Wiener medicinischer Club 1893-411/1893

Mandl, Emmanuel (1893-411/1893): Wiener medicinischer Club

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  • S.

    867 Internationale Klinische Rundschau 1893.

    Wiener medicinischer Club.

    (Originalbericht der Internationalen Klinischen Rundschau.)
    Sitzung vom 24. Mai 1893.

    Dozent Dr. Freud: Die hysterischen Lähmungen.

    Vortragender berichtet, dass er in den Jahren 1885 und 1886
    mit seinem Lehrer CHARCOT einen lebhaften Meinungsaustausch
    über so manche Themen aus der Neuropathologie gepflegt habe,
    die meistentheils die hysterischen Neurosen betrafen. Seit 7 Jahren
    also beschäftigte er sich mit dieser Frage, der Schluss derselben
    habe sich aber erst aus der gemeinsamen Arbeit mit Dr. BREUER
    ergeben.

    Um ein richtiges Urtheil über das Wesen der hysterischen
    Lähmungen zu bekommen, muss man dieselben mit den organischen
    Lähmungen vergleichen. Die motorische Bahn, welche die Gehirn-
    rinde mit der Muskulatur verbindet, wird seit MEYNERT in drei
    Strecken eingetheilt, doch lassen sich die Lähmungen entsprechend
    denselben nicht in drei verschiedene Arten gliedern. Die neuere
    Gehirnanatomie kennt nur zwei Strecken der anatomischen Bahn,
    und zwar reicht die eine von der Rinde bis in die Nähe der
    Vorderhornzellen, die zweite von der Ausbreitung der Vorderhorn-
    zellen bis zu den Muskeln. Die Histologie des Nervensystems
    spricht von neuro-fibrillären Einheiten, die sich scharf von einander
    absetzen. Die Klinik kennt nur zwei Arten von Lähmungen, die
    peripher-spinale und die cerebrale Lähmung. Die Erstere
    ist detaillirt, es kann bei ihr jeder einzelne Muskel für sich gelähmt
    sein, unabhängig von seinem Nachbar, während Letztere eine
    Lähmung en masse ist, ganze Abschnitte oder komplicirte Apparate
    betrifft. Wohl kann sich die cerebrale Lähmung detailliren, aber
    ihre Einschränkung ist keine freie, es kann kein beliebiger Theil
    isolirt gelähmt werden. Der Grundsatz der ganzen Anatomie ist
    der: Es gibt keinen Theil des Körpers, welcher mit der höheren
    grauen Station (Rindengrau) direkt verbunden wäre, ohne dass er
    die niedrigere Station (Rückenmark) passirt hätte; jeder einzelne
    Muskel hat sein zugehöriges Stück im Rückenmarksgrau. Die Peri-
    pherie ist geradezu projicirt auf das Rückenmarksgrau und es ist
    daher für die peripher-spinale Lähmung der Namen Projections-
    lähmung empfehlenswert, für die cerebrale Lähmung der
    Namen Repräsentationslähmung, da vom Rückenmark zur
    Peripherie viel mehr Fasern gehen als vom Rückenmark zum Ge-
    hirngrau, so dass die vom Gehirn kommenden Fasern mehrere
    Punkte vertreten.

    Die Hysterie ahmt aber nur die cerebrale Lähmung nach,
    während die Projectionslähmung kein Analogon unter der hyste-
    rischen Lähmung hat. Es gibt keine hysterische Facialis-, Radialis-,
    Ulnarislähmung u. s. w.

    Die hysterischen Lähmungen unterscheiden sich von den
    cerebralen aber noch durch Folgendes:

    1. Während es der cerebralen Lähmung schwer fällt, sich
    zu isoliren, können sich die hysterischen Lähmungen viel leichter
    dissociiren, sie geniessen dieselbe Freiheit wie die peripher-spinalen,
    sich einen beliebigen Theil auszusuchen.

    2. Die Hysterie hat die Neigung zur excessiven Ausbildung;
    so bleiben z. B. dem Aphasischen stets noch einige Worte,
    während der Hysterisch-Aphasische absolut stumm ist. Diese zwei
    Charaktere (gesteigerte Intensität und Verwischung der Detaillirung)
    können sich nun kombiniren und gerade in dieser Vereinigung liegt
    der Hauptunterschied zwischen der hysterischen und cerebralen
    Lähmung.

    3. Bei der cerebralen Lähmung ist die leichtere Funktion
    besser erhalten als die schwerere, was bei der Hysterie nicht der
    Fall ist. Spricht z. B. Jemand deutsch als Muttersprache, französisch
    als später erworbene Sprache und wird er aphasisch, so behält er

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    869 Internationale Klinische Rundschau 1893.

    zum Theile das Vermögen, deutsch zu sprechen, während ihm das
    französische verloren geht; bei der Hysterie ist dies umgekehrt.

    4. Bei der Hysterie finden sich nicht gewisse Associationen
    von Lähmungen, wie bei der organischen Lähmung; so findet
    sich z. B. bei der Hysterie nicht Facialis-Lähmung und Lähmung
    der oberen Extremität; rechtsseitige Hemiplegie und motorische
    Aphasie u. s. w.

    5. Gewisse Lähmungen kommen bei der Hysterie überhaupt
    nicht vor, so z. B. Hemianopsie; es sind auch alle Versuche, eine
    solche in der Hypnose zu erzeugen, misslungen, während sich sonst
    alle anderen Lähmungen bei der Hysterie reproduciren lassen.

    6. Charakteristisch ist ferner das verschiedene Verhalten der
    Motilität und Sensibilität. Bei der organischen Lähmung überwiegt
    die Motilitätsstörung gegenüber der Sensibilitätsstörung, während
    dies bei der Hysterie gerade umgekehrt ist.

    Woher kommen nun die Eigenthümlichkeiten der organischen
    und der hysterischen Lähmung? Die Eigenthümlichkeiten der cere-
    bralen Lähmung hängen zusammen mit der Gehirnanatomie. Jede
    organische Lähmung kann durch die Gehirnanatomie begründet
    werden, umgekehrt aber schliessen wir auch aus der Eigenthüm-
    lichkeit der cerebralen Lähmung auf die Struktur des Nerven-
    systems. Die hysterische Lähmung kann durch die Gehirnanatomie
    nicht erklärt werden. Es fragt sich nun, welche Art der Läsion
    haben wir bei der hysterischen Lähmung anzunehmen? Man hat
    für die Entstehung derselben Oedem und Gefässkrampf beschuldigt
    und nannte eine solche Lähmung eine dynamische. Man verwech-
    selte dabei aber die Ausdrücke „dynamisch“ und „flüchtig“, da
    das Oedem nichts Anderes ist als eine organische Läsion, die aber
    schwinden kann. Ein Oedem kann aber nie so excessive und
    isolirte Lähmungen machen, sondern müsste auch wieder eine or-
    ganische Lähmung zur Folge haben, so dass die hysterische Lähmung
    nicht durch solche Läsionen erklärt werden kann. Wir nehmen also an,
    dass es sich bei der hysterischen Lähmung an der betreffenden
    Stelle der Rinde um eine Veränderung der Funktion handelt, aber
    ohne dass eine anatomische Veränderung stattfinden würde. Die
    hysterischen Lähmungen benehmen sich so als ob es keine Gehirn-
    anatomie geben würde. Die Hemianopsie kommt bei der Hysterie
    nicht vor, weil die Hysterie von einer solchen nichts weiss. Die
    hysterische Lähmung wird stets beherrscht von der Vorstellung der
    Funktion, die cerebrale Lähmung von der Gehirnanatomie. Die
    hysterische Lähmung des Armes besteht z. B. darin, dass die
    betreffende Person die Innervationsvorgänge des Armes nicht treffen
    kann, dass der Vorstellungskreis für diesen Arm unerregbar ist.
    Die hysterische Lähmung besteht in einer associativen Unzugäng-
    lichkeit des betreffenden Vorstellungskreises. Wenn z. B. Jemand
    eine hysterische Armlähmung besitzt, so steckt dieser Arm in der
    Erinnerung eines hysterischen Traumas, das derzeit unerledigt ist,
    und der Arm versagt sich für eine andere Association, obwohl das
    Centrum für die Armbewegung intakt ist. Die hysterische Lähmung
    ist funktioneller Natur und ist meist mit psychischen Vorgängen in
    Verbindung zu bringen.

    Dr. Herz bemerkt, dass es möglich sei, die hysterische
    Lähmung auf anatomische Veränderungen zu stützen, wenn man
    sich vorstellt, dass es isolirte Zellen gibt, deren freie Enden sich
    an einander legen. Die Zelle, welche den Arm versorgt, steht z. B.
    in Verbindung mit Zellen, welche es ermöglichen, von der Peri-
    pherie Wahrnehmungen aufzunehmen. Ziehen diese Zellen ihre
    Fortsätze ein, so tritt eine Unterbrechung ein und es ist ein Weg
    gefunden, eine anatomische Läsion für die Hysterie aufzufassen,
    so dass die Theorie der funktionellen Veränderungen fallen gelassen
    werden kann.

    Dozent FREUD erwidert, dass keine anatomische Läsion,
    welcher Art sie immer sei, die Eigenthümlichkeiten der hysterischen
    Lähmung erklären könne. Dr. Herz habe nur eine andere Art der
    Unterbrechung gezeigt, die aber wieder nur eine organische Lähmung
    bewirken könne. Dr. Em. Mandl.