[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Zwei Fälle von Angsthysterie‹ 1907-439/1907.01

Rank, Otto (1907-439/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Zwei Fälle von Angsthysterie‹

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                  I Sektions Vortragsabend

    am

    27. November 1907


     

    Zwei Fälle von Angsthysterie.

    Dr Stekel.

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    Beide Fälle sollen ausführlich publiziert werden.

         Im ersten handelt es sich um einen 24jährigen Schriftsetzer, der
    auf hypnotischem Wege von seinen verschiedenen nervösen Be-
    schwerden befreit werden will. – Der Mann ist Onanist und masturbiert
    meist mit sadistischen Phantasien (kleine Knaben auf den nackten Podex
    zu schlagen). Seine sadistischen Neigungen führt er darauf zurück, dass
    sein Vater ihn und seine beiden Schwestern auf den Hintern zu schlagen
    pflegte und sie nachher zwang, vor ihm ein Bedürfnis zu befriedigen. –

    Auch Neigungen zur Schwester sind vorhanden. – Seine Träume sind ein-
    fach, wie überhaupt die der Sadisten und Zwangsneurotiker; denn der
    Zwangsgedanke setzt sich einfach fort. – Der Fall liefere auch einen
    Beitrag zur Psychologie der Züchtigung der Kinder: der sadistische
    Zug beim Vater zeige sich darin ohne ethische Maske. –

         Der zweite Fall betrifft eine berühmte Konzertsängerin, die
    plötzlich ihre Stimme verlor und den Arzt konsultierte in der Meinung,
    es handle sich um ein organisches Leiden (Kehlkopfkrebs. – Ihr
    Vater war an Mastdarmkrebs gestorben. –). Es handelte sich hier um
    einen Fall von Berufsneurose. Sie hatte bestimmte psychische
    Motive ihre Stimme zu verlieren, die mit der weiteren Ausübung
    ihres Berufes in innigem Zusammenhang standen. – Auch der Moment,
    wo ihre Stimme zum erstenmal versagte, war bezeichnend und
    psychisch streng determiniert. – Nach mehrwöchiger psycho-
    analytischer Behandlung ist sie wieder im Besitz ihrer früheren
    Stimm mittel.

    I Diskussion:

         Prof. Freud zollt zunächst der psychoanalytischen Fertigkeit
    Stekels seine Anerkennung, woran er dann einige kritische
    Bemerkungen schliesst. Es sei vielleicht ganz zweckmässig
    sich – wie es Stekel hier tat – eine abgekürzte Psychoanalyse für die
    leichten Fälle zurechtzulegen.

    Zu der im 1. Fall vom Pat. aus seinem 5ten Lebensjahr erinnerten

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    Szene mit dem Vater sei zu bemerken, dass diese „Erinnerung“ ganz
    das Gepräge einer Phantasie trage, die wahrscheinlich so entstanden sei,
    dass sich eines der Kinder nach einer solchen Züchtigung einmal
    bemacht haben dürfte.

         Die Geschäftsangst des Patienten (Angst Geschäfte zu betreten etc. etc.) hänge,
    wie überhaupt die Geschäftsangst, mit dem ehemaligen erotischen Gewinn
    beim großen und kleinen Geschäft zusammen.

         Im zweiten Falle sei vor allem die Technik zu tadeln, die keines-
    wegs die klassische und nicht empfehlenswert sei: Bei den
    Assoziationen bekomme man , ebenso wie bei den freien
    Einfällen, sehr viel Spreu. Der Fall, dem dem Pat. gleich anfangs
    nichts einfiele (was zu den Assoziationen zwinge) komme nicht
    vor, wenn man die Pat. anfangs ihre Geschichte erzählen lasse. Die
    ersten in diesem Zusammenhang aufsteigenden Einfälle beziehen
    sich immer auf die Situation zum Arzte.

         Das Pferd als Koitussymbol aufzufassen sei ganz richtig (grosser Penis),
    das Wesentliche daran aber ist der gespürte und gehörte Rhythmus beim
    Reiten. –

         Der Traum, worin das Abreissen der weissen Blüten vorkommt, heißt:
    ich habe meine Unschuld durch die Onanie verloren (Abreissen : typisch).

         Die Erklärung des Symptoms, die Motive des Krankseins, seien
    richtig erkannt und dargelegt. Den Mechanismus aber [habe] Stekel
    nicht scharf nachgewiesen: es ist die Identifizierung mit
    ihrer Nebenbuhlerin (Oda) beim Geliebten. Der Mechanismus
    ist eine Kombination von Selbstbestrafung und Rache. In der
    Szene mit der Oda hat sie das Gefühl: der mußt du an die Gurgel
    springen; die Selbstbestrafungstendenz aber bewirkt eine Versagen
    der Stimme bei ihr. Sie unterdrückt die Rachsucht gegen die Neben-
    buhlerin bekommt aber dafür selbst ein Symptom. Ihre
    Neigung zum Vater ist deutlich. In der Kindheit drängte sie sich
    als Dritte zwischen Vater und Mutter ein; jetzt kommt die Oda

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    und drängt sich in ihr Verhältnis als Dritte ein. Sie kann die
    Rache an der Nebenbuhlerin deswegen nicht vollziehen, weil sie
    in ihr ihr eigenes Bild sieht (wie Hamlet, der aus demselben Grund
    die Rache nicht vollziehen kann). Sie fühlt sich also jetzt als Mutter
    (vgl. dazu ihre Angabe, dass sie bei Männern immer die Em-
    pfindung des Bemutterns habe). Durch die Oda, die Tänzerin, wird
    ihre Erinnerung an die Mutter geweckt; ihre Mutter hatte schöne
    Beine und auch sie benimmt sich im Verlauf ihrer Neurose
    wie eine Tänzerin (Identifizierung). Die Oda fand ihre Stimme
    hässlich und seitdem hatte sie auch diese hässliche Stimme gehabt.
    Es ließe sich vermuten, dass diese hässliche Stimme beim der Mutter
    wiederzufinden wäre. –

         Besonders betont sei bei der Patientin:

              1) der Analcharakter ( häufig kombiniert mit sadistisch mas. N. )

              2) die sadistischen Züge

              3) die homosexuellen. –

    Sie bringt also in ihren Beziehungen zu Mann schon eine ein-
    geschränkte Libido mit.

         Gefordert könnte noch werden, dass sie Kindheitserinnerungen
    hätte, die sich auf Flatus beziehen. Diese Analstimmen hätten
    das Missfallen des Vaters erregt und ihre jetzige Stimmlosigkeit
    wäre dann dazu die Wunscherfüllung.

         Ein kleiner Nebengewinn ergäbe sich aus den Analysen: man er-
    fahre daraus wie es eigentlich in der Welt zugehe, man bekomme
    ein wirkliches Weltbild. Die Analysen seien kulturhistorische
    Dokumente von allerhöchster Wichtigkeit.

    Federn betont, dass wir es in diesem Fall, ebenso wie beim Kantor,
    mit einem Fall von verfehltem Beruf zu tun haben. Denn
    ein Mädchen, das durchaus ihre Anständigkeit bewahren wollte,
    wie Pat. , sei eben als Künstlerin unmöglich.

         Die simpelste Hysterie des Mannes, die Impotenz, entspreche der

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    Anästhesie beim Weibe. Diese Anästhesie hänge mit vorzeitiger
    Onanie zusammen.

         (Prof. Freud wirft hier die theoretische Frage auf ob bei diesen Personen
    die Genitalzone vorzeitig verkümmert, die Genitalablehnung so
    früh kommt, weil die anderen Perversionen so stark entwickelt
    sind oder ob umgekehrt die Perversionen sich so stark entwickeln
    können, weil die Genitalablehnung so früh kommt.)

    In ihrer Phantasie, dass sie als junger Mann schon einmal gelebt habe,
    könne man Pat. sofort als Lesbierin erkennen. – Es sei – nach einem
    gründlich untersuchten Fall – zu vermuten, dass Lesbierinnen
    ein abstoßendes Peniserlebnis in der Kindheit hatten. ( STEKEL
    hebt ein solches Erlebnis als typisch für die Angsthysterie hervor ).

    Bei drei Hystericis habe er verkümmerte Brustwarzen gefunden.

    WITTES vermutet, dass Pat. Stekel belogen habe.  Viele von ihren
    Mitteilungen komme ihm phantasiert vor. –

    Adler greift zunächst auf Prof. Freuds Mitteilung über Dr. Abrahams
    Standpunkt in der Traumafrage zurück und bemerkt, dass er
    gegensätzliche Erfahrungen habe: von nichtneurotischen Personen,
    die sexuelle Traumen verschwiegen. Die Klassifizierung des
    Sagens und Verschweigens sei oberflächlich. Was die Anzahl der
    Traumen betreffe, so dürfe man sich nicht auf den Standpunkt
    der Überschätzung des Traumes stellen: die Konstitution finde
    sich das sexuelle Trauma.

         Aus dem ersten Fall bekomme man den Eindruck einer Erb-
    lichkeit des Sadismus, überhaupt also psychischer Eigenschaften,
    geistiger Vorgänge.

         Beim Analcharakter könne man in der Heredität gewisse
    psychische Eigenschaften nachweisen; das gelte übrigens für alle
    minderwertigen Organe. In zweiten Fall trete daneben auch der
    enuretische Charakter hervor. – Die Minderwertigkeit der Mammae,
    die sich hier auch bei der Mutter finde ( Pat. hat schwach entwickelte

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    Brüste und wurde nicht von der Mutter gestillt ), stehe im Zusammen-
    hang mit der ganzen psychischen Entwicklung der Person. Die Ab-
    neigung der Kinder gegen die Mutter, gehe auch auf die Nichtstillung
    in vielen Fällen zurück.

    Sadger kann nicht bestätigen, dass die Träume der Zwangs-
    neurotiker einfach wären. Hinter ihrer Liebe zu dem Musiker P.
    stecke die homosexuelle Liebe; sie nennt ihn Mutter; ihm gegenüber
    kann sie den Mann spielen. Die Angst Lokale zu betreten,
    in denen sich Frauen aufhalten, weise auch auf homosexuelle
    Neigung ( resp. Abneigung ) hin. –

    Graf sieht seine Einwendungen gegen Stekels Methode durch
    seinen Erfolg abgeschnitten. Er kenne viele Fälle, wo Künstlerinnen,
    ein paar Jahre durch die Ehe befriedigt, nicht sangen, später
    aber wieder auftraten. Ebenso dass große Sänger auf Tourneen
    abstinieren.

         Das künstlerische Schaffen der Kinder beginne mit der ersten
    Verdrängung.

    Hitschmann betont, dass der gute Erfolg kein Beweis für die
    Richtigkeit der Analyse ist sei und gibt seinem Zweifel an all den
    Dingen in satirischer Weise Ausdruck. Je kürzer und ein-
    facher die Sache erscheine, um so verdächtiger sei sie.

         Eine Beruhigung durch einen Arzt hätte vielleicht ebenso günstig
    gewirkt wie Stekels Beeinflussung.

    Stekel möchte die Neurose die Lehrers, der alles Neue
    ablehne, in Gegensatz zu der ihm oft vorgeworfenen Schüler-
    neurose bringen. Das Assoziationsexperiment mache er,
    um über Pausen hinwegzukommen.

         Der Erfolg sei nur auf die Auflösung der Verdrängungen zurück-
    zuführen, was doch ohne Psychoanalyse nicht möglich
    gewesen sei ( gegen Hitschmann ).