• S.

           23. 11. 09
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr Kollege
    Nur meine Nötigung, jede freie Stunde für die Niederschrift der Vorträge in Worcester zu verwenden, hat einen so schlechten Korrespondenten aus mir gemacht und es verschuldet, daß ich den Dank für Ihr neuerliches Auftreten mit den ’Traumzuständen’ so lange aufgeschoben habe. Die bekommen wir doch fürs Jahrbuch? Sie sind ganz der Mann dazu, sich aus dem allgemeinen Widerspruch so wenig zu machen wie seinerzeit ich in Wien, und sich durch unser Interesse allein entschädigen zu lassen.
    Ich danke Ihnen noch für Ihre liebenswürdige Aufnahme und Ihrer lieben Frau für ihre Gastfreundschaft. Sie erinnern sich wohl, in welchem Gedränge ich war, und daß erst die Bahnfahrt uns jene Stunde freier Aussprache brachte, die wir so lange erwartet hatten. Kollege Eitingon wird Ihnen seither längst Neues von unserem Haus erzählt und Ihnen das schlechte Bild überbracht haben, aus dem man wenigstens ersehen kann, welch harte Zumutung Amerika körperlich für mich war.
    Ich bin jetzt wieder wohl, bis auf die gewöhnlichen Beschwerden der Überarbeitung.
    Die Praxis war noch nie so reichlich wie in diesen zwei Monaten, aber auch noch nie so öde

  • S.

    und wissenschaftlich steril. Auch der Zulauf, der mich sonst in den Stand setzte, Fälle an die jüngeren Kollegen abzugeben, hat sich bisher nicht eingestellt.
    Wir stehen unmittelbar vor der Ausgabe des zweiten Halbbandes, der ja allerlei bringen soll. Auch die dritte Auflage des ’Alltags’ werden Sie binnen kurzem von mir erhalten. Die zweite der Sexualtheorie soll mich dann beschäftigen. Von einer kleinen Arbeit über Leonardo da Vinci, die bisher nur Eitingon kennt, meine ich, daß sie nicht so bald die Schriften zur Angewandten Seelenkunde bereichern wird. Ich hätte gerne Ihren Segantini an der Stelle gesehen. Es wären dann zwei Vorstöße in die Biographik in unserem Sinne. 
    Meine Vorlesung halte ich jetzt als Seminar ab und werde nächstens eine Ihrer Arbeiten referieren und besprechen lassen, wahrscheinlich die Differenzen zwischen Hysterie und Dementia Praecox.
    In der Hoffnung, Sie durch diese Verzögerung nicht abgeschreckt zu haben, und mit vielen Grüßen für Ihr kleines Haus,
    Ihr freundschaftlich ergebener
           Freud