Sitzung vom 18. April 1923. 1923-508/1923

Bernfeld, Siegfried (1923-508/1923): Sitzung vom 18. April 1923.

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  • S.

       Sitzung vom 18. April 1923.
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          Anwesend: Prof. Freud, Sadger, Federn, Eichhorn, Nunberg, Jekels,
    Anna Freud, Hoffer, Fokschaner, Reich, Schilder, Rank, Bernfeld, Reik,
    Hitschmann, Hug, Doz. Deutsch, Kempner, Weiss, Winterstein, Friedjung,
    t
    Seiner. Auswärtige: Sarasin, De Groot, Blumgaart. Gäste: Biebring, Bircher.

          Federn weist auf die Zeitungsmache anlässlich des Internistenkongres-
    ses hin, die den Zweck hat, im Publikum die Psychoanalyse herabzusetzen.

          Schilder stellt fest, dass im Vortrag von Prof. Economo kein Wort
    über Psya. enthalten war. er hat auch einen grossen Teil des Vortrags
    mit Economo durchgearbeitet, der erklärte, es sei ihm jeder Angriff
    gegen die Psya ferngelegen. Insofern sei etwas richtiges an den Zeitungs-
    meldungen, als an ein paar Worte von Economo ähnliche Konsequenzen an-
    geschlossen werden konnten.

          Federn: Wenn es sich verhält wie Schilder sagte, so sei die Sache doch
    nicht so einfach, weil nach der Tagesordnung des Kongresses nichts in die
    Zeitungen kommen darf, was nicht die Billigung des Presskomitees gefunden
    hat. Er schlägt vor, das Presskomitee zur Rechenschaft zu ziehen.

          Freud findet, dass dies Sache des Vortragenden ist. Wir sind dabei die
    unbeteiligten dritten, die nur erschlagen werden; aber das interessiert
    uns nicht.

          Reich hat privat mit Economo gesprochen, er legt garkeine Bedeutung auf
    die ganze Sache und meinte, man solle sich nicht darum kümmern.

          Hitschmann: Die Frage wer Freuds grösster Schüler ist und die künftige
    Jahrhunderte zu entscheiden haben werden, scheint das Neue Wiener Journal
    zu seinen Gunsten gelöst zu haben, offenbar aus Dankbarkeit, weil er auf
    eine telefonische Anfrage der Zeitung (übrigens während einer Analysen-
    stunde, also sehr eilig und oberflächlich) ein paar beruhigende Worte
    antwortete.

          Federn ist nicht überzeugt, dass wir nichts tun sollen, ist aber gewöhnt,
    die Entscheidungen in Fragen der psya. Polotik Prof. Freud zu überlassen.

          Reik legt den Büchereinlauf vor: Freud, Ich und Es und ein Heft des
    Dial mit Hoffmannsthals Aufsatz über Freud (Spende von Winterstein).

  • S.

    S c h i l d e r : Ueber Psychoanalyse und Encephalitis.

          Freud findet das sehr schön und sehr klar und es klingt sehr hoffnungs-
    voll für ein späteres Zusammentreffen der psya. und der neurologischen
    Forschung. Dabei sieht man, dass es eine Aufgabe der Wissenschaft zu
    sein scheintt, Gegensätze zu konstruieren wo keine sind. Jeder der einen
    Winkel hat, bemüht sich seinen auszubauen und behauptet dass es andere
    garnicht gibt. Das ist aber bloss psychologisch und nicht objektiv be-
    gründet. Eine Bemerkung, die die Auffassung der Sache nicht wesentlich be-
    trifft, die aber in Betracht kommen könnte, weil wir es hier mit exakte-
    ren Dingen zu tun haben, als wir es sonst gewohnt sind: Man könnte fra-
    gen, ist der Versuch gemacht worden, bei einem Kranken dieser Art, der
    neuroseähnliche Züge zeigt, psychoanalytisch zu behandeln?

          Schilder konnte bisher eine Psya. nicht machen, kümmerte sich aber um
    die Träume und da ist sehr wenig zu finden. Die Patienten sind nicht
    leicht zur Psya. zu bekommen. Er hat nie einen neurotischen Anteil finden
    können. Sie sind im grossen und ganzen weniger neurotisch als organisch
    Kranke, die wenig mit Neurose zu tun zu haben scheinen. Er will versuchen
    einen solchen Fall in Psya. zu nehmen.

          Deutsch bemerkt, dass es nicht immer so einfach ist wie es Schilder
    darstellt. Es ist noch immer nicht nachgewiesen, wo der Unterschied im
    Sitz der Krankheit liegt bei den Bewegungsarmen und Bewegungsreichen.
    Er kennt einen Fall mit postencephalitischen Anfällen, der durch Hypnose
    von den schwersten Anfällen bis auf einen Rest heilbar war. Es ist also
    ein Teil der Symptome psychisch zu beeinflussen. Die Aetiologie ist noch
    garnicht sicher.

          Reich wendet ein, warum die Verschiedenheit der Krankheitsbilder,
    wenn hier eine somatische Angegriffenheit vorliegt. Es müssen erst einige
    Fälle gründlich analysiert sein und die vorherige Anlage festgestellt
    sein. Chorea minor hat er in einem Fall als unzweifelhaft psychisch de-
    terminiert gefunden. Auch hier sind die Fälle nicht sehr klar.

          Schilder: Es ist richtig, dass die organischen Zustände teilweise
    psychisch stark beeinflussbar sind. Aber die psychischen Prozeduren er-
    zielen etwas nur für eine ganz kurze Zeit. Trotz der grossen Aehnlichkeit

  • S.

    ist der Verlaufstypus offenbar ein ganz anderer. Man kann vom Psychischen
    her die Störung eine kurze Zeit kompensieren. Chorea minor wird nicht
    seit langem als Neurose aufgefasst. Aber es muss hier ein organisches
    Entgegenkommen auf alle Fälle vorhanden sein. Erzählt einen Fall, der für
    eine Hysterie gehalten wurde und hypnotisierbar war und trotzdem zweifel-
    los organisvh. Man sieht in solchen Fällen niemals wie bei der Neurose,
    dass sie für längere Zeit zurückgedrängt werden kann. In wie weit die
    Tiks Ausdruck der organischen Schädigung sind ist schwer zu entscheiden.
    Ob die Antriebsstörung sekundäre oder primär ist, ist dabei ziemlich
    gleichgültig