß gerade benachbarte und einander
    auch sonst nahe stehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden
    und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche,
    Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm den Namen „Narzißmus
    der kleinen Differenzen“, der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man
    erkennt nun darin eine bequeme und relativ harmlose Befriedigung
    der Aggressionsneigung, durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft
    das Zusammenhalten erleichtert wird. Das überall hin versprengte Volk
    der Juden hat sich in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um
    die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider haben alle Juden-
    gemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher
    und sicherer für seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der
    Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner
    christlichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des
    Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche
    Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen nicht
    auf die Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit fremd
    gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates und der
    Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein unverständlicher
    Zufall, daß der Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner
    Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und man erkennt es als be-
    greiflich, daß der Versuch, eine neue kommunistische Kultur in Ruß-
    land aufzurichten in der Verfolgung der Bourgeois seine psychologische
    Unterstützung findet. Man fragt sich nur besorgt, was die Sowjets an-
    fangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois ausgerottet haben.

    Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der
    Aggressionsneigung des Menschen so große Opfer auferlegt, so ver-
    stehen wir es besser, daß es dem Menschen schwer wird, sich in ihr
    beglückt zu finden. Der Urmensch hatte es in der Tat darin besser,
    da er keine Triebeinschränkungen kannte. Zum Ausgleich war seine
    Sicherheit, solches Glück lange zu genießen, eine sehr geringe. Der
    Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicher-

    ඤෲ. [9 e

  • S.

    heit eingetauscht. Wir wollen aber nicht vergessen, daß ‏מו‎ der Ur-
    familie nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit erfreute; die
    anderen lebten in sklavischer Unterdrückung. Der Gegensatz zwischen
    einer die Vorteile der Kultur genießenden Minderheit und einer dieser
    Vorteile beraubten Mehrzahl war also in jener Urzeit der Kultur aufs
    Auferste getrieben. Über den heute lebenden Primitiven haben wir
    durch sorgfältigere Erkundung erfahren, daß sein Triebleben keines-
    wegs ob seiner Freiheit beneidet werden darf; es unterliegt Ein-
    schränkungen von anderer Art, aber vielleicht von größerer Strenge
    als das des modernen Kulturmenschen.

    Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand mit Recht ein-
    wenden, wie unzureichend er unsere Forderungen an eine beglückende
    Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren läßt, das wahr-
    scheinlich zu vermeiden wire, wenn wir mit schonungsloser Kritik die
    Wurzeln seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben, üben wir
    gewifi unser gutes Recht und zeigen uns nicht als Kulturfeinde. Wir
    dürfen erwarten, allmählich solche Abánderungen unserer
    Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse besser be-
    friedigen und jener Kritik entgehen. Aber vielleicht machen wir
    uns auch mit der Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten gibt, die dem
    Wesen der Kultur anhaften und die keinem Reformversuch
    weichen werden. Außer den Aufgaben der Triebeinschrünkung, auf
    die wir vorbereitet sind, drángt sich uns die Gefahr eines Zustandes
    auf, den man ,das psychologische Elend der Masse“ benennen kann.
    Diese Gefahr droht am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung haupt-
    sächlich durch Identifizierung der Teilnehmer unter einander herge-
    stellt wird, während Führerindividualitäten nicht zu jener Bedeutung
    kommen, die ihnen bei der Massenbildung zufallen sollte. Der gegen-
    wartige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegenheit, diesen
    befürchteten Kulturschaden zu studieren. Aber ich vermeide die Ver-
    suchung, in die Kritik der Kultur Amerikas einzugehen; ich will nicht

    den Eindruck hervorrufen, als wollte ich mich selbst amerikanischer
    Methoden bedienen.

    Zap u