Schlafwandeln. Vortragender: Dr. Sadger 1907-510/1907

Rank, Otto (1907-510/1907): Schlafwandeln. Vortragender: Dr. Sadger

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    Schlafwandeln.

    Vortragender: Dr. Sadger                             27. März 07
    spricht zunächst über den Volksglauben vom Schlafwandeln (der Mondsucht)
    In der wissenschaftlichen Literatur finde fastman keine Erklärung des Phänomens.
    In der schönen Literatur seien ihm nur Lady Macbeth, der Prinz von
    Homburg, Maria von Otto Ludwig u. Lene Tarn in Jörn Uhl bekannt (auch
    Jensen soll in seinem dreibändigen Roman das Thema behandelt haben).
    Auf Grund zweier Psychoanalysen bespricht dann der Vortragende
    die innige Verwandtschaft des Schlafwandelns mit dem Traumleben;
    er hebt hervor, dass es sich dabei immer um Wunscherfüllungen u. zw.
    meist um sexuelle handle (exhibitionistische Akte u. homosexuelle Be-
    ziehungen zu Eltern od. Lehrern etc.). Die konkreten Handlungen, die
    man im Schlaf begeht, entspringen nur sexuellen Wünschen. In
    der einen Analyse ergibt sich, dass sich das kleine Mädchen schlafend
    stellte, um eine Reihe von sexuellen Handlungen zu begehen, die sonst
    verboten sind (Der Marienkultus beruhe ja in ähnlicher Weise darauf, ohne
    Schuld zu genießen). Auch führte sie Reden im Schlaf, ohne aber dabei
    sexuelle Geheimnisse zu verraten. Dieses Mädchen war in seine Mutter
    homosexuell verliebt und schlief lange Zeit im Bette der Eltern. Ihr
    Mondsucht war ein Nachsteigenwollen ins Bett der Mutter. Eine große Rolle
    spielt bei der Mondsucht die starke Lichtquelle (Mond: das natürliche Licht).
    Pat. sagt, das Licht ruft mich unbewusst zur Mutter. - Pat. ist enuretisch.
    Eine große Rolle spielt auch die Gewohnheit mancher Eltern das
    schlafende Kind (bes. wenn es krank ist) zu beleuchten, um sich von
    seiner Ruhe zu überzeugen.
         Der zweite Fall betrifft einen jungen Mann, einen Zwangsneurotiker, der
    in seinen Vater verliebt ist; die Mutter hat in seiner Kindheit sexuelle
    Dinge mit ihm getrieben. Auch in seine Neurose spielt die nächtliche
    Befriedigung exkrementeller Bedürfnisse hinein, ebenso wie die homo-
    sexuelle Neigung (ganz wie im ersten Fall). Auch befriedigt Pat. dabei seine

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    exhibitionistischen Neigungen, indem er dem Vater im Hemd entgegen-
    tritt. Auch bei schdiesem enthüllen sich diese mondsüchtigen An-
    wandlungen als der Wunsch, zum Vater (zu den Eltern) ins Bett steigen
    zu wollen. Er identifiziert den Mond mit dem Vater; denn die
    Mutter sagte ihm, der Mond sei der Vater, der zusehe, ob das Kind brav
    schlafe. Scheint der Mond ins Zimmer, so glaubt nun das Kind, der
    Vater komme mit der Lampe nachsehen und stellt sich schlafend.
    In Otto Ludwigs Novelle »Maria« sei deutlich dargestellt, dass die Mondsucht
    (das Nachtwandeln) die ungestillte Liebessehnsucht des Mädchens zum
    Ausdruck bringe. Die »weiße Frau« sei die Jungfrau im Hemd. – Die
    Mondsucht der Mädchen entspringe dem Wunsch, schuldlos sexuell
    zu genießen. Ähnliches habe auch Kleist in der »Marquise von O.« be-
    handelt (eine häufige Phantasie Hysterischer, der Arzt habe sie in der
    Ohnmacht sexuell missbraucht). – Bei Lady Macbeth sei den dramatischen
    Anforderungen entsprechend das klinische Bild entstellt.

    Hitschmann findet das Phänomen des Nachtwandelns mit Sadgers Aus-
        führungen nicht erklärt.
    Federn verweist auf die Bedeutung des Mondes nicht nur als Licht-
        quelle für den Schlafwandler sondern auch auf den Einfluss, den er
        auf die sexuellen Vorgänge im Allgemeinen übt: die Begattung der
        Fische findet im Vollmondzeiten statt; auch die Protozoen kon-
        jugieren um diese Zeit.
    Kahane bemerkt, das Schlafwandeln sei gleichsam der Übergang
        von den motorischen Träumen, den Handlungen, die man im
        Schlaf empfindet, zu den wirklichen Handlungen des wachen Lebens.
    Rank bezweifelt, dass man die individuellen Ergebnisse aus den beiden
        Analysen verallgemeinern könne und verweist auf die Ähnlichkeit des
        mandsüchtigen Tuns mit den Symptomhandlungen.
    / Freud bemerkt, der V. habe den Kern des Problems kaum berührt.
        Die Erfüllung sexueller Wünsche sei doch nichts für das Schlafwandeln allein

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    Charakteristisches, sondern betreffe alle neurotischen Erscheinungen.
    Die Anknüpfung an den Traum sei richtig; das Rätsel sei nur, wie-
    so die Lähmung der Motilität, die ja den Traum charakterisiere, im
    Schlafwandeln dennoch aufgehoben werden könne, während das Traum-
    leben trotzdem noch weiter fortgesetzt werde.
    Somnambulismus trete oft in der Kindheit auf und verliere sich in späten Jahren.
    Es sei davor zu warnen, die Aussagen der Kranken (wie in der ersten Analyse)
    für vollwertiges wissenschaftliches Material zu nehmen. Man müsse
    sie vielmehr einer scharfen Kritik unterziehen, da sie ein gefälschtes
    Bild, aus Phantasie und Wirklichkeit, lieferten. Die Phantasie füllte die
    Erinnerungslücken in passender, oft sehr geschickter Weise aus.
    Dieses Rückphantasieren finde man auch bei Normalen: z.B. bei Liebes-
    paaren, die nicht vertragen, dass der jetzige Zustand ein neuer sein
    soll, und die bald daran glauben, sie hätten einander schon von
    früher her gekannt. Auch der Hysteriker, in dessen Krankheitsätiologie
    z.B. die Verführung keine Rolle spielt, und der eine autoerotische Kind-
    heit hat, gestaltet diese durch Phantasien, die seinem heutigen
    Denken angemessen sind, zur Objektliebe. Ähnlich verfährt der
    Historiker, der auch die Anschauungen seiner Periode in die Vergangen-
    heit hineinträgt.
    Den Kern des Problems habe Otto Ludwig getroffen, der in seiner Erzählung
    »Maria« die einzige und zutreffende Erklärung des Somnambulismus gebe.
    Das Mädchen dort geht nämlich schlafwandelnd in ein Erkerzimmer und
    legt sich dort in das Bett, das an der Stelle steht, wo ihr Kinderbett
    gestanden hatte. Das sei das Wesentliche am Somnambulismus: der
    Wunsch dorthin schlafen zu gehen, wo man in der Kindheit ge-
    schlafen habe. In der ersten Analyse finde die mondsüchtige Mutter
    der Pat. auch das Bett nicht (und den Topf) weil sie unter der
    Suggestion der alten Erinnerung steht. Ihr Benehmen wird
    verständlich, wenn man die alte Lokalität zur Unterlage nimmt.
    Das Ins-Bett-genommen-werden der Kinder sei erst eine weitere

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    Ursache; das Kernphänomen sei das ins Bett gehen.
    Der Fall der Lady Macbeth sei kein gewöhnlicher Somnambulismus sondern
    etwa ein nächtliches Delir. Fall 1 sei bezeichnend für die Tatsache,
    dass Leute, die im Schlaf sprechen, nie dabei ihr Geheimnis verraten;
    was sie sagen ist nur der Ersatz für das, was verschwiegen wird (Leute, die
    viel reden, haben ein Geheimnis). Merkwürdigerweise nun verrät aber
    Lady Macbeth das Geheimnis; aber doch nicht ihr Geheimnis, das Ge-
    heimnis der Lady, denn sie spielt alles in der Rolle ihres Mannes.
    Sie verrät nur etwas, was mit ihrem Geheimnis im Zusammen-
    hang steht. /

    Stekel hebt die reichen Anregungen hervor, die der V. geboten habe.
        Er erwähnt ein Buch (Lagerlöf?) wo Liebende im somnambulen
        Zustand einander finden. Zur Erklärung des Phänomens bemerkt er,
        dass sich der Schlaf im Moment des Somnambulismus in einen auto-
        hypnotischen Zustand verwandelt. Der Wunsch werde so mächtig,
        dass er zu einer Art Hypnose führen kann. –
        Gelegentlich trat bei Patientinnen der Mond als Symbol des Hodens auf.
        Auch die biologische Bedeutung des Mondes für den Menschen sei nicht
        zu unterschätzen (Lunarperioden).

    Reitler bemerkt, es sei wohl noch nicht möglich eine allgemein gültige
        Erklärung des Phänomens zu geben.
        Das Ins-Bett-steigen zu den Eltern sei nicht identisch mit dem
        Wunsch zu schlafen, sondern etwas zu erleben.
        Vor einigen Jahren hatte er Gelegenheit ein 8 bis 9 jähriges enuretisches Mädchen
        zu beobachten, das ohne zu erwachen bei Nacht den Topf aufsuchte;
        sie ging aus ihrem Zimmer in das ihrer Brüder oder ihrer Eltern
        um den Topf der Brüder oder des Vaters zu benutzen. Sie litt dann
        an einer Zwangshandlung, die darin bestand, dass sie sich bei
        Tage den After und den rückwärtigen Teil der Oberschenkel blutig
        wusch, um diese Körperteile von einer etwaigen Beschmutzung
        an den „männlichen“ Töpfen zu reinigen. Gegen Prof. Freuds Erklärung

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    spräche ein allerdings erst flüchtig beobachteter Fall eines 6 jährigen
    Mädchens, in dessen Kindheitsgeschichte kein Lokalwechsel nachzuweisen sei.
    Adler schließt sich der Ansicht Kahanes an, wonach der Somnam-
    bulismus in eine Reihe mit den geträumten Bewegungserscheinungen
    zu stellen sei. Von da aus sei der Weg zur Psychoanalyse zu finden.
    Auch auf einen etwaigen Unterschied zwischen dem Nachtwandeln der
    Kinder und der Erwachsenen sei aufmerksam zu machen.
    Das Nachtwandeln müsse nicht immer in die Kindheit zurückzuverlegen
    sein. – Die Motilitätshemmung werde beim Schlafwandeln nicht in ihrer
    Gesamtheit aufgehoben. – Bei Kindern liegt dem Schlafwandeln das
    ursprüngliche Lustgefühl der Bewegungsorgane zugrunde.
    Personen, die von gewagten motorischen Leistungen träumen, haben
    ähnliche Leistungen in ihrer Kindheit tatsächlich ausgeführt;
    es sind Menschen mit ursprünglich stärkeren Bewegungsimpulsen.
    Gegen die Freudsche Erklärung spräche der Umstand, dass der Somnam-
    bule auch aufsteht und nicht nur sich niederlegt.
    Nachträge: Hitschmann bemerkt, dass dieser Zustand eigentlich kein
    Schlaf sei, sondern vielmehr dem hypnotischen Zustand ähnlich sei,
    oder dem hysterischen (etwa dem double conscience).
    Stekel: der Schlafwandler sucht das Sexualobjekt.