[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Häutler ›Nietzsches Ecce homo‹ 1908-431/1908.01

Rank, Otto (1908-431/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Häutler ›Nietzsches Ecce homo‹

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    Dritter Vortragsabend
    am 28. Oktober 1908.


     




     

    Nietzsches: Ecce homo.

    Haeutler.      

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    „Ecce homo“ war das letzte Werk, das Nietzsche druckfertig gemacht
    hat. Noch vor seinem Erscheinen trat die Katastrophe ein. Des-
    wegen wurde es damals nicht veröffentlicht und die Schwester
    schob die Veröffentlichung immer auf. – Sie hat sie in ihrer
    Biographie Nietzsches, besonders im 2. Band, ausgeschlachtet. – Die Bedeutung
    des Ecce homo für die Würdigung für eine verständnisvollere Würdigung
    Nietzsches wäre zum grossen Teil leichter gewesen, wenn es früher be-
    nutzt werden können. Wenn auch das Bild nicht ganz der Wahrheit
    entspricht, so ist doch immerhin in seiner Darstellung eine Wunsch-
    erfüllung: so wollte er gesehen werden und jedenfalls charakterisirt
    er sich mit seiner Darstellung. –
         Dieses Werk enthält eine Umstilisierung seines ganzen Lebens
    zu einem ganz bestimmten Zweck: er stellt sich als Persönlich-
    keit gegen Christus, es ist der Antichrist, den er hier schildert,
    indem er sich als Dionysos malt. – Er giebt sich hier gewissermassen
    das Recht einen Antichrist zu schreiben als einer, der durch alles
    darauf vorbereitet ist, diese Stellung Christus gegenüber einzu-
    nehmen. Es ist für Nietzsche charakteristisch, dass er immer erst
    an einem andern sich selbst erkennen muss u. auch von Dionysos
    spricht er nur von sich unter diesem Bilde.
         Das Buch ist in Kapitel eingeteilt, die ganz merkwürdige Titel haben,
    wie: „Warum ich so klug bin“, „warum ich so weise bin“, „warum ich
    so gute Bücher schreibe.“ Die Titel scheinen, da zwischen ihnen und dem
    darunter stehenden kein eigentlicher Zusammenhang besteht, im
    Gegensatz zu einzelnen evangelischen Aussprüchen gewählt, wie: selig
    sind die Armen im Geiste etc. –
         Das Wesen seiner Weisheit findet er gegründet auf den Gegensatz
    zwischen Vater und Mutter. Vom Vater habe er die morbide Anlage;
    dieser sei im 36. Jahr gestorben. Er fügt dann hinzu: „Als meine Mutter
    lebe ich nun weiter. Durch das Erbe vom Vater sei er be-

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    stimmt, in allen Formen der Decadence zu Hause zu sein. Was es ihm
    aber möglich mache, das doch zu überwinden, das sei das Erbe seiner
    Mutter. – Er charakterisiert das Wesen des Krankseins als das gar nicht
    gesund werden wollen. Er sei aber seiner Krankheit verpflichtet, denn
    sie sei notwendig zur geistigen Entwicklung. –
         Die zweite wesentliche Untersuchung gilt dem Ressentiment.
    Ein weiteres Charakteristikon findet er für sich in seiner Stellung zum
    Krieg, den er, im Anschluss an Heraklit, als den Vater aller guten Dinge
    hinstellt.
         Das Wesentliche seiner Klugheit ist, dass er sich verschwendet hat.
    Sein Hass gegen die Deutschen u. alles Deutsche ist zum grossen Teil Reaktion auf
    sein Totschweigen. –
         Den grössten Begriff des Lyrikers habe ihm Heine gegeben. Als höchste
    Formel für Shakespeare finde er, dass er den Typus Cäsar konzipiert habe.
    Mit Bedauern spricht er über sein Buch: contra Wagner.
         Er geht dann über zur Beantwortung der eigentlichen Frage: wie man
    wird, was man ist. Er setze dies voraus, dass man nicht ahne, was man
    ist; auch die Fehlgriffe haben ihren Wert, darin kommt eine grosse
    Klugheit zum Ausdruck und in diesem Falle nehme er Partei der
    selbstlosen Triebe, die hier im Dienste der Selbstsucht arbeiten.
    Dann rechtfertigt er seine Art, von kleinen Dingen zu erzählen,
    die man bisher zu viel vernachlässigt habe. –
         Weiter bespricht er seine Art zu schreiben, über die Kunst des Stils,
    u. schliesslich bespricht er seine Bücher der Reihe nach im Sinne
    seiner letzten Einleitungen.
         Die Antwort auf die Frage des letzten Kapitels: warum ich ein Schick-
    sal bin; stehe im Zarathustra.
         Als Inbegriff der vollständigen Umwertung aller moralischen Werte,
    aller Naturwerte sieht er das Christentum an. In dem schon be-
    sprochenen Kapitel: Asketische Ideale (str. d. Genealogie d. Moral) gibt
    er die Analyse eines einzelnen Falles u. verallgemeinert sie dann

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    im Antichrist, zu dem das Ecce homo die Vorstellung des Autors ist.
         Was als Wesentlichstes hier und in seinen andern Schriften hervor-
    tritt, gibt er damit erst an, dass er sich Dionysos nennt. Es sind
    2 Zettel aus seiner letzten klaren Zeit bekannt geworden von denen
    der eine, an Brandes gerichtet unterzeichnet ist: „der Gekreuzigte“,
    ein an Rohde gerichteter mit: „Dionysos grüsst seinen Mysten.“
    Es ist fraglich, ob seine Auffassung des Dionysos sich auf Tatsächliches
    stützte. Er hielt den Dionysos-Kult für autochthon, während
    Rohde das Gegenteil nachweist. – Was er durch das Problem des
    Dionysos aufhellen geholfen hat, ist die romantische Zeit, zwischen
    Homer und Pindar, die Zeit des 6. Jahrh., der lyrisch-mystischen
    Naturanschauung. Er findet sich in der Spätantike wieder. Was ihm
    abging, war was wir aus dem klassischen Griechenland kennen
    jener Überdrang, der Leidenschaft Form und Ausdruck zu geben,
    jenes sich in Werken ausleben. Das hängt zusammen mit der
    hohen Schätzung der Leidenschaft selbst und der Menschen, die
    von ihr beherrscht werden. – In Nietzsche kann man nun wesent-
    lich den dionysischen Zug, den orgiastischen finden. Wenn wir
    fragen, was das bedeutet, so kann uns vielleicht die Nachricht
    ein kleiner Fingerzeig sein, die wir von Deussen haben, der – mit
    Unrecht gewiss – behauptet: nullam mulierem attigit. – Wenn
    auch gut bezeugt ist, dass er den Verkehr mit Frauen nicht durch-
    aus gemieden hat, so ist doch eine weit unter dem Normalen stehende
    Neigung zu Frauen bei ihm sicher. – Es kam nie zu mehr als zu Flirt u.
    zu einer – allerdings erotisch hochgespannten Begegnung mit
    Lou. Dazu komme sein starkes Freundschaftsbedürfnis u. seine
    intensiven Freundschaften, die aber durchaus frei von jeder
    bewussten sexuellen Erregung waren. Zu dieser Enthaltsamkeit
    von normaler sexueller Befriedigung kommt dann eine mächtige
    Verdrängung moralischer u. Kulturwerte hinzu, – Damit hängt
    ein merkwürdiger Zug zusammen, den er Wagner vorwirft

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    den er aber selbst stark zudrängte, nämlich dem Schauspielerischen.
    Es drängt ihn, sich immer in neuen Lebensformen zu versuchen.
    Dazu gehört auch, sich in Gestalt eines Höheren immer wieder zu finden:
    in Schopenhauer, Wagner, Zarathustra u. schliesslich Dionysos. Dieses
    letzte Symbol ist durchaus richtig gewählt, weil er ja auch der
    Maskengott u. der Schauspiels überhaupt war. Ihn und seine Schick-
    sale darstellend, geriet der griechische Dionysos-Schwärmer so
    in Ekstase, dass er sich schliesslich selbst vergöttet glaubte. Hier
    ist aber auch der Ring geschlossen, der Nietzsche, von der Geburt
    der Tragödie ausgehend, nun auch diese höchsten Entzückungen
    verspüren lässt. –

    Diskussion.

         Friedmann-Frey interessiert am meisten der Kampf von Nietzsches Natur
    gegen die eigene Krankheit und die Art, wie er die Gesundheit gefunden
    zu haben glaubt. Ohne die Freudsche Lehre zu kennen, habe Nietzsche
    hier vieles daraus empfunden u. vorausgeahnt. In den Wert des
    Vergessens, des Vergessen-Könnens, dann dass er die Krankheit als
    eine übergrosse Empfindlichkeit gegen das Leben versteht u. a. m.
    Eine Neurose besteht gewiss zum grossen Teil darin, dass sich die Per-
    spektive für die Wichtigkeit einzelner Personen und der
    Aussenwelt verschiebt. Etwas was ihn verletzt hat erscheint ihm
    von übergrosser Wichtigkeit u. verhüllt ihm den Blick für
    die Vielgestaltigkeit des Lebens. Es sei ein Zustand, den man mit
    Mach etwa als das Zusammenschrumpfen des Ichs bezeichnen
    könne. – Im Ecce homo sei das Bestreben – wie Häutler sagte – sich
    zu stilisieren vorherrschend; ein Wesen, das man selbst habe
    zu erschlagen. Der weiche, empfindliche, zärtliche Nietzsche schafft
    sich um in den Dionysos, in den Menschen, der sich ganz seinen
    Trieben hingibt. –

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    Federn erwähnt eine Nachricht, der zufolge Nietzsche sich homosexuell
    betätigt haben soll und sicher auch auf diese Weise infizierte.
         Er zeige die Symptome einer schweren Neurose. Viele Neurotiker schaffen
    Theorien, dass die Krankheit eine schwere Schuld sei. – Was Nietzsche aber
    krank gemacht habe, sei auch die Krankheit der Menschheit.
         Man möchte wünschen, dass viele Dichter, Religionsstifter u. a. bedeutende
    Männer vorher eine Kur gemacht hätten; dann hätten sie gewiss gekostet.
    Rank meint, dass zur Diagnostizierung einer Neurose bei Nietzsche kein
    Grund vorhanden sei. Die Züge, die darauf hinweisen, finde man
    bei allen bedeutenden Männern, ja auch beim normalen Menschen.
    Wie früher könne er auch heute nur die Haupttriebfeder für Nietzsches
    ganzes Schaffen in seiner ursprünglich, sadistischen Anlage u.
    ihrer mächtigen Verdrängung finden. Aus dieser Auffassung sei
    seine ablehnende Haltung gegen das „masochistische“ Christentum
    selbstverständlich.
    Rie bemerkt, Häutler habe ihm, trotzdem er das Buch aufmerksam gelesen
    habe, wesentliche Lichter noch aufgesteckt. Vermisst habe er den
    Hinweis auf S. 60/61, wo sich Nietzsche selbst über die Sexualität und
    zwar für die normale Betätigung im weitesten Sinne ausspricht.
    Man spricht nur von der Neurose und nicht von der Psychose, für die
    sich doch auch Anhaltspunkte finden. – Nietzsche unterscheidet
    sehr zwischen Christentum und Christus; er ist nur Antichrist
    gegen das Christentum.
    Hollerung möchte nur die Frage stellen, ob Nietzsche nicht bedauerte
    irgend eines seiner Bücher geschrieben zu haben, da er doch
    selbst sagt: nur wer sich wandelt ist mit mir verwandt.
    Prof. Freud meint, er hätte heute gewünscht, den Psychiater zu
    hören, dann wäre die Diskussion einfach gewesen: Nietzsche
    war Paralytiker. Die Euphorie ist sehr schön ausgebildet etc. etc. Das
    hieße sich aber das Problem gar zu leicht machen. Es ist sehr
    fraglich, ob wir die Paralyse für den Inhalt des Buches verantwortlich

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    machen dürfen. – Wo die Paralyse grosse Geister befallen hat, sind
    ausserordentliche Leistungen bis kurz vor der Krankheit zustande
    gebracht worden (Maupassant). Das Kennzeichen dafür, dass diese
    Arbeit N.s als eine vollwertige u. ernste aufzufassen ist, bietet uns
    die Erhaltung der Meisterschaft in der Form. – Dass er so lange tot-
    geschwiegen wurde u. dann zum Modegötzen wurde, wirkt fast komisch.
    Er stellt vor uns allen als rätselhafte Persönlichkeit. An seiner Ver-
    kennung mag der Umstand schuld sein, dass tatsächlich etwas
    Nichtdeutsches in ihm ist. Es sei nur nicht gelungen, Nietzsches
    Persönlichkeit zu verstehen. Man könne die Sache etwa so betrachten:
    Es handelt sich um eine Person, deren Voraussetzungen unbekannt
    sind. Eine gewisse sexuelle Abnormität ist sicher. Jung will er-
    fahren haben, dass er sich die Lues in einem homosexuellen Bor-
    dell geholt habe. Das spiele jedoch gar keine Rolle. – Aus der Kinder-
    geschichte leuchtet eines hervor: Er verlor den Vater früh und wuchs in
    einer Familie von Frauen auf. – Hier seien ein paar Dinge interessant:
    z. B. dass er den Vater in der Biographie noch einmal tötet. – Auch einige
    andere infantile Nachklänge sind leicht zu erraten. Wenn jemand am
    Ende seines Lebens Antichrist ist, so erinnert uns das an die
    häufigen Jünglingsphantasien Christus zu sein. Wir werden uns über-
    haupt viel zu wenig des Unterschiedes bewusst, der zwischen unserem Gefühls-
    leben und dem eines Christen besteht. Nietzsche wird in seiner Pubertäts-
    zeit eine Christusphantasie in sich getragen haben. –
         Dann sieht man wie in sein Leben als Schicksal die Krankheit tritt,
    die wohl all das Störende an seinem Bilde verschuldet hat. – Von
    einem neurotischen Leiden ist aber nichts zu finden. – Durch die Krank-
    heit vollständig vom Leben abgeschnitten, wendet er sich auf das einzige
    Forschungsobjekt, das ihm geblieben ist u. das ihm als Homosexuellen
    ohnehin näher lag, an das Ich. – Und da beginnt er mit grossem
    Scharfsinn, gleichsam in endopsychischer Wahrnehmung die
    Schichten seines Selbst zu erkennen. Er macht eine Reihe glänzender
    Entdeckungen an seiner Person. Aber nun kommt die Krankheit:

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    Er begnügt sich nicht damit diese Zusammenhänge richtig zu
    erraten, sondern er projiziert die Erkenntnis, die er an sich
    gemacht hat, als Lebensanforderung nach aussen. Das Lehrhafte,
    Pastorale, das in ihm vom Christus-Ideal steckt, kommt zu seiner
    psychologischen Intelligenz hinzu. Auf diese Art entstehen die
    verwirrenden, im Grunde aber richtigen Resultate der Nietzsche-
    schen Anschauungen. Diese Formel habe er sich für Nietzsche zurechtge-
    macht. In ähnlicher Weise habe sich – wie das schon angedeutet wurde
    (Psychopathol. d. Alltagslebens 2. Aufl. S. 117) – die ganze Menschheit eine
    moralische Schattenwelt geschaffen, durch Projektion der endo-
    psychisch wahrgenommenen Substanzen. Eine solche Intro-
    spektion wie bei Nietzsche wurde bei keinem Menschen vorher erreicht
    dürfte wahrscheinlich auch nicht mehr erreicht werden. Was
    uns stört ist, dass er das „ist“ in ein „soll“ verwandelt hat. Die
    Wissenschaft ist aber ein Soll fremd. Er ist da doch noch
    Moralist geblieben, ist den Theologen nicht losgeworden.
         Bemerken möchte Prof. Freud noch, dass er Nietzsche nie zu studieren
    vermochte: zum Teil wegen der Ähnlichkeit, die seine intuitiven
    Erkenntnisse mit unsern mühseligen Untersuchungen haben,
    und zum andern Teil wegen des inhaltlichen Reichtums seiner
    Schriften, der ihn bei Versuchen der Lektüre nie über 1/2 Seite
    herauskommen liess.
         Das Wesentliche sei noch nachzutragen: das sei die Rolle die
    in Nietzsches Leben die Paralyse spiele. Was ihn zu dieser ganz
    ungewöhnlichen Leistung befähigt hat, durch alle Schichtungen
    hindurch die Triebe zu erkennen ist der Auflockerungs-
    prozess durch die Paralyse. So hat er die paralytische Anlage in diesen
    wissenschaftlichen Dienst gestellt.
         Die ganze Anlage des Buches läßt schließen, dass ein Kapitel: ‚Über
    meine Sexualität‘ hineingehört u. vielleicht auch geschrieben wurde.

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    Sadger findet bei Nietzsche in gewissem Sinne das Herabsinken zum
         Kind, eine bei der Paralyse bekannte Erscheinung. Gegen
         Federns Annahme einer Neurose spreche, dass selten
         Neurose u. Paralyse beisammen seien. – Die Titel erinnern ganz
         an Lobsprüche, die man einem kleinen Kind, wenn es brav ist, er-
         teilt. – Auch die amoralische Stellung, jenseits von Gut und Böse,
         bezieht sich auf das Kind.

    Deutsch weist auf ein ungefähr vor Jahresfrist in der Neuen freien Presse
         erschienenes Feuilleton hin, wo ein Schüler Nietzsches, dessen homo-
         sexuelle Neigung hervorhob.

    Adler betont, wir dürfen uns nicht wundern hier alle Elemente
         wiederzufinden, wie bei den Neurose-Analysen; das sei kein Beweis,
         dass wir Nietzsche als Neurotiker auffassen dürfen. Auch der homo-
         sexuelle Zug u. die Beziehung zum Vater haben keine Bedeutung, da
         wir diese Dinge als vollkommen normal hinstellen dürfen. Es handle
         sich dabei nur um Gradunterschiede. Die Frage ist noch ungelöst,
         aber man müsse Federn nicht von vornherein Unrecht geben.
         Es kommen Dinge vor, die wir bei einem Pat. unbedingt als neurotische
         diagnostizieren würden. Die Frage sei nur, wie sich Nietzsche dazu
         gestellt hätte. – Ähnliche Zweifel Zweifel erheben sich, wenn man – wie Rank –
         den Aggressionstrieb in den Vordergrund stellt. Auch von diesem
         „Sadismus“ müssen wir behaupten, dass er das Rüstzeug auch der
         Normalen ist. Die Züge könnten nur das Wie der Neurose er-
         klären, sind aber kein Schlüssel zur Neurose selbst. – Wenn
         man einmal von den Unterschieden aller Neurosen absieht und
         ihre Einheit in Betracht zieht, so findet man bei Nietzsche
         die Züge sehr deutlich, die auf die letzte Wurzel der Neurose hinweisen.
         Es sei keine Frage, dass N. heute als Neurotiker angesehen werden
         müsste. –
              Im ganzen Bild dieser letzten Schrift spiele die Paralyse
         die Rolle, wie sie Freud auseinandergesetzt habe. Schon am letzten

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    Nietzscheabend habe er betont, dass man oft hervorragende Leistungen
    und Betonung jener Charaktere, die wir in der Analyse aufdecken
    können, bei Paralytikern finde. Die Erklärung kann nicht im
    luetischen Gift zu suchen sein, da man ja keine postluetische
    Psyche konstruieren könne. Es werden vielmehr früher verdeckte
    psychische Vorgänge deutlich: es kommt zum Vorschein, was
    unter dem Druck der Zensur stand. N.’s Zensur war gewiss eine andere
    als die der übrigen Menschen, nämlich schwächer. Diesem Umstand
    ist seine mächtige Introspektion zu verdanken. Die Paralyse hat
    diese Zensur dann weiter geschwächt. So erklärt es sich, dass
    wir in diesem Werke die gewöhnlichen paralytischen Züge
    wiederfinden, aber auch die Intelligenz auf der Nietzscheschen Stufe
    erhalten. –
    Haeutler findet ein Schlusswort überflüssig.