Mein Werk und meine Weltanschauung 1929-092/1929

N. N., Freud, Sigmund (1929-092/1929): Mein Werk und meine Weltanschauung

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S.

Mein Werk und meine Weltanschauung.

Von Professor Dr. Sigmund Freud.

(Aus einem Gespräch.)

Die Analyse des Unterbewusstseins ist das
Wichtigste, was ich getan habe; die Vermessung des
inneren Ozeans, über den es bisher keine Karten gab.
Der Mensch kann und muss auf Grund seines Wissens
um das Unterbewusstsein seine Erziehung, seine
Literaturgeschichte, seine Religionsgeschichte und seine
künftige literarische Produktion von Grund auf neu
gestalten.

Geschlechtlichkeit ist die Wurzel, die Blüte und die
Frucht des Lebensbaumes. Wer die Geschlechtlichkeit des
Kindes leugnet, der leugnet die Natur selbst. Allerdings
darf man die Funktion der Fortpflanzung nicht mit der
Sexualität verwechseln. Unser Bewusstsein lässt sich mit
einem Springbrunnen vergleichen, der emporschießt und
wieder in das große unterirdische Gewässer des Unter-
bewusstseins zurückfällt, aus dem er aufgestiegen ist. Der
Geist ist ein Eisberg. Er schwimmt, und nur ein
Siebentel von ihm ist über dem Wasser. Mit der Zeit
werden die Ergebnisse meiner Bemühungen um die Er-
forschung des Unterbewusstseins überall angewendet
werden, zumindest überall in Europa. Ich weiß nicht,
ob mich Amerika jemals verstehen wird. Vielleicht in
zwei oder drei Generationen. Vielleicht, wenn die Neger
die Weißen überflügeln und die Richtung der Zivili-
sation bestimmen. Ich höre, dass es in Amerika eine neue
Generation gibt, eine junge und rebellische Generation,
die alle die alten Götzenbilder stürzt. Das ist gut. Aber
ich weiß nicht, ob die jüngere Generation ihr Ziel er-
reichen wird. Viele von der jetzigen Generation finden
das Leben in Amerika unerträglich und kommen nach
Europa, um hier zu finden, was sie suchen. Amerika ver-
feinert zu stark. Seine Presse scheint allzusehr geneigt,
sich an die niederen Instinkte zu wenden, statt das
Geistige zu popularisieren.
Außerhalb meines eigentlichen Arbeitsfeldes habe
ich wenige Interessen. Kennen Sie Anatole France?
Dann entsinnen Sie sich wohl der Geschichte von dem
Manne, der, sooft er etwas empfinden oder tun oder
sagen sollte, was ihn von seiner Arbeit ablenkte, die
weise Antwort gab: „Ce n'est pas dans ma vitrine.“ Wie
oft muss ich an einem einzigen Tage das Beispiel dieses
Mannes nachahmen: Das ist nicht in meiner Vitrine!
Immer wieder enden Erörterungen mit mir an diesem
Punkt. Ich bin weder Philanthrop noch Theoretiker. Ich
überlasse es andern, Träume zu träumen und sich in
die Zukunft zu verlieren. Ich beobachte, ich mache Auf-
zeichnungen, ich ziehe Schlüsse. Ich lebe im Diesseits
und in der Gegenwart. Was in tausend Jahren sein
wird, um das bekümmere ich mich nicht. Das ist nicht
in meinem Glasschrank! Ich war in bezug auf die
Menschheit niemals ein Pessimist. Sie wird sich durch-
setzen, wäre es auch nur darum, weil die Entwick-
lung ein unabänderliches Gesetz der Schöpfung ist. Durch
die richtige Erziehung vermöge der Mensch seine Evolu-
tion sogar zu beschleunigen. Aber das ist eine Frage
von Generationen, von Jahrhunderten. Unter dieser
Voraussetzung besteht kein Grund, weshalb der Mensch
für alle Zeiten ein Verbrecher und ein Mörder mit der
Mentalität eines Geisteskranken bleiben sollte.

Der Kampf geht zwischen dem Individualismus,
dem außerhalb des Gesetzes Stehenden, ob es nun
Nietzsches Uebermensch oder Darwins Ueberlebender im
Daseinskampfe ist, auf der einen und dem Menschen als
einem sozialen Geschöpf, dem Kollektivismus, dem Kom-
munismus, auf der anderen Seite. Das sind die beiden
Extreme, und keinem von ihnen wird jemals die ganze
Erde gehören. Das Experiment in Russland ist sehr
wertvoll. Was den Uebermenschen anlangt, so ist die
Zeit für ihn noch nicht reif. Ein Versuch, ihn zu züchten,
müsste wohl in Enttäuschung enden. Mein persönliches
Interesse an Russland geht auf die Zeit zurück, da ich
von poetischen, liberalen und internationalen Ideen
beseelt war. Es war die Zeit, da ich nach England
reiste, da ich wiederholt über den Rhein nach Frankreich

ging, um in Paris und Nancy zu studieren, und da ich
sogar den Atlantischen Ozean überquerte, um an der
Clark-Universität in Amerika Vorträge zu halten.

Der Weltkrieg hat bewiesen, dass wir die Humanität
ganz gewaltig überschätzt haben. Sie ist allerdings nicht
gestürzt, aber nur darum, weil sie nicht stürzen konnte.
Sie hat nämlich noch keine Höhe erreicht, von der sie etwa
hätte stürzen können. Unsere sogenannte Kultur ist nur
eine Einbildung und ein äußerlicher Aufputz. Unsere
primitiven Naturen, unsere antisozialen, bestialischen
Triebe liegen dicht unter der Haut. Im Kriege wurden
sogenannte kultivierte Menschen zu Bestien und
schlachteten einander ab. Als die Regierungen und die
Konventionen, die wir als unsere Herren anerkennen,
das Zeichen gaben und schrien: Dort ist ein Feind!, da
seufzten wir erleichtert auf und warfen unsere schwäch-
lichen Hemmungen über Bord, um zu lügen, zu stehlen,
zu rauben und zu morden.

 

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