Das ozeanische Gefühl 1930-001/1929

Freud, Sigmund (1930-001/1929): Das ozeanische Gefühl

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  • S.

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    Die psychoanalytische
    Bewegung

    I. Jahrgang NovembersDezember 1929 Heft 4
    OO ‏וו וו‎

    Das ozeanische Gefiihl

    Von

    :
    i

    Sigm. Freud

    Anfangs Januar erscheint im Internationalen
    Psychoanalytischen Verlag unter dem Titel
    „Das Unbehagen in der Kultur“ eine
    neue Schrift von Sigm. Freud. Das erste Kapitel
    dieses neuen Buches bringen wir hier zum
    Vorabdruck.

    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen
    gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum
    für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte
    des Lebens aber unterschätzen. Und doch ist man bei jedem solchen
    allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit der Menschenwelt und
    ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es gibt einzelne Männer, denen
    sich die Verehrung ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe
    auf Eigenschaften und Leistungen ruht, die den Zielen und Idealen
    der Menge durchaus fremd sind. Man wird leicht annehmen wollen,
    daß es doch nur eine Minderzahl ist, welche diese großen Männer
    anerkennt, wihrend die grofie Mehrheit nichts von ihnen wissen will.
    Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten
    zwischen dem Denken und dem Handeln der Menschen und der Viel-
    stimmigkeit ihrer Wunschregungen.

    Einer dieser ausgezeichneten Minner nennt sich in Briefen meinen

    PsA. Bewegung — 289 — 19

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    Freund. Ich hatte thm meine kleine Schrift zugeschickt, welche die
    Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er wäre mit meinem
    Urteil über die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber, daß ich
    die eigentliche Quelle der Religiositát nicht gewürdigt hätte. Diese sei
    ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er
    von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen
    voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der „Ewigkeit“
    nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schranken-
    losem, gleichsam ,Ozeanischem*. Dies Gefühl sei eine rein subjektive
    Tatsache, kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persönlicher Fortdauer
    kniipfe sich daran, aber es sei die Quelle der religiösen Energie, die
    von den verschiedenen Kirchen und Religionssystemen gefaßt, in be-
    stimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur auf
    Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös heißen, auch
    wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne.

    Diese Auferung meines verehrten Freundes, der selbst einmal den
    Zauber der Illusion poetisch gewiirdigt hat, brachte mir nicht geringe
    Schwierigkeiten, Ich selbst kann dies „ozeanische* Gefühl nicht in mir
    entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle wissenschaftlich zu bearbeiten.
    Man kann versuchen, ihre physiologischen Anzeichen zu beschreiben.
    Wo dies nicht angeht, — ich fiirchte, auch, das ozeanische Gefühl wird
    sich einer solchen Charakteristik entziehen, = bleibt doch nichts übrig,
    als sich an den Vorstellungsinhalt zu halten, der sich assoziativ am
    ehesten zum Gefühl gesellt. Habe ich meinen Freund richtig verstanden,
    so meint er dasselbe, was ein origineller und ziemlich absonderlicher
    Dichter seinem Helden als Trost vor dem freigewåhlten Tod mitgibt :
    „Aus dieser Welt können wir nicht fallen.“ Also ein Gefühl der un-
    auflôsbaren Verbundenheit, der Zusammengehôrigkeit mit dem Ganzen
    der Außenwelt. Ich möchte sagen, für mich hat dies eher den Charakter
    einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne begleitenden Gefühls-
    ton, wie er aber auch bei anderen Denkakten von åhnlicher Tragweite

    "7 1) D. Chr. Grabbe: Hannibal: „Ja, aus der Welt werden wir nicht fallen. Wir sind
    einmal darin.“

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    nicht fehlen wird. An meiner Person könnte ich mich von der pri-
    måren Natur eines solchen Gefiihls nicht überzeugen. Darum darf ich
    aber sein tatsåchliches Vorkommen bei anderen nicht bestreiten. Es
    fragt sich nur, ob es richtig gedeutet wird und ob es als ,fons et origo"
    aller religiösen Bedürfnisse anerkannt werden soll.

    Ich habe nichts vorzubringen, was die Losung dieses Problems ent-
    scheidend beeinflussen würde. Die Idee, daß der Mensch durch ein
    unmittelbares, von Anfang an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von
    seinem Zusammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt so fremd-
    artig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer Psychologie, daß eine
    psychoanalytische, d. i. genetische Ableitung eines solchen Gefiihls ver-
    sucht werden darf. Dann stellt sich uns folgender Gedankengang zur
    Verfügung: Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl
    unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbstindig,
    einheitlich, gegen alles andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein
    Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenze
    in ein unbewuft seelisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen,
    dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns erst die psychoanaly-
    tische Forschung gelehrt, die uns noch viele Auskiinfte iiber das Ver-
    hältnis des Ichs zum Es schuldet, Aber nach außen wenigstens scheint
    das Ich klare und scharfe Grenzlinien zu behaupten. Nur in einem
    Zustand, einem aufergewôhnlichen zwar, den man aber nicht als krank-
    haft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Héhe der Verliebtheit
    droht die Grenze zwischen Ich und Objekt zu verschwimmen. Allen
    Zeugnissen der Sinne entgegen behauptet der Verliebte, daß Ich und
    Du Eines seien und ist bereit, sich, als ob es so wire, zu benehmen.
    Was vorübergehend durch eine physiologische Funktion aufgehoben
    werden kann, muß natürlich auch durch krankhafte Vorgänge gestört
    werden können. Die Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zu-
    ständen kennen, in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außen-
    welt unsicher wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen
    werden; Fälle, in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja, Stücke
    des eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie

    — 291 — -

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    fremd und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man
    der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von
    ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl Störungen
    unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig. 1
    Eine weitere Überlegung sagt: Dies Ichgefühl des Erwachsenen
    kann nicht von Anfang an so gewesen sein. Es muf eine Entwick-
    lung durchgemacht haben, die sich begreiflicherweise nicht nachweisen,
    aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren läßt.‘ Der Säug-
    ling sondert noch nicht sein Ich von einer Außenwelt als Quelle der
    auf ibn einstrômenden Empfindungen. Er lernt es allmählich auf ver-
    schiedene Anregungen hin. Es muß ihm den stärksten Eindruck
    machen, daß manche der Erregungsquellen, in denen er später seine
    Körperorgane erkennen wird, ihm jederzeit Empfindungen zu-
    senden können, während andere sich ihm zeitweise entziehen —
    darunter das Begehrteste: die Mutterbrust — und erst durch ein Hilfe
    heischendes Schreien herbeigeholt werden. Damit stellt sich dem Ich
    zuerst ein „Objekt“ entgegen, als etwas, was sich „außerhalb“ befin-
    det und erst durch eine besondere Aktion in die Erscheinung gedrängt
    wird. Einen weiteren Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empfin-
    dungsmasse, also zur Anerkennung eines „Draußen“,. einer Außen-
    welt, geben die häufigen, vielfältigen, unvermeidlichen Schmerz- und
    Unlustempfindungen, die das unumschränkg herrschende Lustprinzip
    aufheben und vermeiden heißt. Es entsteht die Tendenz, alles, was
    Quelle solcher Unlust werden kann, vom Ich abzusondern, es nach
    außen zu werfen, ein reines Lust-Ich zu bilden, dem ein fremdes,
    drohendes Draußen gegeniibersteht. Die Grenzen dieses primitiven
    Lust-Ichs können der Berichtigung durch die Erfahrung nicht ent-
    gehen. Manches, was man als lustspendend nicht aufgeben möchte, ist
    doch nicht Ich, ist Objekt, und manche Qual, die man hinausweisen
    will, erweist sich doch als unabtrennbar vom Ich, als innerer Her-

    1) 8. die zahlreichen Arbeiten über Ichentwicklung und Ichgefühl von Ferenczi,
    Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (1913), bis zu den Beiträgen von P. Federn
    1926, 27 und später.

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    kunft. Man lernt ein Verfahren kennen, wie man durch absichtliche
    Lenkung der Sinnestitigkeit und geeignete Muskelaktion Innerliches
    — dem Ich angehôriges — und Auferliches — einer Außenwelt ent-
    stammendes — unterscheiden kann und tut damit den ersten Schritt
    zur Einsetzung des Realitåtsprinzips, das die weitere Entwicklung be-
    herrschen soll. Diese Unterscheidung dient natürlich der praktischen
    Absicht, sich der verspürten und der drohenden Unlustempfindungen
    zu erwehren. Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlusterregungen aus
    seinem Inneren keine anderen Methoden zur Anwendung bringt, als
    deren es sich gegen Unlust von Außen bedient, wird dann der Aus-
    gangspunkt bedeutsamer krankhafter Störungen.

    Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außenwelt. Richtiger
    gesagt: Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine
    Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein ein-
    geschrumpfter Rest eines weitumfassenderen, ja, — eines allumfassen-
    den Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der
    Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen dürfen, daß dieses primäre
    Ichgefühl sich im Seelenleben vieler Menschen — in größerem oder
    geringerem Ausmaße — erhalten hat, so würde es sich dem enger
    und schärfer umgrenzten Ichgefühl der Reifezeit wie eine Art Gegen-
    stück an die Seite stellen, und die zu ihm passenden Vorstellungs-
    inhalte wären gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit
    mit dem All, dieselben, mit denen mein Freund das „ozeanische“ Ge-
    fühl erläutert. Haben wir aber ein Recht zur Annahme des Über-
    lebens des Ursprünglichen neben dem Späteren, das aus ihm gewor-
    den ist?

    Unzweifelhaft; ein solches Vorkommnis ist weder auf seelischem,
    noch auf anderen Gebieten befremdend. Für die Tierreihe halten wir
    an der Annahme fest, daß die höchstentwickelten Arten aus den
    niedrigsten hervorgegangen sind. Doch finden wir alle einfachen
    Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das Geschlecht der
    großen Saurier ist ausgestorben und hat den Säugetieren Platz ge-
    macht, aber ein richtiger Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil,

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    lebt noch mit uns. Die Analogic mag zu entlegen sein, krankt auch
    an dem Umstand, daß dic iiberlebenden niedrigen Arten zumeist nicht
    die richtigen Ahnen der heutigen, höher entwickelten sind, Die
    Zwischenglieder sind in der Regel ausgestorben und nur durch Re.
    konstruktion bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen ist die Erhal-
    tung des Primitiven neben dem daraus entstandenen Umgewandelten
    so häufig, daß es sich erübrigt, es durch Beispiele zu beweisen. Meist
    ist dieses Vorkommen Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quantita-
    tiver Anteil einer Einstellung, einer Triebregung, ist unverändert er-
    halten geblieben, ein anderer hat die weitere Entwicklung erfahren,

    Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der Erhaltung im
    Psychischen, das kaum noch Bearbeitung gefunden hat, aber so reiz-
    voll und bedeutsam ist, daß wir ihm auch bei unzureichendem Anlaß
    eine Weile Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir den Irrtum
    überwunden haben, daß das uns geläufige Vergessen eine Zerstörung
    der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung bedeutet, neigen wir zu
    der entgegengesetzten Annahme, daß im Seelenleben nichts, was ein-
    mal gebildet wurde, untergehen kann, daß alles irgendwie erhalten
    bleibt und unter geeigneten Umständen, z. B. durch eine so weit
    reichende Regression wieder zum Vorschein gebracht werden kann,
    Man versuche sich durch einen Vergleichemus einem anderen Gebiet
    klar zu machen, was diese Annahme zum Inhalt hat. Wir greifen etwa
    die Entwicklung der Ewigen Stadt als Beispiel auf." Historiker be-
    lehren uns, das älteste Rom war die Roma quadrata, eine umzäunte
    Ansiedlung auf dem Palatin. Dann folgte die Phase des Septimontium,
    eine Vereinigung der Niederlassungen auf den einzelnen Hügeln,
    darauf die Stadt, die durch die Servianische Mauer begrenzt wurde,
    und noch später, nach all den Umwandlungen der republikanischen
    und der frühen Kaiserzeit die Stadt, die Kaiser Aurelianus durch seine
    Mauern umschloß. Wir wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter
    verfolgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit den voll-

    1) Nach The Cambridge Ancient History, T. VII, 1928. „The founding of Rome“
    by Hugh Last. -

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    kommensten historischen und topographischen Kenntnissen ausgestattet
    denken, im heutigen Rom von diesen frühen Stadien noch vorfinden
    mag. Die aurelianische Mauer wird er bis auf wenige Durchbrüche
    fast unverändert sehen, An einzelnen Stellen kann er Strecken des
    Servianischen Walles durch Ausgrabung zu Tage gefördert finden.
    Wenn er genug weiß, — mehr als die heutige Archäologie, — kann
    er vielleicht den ganzen Verlauf dieser Mauer und den Отв
    der Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von den Gebåuden,
    die einst diese alten Rahmen ausgefüllt haben, findet er nichts oder
    geringe Reste, denn sie bestehen nicht mehr. Das Auferste, was ihm
    die beste Kenntnis des Roms der Republik leisten kann, wire, daß
    er die Stellen anzugeben weiß, wo die Tempel und öffentlichen Ge-
    båude dieser Zeit gestanden hatten. Was jetzt diese Stellen einnimmt,
    sind Ruinen, aber nicht ihrer selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus
    späteren Zeiten nach Brånden und Zerstörungen. Es bedarf kaum
    noch einer besonderen Erwåhnung, daf alle diese Uberreste des alten
    Roms als Einsprengungen in das Gewirre einer Großstadt aus den
    Jetzten Jahrhunderten seit der Renaissance erscheinen. Manches Alte
    ist gewiß noch im Boden der Stadt oder unter ihren moderneren Bau-
    werken begraben. Dies ist die Art der Erhaltung des Vergangenen,
    die uns an historischen Stådten wie Rom entgegentritt.

    Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine
    menschliche Wohnstitte, sondern ein psychisches Wesen von åhnlich
    langer und reichhaltiger Vergangenheit. In dem also nichts, was ein-
    mal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben der
    letzten Entwicklungsphase auch alle fritheren noch fortbestehen. Das
    würde für Rom also bedeuten, daß auf dem Palatin die Kaiserpaläste
    und das Septizonium des Septimius Severus sich noch zur alten Höhe
    erheben, daß die Engelsburg noch auf ihren Zinnen die schönen
    Statuen trågt, mit denen sie bis zur Gothenbelagerung geschmiickt
    war, usw. Aber noch mehr: an der Stelle des Palazzo Caffarelli stiinde
    wieder, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen brauchte, der Tem-
    pel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar dieser nicht nur in seiner

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    letzten Gestalt, wie ihn die Römer der Kaiserzeit sahen, sondern auch
    in seiner frühesten, als er noch etruskische Formen zeigte und mit
    tônernen Antifixen geziert war. Wo jetzt das Coliseo steht, könnten
    wir auch die verschwundene Domus aurea des Nero bewundern, auf
    dem Pantheonplatze finden wir nicht nur das heutige Pantheon, wie
    es uns von Hadrian hinterlassen wurde, sondern auf demselben Grund
    auch den ursprünglichen Bau des M. Agrippa, ja, derselbe Boden triige
    die Kirche Maria sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie
    gebaut ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Anderung der
    Blickrichtung oder des Standpunktes von seiten des Beobachters, um
    den einen oder den anderen Anblick hervorzurufen.

    Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen,
    sie führt zu Unvorstellbarem, ja, zu Absurdem. Wenn wir das histo-
    rische Nacheinander råumlich darstellen wollen, kann es nur durch
    ein Nebeneinander im Raum geschehen; derselbe Raum verträgt nicht
    zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige Spiclerei zu
    sein; er hat nur eine Rechtfertigung; er zeigt uns, wie weit wir davon
    entfernt sind, die Eigentümlichkeiten des seelischen Lebens durch an-
    schauliche Darstellung zu bewältigen.

    Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung nehmen, Er fragt uns,
    warum wir gerade die Vergangenheit cingr Stadt ausgewählt haben,
    um sie mit der seelischen Vergangenheit zu wergleichen. Die Annahme
    der Erhaltung alles Vergangenen gilt auch fúr das Seelenleben nur
    unter der Bedingung, daß das Organ der Psyche intakt geblieben ist,
    daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder Entzündung gelitten hat.
    Zerstórende Einwirkungen, die man diesen Krankheitsursachen gleich-
    stellen kónnte, werden aber in der Geschichte keiner Stadt vermifit,
    auch wenn sie eine minder bewegte Vergangenheit gehabt hat als
    Rom, auch wenn sie, wie London, kaum je von einem Feind heim-
    gesucht wurde. Die friedlichste Entwicklung einer Stadt schließt Demo-
    lierungen und Ersetzungen von Bauwerken ein, und darum ist die
    Stadt von vorneherein fiir einen solchen Vergleich mit einem seeli-

    schen Organismus ungeeignet.

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    Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter Verzicht auf eine
    eindrucksvolle Kontrastwirkung zu einem immerhin verwandteren Ver-
    gleichsobjekt, wie es der tierische oder menschliche Leib ist. Aber auch
    hier finden wir das nämliche. Die früheren Phasen der Entwicklung
    sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in den späteren, zu denen
    sie den Stoff geliefert haben, aufgegangen. Der Embryo läßt sich im
    Erwachsenen nicht nachweisen, die Thymusdriise, die das Kind besaß,
    ist nach der Pubertät durch Bindegewebe ersetzt, aber selbst nicht mehr
    vorhanden; in den Röhrenknochen des reifen Mannes kann ich zwar
    den Umriß des kindlichen Knochens einzeichnen, aber dieser selbst ist
    vergangen, indem er sich streckte und verdickte, bis er seine endgültige
    Form erhielt. Es bleibt dabei, daß eine solche Erhaltung aller Vor-
    stufen neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich ist, und
    daß wir nicht in der Lage sind, uns dies Vorkommen anschaulich zu
    machen.

    Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit. Vielleicht sollten
    wir uns zu behaupten begnügen, daß das Vergangene im Seelenleben
    erhalten bleiben kann, nicht notwendigerweise zerstört werden
    muß. Es ist immerhin möglich, daß auch im Psychischen manches Alte
    — in der Norm oder ausnahmsweise — soweit verwischt oder auf-
    gezehrt wird, daß es durch keinen Vorgang mehr wiederhergestellt
    und wiederbelebt werden kann, oder daß die Erhaltung allgemein an
    gewisse günstige Bedingungen geknüpft ist. Es ist möglich, aber wir
    wissen nichts darüber. Wir dürfen nur daran festhalten, daß die Er-
    haltung des Vergangenen im Seelenleben eher Regel als befremdliche
    Ausnahme ist.

    Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen, es gebe bei vielen
    Menschen ein „ozeanisches“ Gefühl, und geneigt, es auf eine frühe
    Phase des Ichgefühls zurückzuführen, erhebt sich die weitere Frage,
    welchen Anspruch hat dieses Gefühl, als die Quelle der religiösen
    Bedürfnisse angesehen zu werden.

    Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein Gefühl kann
    doch nur dann eine Energiequelle sein, wenn es selbst der Ausdruck

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    cines starken Bedürfnisses ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint
    mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch sie
    geweckten Vatersehnsucht unabweisbar, zumal, da sich dies Gefühl
    nicht einfach aus dem kindlichen Leben fortsetzt, sondern durch die
    Angst vor der Übermacht des Schicksals dauernd erhalten wird. Ein
    ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vater-
    schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle des ozeanischen
    Gefühls, das etwa die Wiederherstellung des uneingeschränkten Nar-
    zißmus anstreben könnte, vom Vordergrund abgedrångt. Bis zum Ge-
    fühl der kindlichen Hilflosigkeit kann man den Ursprung der religiösen
    Einstellung in klaren Umrissen verfolgen. Es mag noch anderes dahinter-
    stecken, aber das verhüllt einstweilen der Nebel.

    Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische Gefühl nachträglich in
    Beziehungen zur Religion geraten ist. Dies Eins-sein mit dem All, was
    als Gedankeninhalt ihm zugehört, spricht uns ja an wie ein erster Ver-
    such einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur Ableugnung
    der Gefahr, die das Ich als von der Außenwelt drohend erkennt. Ich
    wiederhole das Bekenntnis, daß es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen
    kaum faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer meiner Freunde, den
    ein unstillbarer Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experimenten
    getrieben und endlich zum Allwisser gemacht hat, versicherte mir, daß
    man in den Yogapraktiken durch Abwendeng von der Außenwelt,
    durch Bindung der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, durch
    besondere Weisen der Atmung tatsächlich neue Empfindungen und
    Allgemeingefühle in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu
    uralten, längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen will,
    Er sieht in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler
    Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunkeln Modifikati-
    onen des Seelenlebens wie Trance und Ekstase lägen hier nahe. Allein
    mich drängt es, auch einmal mit den Worten des Schiller schen Tauchers
    auszurufen : „Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht.“

    וו ו ו ו ‎KELL‏ ו ו ו ו ‎UPR DR‏ ו ‎ee‏
    ‏— 298 —