• S.

           11. 7. 08
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr College
    Ich bitte Sie, sich nicht zuviel Plage mit dem Referat fürs Jahrbuch zu machen. Es soll doch möglichst knapp ausfallen. Habe ich Sie schon auf die Arbeiten von Warda aufmerksam gemacht? Eine ist im Archiv für Psychiatrie. Am besten, Sie schreiben ihm darum.
    Von Zürich, d. h. wohl von Jung, habe ich wenig Nachrichten und weiß nichts, was Sie beträfe. Ich bedauere Ihren Zwist sehr. Wenn ich im Herbst Gelegenheit habe Jung zu sprechen, werde ich mich eingehend erkundigen. Ich fürchte, es fehlt beiderseits an der Absicht zum guten Auskommen; was Sir mir letzthin zur Liebe getan haben, allerdings ausgenommen. Ich muß Sie beide der Sache wegen miteinander versöhnen; Sie sind mir beide zu wertvoll.
    Ihre Idee über die Verwandthenehe ist gewiß richtig und darstellenswert.

  • S.

    Sie ist in unserem Kreis bereits laut geworden worauf Sie natürlich gar keine Rücksicht zu nehmen haben. Die Cousine ersetzt besonders häufig die Schwester. Die Prognose dieser Ehen halte ich im allgemeinen für recht günstig.
    Ihre Reserve bei Oppenheim ist sehr zweckmäßig. Machen wir’s wie bei den Einfällen in der Kur; einem, der sich verweigert, nicht nachlaufen.
    Am 15. d. M. reise ich nach Berchtesgaden Dietfeldhof ab. Ich kann die Ferien sehr gut brauchen. In Ihren Jahren war es auch bei mir anders.
    Mit herzlichem Gruß
           Ihr Freud
    P.S. Unlängst habe ich die Sündflutmythen durchschaut und zurückgeführt.