Sitzung am 28. Mai 1895 1895-062/1895.2

Schlesinger, Hermann (1895-062/1895.2): Sitzung am 28. Mai 1895

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    IV. Aus den Gesellschaften.

    Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien.

    Sitzung am 14. Mai 1895.

    K. Kunn demonstrirt einen jungen Mann mit Tetanie und Augenmuskel-
    krämpfen, welche besonders bei starkem Fixiren auftraten und zeigt im Gegensatze
    hierzu eine Hysterica mit Augenmuskelkrämpfen, welche sich aber klinisch von
    denen des anderen Falles differenziren.

    E. O. Jellinek demonstrirt aus der Klinik Nothnagel’s einen Fall von
    multipler Sclerose mit eigenartigen Symptomen. Die 39 jähr. Kranke zeigt die
    typischen Symptome und daneben eine ausgesprochene Atrophie des vorderen Drittels
    der Zunge. Die Sprache ist näselnd. Pat. verschluckt sich leicht. Gaumensegel
    wird gut gehoben, Würgereflex vorhanden. Es besteht Parese der rechtsseitigen
    Hals-, Brust- und Bauchmuskulatur der rechten Zwerchfellshälfte, des rechten Armes
    und Beines. Die kleinen Handmuskeln der rechten oberen Extremität sind atrophisch
    bei normaler elektrischer Erregbarkeit. Unvermögen mit der linken Hand Gegen-
    stände zu erkennen bei erhaltener Sensibilität für feinste Berührungen, Kraft- und
    Muskelsinn (Verlust der Erinnerungsbilder für die Tastvorstellung, Wernicke).

    E. O. Jellinek demonstrirt weiters einen 17 jähr. Kranken mit angeborenem
    Defecte des Pectoralis major und minor links. (Wird ausführlich veröffentlicht.)

    Sitzung am 28. Mai 1895.

    Hirschl stellt einen Fall von tabischer Poly-Arthropathie bei einem 43 jähr.
    Manne vor; die Arthropathien entwickelten sich im Laufe der letzten drei Jahre
    ziemlich rasch. Es finden sich folgende Gelenkveränderungen: Vergrösserung des
    Köpfchens im linken Unterkiefergelenk. Die beiden Humerusenden sind rauh und
    uneben, in der Umgebung der Gelenke-Exostosen. Arthropathie des rechten Hüft-
    gelenkes, beider Kniegelenke mit Erguss in dieselben, der Fussgelenke beiderseits.
    Verdickung der Phalangual- und Metatarsalknochen beider Füsse. In allen Gelenken
    besteht Analgesie auch bei forcirten Bewegungen, die tiefe Sensibilität ist nur im
    linken Hüftgelenke gestört. Der Gang ist nur mit Krücken möglich, ohne nach-
    weisbare Ataxie. Sonst das Bild einer typischen Tabes dorsalis. Ausgesprochen
    uratische Diathese. Letztere, wie die Gelenkanalgesie mögen nicht ohne Einfluss
    auf die Entstehung der Gelenksveränderungen gewesen sein.

    M. Sternberg giebt eine Darstellung der dem Gelenksschutze dienende Apparate.
    Aus dem Schema lässt sich das Zustandekommen von Gelenksveränderungen bei Tabes
    erklären und zwar kommen in Betracht: Verlust der Sehnenreflexe, Herabsetzung der
    Schmerzempfindung, Verlust der Elasticität der Muskeln; trophische Störungen sind
    zweifelhaft.

    Hofrath Krafft-Ebing hebt hervor, dass die Läsionen recht wohl peripheren
    Ursprungs sein könnten.

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    S. Freud meint, dass die Gelenksveränderungen als der Tabes gleichwerthig
    aufgefasst und wie diese aus der Lues abgeleitet werden können.

    Prof. v. Wagner gedenkt noch der Ansicht Charcot’s, nach welcher Tabes
    und Arthritis zu einer Krankheitsfamilie mit entsprechender Veranlagung gehören.
    Tabes und arthritische Veranlagung können dann gemeinsam zur Entstehung der
    tabetischen Arthropathie führen.

    v. Sölder stellt drei Kranke mit Chorea chronica vor. Der erste Fall be-
    trifft eine 77 jähr. demente Frau. Erhebung der Anamnese ist unmöglich. Während
    der mehrmonatlichen Beobachtungsdauer zeigten sich continuirliche Krampfbewegungen
    choreatischen Charakters in den distalsten Abschnitten der rechtsseitigen Extremi-
    täten. Der Gang zeigt keine Störungen, Lähmungserscheinungen oder Rigor besteht
    nicht, die Muskelkraft ist auf beiden Seiten gleich. Cessiren der Krämpfe im Schlafe.
    Sensibilität anscheinend ungestört. Patellarreflex links normal, rechts gesteigert.

    Vortr. bespricht im Anschlusse an diesen Fall die Anschauungen Charcot’s
    über das Verhalten der Krämpfe bei willkürlichen Bewegungen choreatischer In-
    dividuen; er kann der Annahme nicht beipflichten, dass Steigerung der choreatischen
    Bewegungen durch intendirte Bewegungen zu dem Charakter der Chorea posthemi-
    plegica gehört, während bei der idiopathischen chronischen Chorea die Willkür-
    bewegungen hemmend wirken. Mit Rücksicht auf die strenge Halbseitigkeit der
    Krämpfe und ihre Beschränkung auf die periphersten Gelenke, die contante und
    gleichmässige einseitige Steigerung des Patellarreflexes nimmt v. S. eine cerebrale
    Heerdberkrankung an.

    Der zweite Fall betrifft eine Huntington’sche Chorea. Die Grossmutter der
    52 jähr. Kranken bekam Chorea im 50. Lebensjahre, starb mit 53 Jahren; von
    sieben Söhnen derselben erkrankten alle (auch der Vater der Pat.) mit Ausnahme
    des ältesten um das 50. Lebensjahr an Chorea und starben nach 2—3 Jahren.
    Von den vier Geschwistern der Patientin ist eine Schwester im Alter von 49 Jahren
    an Chorea erkrankt, zwei andere Geschwister psychopathisch. Der 25 jähr. Sohn
    der Kranken ist gesund.

    Der im Ganzen typische Fall zeigt einige bemerkenswerthe Eigenheiten. Die
    Intelligenz ist trotz siebenjähriger Dauer des Leidens noch gar nicht gestört, ferner
    zeigt er im Gegensatze zu dem gewöhnlichen Verhalten eine Betheiligung der Augen-
    muskeln an den Krämpfen. Die Sprache ist hochgradig gestört. Die willkürliche
    Unterdrückung der Krämpfe gelingt nur in geringerem Maasse. Im Schlafe Auf-
    hören der Bewegungen. Starke Herabsetzung der Muskelkraft; die Sehnenreflexe
    sind sehr erheblich gesteigert. Es besteht andauernde Euphorie.

    Im dritten Falle handelt es sich um eine Chorea chronica congenita bei
    einem nunmehr 16 jähr. Mädchen. Die Zuckungen sollen sofort nach der (übrigens
    normalen) Geburt bemerkt worden sein. Das Mädchen begann erst im 4. Jahre zu
    gehen, und kann erst seit dem 8. Jahre allein gehen. Lernte erst spät sprechen.
    Schreiben und Handarbeiten sind nur schwer möglich, jedoch zeigt der Zustand eine
    langsame, aber stetige Besserung; die Zuckungen waren vor Jahren um vieles stärker.
    Die Kranke bietet das Bild der Chorea minor dar; Willkürbewegungen steigern die
    Zuckungen. Spasmen oder Paresen fehlen völlig; leichte Steigerung der Patellar-
    reflexe. Geringe Imbecillität, sonst keine anderen nervösen Symptome. Sprache
    und Gang sind ungestört.

    Der Fall ist nach v. S. den cerebralen Diplegien anzureihen, es sind also
    anatomische Veränderungen im Gehirne als Ursache der Chorea anzunehmen.

    Freud stimmt der Auffassung von Sölder bei und hebt hervor, dass man bei
    kleinen Kindern öfters das Fehlen von spastischen Erscheinungen in Fällen beobachten
    kann, die zweifellos der cerebralen Diplegie angehören.

    Hermann Schlesinger (Wien).