Goldhammer, Leo, Freud, Sigmund (1937-072/1937): Theodor Herzl und Siegmund Freud. (Träume)
S.
D r . L E O G O L D H A M M E R , W i e n .
T H E O D O R H E R Z L U N D S I E G M U N D F R E U D .
(Träume.)Wiederholt hatte Theodor Herzl den Seelenzustand, in dem
sich seine Ideen und Gedanken über die Wiederaufrichtung des jüdi-
schen Volkes in der eigenen Heimat formten, als Traumzustand be-
zeichnet. Im Nachwort zu „A l t n e u l a n d “ heißt es: „Traum ist
immerhin auch eine Ausfüllung der Zeit, die wir auf der Erde ver-
bringen. Traum ist von der Tat nicht so verschieden, wie mancher
glaubt. Alles Tun der Meníchen war vorher Traum und wird später
zum Traume.“
Die moderne Traumlehre S i e g m u n d F r e u d s stellt eine ähnliche
Verbindung zwischen Traum und Tun her, so daß der Traum ein
maßgebendes Movens im Seelenleben des Meníchen wird.266
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Theodor Herzl und Sigmund Freud
Ist es da nicht wunderbar, daß S i e g m u n d F r e u d zuerst im
Traume T h e o d o r H e r z l kennen lernte, ehe er ihn noch je gesehen
hatte?
In den ersten Jahren nach dem Tode T h e o d o r H e r z l s – es
dürfte 1905 bis 1907 gewesen sein, kündigte S i g m u n d F r e u d an
der Wiener Universität feine Vorlesungen über „Traum und Traum-
deutung“ an. Dieses Gebiet entfesselte damals lebhafte Diskussionen
in der medizinischen und philosophischen Fachwissenshaft. Zu den
begeisterten Anhängern der neuen Richtung F r e u d s gehörte der
spätere Röntgenologe der Universität Jerusalem, Dozent D r . J o l e f F r e u d ,
mit dem ich noch von der Gymnasialzeit her befreundet war.
(Damals stand J o l e f F r e u d — kein Verwandter von S i g m u n d
F r e u d — vor der Beendigung seiner medizinischen Studien und hatte
lebhaftes Interesse für Psychiatrie und Neurologie, die er ursprüng-
lich als ärztliches Spezialfach wählte. Er war später eine Zeitlang
Assistent an der Klinik W a g n e r - J a u r e g g , ehe er jedoch dann zur
Röntgenologie überging, da er, so zu sagen, wohlwollend darauf aufmerk-
sam gemacht wurde, daß ihm die Namensgleichheit mit S i g m u n d
F r e u d ein Weiterkommen auf dem von ihm gewählten Gebiete er-
schweren, wenn nicht unmöglich machen würde.)
Ueber Veranlassung von J o l e f F r e u d besuchte ich den ob-
erwähnten Vortrag „Traum und Traumdeutung“. Ich gestehe, daß
mich das Thema an sich wenig interessierte, hatte ich doch damals
nichts von S i g m u n d F r e u d gelesen und auch die Diskussion, die
seine Arbeiten begleitete, nicht verfolgt. Ich wollte nur den inter-
effierten Meníchen S i g m u n d F r e u d sehen und hören, von dem mein
Freund, deſſen Urteil fonft überaus zurückhaltend war, geradezu
schwärmerisch erzählte. Es ist mir vom eigentlichen Inhalt des Vor-
trages wenig in Erinnerung geblieben. Bleibenden Eindruck machte
auf mich die außerordentlich kultivierte Art des Sprechens, die voll-
endete Ausdrucksweise, die klare Formulierung der Gedanken, die
den Meister kennzeichnen und insonderheit blieb haften:
ein
T r a u m e r l e b n i s , das S i g m u n d F r e u d anführte.
Er erzählte, wie ihm einmal T h e o d o r H e r z l im Traum erschien,
eine majestätische Gestalt mit bleichem, dunkelgetönten Gesicht, das
ein schöner, rabenschwarzer Bart umrahmte, mit unendlich traurigen
Augen. Die Erscheinung bemüht sich, ihm, F r e u d , die Notwendig-
keit sofortigen Handelns auseinanderzusetzen, sollte das jüdische
Volk gerettet werden; die Worte überraschten durch die strenge
Logik und das in ihnen mitklingende Gefühl.
Dieser Schilderung fügte P r o f . F r e u d hinzu, daß er vor diesem
Traume H e r z l niemals gesehen, auch mit deſſen Ideen fich nicht
beschäftigt hatte; erst einige Zeit später traf er die Gestalt feines
Traumes auf der Währungsstraße in einem nach Döbling führenden
Omnibus, und konnte fich davon überzeugen, daß der wirkliche
H e r z l dem im Traume gesehenen glich.
Ohne Zweifel hat auf P r o f e s s o r F r e u d , obwohl er mit H e r z l
und dem Zionismus in keinerlei Verbindung stand, das Auftreten267
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H e r z l s , die Schaffung einer zionistischen Organisation durch ihn,
seine Verhandlungen mit europäischen Herrschern und Staatsmän-
nern, der seelische Widerhall von H e r z l s Auftreten im Judentum,
eine unbewußte seelische Wirkung geübt, so daß er sich im Unter-
bewußtsein mit der Person und Idee H e r z l s befaßte. Anders ist
wohl auch der Brief nicht zu erklären, worin S i g m u n d F r e u d im
September 1902 T h e o d o r H e r z l die Übersendung eines Exemplares
feines 1900 erschienenen Buches über die Traumdeutung mit dem
Ersuchen um eine eventuelle Besprechung in der „N e u e n F r e i e n
P r e s s e “ ankündigte. In diesem Schreiben bittet P r o f e s s o r F r e u d
H e r z l , dieses Buch „für alle Fälle als ein Zeichen der Hochachtung
zu behalten, die ich — wie so viele andere — seit Jahren dem Dichter
und dem Kämpfer für die Menschenrechte unseres Volkes entgegen-
bringe“.
Auch anderen erschien H e r z l im Traume.
M o s c h e A b r a m s o n , eine der herrlichsten Gestalten aus der Reihe
der Pioniere, welche mit der zweiten Alijah nach Palästina gingen
— er ist vor wenigen Monaten verstorben — erzählte im Jahre 1934
bei einer H e r z l - F e i e r in einer Kwuzah im Emek, der ich beiwohnte,
folgendes Erlebnis: Um die Jahrhundertwende war A b r a m s o n An-
gestellter eines kleinen jüdischen Weinhändlers in einer russischen
Kleinstadt. Eines Tages — im Frühjahr 1904 — kam sein Chef am
Morgen ganz verjörnt in den Laden, übergab A b r a m s o n den Schlüssel
und bat ihn, sich seiner Familie und des Geschäftes anzunehmen, da er
dringend für einige Tage verreisen müsse — niemand dürfe jedoch
über Grund und Ziel der Reise etwas erfahren. Bei Nacht habe er
nämlich im Traume T h e o d o r H e r z l gesehen; H e r z l habe ihm gesagt,
er sei schwer krank und glaube nicht, daß er noch lange leben werde;
wenn er ihn, H e r z l , noch sehen und sprechen wolle, müsse er eilends
nach Wien kommen.
Der alles eher als begüterte Weinhändler hatte H e r z l niemals
gesehen und war auch sonst mit ihm nicht in Verbindung gestanden.
Eine Reise nach Wien bedeutete also nicht nur ein verhältnismäßig
ansehnliches materielles Opfer für ihn, sondern brachte ihn auch noch
in Gefahr, von seinen Angehörigen und den Einwohnern der Klein-
stadt angeklagt zu werden. Dennoch machte er sich sofort auf den
Weg, fuhr nach Wien und besuchte T h e o d o r H e r z l . Als dieser den
Mann, den Juden aus dem Osten, fragte, was ihn zu ihm geführt
habe, vernahm er zu feinem großen Staunen, daß der Mann nur
gekommen sei, um ihn zu sehen. Der Weinhändler kehrte sofort
wieder nach seinem Städtchen zurück und einige Zeit später erhielt
er, wie die ganze jüdische Welt, die Nachricht, daß T h e o d o r H e r z l
gestorben sei. Der Traum hatte wahr gesprochen. Er hatte noch
das Glück, T h e o d o r H e r z l zu sehen.
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