Die Persönlichkeit Freuds und seine Bedeutung als Bruder 1936-051/1926

Braun, Ludwig (1936-051/1926): Die Persönlichkeit Freuds und seine Bedeutung als Bruder

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          __________________

          Br. Univ.-Prof.
    Dr. Ludwig Braun,
                Wien.

    Die Persönlichkeit Freuds und seine Bedeutung
    als Bruder.

    (Festrede bei der Feier der „Wien“ anläßlich seines
    70. Geburtstages.)

          Liebe Brüder! Lassen Sie mich meine Ausführungen
    beginnen, wie man ein Märchen beginnt, denn märchenhaft
    geradezu ist die Person und der Werdegang unseres Ge-
    burtstagskindes.

          Wieder einmal kam also ein Schöpfungstag wie so oft
    seit tausend und tausend Jahren. Der Herr der Welten war
    am Werke, seine Gaben zu verteilen, den Pflanzen die
    Formen, Farben und Düfte, den Tieren die Gestaltung und
    die Triebe, dem Menschen das äußere und das innere We-
    sen, die Denkweise, die Neigungen, die Tugenden und die
    Mängel. Da, in einem Augenblicke, wo der Schöpfeimer aus
    dem Meere der Unendlichkeit Anmut und Formgefühl,
    Helle des Gemütes und Schärfe des Auges, Klarheit der
    Sinne und leuchtenden Geist auszuschütten beginnt, in
    diesem Augenblicke, liebe Brüder, ist unser Bruder S i g-
    m u n d F r e u d geboren worden. —

          Es ist eine Aufgabe, die viele von Ihnen sicher mit
    Feuereifer übernommen hätten, die Aufgabe nämlich, der

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    schönen Stunden zu gedenken, in denen Br. F r e u d unter
    uns geweilt hat, und die Eindrücke zu schildern, die seine
    bezwingende Persönlichkeit immer wieder in uns hinter-
    ließ.

          Von allen Seiten strömen die Anregungen. — Die Auf-
    gabe ist so verlockend und dankbar, weil der Redner sich,
    um Goethes Redeweise zu gebrauchen, in ein artiges
    Thema versenken darf, und weil es so scheint, als ob von
    dem Lichte, das F r e u d um sich verbreitet, ein Strahl
    auch auf u n s fiele, d i e w i r i h n feiern.

          Ohne mich einer Wiederholung schuldig zu machen,
    darf ich wohl als einer der älteren Brüder für Sie, meine
    Brüder, und mich das Recht in Anspruch nehmen, noch ein-
    mal, allerdings nur eine ganz kurze Zeit, der Erörterung der
    Frage zu widmen, worin die Größe F r e u d s besteht, und
    welchen Einfluß unser F r e u d nicht nur auf die medizi-
    nische Psychologie, sondern auf das gesamte menschliche
    Denken genommen hat.

          Br. H i t s c h m a n n mußte sich als Schüler Freuds
    an vorgezogene Linien halten. Ich stehe dem Bruder
    F r e u d unabhängiger gegenüber und kann eine breitere
    Betrachtungsgrundlage verwenden. Es wäre aber anderer-
    seits vermessen von mir, wenn ich, quasi ein Außenstehender,
    die Freudsche Lehre selbst eingehend besprechen wollte.
    Sodann will ich aus dem großen Ideenkomplexe, den die
    Persönlichkeit „Freud“ darstellt, jenen Gedankenkreis
    herausgreifen, der die Beziehungen F r e u d s zum Juden-
    tum und zum B. B.-tum umfaßt. —

          Man nennt Sigmund F r e u d einen Großen, ganz
    Großen, im Reiche des Wissens, Denkens und der Er-
    kenntnis.

          Da muß man sich denn fragen, welches die Kenn-
    zeichen der wahren wissenschaftlichen Größe sind, und
    was eine Denkleistung zu enthalten hat, damit man von ihr
    voraussetzen könne, daß sie dauernd bestehen bleibt.

          Jeder große Denker ist gleichsam ein K o p e r n i c u s,
    denn es geht von ihm, um mit K a n t zu sprechen, eine
    Revolution der Denkart und eine völlige Wendung des Er-
    kenntnisproblems aus. Ich habe diesen Vergleich vor eini-
    gen Tagen in einem Aufsatze über F r e u d gelesen, möchte
    aber feststellen, daß ich ihn schon vorher für meine eigenen
    Ausführungen verwendet hatte.

          Als K o p e r n i c u s sah — sagt K a n t — daß es mit
    der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort-
    wolle, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich
    um den Zuschauer, versuchte er, ob es nicht besser gelingen
    möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen
    die Sterne in Ruhe ließ.

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          In gleicher Weise ist ja auch K a n t vorgegangen.
    Seine kopernikanische Leistung bestand darin, daß er nicht
    einsehen konnte, wie man von der Anschauung etwas wis-
    sen könne, wenn diese sich nach der Beschaffenheit der
    Gegenstände richten müßte. Richtet sich aber der Gegen-
    stand, die Außenwelt — als O b j e k t d e r S i n n e — nach
    der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so
    könne man sich diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen. —

          Worin besteht nun S i g m u n d F r e u d s kopernika-
    nische Tat?

          Ich meine darin, daß F r e u d die Bedeutung der be-
    wußten und der unbewußten Tätigkeiten in unserem
    Seelenleben umgekehrt hat, denn er erkannte, daß das
    ruhige, das bewußte Denken nach außenhin wohl oft die
    mächtigsten Wirkungen entfalten und erzielen kann, daß
    aber für den i n n e r e n Mechanismus der kranken und
    der gesunden Seele das „Unbewußte“ eine weit höhere, vor-
    dem ungeahnte Bedeutung hat.

          „Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, so tiefen
    Grund hat sie,“ sagt H e r a k l i t, und F r e u d fügt hinzu,
    denn dieser Grund ist das „Unbewußte“, von dem G o e t h e
    vorahnend sagte: „Was ... durch das Labyrinth der Brust
    wandelt in der Nacht.“

          Es wäre ein Irrtum, wenn man annehmen wollte, die
    Philosophie und Psychologie vor F r e u d habe den Begriff
    des „Unbewußten“ nicht gekannt und nicht verwendet.
    Allerdings hat es erst der neueren Gefühlspsychologie be-
    durft, bis man zur Folgerung schritt, daß die dunklen Be-
    standteile unseres Bewußtseins im Verhältnis zu den apper-
    zipierten umfangreich gestaltet sein können. Undeutlich,
    nicht leicht greifbar, ist diese Auffassung von den Vorgän-
    gen in unserer Seele bereits zum Beispiel bei L e i b n i z,
    deutlicher zumal bei N i e t z s c h e, zu finden; S c h o p e n-
    h a u e r s „Wille“ als „das Ding an sich“ hat sich bei Ed.
    v. H a r t m a n n in die T ä t i g k e i t des „U n b e w u ß-
    t e n“ umgewandelt.

          Bei diesem Worte T ä t i g k e i t im Seelenben
    oder, wie man auch sagen kann, Mechanik des Seelen-
    lebens, machen wir halt, denn hier setzt, wenn man es in
    seinem Sinne nimmt, die Lehre Freuds ein.

          Bis dahin war man unter dem Einflusse der Anatomie
    und Physiologie des Gehirns geneigt gewesen, alle geisti-
    gen Störungen auf eine sie begleitende Hirnerkrankung
    zurückzuführen. Die medizinische Psychologie wollte
    nichts anderes sein, als ein Bild des Zustandes des Gehirnes,
    insonderheit der Hirnrinde.

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          Aber man mußte bald erkennen, daß die Mehrzahl der
    Geistesstörungen ohne jede nachweisbare Gehirnverände-
    rung verlaufen könne.

          Unter dem Einflusse F r e u d s ist nun in das gleichsam
    erstarrende oder bereits erstarrte System die energetische,
    psychologische Denkweise eingedrungen, um sich in
    gleicher Weise für die Diagnostik wie für die Therapie der
    seelischen Störungen fruchtbar zu erweisen. F r e u d hat
    aber am Schlafe der medizinischen Welt gerührt, und das
    haben ihm die Meister lange nicht verziehen.

          Ohne auf Widerspruch zu stoßen, kann man wohl be-
    haupten, daß die Psychiatrie und die medizinische Psycho-
    logie durch die Lehre F r e u d s, an deren Wiege neben
    F r e u d Josef B r e u e r gestanden ist, aus rein beschrei-
    benden Arbeitsformen helle, von Leben erfüllte psycho-
    logische Lehrgebäude geworden sind. Die Zahl der Gegner
    ist immer mehr zusammengeschmolzen, die Zahl der An-
    hänger ist Legion geworden, und heute gehören F r e u d-
    sche Begriffe, F r e u d sche Anschauungen, F r e u d sche
    Terminologien zum Sprachgebrauche nicht nur der Medi-
    zin, sondern auch der Rechtslehre, der Dichtung, der ge-
    bildeten Welt, ja, des täglichen Lebens.

          Grundtatsache ist, wie Sie schon von Br. Hitschmann
    gehört haben, die F r e u d sche Auffassung von der Dyna-
    mik des Seelenlebens, bei der das „Unbewußte“ gleichsam
    der Motor, das „Bewußte“ der Zeiger ist. Weder im Wachen
    noch im Traume hört der Einfluß des „Unbewußten“, das
    sich zum Teile aus unseren Gefühlen und Trieben, zum
    anderen Teile aus verblaßten Erinnerungen zusammen-
    setzt, jemals auf, denn die Vergangenheit wird nicht rest-
    los zu Grabe getragen; sie wirkt immer in uns weiter.
    Allenthalben liegen die Erinnerungen bereit, gleich
    Minen, größeren und kleineren, um plötzlich aufzuflammen
    und dann das Seelenleben grell zu beleuchten oder es mit
    ihrem Rauche in Nebel einzuhüllen.

          Manche Seele ist durch solche Erinnerungen ganz be-
    sonders gefährdet. Gerade diese Verhältnisse hat die
    F r e u d sche Seelenforschung in klares Licht gesetzt, denn
    F r e u d erkannte, daß bei gewissen seelischen Krankheits-
    formen starke Affekte, das heißt intensive Gemütsbewe-
    gungen aus früher Lebenszeit, namentlich der Kindheit,
    die ursächlichen Momente abgeben. Solche Erschütterungen
    des Gemütes haben durch den Zwang der Verhältnisse
    nicht zur normalen Entladung gelangen können und wir-
    ken im Unterbewußtsein immer weiter fort, treibend, be-
    drückend, störend, bis sie durch die erlösende Methode
    F r e u d s aufgedeckt werden. Dann ist die Seele wieder
    frei, und der seelenkranke Mensch gesund.

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          F r e u d hat durch seine Forschungen die weite Kluft
    überwunden, die zwischen der wissenschaftlich betriebenen
    experimentellen Psychologie und der praktischen Kunst
    bestand, den Menschen richtig zu verstehen und richtig zu
    behandeln. Früher stand der Arzt in derartigen Fällen der
    Krankheit und dem Kranken oft ohnmächtig gegenüber.

          Wer wollte es abschätzen, wie sich diese e i n e Tat
    F r e u d s ökonomisch, wie sie sich in Form von Menschen-
    freude und von Hochgefühl der G e n e s u n g auswirkt,
    wenn man nicht den Maßstab eines Tages, u n s e r e r
    Tage, sondern den von Jahrhunderten anlegt!

          In vielleicht nicht durchaus zutreffender, aber jeden-
    falls anschaulicher Weise kann man das „Unbewußte“ in
    uns mit einem Orchester vergleichen, in dem die Musiker
    sitzen und die Instrumente erklingen. Darüber aber steht
    das Bewußtsein, der Kapellmeister, schwingt seinen Stab
    und führt die Stimmen, schattiert, hält zurück, hebt empor,
    ein Zensor — sagt Freud —, der jede Stimme, die zu
    laut werden will, niederhält, damit die Harmonie des Gan-
    zen nicht leide. — So ist es, wenn der Kapellmeister tüchtig
    ist und den Chorus beherrscht. Es kann aber auch vor-
    kommen, daß e i n e Stimme sich vordrängt und damit
    kundgibt, daß der Zensor nicht achtsam war.

          Auf das Seelenleben übertragen, heißt dies, daß Er-
    innerungen manchmal sozusagen gegen unseren Willen,
    und dann entweder unverändert oder entstellt, an die
    Oberfläche kommen und so unser geheimstes Denken, stille
    Wünsche, verborgene Gedanken verraten.

          Freuds „Psychopathologie des Alltagslebens“ belehrt
    uns über diese Zusammenhänge alles seelischen Ge-
    schehens. Im Seelenleben gibt es aber keine Kleinigkeiten;
    alles ist bedeutungsvoll, die Wahrheit birgt sich im größten
    und im kleinsten. Auch das kleinste Teilchen enthält das
    Samenkorn für große Wahrheiten.

          Was F r e u d „Analyse“ nennt, besteht darin, aus einer
    erkrankten Seele das bedrängende Element herauszuholen,
    gegebenenfalls auch, einer gesunden Seele Verschwiegenes
    zu entlocken. — Die Wirkung der F r e u d schen Methodik
    reicht heute bereits in jede Geisteswissenschaft hinein, ja,
    wir alle verwenden, oft ohne es zu wissen, diese Methode,
    die nicht nur für das einzelne Individuum, sondern auch
    für die Völkerpsychologie und die Lehre von der geistigen
    Entwicklung überhaupt Geltung besitzt. —

          Liebe Brüder! Besser als erklärende Worte und die
    weiteste Erläuterung wirkt das lebendige Beispiel, eine Art
    von Analyse eines Falles von „V e r s p r e c h e n“ im Sinne
    Freuds, die ich Ihnen jetzt vorführen will. Gegenstand
    der Analyse ist — mit seiner Zustimmung — kein Gerin-

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    gerer als unser sehr würdiger Großpräsident Br. Prof.
    E h r m a n n.

          Er feiert seinen 70. Geburtstag. Die Szene spielt an der
    Klinik des Prof. F i n g e r im Allgemeinen Krankenhause
    in Wien. Redner und Zuhörer sind die Berufskollegen und
    die Freunde, darunter auch einige Brüder.

          Die Ansprachen an den Jubilar sind zu Ende, der Ge-
    feierte steht auf der Rednertribüne und hält die Dankrede.

          Eine solche Dankrede, liebe Brüder, am 70. Geburts-
    tage ist kein Programm, sondern ein Abschied, eine Rück-
    schau. Und Br. E h r m a n n gedenkt seines mühevollen An-
    fanges, seiner Lehrer und seiner Meister, natürlich auch
    in ganz leisen Andeutungen seiner Widersacher und Geg-
    ner. Er will den Namen des Anatomen K a r l L a n g e r
    nennen, der ihn gefördert hat... Und da geschieht etwas
    Merkwürdiges... Er sagt statt K a r l L a n g e r den Namen
    des Bürgermeisters und Antisemitenhäuptlings K a r l
    L u e g e r... Wie ist dies zu erklären?

          Ein Lapsus linguae wird der oberflächliche Zuhörer
    sagen. Ein gelehrterer Zuhörer meint: Gleicher Vorname,
    Anfang und Ende des Zunamens gleich, gleiche Buchstaben-
    zahl, also ein Sprechfehler, nach rein deskriptiven Gesichts-
    punkten eventuell eine Vertauschung.

          Nun kommt aber F r e u d selbst und sagt: Nein, es ist
    kein Sprechfehler, sondern ein wirkliches „V e r-
    s p r e c h e n“, eine Entgleisung, die aber, um mit F r e u d
    zu sprechen, und das ist eben der Kernpunkt der Sache,
    Klarheit darüber schafft, woran der Redner gedacht, als er
    dies sprach, a l s e r s i c h v e r s p r a c h. Es war der Ein-
    fluß von etwas außerhalb der intendierten Rede, ein u n-
    b e w u ß t gebliebener Gedanke, vielleicht sogar ein stär-
    keres psychisches Motiv, welches sich im Grunde ge-
    nommen gegen die ganze Rede richtete, aber nicht aus-
    gesprochen werden sollte.

          Was heißt das im vorliegenden Falle?

          E h r m a n n sieht unter den Zuhörern eine Anzahl von
    Männern, die ihm durch Dezennien alles eher als wohl-
    wollend waren. Die einen haben ihm seine wissenschaft-
    lichen Erfolge mißgönnt, die anderen sind aktiver gewesen
    und haben durch zeitgerechte, oft nicht ganz reinliche
    Handlungen seine Laufbahn erschwert. Und wenn kein
    anderes Mittel verfing, kein Hindernis zu entdecken war,
    so hatte sich immer wieder — mehr oder weniger verhüllt
    — zur richtigen Zeit die Abstammung geltend gemacht.

          Heute aber, am Tage des Abschiedes von der akademi-
    schen Laufbahn, wo er nichts mehr für sich zu erwarten
    hat, keine Gönner, keine Gefälligkeiten mehr brauchen
    wird, haben alle diese liebwerten Kollegen von ihm auch

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    nichts mehr zu befürchten. Jetzt können sie freundlich sein,
    diese „Herren“ mit dem süßen, verbindlichen Lächeln und
    den Augen, die wie im Winkel schauen . . . Dies alles sieht
    er vor sich, der dort oben auf der Rednertribüne steht und
    seine Dankrede hält, die zugleich seine Abschiedsrede
    ist... Und während er spricht, ist es in seinem Unter-
    bewußtsein lebendig, denn hier lebt grollend die Erinne-
    rung auf an die Intriguen des einen, die Enttäuschungen
    durch den anderen, der ihm gerade jetzt so freundlich zu-
    nickt, die Feindschaft des Dritten, der so liebenswürdig
    lächelt... und E h r m a n n s Unterbewußtsein denkt und
    spricht: Ja, ja, jetzt, wo ich keinem von Euch mehr im
    Wege bin, keinen mehr beanspruchen werde, seid Ihr süß
    und freundlich, aber früher... da war’t Ihr Hasser, Gegner
    und Feinde; denn ich war nicht Euresgleichen, war Euch
    wesensfremd, Ihr..., und so wurde aus K a r l L a n g e r der
    A n t i s e m i t e n f ü h r e r K a r l L u e g e r, denn dieses Wort
    ist gleichsam die Quintessenz, die Resultierende aller Ge-
    danken, die E h r m a n n s Unterbewußtsein durchzogen,
    während er sprach und höflich, freundlich, liebenswürdig
    scheinen mußte und auch wollte... — Der weitgehende
    Gleichklang der Worte, die gleiche Buchstabenanzahl, der
    gleiche Anfang und das gleiche Ende des Namens sind mit-
    wirkende Nebensächlichkeiten; die Hauptsache ist der
    seelische Inhalt, das Vordrängen des Unbewußten, das
    durch dieses „Versprechen“ zum Ausdruck gelangt.

          Solche Beispiele von S e l b s t v e r r a t finden Sie in
    F r e u d s „Psychopathologie des Alltagslebens“ in reicher
    Zahl.

          Mein Beispiel hat Ihnen gezeigt, welchen Wert die
    Analyse für die Aufdeckung von solchen verborgenen
    Elementen des Seelenlebens hat. Man sollte glauben, daß
    solche Vorkommnisse und ihr Verständnis altes W i s s e n s-
    g u t der Menschen seien, denn diese Wahrheiten — und
    die unbewußt ausgesprochenen sind die echten Wahr-
    heiten — liegen ja sozusagen auf der Straße. Und doch ist
    es nicht so. Nur unsere größten Dramatiker, Shakespeare
    und Schiller, haben, wie F r e u d uns lehrt, an wenigen
    Stellen ihrer Werke diese psychologischen Zusammen-
    hänge zur Aufhellung von Seelenzuständen und zur Auf-
    deckung von verborgenen Gedanken blitzlichtartig ver-
    wendet, denn das Genie weiß eine Menge Dinge zwischen
    Himmel und Erde und ist, aus dem Dunkeln schöpfend,
    seiner Zeit in ahnungsvoller Erkenntnis weit voraus. Die
    Allgemeinheit hingegen, Weltkind und Prophete, ging an
    diesen Äußerungen des Unbewußten fast achtlos vorüber,
    bis eben der Mann erschien, der den Schatz hob und in
    die richtige Beleuchtung stellte. Dann aber war es wieder

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    so, als wäre es immer so gewesen, denn die ewigen Wahr-
    heiten haben zumeist nichts Überraschendes an sich.

          W i l h e l m O s t w a l d teilt die großen Männer in
    Klassiker und Romantiker ein, je nach der Reaktions-
    geschwindigkeit ihres Geistes. Die Klassiker seien die
    Langsamen, die Romantiker die Geschwinden, mit raschem
    Tempo des geistigen Pulsschlages.

          Ich halte diese Einteilung O s t w a l d s nicht für durch-
    gehend. Ein wahrhaft Großer, gleich unserem F r e u d, ist
    Romantiker und Klassiker in einer Person, Entdecker
    und Gestalter, in die Breite und in die Tiefe gehend, von
    Begeisterung für sein Werk erfüllt und fähig, diese Begei-
    sterung auf andere zu übertragen, klar im Denken, erfin-
    derisch im Formen, überraschend schnell im Erfassen, von
    unstillbarem Wissensdrang, gleichsam unerschöpflich im
    Planen, von Entdeckung ahnungsvoll zu Entdeckung
    fliegend, fast unbegreiflich in seiner Arbeitskraft, dem
    Talent zum Fleiße, voll Freude am Lernen und Lehren,
    und mit der Gabe versehen, den erfaßten Grundgedanken
    vielfach zu variieren.

          Es gibt Männer der Tat und Männer des Wortes, solche,
    die stürmend erobern, und andere, die bauen und schlich-
    ten. Br. F r e u d vereinigt beide Gaben in seiner Person.
    Sein Lebenswerk ist Versenkung in sich selbst, aber auch
    Sturm und Drang, ist tiefe Innenschau, aber auch weiter
    Adlerblick, ist Arbeit zwischen vier Wänden, aber auch
    Flug ins Weite.

          Ein Geist von der Art unseres F r e u d hat es nicht
    nötig — wie S c h i l l e r in seinem unsterblichen ersten
    Briefe an G o e t h e schreibt — von der Philosophie zu
    borgen. Diese könnte im Gegenteil von ihm lernen, denn
    die Philosophie kann nur zergliedern, was ihr gegeben
    wird, das Genie aber ist die Macht, die gibt, die spendet.

          F r e u d sucht aus dem Unbewußten heraus das Indivi-
    duum zu erfassen und vereinigt dabei philosophischen In-
    stinkt mit forschendem Verstande. Die beiden aber begeg-
    nen einander auf halbem Wege, und Intuition, gepaart mit
    freier Geisteskraft, finden das Gesetz, den ruhenden Pol
    in der Erscheinungen Flucht.

          Unser F r e u d besitzt diese Forschereigenschaften und
    dazu die Feuerkraft, welche die Jugend hat, die Jugend
    und der Auserkorene, der gleichsam mit unvergänglicher
    Jugend begabt ist.
    „Glaubt mir, es ist kein Märchen, die Quelle der Jugend,
                                            sie rinnet
    wirklich und immer. Ihr frag’t wo? In der dichtenden
                                            Kunst.“

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          Diese wahrhaft poëtische Begabung, für die seine Ab-
    handlung über den Moses des Michelangelo, seine Schrift
    „Der Dichter und das Phantasieren“, die Abhandlung über
    Jensens „Gradiva“ und eigentlich seine ganze Diktion, der
    Purpur seiner Sprache, Zeugenschaft ablegen, zeigen ihn
    in immer gleicher anmutiger, erquickender Jugendlich-
    keit. Ich wenigstens vermöchte in dem F r e u d von heute
    und jenem vor zwanzig und dreißig und vierzig Jahren
    keinen Unterschied zu erkennen.

          Und wie er noch früher war? . . . Ungestümer und
    gewaltiger und kraftvoller und unwiderstehlicher kann
    er wohl auch damals nicht gewesen sein!

          Sein abweisendes Verhalten, die achillëische Zurück-
    gezogenheit in der Zeit der ärgsten Verkennung, während
    der aber „sein Geist gewaltig fortschritt“, das weite Ge-
    bäude seiner Lehre ausgebaut und seine Schüler um sich
    geschart hat, könnte leicht als Stolz und Selbstbewußtsein
    gedeutet werden. — Forscherernst, Forschertrieb und For-
    scherfreudigkeit können aber ohne den Glauben an sich
    selbst, ohne Heldengefühl sozusagen, nicht bestehen.

          Die selbsterzeugten Gedanken — sagt H e l m h o l t z
    in seiner berühmten Tischrede an seinem siebzigsten Ge-
    burtstage — hängen natürlich fester mit dem ganzen geisti-
    gen Gesichtskreise des Forschers zusammen, als fremde,
    und er empfindet mehr Förderung und Befriedigung, wenn
    er die ersteren sich reicher entwickeln sieht als die letz-
    teren. So stellt sich für ein solches Gedankenkind bei
    seinem Erzeuger schließlich eine Art von Vaterliebe ein,
    die ihn treibt, für die Förderung dieser Sprößlinge ebenso
    zu sorgen und auch zu s t r e i t e n, wie für die leiblichen.
    Man ist auf seine geistigen Kinder vielleicht mit mehr
    Berechtigung stolz als auf die leiblichen, denn jeder Bei-
    trag zum Aufbau der Wissenschaft geschieht gewisser-
    maßen im Dienste einer ewigen, heiligen Sache, mit der
    der Forscher durch enge Bande der Liebe verknüpft ist.
    Das Gefühl dieser Liebe und dieser Befriedigung mag man
    dann Ehrgeiz und Selbstbewußtsein, wenn man will auch
    Stolz, nennen. Ohne diese Eigenschaften und Antriebe des
    wahren Forschers ist aber an den Fortschritt der Wissen-
    schaft und der Erkenntnis nicht zu denken. —

          Für uns B. B. ergibt sich nunmehr noch die sehr wich-
    tige und zweifellos auch sehr anregende Frage nach den
    Beziehungen F r e u d s zum Judentum und zum B. B.-tum.
    Warum konnte gerade nur der Jude F r e u d das werden,
    w a s er ist, und so werden, w i e er ist, was hat ferner der
    Bruder F r e u d bei uns gesucht und was hat er hier gefun-
    den, nachdem er am 29. September 1897 eingeführt worden
    war?

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          Wir Juden, liebe Brüder, stehen der Welt, namentlich
    der metaphysischen, unabhängiger gegenüber als der Christ,
    vor allem der Katholik. Dies ist eine gerade Folge unserer
    Erziehung, besonders der religiösen, und der Atmosphäre,
    in der wir aufwachsen. Uns engt kein Dogma ein. Die
    Schranken der Tradition berühren mehr das Äußere als
    das innere Wesen. In seinem Innern aber fühlt der Jude,
    der echte Jude, nur einen einzigen, ewigen Wegweiser,
    einen Gesetzgeber, ein Gesetz. Es ist die Moral, und die
    ist nicht von außen in uns hineingekommen, sondern ein
    Teil von uns selbst, das Ergebnis des reinen, menschlichen
    Denkens und dessen Anwendung auf die Allgemeinheit.

          Was man Lebensanschauung, Denkweise, Denkrich-
    tung nennt, entsteht naturgemäß auch auf diesem Boden
    und muß daher von Geburt, Erziehung und Milieu abhän-
    gig sein.

          Unser Br. F r e u d ist kein Freund von Lebensanschau-
    ungen. D i e überläßt er den Philosophen, welche er im all-
    gemeinen nicht hoch einschätzt; sie brauchen „einen
    solchen Baedeker für die Reise durchs Leben“. Und doch
    hat auch unser Bruder — ich möchte sagen, ganz selbst-
    verständlich — eine Lebensanschauung, und zwar eine echt
    jüdische, und ist ein Philosoph, und, ich meine, ein recht
    bedeutender Philosoph, zumindest vom Standpunkte der
    Erkenntnistheorie!

          K a n n man sich überhaupt einen nicht jüdischen
    Freud vorstellen? Ich glaube ebensowenig wie einen nicht
    jüdischen S p i n o z a, der, weil er so ist, die Handlungen
    der Menschen ansieht wie jede andere Naturerscheinung,
    demnach niemals als Gegenstand des Tadels, sondern immer
    nur der wissenschaftlichen Erklärung, und der schärfer
    und konsequenter als irgend ein Denker vor ihm die un-
    beschränkte Freiheit der wissenschaftlichen Überzeugung
    verteidigt hat.

          Freuds Unabhängigkeit des Geistes, „gewaffnet
    gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie endend“,
    wie H a m l e t sagt, den er so tief erfaßt hat, sein koperni-
    kanisches, revolutionäres Auftreten und Beharren gegen
    eine Welt von Feinden, gegen das Eulengeschlecht, das zu
    dem Lichte sich drängte, sein m o r a l i s c h e r M u t s i n d
    j ü d i s c h e s E r b g u t. Die Großen unter uns Juden sind
    immer im Zeichen des Fortschrittes gewesen, Bannerträger
    der Freiheit, Märtyrer ihrer Idee.

          Auch unserem F r e u d wollte man eine solche
    Märtyrerkrone aufs Haupt drücken. Es ist nicht gelungen
    und konnte nicht gelingen. F r e u d hat die heroische Zeit
    der Vereinsamung glorreich überwunden.

          An einer so ungeheuren Kampfkraft, an solcher Ge-

  • S.

    128

    diegenheit des wissenschaftlichen Charakters, an solcher
    überwältigender, nahezu beklemmender, selbstloser Hin-
    gebung an die Notwendigkeit seiner Idee, seiner Erkennt-
    nisse hat jeder Widerstand unfehlbar zerschellen müssen.

              „Nimmer sich beugen,
              kräftig sich zeigen,
              rufet die Arme
              der Götter herbei.“

          Man kann sich den Juden Sigmund F r e u d nicht
    als Zionisten und nicht als Konservativen vorstellen, denn
    er ist nicht ein Teil vom Ganzen, sondern das Ganze,
    das heißt Jude schlechthin.

          Eine politische Einstellung braucht er nicht: Die ver-
    trägt sich nicht mit der Erkenntnis, daß, wissenschaftlich
    genommen, alle menschlichen Seelen die gleiche Organisa-
    tion haben. Die Verschiedenheit beruht nur darin, wie sie
    auf äußere Einflüsse ansprechen. Die Klaviaturen sind
    nicht verschieden, verschieden sind aber die Melodien, die
    darauf gespielt werden. — —

          Eine Eigenschaft, die man nicht übergehen kann, weil
    sie einen wesentlichen Bestandteil seiner Charakteristik
    darstellt, ohne den ein so schwungvolles, graziöses Leben
    undenkbar erscheint, ist F r e u d s grenzenloser, praktischer
    Optimismus, den man köstlich, geradezu genial nennen
    muß. Optimismus ist auch dieser Optimismus auf jüdischem
    Boden erwachsen, denn Jude sein und Jude geblieben
    sein nach tausend und abertausend Jahren von Elend und
    Verfolgung, Marter und Ghetto setzt Optimismus voraus,
    der dies alles überlebt. — Der theoretische, philoso-
    phische Optimismus des Juden gehört zu seiner Welt-
    anschauung und findet seinen Ausdruck schon im Schöp-
    fungsberichte der Bibel, in dem der Ewige von seinem
    Werke sagt: „Und siehe, es war alles sehr gut.“ Der p r a k-
    t i s c h e Optimismus aber sieht nicht nur die gegenwärti-
    gen Zustände für besser an als sie wirklich sind, er wiegt
    sich auch in bezug auf die Zukunft in schmeichelhafte Hoff-
    nungen ein. Wenn es heute auch noch so schlecht geht, im
    nächsten Jahre sind wir ja doch wieder in Jeruscholaim,
    wo Milch und Honig fließt und Gott seinen Freunden im
    Schlafe das Brot gibt.

          Was ist aber Optimismus anderes als Glaube an sich
    selbst, Zuversicht, Entschlossenheit, natürliche Würde,
    Gleichmut, Festigkeit, Beharrlichkeit und schließlich wahre
    Religion des Herzens, für welche die Dichter die mannig-
    fachsten Ausdrucksformen gefunden haben, die im gewöhn-
    lichen Leben aber nicht allzuselten in der Frage gipfelt,
    ob — Sie verzeihen das banale, aber wahre Wort — zur

  • S.

    129

    richtigen Zeit der Geldbriefträger an des Hauses Türe
    pocht!

          Ich will keine Familiengeheimnisse verraten, aber es
    hat Zeiten gegeben, wo für den Vater F r e u d und seine
    hungrigen Raben diese Frage überaus brennend war. Die
    Schichtchen zu erzählen, von dem sonnigen Humor, mit
    dem F r e u d, der Lacher, solche Fährlichkeiten überwand.
    F r e u d, der Wohlgemute, im Vertrauen auf seine Göttin
    Euthymia nur Licht und niemals Schatten sah. F r e u d,
    der Heitere, nur Schätze des Geistes, die allerdings in
    Hülle und Fülle, besaß.

          Br. F r e u d ist ausgezogen wie ein Märchenkind und
    hat seine Laufbahn fortgesetzt wie ein Märchenkind, aber
    wahrlich kein „Hans im Glück“, denn mit eigener, ge-
    waltiger Kraft haben seine Hände den Bau seines Hauses
    gezimmert, wie sein gewaltiger Geist das Gebäude seiner
    Lehre errichtet hat. —

          Die Persönlichkeit Freuds als G a n z j u d e erklärt
    auch ungezwungen seine Beziehungen zum B. B.-tum.

          Auf diesem ganz unpolitischen Boden, der für alle
    jüdischen Bestrebungen, Anschauungen, Hoffnungen, An-
    regungen die gleiche Fruchtbarkeit besitzt, kann j ü d i-
    s c h e s W e l t b ü r g e r t u m gedeihen; hier ist auch
    F r e u d zu Hause, hier hat er in der Vereinsamung An-
    schluß gesucht und gefunden.

          Welche Fülle von Erinnerungen erwacht in uns, liebe
    Brüder, wenn wir der Zeit gedenken, da Br. Freud Obmann
    des geistigen Komitees war, und wenn wir vor allem jener
    lichtvollen Abende gedenken, da sie beisammen saßen:
    J o s e f J e r u s a l e m, W i l h e l m J e r u s a l e m, L e o-
    p o l d K ö n i g s t e i n und in ihrer Mitte die ragende Ge-
    stalt S i g m u n d F r e u d s...

          Wenn er sprach, tauchte in mir immer das Wort von
    H a n s S a c h s auf:

          „Ich hör’ singen im grünen Hag
          ein’ wonnigliche Nachtigall.“

          Es war jedesmal ein festlicher Tag, ein Tag der Gunst
    und der Ernte, wenn der Br. F r e u d seinen holden Mund
    auftat, und es rann gleich dem Thau sein Wort. Die Stimme
    leise, aber eindringlich und melodisch, die Sprechweise
    eigenartig, ein wenig mährisch, breit, aber plastisch,
    fließend, fesselnd. Der Stil zeugt von höchster geistiger
    Kultur, von einer unfaßbaren Belesenheit und tiefster
    Künstlerschaft; er erinnert an die Schreibart von
    Nietzsche und Schopenhauer, in mancher Wen-
    dung an Goethe — (man lese seine Selbstbiographie) —

  • S.

    130

    die ihren Stil formten nach ihrem eigenen Bilde... F r e u d
    beginnt zu sprechen, und schon ist der Kontakt mit den
    Zuhörern da. Hier fühlt sich F r e u d daheim. Freundlich
    lauschende Gesichter umgeben ihn und verstehen es, wenn
    zuweilen ein bitteres Wort gegen das Eulengeschlecht dort
    draußen fällt. Hier hat er seine tiefen, schürfenden Gedan-
    ken über Massenpsychologie entwickelt, hier hörten wir
    seine unvergleichlich geistvolle „Traumdeutung“, „Das
    Hamlet-Problem“, die unvergängliche Abhandlung über
    „Unser Verhältnis zum Tode“, über die Geburt der Psycho-
    logie und des Unsterblichkeitsgedankens beim Tode gelieb-
    ter Personen...

          „Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf
    den Tod ein,“ ist einer der Aussprüche F r e u d s, der, wenn
    man ihn richtig erfaßt, ein biblisches Wort, eine
    monumentale biblische Wendung genannt werden muß.

          Sie sehen, wie leicht beieinander die Gedanken
    wohnen, und wie sich im Leben die Gegensätze berühren
    und vertragen. Aus dem Munde des Optimisten, fast könnte
    man sagen, des Hedonikers, dieses ernsteste Wort,
    das den Vorhang wegzieht von der Seele Tiefen und den
    Ewigkeitskern enthüllt, der in diesem so reichen Leben
    enthalten ist...

          G o e t h e hat, von K a n t sprechend, einmal gesagt,
    wir müssen erst im Einklang mit uns selbst sein, dann
    können wir auch Disharmonien, die von außen auf uns
    eindringen, überwinden. Nur das Angelernte unserer Natur
    scheitert oft am Widerspruch, das Angeborene beseitigt
    nicht selten erfolgreich seinen Gegensatz.

          Das Leben unseres F r e u d bestätigt diese Worte.
    Durch die Harmonie zwischen seinem inneren Wesen und
    seinem äußeren Wirken hat er, immer mehr erstarkend, die
    unzähligen Widerstände gebrochen, welche auf seinem
    Wege lagen; diese Harmonie der Persönlichkeit, die sogar
    nach des Dichters Worte Geist und Leib vereint in einem
    Punkte, erklärt die Wirkung seines Werkes auf die nähere
    und weitere Menschheit.

          Diese Harmonie zwischen äußerem und innerem Wesen,
    zwischen Handeln und Denken, dieses Gefühl der Ein-
    tracht mit sich selbst, reicht bis in die Gewohnheiten,
    Neigungen und Einrichtungen seines äußeren Lebens, das
    er — selbst ein Künstler — gleichfalls formt nach seinem
    eigenen Bilde. Ein Seelenforscher, gewohnt, den Aufbau,
    das Werden, die Entwicklung der Seele in ontogenetischer
    und phylogenetischer Betrachtungsweise zu ergründen, um-
    gibt er sich auch in seinen Arbeitsräumen mit Bildern,
    Reliquien, Bestandteilen der alten und ältesten Kultur,
    den Sinnbildern seines Grundgedankens, seines Leitmotivs

  • S.

    131

    von der Schichtung unseres Seelenlebens, in welchem der
    Schatzgräber auf Funde stößt, die schon vor Jahrtausenden
    in der Seele der Urvorfahren zu finden waren.

          Liebe Brüder! Es haben unvergeßliche Persönlichkeiten
    gelebt. Es gibt Geister, bei denen wir unaufhörlich Belehrung
    finden. Einen Naturforscher wie H e l m h o l t z, dessen
    mathematische Begabung Gebiete eroberte, die vor ihm
    noch kein Mathematiker betreten hatte, einen Chemiker
    wie J u s t u s L i e b i g, der gemeinsam mit seinem Freunde
    W ö h l e r die Brücke von der anorganischen zur organi-
    schen Welt schlug, einen Forscher wie C h a r l e s D a r w i n,
    der seine geniale Hypothese als Ersatz für den Glauben an
    Endzwecke aufgestellt hat, einen Denker wie S p i n o z a,
    der krystallklar war in seiner Lehre und in seinem Leben.

          Unser F r e u d ist ihnen gleich, denn auch er hat die
    Gabe der größten Forscher. Er bildet aus Formlosem form-
    vollendete Gestalten, aus dem Urnebel des Unbewußten
    werden durch ihn bleibende, gleichsam planetarische Ge-
    bilde. — Und seine Gesinnung ist rein wie die Blüte des
    Frühlings.

          Eine Lichtgestalt, stehst Du, Bruder S i g m u n d
    F r e u d, vor unserem leiblichen und geistigen Auge, in
    funkelnder Leuchtkraft, in schöner Übereinstimmung Deines
    ethischen und intellektuellen Inhalts.

          Dem Türmer gleich blickst Du in die Ferne und siehst
    in der Nähe.

          Mögen Deine sonnenhaften Augen noch lange die Welt
    schauen!

          Sei gesegnet, Du Segensbringer! Du bist uns Brüdern
    zum Segen geworden, denn wir haben als Juden und B. B.
    Anteil an Deinem Ruhme.

          Möge das Antlitz eines glücklichen Schicksals Dir noch
    lange zugewendet bleiben! Amen.


     

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