[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Wittels ›Analyse einer hysterischen Verworrenheit‹ 1909-433/1909.01

Rank, Otto (1909-433/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Wittels ›Analyse einer hysterischen Verworrenheit‹

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    8. Vortragsabend
    am 15. Dezemb. 1909





     

    Erziehung oder Fatalismus?

    Dr. Furtmüller.          

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    Stekel stellt zu Beginn der Sitzung einen Fall von traumatischer Neurose
    vor und knüpft daran die Bemerkung, dass durch das Trauma (einen Fall
    aus geringer Höhe) eine alte in lat. vorbereitete Neurose nur zum Aus-
    bruch gekommen sei. Mit dieser Feststellung scheine die Brücke von
    innerer Hysterie zur traumatischen Neurose geschlagen.

       Prof. Freud bemerkt, man habe noch nicht das Recht von diesem
    Falle aus auf die echt traumatische Neurose zu schliessen, denn lat.
    habe sich selbst gestellt bemerkt, das sei eine Hysterie. —


     

    Furtmüller möchte nur einige Probleme zur Diskussion stellen
    und bitten, ihm Winke zur Weiterarbeit in dieser Richtung zu
    geben. Er bittet es mit seiner geringen Einarbeitung zu ent-
    schuldigen wenn sein Vortrag manches enthalten wird, was längst
    unser Gemeingut geworden ist und anderes, was von innerem Ge-
    biet abweicht.

       Der Vortr. geht von dem starken Widerstand aus, den Freuds Dar-
    legungen über das Seelenleben des Kindes gefunden haben und
    infolge ihres befremdenden Charakters auch finden mussten. Zu-
    nächst hat uns die instinktive Einfühlung, mit der wir die
    psychischen Vorgänge, die ein Objekt in uns auslöst, in das Objekt
    hineinverlegen, ein falsches Bild vom Kind gegeben. Diese zu-
    nächst rein gedankliche Schwierigkeit wird aber sofort durch Kräfte
    unseres Willenslebens verstärkt. Das Paradies der Kindzeit ist—
    wie das der Menschheit— nichts als eine rückdatierte Wunsch-
    füllung. — Der Erkenntnis der Rebellions- und Konkurrenzre-
    gungen des Kindes steht der Elternegoismus und die Elternbestre-
    bung gegenüber. Das ausschlaggebendste Moment, welches gerade
    die Einsicht in den entscheidendsten Punkt, in das Sexuelleben
    der Kinder verdunkelt, ist, dass auch die Beziehungen der
    Eltern zu den Kindern sexuell gefärbt sind. Indem die Eltern
    also die Sexualität der Kinder übersehen, weichen sie aus be-

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    greiflichen Gründen einer Beurteilung dieser ihrer eigenen psy-
    chischen Verfassung aus.

       Nachdem wir so gesehen haben, dass die theoretische Erkenntnis durch
    Elemente des Willenslebens versperrt sind, können wir vermuten,
    dass dieselben schädlichen Einflüsse sich auch in der Praxis der
    Erziehung geltend machen werden. In die längst geübte Kritik
    des herrschenden Erziehungssystems ist durch Freuds Untersuchun-
    gen immer Zusammenhang und Vertiefung gekommen. Die
    ganze Gefahr dieser Methode ist uns aber klar geworden, seit wir
    wissen, dass es zwischen Rebellion und Unterwerfung noch einen
    dritten Weg gibt: die Neurose. Diese Einsicht ist es vor allem, die
    zu einem tiefen Skeptizismus in Erziehungsfragen hinarängt.
    Und da uns zu einem hochgesteckten und sicher erreichbaren Erziehungs-
    ziel die theoretischen Einsichten mangeln, so scheint wirklich alles
    auf eine radikale Verwerfung der Erziehung hinzudrängen.

       Der Vortr. versucht nun im folgenden den Nachweis, dass dieser
    Standpunkt praktisch unmöglich ist und dass es Wege gibt, die bisherige
    Erziehungsmethode so zu modifizieren, dass ihre Schäden einiger-
    massen vermieden werden. Versteht man unter Erziehung „be-
    wusste und gewollte Einwirkung auf die Entwicklung des Individuums“
    so fällt dabei die Zwangsanwendung zunächst weg. Die Zwecke der
    Erziehung lassen sich in drei Gruppen sondern: es handelt sich
    dabei entweder um das gegenwärtige Wohl des Kindes, oder um
    die Interessen seiner Umgebung oder um das zukünftige Wohl
    des Kindes Individuums. Der erste Punkt ist im Prinzip einer
    Diskussion voll entrückt. Die Kritik, dass die Erzieher es sich zu
    bequem machen wollen, scheint nach zwei Seiten unberechtigt.
    Erstens ergeben sich die grossen Übel in der Regel dann, wenn die
    Eltern es sich und den Kindern recht unbequem machen. Andrerseits
    ist diese Rücksichtnahme auf die Erwachsenen etwas durchaus
    Berechtigtes und Notwendiges. Weitaus am wichtigsten und schwierigs-

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    ten sind die Probleme des dritten Erziehungszweckes, der Sorge für die
    Zukunft. Wir wissen, dass das Kind in wenigen Jahren eine Entwicklung
    zurücklegen muss, zu der die Menschheit als Ganzes Jahrtausende
    gebraucht hat; dass zwischen den naturwidrigen Trieben des Indi-
    viduums und den Anforderungen der Kultur eine Kluft sich dehnt,
    die durch restlose psychische Arbeit des Kindes überbrückt werden
    muss. Bei der Auslösung dieser Vorgänge spielt der Nachahmungs-
    trieb eine grosse Rolle; aber nur dann, wenn er eine bestimmte
    Richtung erhält, und das setzt voraus, dass Vorurteile an das Kind
    herangebracht werden. Erweist sich bei dieser Übertragung der
    Vorurteile die blosse Tatsache des sozialen Zusammenlebens heute
    nicht mehr so wirksam wie früher, so tragen daran die gänzlich ver-
    änderten Verhältnisse unseres Wirtschaftslebens die Schuld.
    Früher lebte das Kind in der Gesellschaft, heute lebt es ausser und
    neben derselben. Wie daher eine intellektuelle Vorbereitung auf das
    Leben in der Gesellschaft durch den Unterricht notwendig geworden
    ist, so eine allgemein psychische durch die Erziehung. Damit scheint
    im Prinzip der neue Weg der Erziehung aufgezeigt. Sie muss das
    natürliche Hineinwachsen in die Gesellschaft durch künstliche
    Vorbereitung auf dieselbe ersetzen. Sie wird das am besten dadurch
    tun, dass sie das Kind in Verhältnisse hineinversetzt, welche
    die Gesellschaft in ihren allgemeinen Bedingungen in vereinfachter
    Form widerspiegeln.

       Heute herrscht als das oberste Prinzip der Gehorsam; d. h. die
    Unterwerfung unter den Individualwillen des Erziehers, wodurch
    sich die ganze Erziehung in eine Kette einzelner gelöster Akte des
    Gehorsams und Widerstandes auflöst. Dem gegenüber müssten
    Kontinuität, Gleichmässigkeit, Unmerklichkeit die obersten
    Merkmale der sicher gekennzeichneten Eingewöhnung in
    das soziale Leben sein. Die Erziehung wird auf die Anwen-
    dung brutaler Zwangsmittel von vornherein verzichten müssen,

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    da sie ihre Gefahren erkannt hat. Allerdings heisst das nicht vor
    jedem Widerstand des Kindes halt machen, was eine schlechte
    Vorbereitung auf das an Beschränkungen so reiche gesell-
    schaftliche Leben wäre. Es heisst nur direkten Zwang auf ein
    Minimum zu beschränken und den unhaltbaren Zwang, der
    den ein Lustgewinn von der Unterwerfung abhängig macht wegfallen.
    In dieser Hinsicht hat Adler beachtenswerte Hinweise gegeben
    wie sich das Zärtlichkeitsbedürfnis der Kinder pädagogisch
    verwerten lässt.

       Für den pädagogischen Standpunkt wird die Milieugestaltung
    von besonderer Wichtigkeit. Die Gefahren der übertriebenen Zärt-
    lichkeit sowie zu sowenig derselben, sind ja hinlänglich bekannt.
    Ebenso das Verhältnis der Eltern zueinander und zum Kind. Mit
    der Milieugestaltung stossen wir aber auf eine Frage des ganzen
    Erziehungswerkes, denn das Milieu ist von so vielerlei Einflüssen
    abhängig, dass wir ein ideales Milieu kaum werden herstellen können.
    Vor allem unter da die Eltern Erziehung an sich selbst zu leisten haben.

       Schliesslich geht der Vortr. auf die sexuelle Erziehung näher ein.
    Dazu fehlen uns vor allem noch die vollkommene Kenntnisse auch der
    dynamischen Vorgänge des Seelenlebens und wahrscheinlich dürfte dieser
    persönlichste Teil der Menschen sich den Eingriffen des Erziehers entziehen.
    Wo sich jedoch eine abnorme Entwicklung des Sexualtriebs zeigt,
    wird nicht ohne weiters auf einen Eingriff zu verzichten sein; be-
    sonders beim Verdrängungsprozess wird man mit gutem Erfolg
    psychische Hilfen dem Kind an die Hand geben.

       In der Frage der sexuellen Aufklärung schliesst sich der Vortragende
    dem Standpunkt Mollers an, das Kind nicht früher mit diesen Din-
    gen bekannt zu machen als es wirklich ein ernstes Bedürfnis danach
    hat. Adlers Begründung erscheine ihm jedoch nicht bewiesen,
    dass man nämlich die Verschiebung des sexuellen Wissensbetriebes
    auf andere Gebiete abwarten müsse um die intellektuelle Ent-
    wicklung des Kindes nicht zu gefährden. Historisch betrachtet ist

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    der Fragetrieb im Menschen so früh aufgetreten, dass seine Herleitung
    aus dem Sexualleben nicht statt haben kann. Trifft das zu, dann
    gehört der Fragetrieb zu den angeborenen psychischen Fähigkeiten
    des Menschen und er wird sich beim ersten geeigneten Anlass, der
    meistens aus der Sexualsphäre kommt, entwickeln. Auch sei nicht
    einzusehen wieso der sexuelle Fragetrieb durch die sexuelle Aufklä-
    rung gehemmt werden sollte, die ja nie so weit gehen kann, dass
    dem Kind ein restloser Einblick in alle Verhältnisse eröffnet
    wird; es wird immer noch Probleme genug finden. Besonders da
    es ja eine Reihe von unlösbaren Problemen gibt, mit denen sich
    das Kind vorwiegend beschäftigt. Dabei ist vorläufig davon abzu-
    sehen, ob diese fortwährenden Erleichterungen und Hilfen, die
    dem Kind auf dem Weg geboten werden, nicht die Ausbildung
    einer besonderen Initiative in manchen Fällen unterdrücken
    könnte. Auf diesem Gebiete gilt es das für den Durchschnitt
    förderlichste zu tun. Das Genie wird immer noch die „schlechteren“
    Bedingungen vorfinden, deren es zu seiner Entdeckung und Ent-
    wicklung zu bedürfen scheint.


     

    Diskussion:

    Tausk möchte gegen die Bemerkung protestieren, dass Freud
    nur Zusammenhänge und Vertiefungen von Angstgeboten
    gegeben habe. Er hat vielmehr wirkliche Motive und Quellen aufge-
    zeigt, die bis jetzt nicht ausgeschöpft wurden. Die Frage der
    Verdrängung, die Frage der Angst ist jede eine Erziehungsfrage
    für sich; der ideale Erzieher hätte die Aufgabe diese Vorgänge
    zu verfolgen und zu beobachten. — Dass wir durch unser Wissen
    gehemmt werden ist sicherlich in praxi richtig; aber nur weil
    wir nicht zuhören können, denn das Kind bringt auch immer die
    Antworten. — Die Sozietät des Kindes ist weiter nichts als eine
    Tatsache. Das Kind soll möglichst bald das Verhältnis zwischen
    Recht und Pflicht erkennen lernen, es soll sich einordnen

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    und soll alle seine Reaktionen entwickeln. Das Prinzip der Kontinu-
    ität und der Gewohnheit könne er nicht akzeptieren.— Man soll das
    Kind vor dem Schuldgefühl bewahren, das man es warnt, gewisse
    Dinge könnten ihm schädlich werden.

       Es sei auch die prinzipiell philosophische Frage gestellt worden ob
    der Fragetrieb nicht ein selbstständiger Trieb sei: Es braucht dazu keine
    Herleitung der Sexualität vorausgesetzt zu werden, sondern der
    Fragetrieb stellt sich sekundär als ein Teil des Sexualtriebs selbst, des
    Suchens nach dem Objekt, her. — Dass man dem Kinde durch die
    Aufklärung keine Hemmung in seiner Initiation gebe, sei nicht.
    Prof. Freud betont, dass es immer möglichst vermieden habe
    aus inneren Erkenntnisse Schlüsse oder gar Vorschriften für die
    Erziehung zu schöpfen. Darum könne er die Berechtigung des
    Problems nicht bestreiten und würde sich freuen für die Sammlung
    einen Aufsatz zu bekommen, der die Eindrücke eines Pädagogen
    von seinem Zusammentreffen mit der Psychoanalyse widerspie-
    gelt.

       An heutigen Vortrag konnte man erst eine psychoanalytische
    Fassade bemerken, hinter der sehr liberale und hoffnungsvolle
    Ansichten über die Erziehung stecken. Von einer Publikation
    könnte man zweierlei erwarten: Zunächst vom psychoanalytischen
    Standpunkt die Aufgaben der Erziehung neu zu definieren und
    zu gruppieren. Dann wird unser heutiges Wissen einzelne
    Detailfragen der Erziehung schon beeinflussen können.
    Die Aufgabe selbst könnte man in drei Schichten einteilen, die
    Pflege des Erziehers auf drei verschiedene Epochen des Kindes
    verteilen. In der ersten Epoche könnte man die psychoanalytischen
    Ergebnisse dazu verwenden um die in dieser Zeit vorgehenden
    organisch bedingten und durch Heredität fixierten Verdrängun-
    gen zu unterstützen; d. h. eine gewaltsame Unterstützung dieser
    Vorgänge in Form von Abgewöhnung, Unterdrückung der sex. Libido &

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    Im zweiten Stadium der Erziehung, wo das Kind schon sprechen kann
    und sich als Individuum fühlt, käme es auf die Leitung der Ver-
    drängungsvorgänge an. Da wird sich der Adler’sche Vorschlag be-
    währen das Kind durch Liebe zu erziehen, ihm für Liebe ein Stück
    seiner Eigenart abringen. Diese Periode könnte vielleicht
    nur daran scheitern, wenn das Kind merkt, dass man es auf alle
    Fälle gern hat. Im dritten Stadium, der Entwicklung der sozialen
    Gefühle und Verpflichtungen, hätte die Erziehung die Aufgabe, die
    notwendige Ablösung von den Eltern vorzubereiten und zu unter-
    stützen. — Die beiden letzten Stadien lassen sich mit ähnlichem
    in der Kur vergleichen, wo es sich auch zuerst um die Stützung
    aller Regungen auf eine mächtige Übertragung handelt und
    dann um die schwierige Aufgabe diese Übertragung wieder zu lösen,
    den Pat. wieder selbstständig zu machen.

       Bei der Sorglosigkeit und Ingenuität mancher Eltern, das
    Kind an allem Teilnehmen zu lassen, da es ja doch nichts ver-
    stehe, darf man an die Tatsache des nachträglichen Erinnerns
    und Verstehens nichts vergessen. Für Dinge, die es heute
    vielleicht noch nicht versteht, kann ihm einige Jahre später
    plötzlich das Verständnis aufleuchten.

       Als Ziel der Erziehung könne man im Sinne der Psychoanalyse die
    Vermeidung von Verlust bezeichnen. Man muss das Kind durch den
    Hinweis auf eine grosse Endlust zum Verzicht auf die jeweilige Vor-
    lust bewegen. Diese versprochene Endlust rückt dann immer weiter
    hinaus, um sich in das Wohl der Gesamtheit aufzulösen.

       Der Nachahmungstrieb kam uns etwas fremd in der Darstellung vor weil
    sein Verhältnis zu den Motiven, die die Analyse aufgedeckt hat, nicht
    gestreift wurde. Der Nachahmungstrieb ist nur eine Äusserung
    des intensiven Kinderwunsches gross zu sein.

       Welch ungeheure Rolle die Erziehung zeigt uns das in der Neurose
    so häufige Phänomen des nachträglichen Gehorsams. Die ver-
    drängende Macht, die als Selbstbestrafung auftritt, markiert sich

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    oft als nachträglicher Gehorsam: nun führt er das aus, was ihm früher
    angedroht worden war. Die Krankheit ist oft nur die nachhallende
    Stimme der Eltern und Erzieher (in anderen Fällen natürlich auch
    immer eine Erfüllung der aktuellen Liebe). So kann alles, was
    in der Erziehung scheinbar keine Folgen hat doch sehr bedeutsam
    werden, wenn der Mensch neurotisch wird.

       In der Frage der sexuellen Erziehung und Aufklärung teile er
    Molls negativistische Ansichten nicht. Was man aber tun soll und
    wie das ist eine sehr heikle Sache. Im allgemeinen sei es besser mit
    direkten Vorschlägen zu warten bis man mehr vom Kinde weiss.

    Adler meint, es sei nicht leicht in allgemeiner Weise von Erziehungs-
    vorschriften zu sprechen, wo sich doch jeder anmasse, alle Probleme
    lösen zu können. Es hänge das natürlich mit einer Eigenart der
    menschlichen Psyche, dem Phänomen des Ineinanderlaufenden Gedanken
    reihen zusammen, demzufolge ein und derselbe Herren in derselben
    Sache zu verschiedenen Malen verschieden urteilen wird. Auch
    könne er aus der Erfahrung bestätigen, dass Leute mit derselben
    theoretischen Lösung in der Praxis doch anders verfahren werden; es
    ist ja beobachten wie einem das eigene Temperament da zuweilen
    ein Schnippchen schlägt. Auch mit solchen Schwierigkeiten muss
    der Erzieher rechnen und man wird die Lösung leicht finden, wenn
    man das Individuelle des Erziehers in Rechnung zieht.

       Es erscheine ein Hinweis nicht überflüssig darauf, wie notwendig
    es sei das Vertrauen des Kindes zu gewinnen und wie schwer das oft ge-
    linge. Vor allem nun man Kinder mit starken Triebanlagen dahin
    zu bringen suchen, dass sie Beeinträchtigungen zu ertragen lernen.
    Vielleicht liegt die Lösung dieser Aufgabe nur in der Kontinuität
    der Erziehung. Es scheine kein Nachteil wenn das Kind merkt, dass man
    es auf alle Fälle lieb habe; oft komme es ihm auf das gegenwärtige
    Mass der Liebe an. Man könnte sogar die Forderung aufstellen, dass
    das Kind dieses Bewusstsein immer haben müsse ebenso wie
    das andere, dass man ihm die Wahrheit immer entgegenbringe.

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    Das Missverständniss, dessen das Kind oft bes. durch die Sprache ausge-
    setzt ist können Konsequenzen haben, die in der Analyse uns oft durch
    Symbolismen kenntlich werden.

       Was den Fragetrieb betrifft, wolle er den Gesagten gern bis zu einem
    gewissen Grade anerkennen. Der vor der „Sexualität“ schon auftretende
    Fragetrieb scheine mit dem Schautrieb zusammenzuhängen. Es gehört
    aber doch noch ein intensives Interesse dazu, um den Fragetrieb
    auf das Kausalitätsprinzip zu aktivieren und für immer festzu-
    setzen: und das ist die Bekanntschaft mit dem Sexualproblem.

    Rank meint, dass es zunächst vollauf genügen und reichlich gute
    Früchte tragen werde, wenn man die Ergebnisse der Psychoanalyse
    in negativer Weise in der Erziehung zur Anwendung bringe, d.h.
    die Kinder vor all den Schäden zu bewahren sucht, die man bis
    jetzt für nicht schädlich oder für unvermeidlich gehalten
    hat. Inzwischen werde auch zu den nötigen positiven Reformen
    die nötigen Erkenntnisse und die Zeit gewinnen. In diesem nega-
    tiven Entwerfen sei aber eine Erziehung und theoretische Auf-
    klärung der erwachsenen Generation nötig, wobei aber nicht
    versäumt werden darf den Erwachsenen einzuschärfen, die
    ihnen entsprechend den eingewurzelten Bürsten Vorurteilen mit Nach-
    druck ausgepauktem Leben, nicht in derselben grobklotzigen
    Weise an die Kinder weitergeben. —

    Federn hebt hervor, dass unser Urteil über die Fragen der Erziehung
    notwendig getrübt werden müsse, da wir es mit Kranken zu tun
    haben. Wir wissen heute auf eine Menge von Detailfragen keine Ant-
    wort zu geben und können nur vermuten, dass sich die Erziehung
    unter normalen Verhältnissen ausschliesslich mit der sexuellen
    Erziehung begnügen wird. Die Frage ist: wie schütze ich das noch
    nicht gefestigte Kind vor seinen eigenen Trieben, vornehmlich den
    Partialtrieben. Sicher ist, dass die sexuelle Aufklärung jederzeit
    auf eine direkte Frage offen antworten müsse. Es habe keinen
    Sinn, dem Kinde die Erfahrung der Sexualität zu einem so schweren

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    Problem zu machen. - Die Schwierigkeit ist nur, dass die vorhei zugrunde 
    legten normalen Verhältnisse sehr selten sind. Die Furcht zur Kennt 
    nisse in zwei Bedingungen: 1) in etwas, was man Versteck nennen 
    könnte und 2. in der Möglichkeit, dass die Eltern in zwei Hinsichten 
    abnorm sind: a) haben sie entweder abnorm sublimiert oder b) sie 
    haben einzelne Perversionen, die sie nicht beherrschen konnten. 
    In diesen kommen hauptsächlich der Sadismus und die Analerotik in 
    Betracht. Solche Eltern können die Kinder nicht erziehen.

    Sadger möchte zunächst den vielangegriffenen Wittels in Schutz nehmen, 
        er sei auch der Ansicht, es wäre besser für die Kinder, wenn weniger 
    herumerzogen würde. Die beste Erziehung sei im allgemeinen, die 
    Kinder sich selbst zu überlassen und mit gutem Beispiel voranzu- 
    gehen. Am besten sind hier die geborenen Pädagogen, die instinktiv 
    handeln; die bewusst und theoretisch zu Werke gehen haben zumeist 
    schlecht erzogene Kinder. - Freud hat gelehrt, gewissen Gefahren 
    des Sexuallebens vorzubeugen und diesem Moment sollte erhöhte 
    Beachtung zugewandt werden. Aber die Bekämpfung einer auf 
    organischer Grundlage beruhenden, eingerissenen Masturbation 
    sei sehr schwierig. Die excessiv Masturbation habe übrigens fast immer 
    zwangsneurotischen Charakter. — Um die sexuelle Aufklärung pfleg 
    sich die Eltern meist herumzudrücken; die Furcht ein Kind vor- 
    zeitig mit den sexuellen Problemen bekannt zu machen ist gering. 
    Der Wissenstrieb bezieht sich zunächst nicht auf die Frage: woher 
    kommen die Kinder; sondern das Aussehen der Genitalien des andern 
    Geschlechts (der Eltern) reizen zunächst die Neugierde des Kindes.

    Hitschmann: Sosehr die Rücksichtnahme Furtmüllers auf die 
        Bemerkungen Wittels’ zu begrüssen sei weil sie zu dem heutigen 
        Vortrag geführt habe, so möchte er den Vortragenden doch bestimmen, 
        auf solche aphoristische Äusserungen keinen so grossen Wert zu legen.

        Das Nichterziehenwollen bleibt eine Utopie, die einfach un- 
    durchführbar ist. Es existieren Beispiel und Nachahmung, es gibt 
    einen Erziehungstrieb beim Erwachsenen und einen gegenteiligen 

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    Trieb beim Kind. - Zunächst müssen natürlich die Erzieher erzogen werden, 
    was das ganze Problem um eine Generation zurückverschiebt. Dazu gehören 
    aber Menschen mit gesunden Instinkten und grossem Wissen. Es ist nicht 
    nur das Kind aufzuklären sondern auch späterhin sexuelles Wissen 
    zu verbreiten. Verhütung ist die Hauptsache in der Erziehung wie bei der 
    Aufklärung. Interessant wäre auch zu sehen wie sich die immoralischen 
    Fälle entwickeln. Skeptisch gegen die Erziehung könnte die Tatsache machen, 
    dass oft zwei gleich erzogene Menschen doch ganz verschiedene Schicksale 
    haben und das theoretische Pädagogen gewöhnlich sehr schlecht erzogene 
    Kinder haben. Die Benutzung der infantilen Wünsche zur Erziehung 
    (z. B. das Grosswerdenwollen etc.) hat Förster auch vertreten. Nachahmung 
    verdient auch das amerikanische Erziehungsprinzip, dass man die 
    Kinder, indem sie selbst eine Gesellschaft bilden, zu ihren sozialen 
    Pflichten erzieht. - Ein Problem sei auch, was man macht, wenn die 
    Kinder zu wenig oder zu viel Ehrgeiz zeigen. - Der excessiven Masturbation 
    kann man noch am ehesten durch Zuwendung einer intensiven Liebe 
    (der Mutter etwa) beikommen.

    Friedjung möchte das Thema des heutigen Abends nicht als theoretische 
        Frage betrachten. Man könne die Tätigkeit des Kinderarztes von der 
        des Erziehers kaum mehr trennen. Mit dem Theoretisieren komme 
        man nicht weit, man müsse sich klar werden, was man mit der Er- 
        ziehung will. Es sei klar, dass diese Tätigkeit heute individualisiert 
        werden müsse. -- Die Liebe sei gewiss das wichtigste Vehikel der sexuellen 
        Beziehung. Es sei nicht die Frage, ob ein Kind aufgeklärt werden 
        soll oder nicht sondern man habe nur zu wählen, wer es tun solle: 
        ob der Vater, der Lehrer, der Arzt oder das Dienstmädchen und Kollegen. 
        Der Nachahmungstrieb sei nicht so einfach als Nachahmung der Grossen 
        aufzufassen; sondern es werden manchmal die Kleineren nachgeahmt 
        um dieselben Benefizien wie diese geniessen zu können.

    Stekel meint, die Sachen seien nicht so einfach. Wenn die Kinder 
        fragen, so wissen sie schon sehr viel und haben vor allem ein be- 
        stimmtes Motiv zum Fragen: sie wollen die Genitalien sehen.

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    Die sexuelle Aufklärung durch Erwachsene ist ein schweres Trauma Trauma, 
    die relativ beste Aufklärung sei noch die bisher übliche: durch 
    Dienstboten und Kameraden. Das wichtigste um die Kinder gesund 
    zu machen ist die Erziehung zur Selbständigkeit und die Erlösung 
    vom Schuldgefühl. Dieses Schuldbewusstsein tritt in zwei Formen 
    auf: als religiöses und ethisches. - Besonders das Religiöse spiele 
    eine grosse Rolle. So rührt der Aberglaube des Zwangsneurotikers da- 
    her, dass er eigentlich ein Gläubiger sei. - Das ethische Schuldbewusst- 
    sein entsteht wo das Kind in einer warmen Treibhausatmosphäre des 
    Elternhauses aufwächst, umgeben von der Liebe, die uns Adler als 
    Ideal vorgeführt hat. Die Kinder sind dann nicht imstande sich von 
    den Eltern abzuwenden. Die Dienstboten aber besorgen das. Die Haupt- 
    sache ist, dass die Kinder mit ihrer Sexualität nicht an den Eltern 
    haften bleiben. So kann Erziehung durch Liebe zum grossen Schaden 
    werden.

    Aus Empörung und Gehorsam, den beiden Reaktionen des Kindes 
    gegen die Eltern, entspringen alle grossen sozialen Bewegungen 
    unserer Welt.

        Die Abstellung der Masturbation sei eine schwere Sache. Bei schweren 
    Fällen wird man mit Zwangsmassregeln nicht viel ausrichten. Die 
    einzige Möglichkeit besteht in der Beschäftigung mit Dingen, die 
    das Kind interessieren und es nötigen, einen Teil seiner Energie auf 
    andere Gebiete zu übertragen.

    Furtmüller dankt zunächst, dass seiner Erwartung nach Vervollständi- 
        gung und Anregungen in so reichem Masse entsprochen wurde, 
        auf den Kern derselben könne er jedoch heute nicht näher ein- 
        gehen, sondern müsse sich mit der Besprechung von Einzelheiten 
        begnügen. So werde es bei der Erziehung durch Liebe vornehmlich 
        auf die Kunst des Erziehers ankommen. Dem Kinde zu zeigen, dass man 
        es nicht liebe sei gefährlich. Ebensowenig könne man die Erziehung 
        durch Lustprämien (bes. in der Form von Geld: Stekel) gut heissen; sie 
        dürfte die Charakterentwicklung schädigen.