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    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr Kollege
    Ich antworte umgehend auf Ihren interessanten Brief, der Erfreuliches und Unerfreuliches nebeneinander bringt, wie es im Leben auch vorkommt.
    Vorerst schönen Dank für die Pompejanerin. Es wäre wirklich gut zu wissen, ob der Bildhauer die Gradiva gekannt oder selbständig gearbeitet hat. Ich bin leider auch nicht spurweise Fußverehrer und darum so ratlos in allem, was diese Probleme angeht. Dann gleich das Peinliche. Es tut mir sehr leid, daß Sie sich wiederum mit Jung zerstreiten. In Zürich habe ich ihm energisch zugesetzt, fand ihn zugänglich, und unlängst schrieb er mir erst, er freue sich, zu einem recht behaglichen Verhältnis zu Ihnen gekommen zu sein. Dieses Mal kann ich Ihnen nun nicht recht geben. Jung hat eine Entscheidung getroffen, die offenbar in seinen Machtbereich als Redakteur fällt, und ich halte dafür, daß jemand der eine Verantwortung und Mühewaltung übernimmt, dafür auch einen gewissen Ellenbogenraum frei haben soll. Die Aktion hat gewiß nichts gegen Sie Feindseliges; Sie sind, soviel ich weiß, im ersten Halbband mit Ihrem Vortrag über Verwandtenehen vertreten, und die Verschiebung der Referate auf den zweiten kann auf den Charakter einer Zurücksetzung Anspruch nicht erheben. Ich fürchte doch, Sie haben etwas zuviel Mißtrauen gegen ihn, eine Andeutung von Verfolgungskomplex. Es täte mir sehr leid, wenn Sie so nachträglich sein früheres Benehmen

  • S.

    gegen Sie rechtfertigen würden. Auf die Zusammensetzung des Jahrbuches Einfluß zu nehmen, habe ich absichtlich unterlassen und meine, Sie können, ohne sich etwas zu vergeben, desgleichen tun. Ich erinnere Sie auch daran, daß Ihre Vorhersagen über Jungs weiteres Benehmen in unserer Sache nicht eingetroffen sind. Sie sehen daraus, wie sehr mir daran liegt, daß Sie in diesen Angelegenheiten, wo der eine über den anderen urteilt, beide unrecht behalten, und daß ich recht bekomme. Der es nicht brauchen kann, daß ’zwei solche Kerle’ in meiner nächsten Nähe sich nicht vertragen.
    Die Feindseligkeiten um uns mahnen uns ja auch, zusammenzuhalten. Morton Prince, von jeher ein schillernder Charakter, ist diesmal wirklich kläglich. Wohin wollen die Amerikaner mit dieser Scheu vor der öffentlichen Prüderie kommen? Wenn Sie es nicht ausdrücklich untersagen, werde ich Brill und Jones warnen, die von M. P. unausgesetzt bestürmt werden, unsere Lehren in einer Artikelserie im Journal of Abnormal Psychology zu behandeln. M. P. überkompensiert immer zuerst seine Feigheit, auf die er sich dann zurückzieht. Er wollte ja auch nach Salzburg kommen.
    Zu Ihrem Patienten dessen Analyse Sie so sehr freut, meine wärmsten Glückwünsche! Radium hat meine Laune heute für Stunden gehoben, ein wirklich wundertätiges Element!

  • S.

    Nur eine Sorge will ich zum Ausdruck bingen. Mir ist es oft geschehen, daß gerade solche Fälle, in denen ich ein übergroßes persönliches Interesse nahm, mißglückten, vielleicht eben dieser Intensität wegen. Wo mir eine solche ’Test’-Person aber gelang, da erfuhr ich, daß die Jury, die sich vorher konstituiert hatte, nachher sich durch Verstummen die Anerkennung ersparte. Die Gelegenheit, unser Können zu zeigen, wird kommen, auch wenn es nicht in diesem Falle glückt. Seien Sie sicheren Mutes! Unsere altjüdische Zähigkeit wird sich auch diesmal überlegen zeigen.
    Zu Weihnachten erwarte ich die Kollegen Stein und Ferenczi, von denen der letztere sich in Berchtesgaden uns allen ins Herz geschmeichelt hat. Wenn noch Dr. Abraham aus Berlin dazu käme, wäre es ein schönes Kollegium und eine große Erfrischung in der schweren Arbeitszeit. Ich komme in Folge der Aufzehrung meiner Kräfte durch die Praxis nicht dazu, die Arbeit über ’Allgemeine Methodik der Psychoanalyse’, die auf der 36. Seite seit Wochen stockt, fortzuführen. Die kleinste Mehrbelastung, etwa auch durch körperliche Beschwerden, wirft die Balance um. So sieht es aus, wenn es ’gut geht’. 
    Die Charlottenburger Endemie ist köstlich. Ein ähnlicher Herd scheint in München zu existieren, und die verdrehtesten Künstler und dergleichen betroffen zu haben. Wahrscheinlich geht irgend einmal ein großer Lärm los, wenn nur irgendwo

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    ein Astoß dazu erfolgt. Man braucht sich aber nicht darauf zu freuen. Durch Populärwerden büßt jede Lehre soviel Wertvolles ein.
    Vom nächsten Heft der Schriften zur angewandten Seelenkunde liegt das Manuskript bereits bei mir. Der Mythus von der Geburt des Helden wird Sie als ein Vorstoß, der den Ihrigen fortsetzt, gewiß sehr interessieren. Von der Krankengeschichte des fünfjährigen Knaben, die unser Jahrbuch eröffnen soll, und die mir gerade zur Korrektur vorliegt, erwarte ich einen riesigen Abwehr-Lärm. Wieder einige deutsche Ideale in Gefahr! Unsere arischen Genossen sind uns doch ganz unentbehrlich, sonst verfiele die Psychoanalyse dem Antisemitismus.
    Mit vielen herzlichen Grüßen
           Ihr freundschaftlich ergebener Freud

    Der Brief aus NY retour.