S.
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Jenseits des Lustprinzips
von
Sigm. FreudI.
In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an,
daß der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch
durch das Lustprinzip regulirt wird. Das heißt, wir glauben,
daß er jedesmal durch eine unlustvolle Spannung ange-
regt wird und dannineine solche Richtung einschlägt,
daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung oder Auf-
hebung dieser Span̄ung, also mit einer Vermeidung
vonderUnlust oder Erzeugung von Lust zusam̄enfällt.
Wenn wir die von uns studirten seelischen Prozeße mit
Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir
den oekonomischen Gesichtspunkt in unsere Arbeit
¿ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben
dem topischen und dem dynamischen Moment noch
dies oekonomische zu würdigen versuche, sei die
vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen können,
und verdiene es, durch den Namen einer metapsycholog-
ischen hervorgehoben zu werden.Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, in wie weit
wir uns mit der Aufstellung des Lustprinzips einerm
bestim̄ten, historisch festgelegten, philosophischenTheorieSystem
angenähert oder angeschloßen haben. Wir gelangen
zu solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen,
von den Tatsachen der täglichen Beobachtung auf unserem
Gebiet Beschreibung und Rechenschaft zu geben. Priorität
und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die
der psychoanalytischen Arbeit gesetzt sind, und die
Eindrücke, welche der Aufstellung dieses Prinzips zu
Grunde liegen, sind so augenfällig, daß es kaum
möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen würden wir uns
gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische
oder psychologische Theorie bekennen, die uns
zu sagen wüßte,welcheswas die Bedingungen der
für uns so imperativen Lust‑ und Unlustempfin-
dungen sind. Leider wird uns hier nichts Brauch-
bares geboten. Es ist das dunkelste und unzugänglich-
ste Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir un-
möglich vermeiden können, es zu berühren, so wird
die lockerste Annahme darüber, meine ich,
die beste sein. Wir haben uns entschloßen, Lust und
Unlust mit der Quantität der im Seelenleben
vorhandenen – und nicht irgendwie gebundenen –
Erregung in Beziehung zu bringen, solcher Art,
daß Unlust einer Steigerung, Lust einer VerringerungS.
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dieser Quantität entspricht. Wir denken dabei nicht
an ein einfaches Verhältnis zwischen der Stärke der
Empfindungen und den Veränderungen, auf die sie be-
zogen werden; am wenigsten – nach allen Erfahrungen
der Psychophysiologie – an direkte Proportionalität;
wahrscheinlich ist das Maß der Verringerung oder Ver-
mehrung in der Zeit das für die Empfindung ent-
scheidende Moment. Das Experiment fände hier mög-
licher Weise Zutritt, für uns Analytiker ist weiteres
Eingehen in diese Probleme nicht gebotenraten, so lange
nicht ganz bestim̄te Beobachtungen uns leiten
können.Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft
des Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden
auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es ein
Bestreben des seelischen Apparats sei, die in ihm
vorhandene Quantität von Erregung möglichst niedrig
oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist das-
selbe, nur in andere Fassung gebracht.Dann müßen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig
von einer Herrschaft des Lustprinzips über den Ab-
lauf der seelischen Prozeße zu reden. Wenn eine
solche bestände, müßte die übergroße Mehrheit
unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein
oderundzur Lust führen, während doch die allgemeinste
Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht.
Es kann also nur so sein, daß eine starke Tendenz
zum Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber
gewiße andere Kräfte oder Verhältniße wider-
setzen, so daß der Endausgang nicht immer der Lusttendenz
entsprechen kann. Wenn wir uns nun
der Frage zuwenden, welche Umstände die Durch-
setzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen,
dann betreten wir wieder sicheren, uns bekannten
Boden und können unsere analytischen Erfahrungen
in reichem Ausmaß zur Beantwortung heranziehen.Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lust-
prinzips ist uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir
wissen, daß das Lustprinzip einer primären Arbeits-
weise des seelischen Apparats eignet, und daß es
für die Selbsterhaltungbehauptung des Organismus unter den
Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang
an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist.S.
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Unter dem Einfluß der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird
es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches ohne die
Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch
den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf
mancherlei Möglichkeiten einer solchen, und die zeit-
weilige Duldung der Unlust auf dem langen
Umwege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lust-
prinzip bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise
der schwerer „erziehbaren“ Sexualtriebe, und es
kom̄t immer wieder vor, daß es, sei es von diesen
letzteren aus, sei es im Ich selbst, das Realitäts-
prinzip zum Schaden des ganzen Organismus über-
wältigt.Es ist indeß unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip nur
für einen geringen und nicht für den intensivsten
Teil der Unlusterfahrungen verantwortlich gemacht
werden kann. Eine andere, nicht weniger gesetzmäßige,
Quelle der Unlustentbindung ergiebt sich aus den
Konflikten und Spaltungen im seelischen Apparat, während
das Ich seine Entwicklung zu höher zusam̄engesetzten
Organisationen durchmacht. Fast alle Energie, die den
Apparat erfüllt, stam̄t aus den mitgebrachten Trieb-
regungen, aber diese werden nicht alle zurden gleichen Ent-
wicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es
immer wieder, daß einzelne Triebe oder Trieban-
teile sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als un-
verträglich mit den übrigen erweisen, die sich zu
der umfassenden Einheit des Ichs zusam̄enschließen
können. Sie werden dann von dieser Einheit durch
den Prozeß der Verdrängung abgespalten,
auf niedrigeren Stufen der psychischen Entwicklung
zurückgehalten und zunächst von der Möglichkeit
einer Befriedigung abgeschnitten. Gelingt es ihnen
dann, was bei den verdrängten Sexualtrieben so leicht
geschieht, sich auf Umwegen zu einer direkten oder
Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird dieser Erfolg,
der sonst eine Lustmöglichkeit gewesen wäre,
vom Ich als Unlust empfunden. Infolge des alten in
die Verdrängung auslaufenden Konflikts hat
das Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch er-
fahren, gerade während gewiße Triebe am Werke
waren, in Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen.
Die Einzelheiten des Vorganges, durch welchen die VerdrängungS.
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eine Lustmöglichkeit in eine Unlustquelle ver-
wandelt, sind noch nicht gut verstanden oder nicht klar
darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Unlust
von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden
werden kann.Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken
noch lange nicht die Mehrzal unserer Unluster-
lebniße, aber vom Rest wird man mit einem Anschein
von gutem Recht behaupten, daß sein Vorhanden-
sein der Herrschaft des Lustprinzips nicht wider-
spricht. Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja Wahr-
nehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens
unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei
es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß sie un-
lustvolle Erwartungen im seelischen Apparat erregt
von ihm als „Gefahr“ erkannt wird. Die Reaktion
auf diese Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in
der sich die eigentliche Tätigkeit des seelischen Apparats
äußert, kann dann in korrekter Weise vom Lust-
prinzip oder dem es modifizirenden Realitäts-
prinzip geleitet werden. Somit scheint es nicht not-
wendig, eine weitergehende Einschränkung des Lust-
prinzips anzuerkennen, und doch kann gerade
die Untersuchung der seelischen Reaktion auf
die äußerliche Gefahr neuen Stoff und neue
Fragestellungen zu derm hier behandeltenFrageProblem liefern.II.
Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahn-
zusam̄enstößen und anderen mit Lebensgefahr ver-
bundenen Unfällen ist seit langem ein Zustand
beschrieben worden, dem dann der Name „trau-
matische Neurose“ verblieben ist. Der schreckliche,
eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große Anzal
solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenig-
stens der Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organ-
ische Schädigung des Nervensystems durch Einwirkung
mechanischer Gewalt zurückzuführenx). Das Zustandsbild
der traumatischen Neurose nähert sich der Hysterie
durch seinen Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen,
übertrifft diese aber in der Regel durch die stark ausgebildeten
Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie bei einer
Hypochondrie oder Melancholie, und durch die Be-
weise einer weit umfassenderen allgemeinenx) Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, mit Beiträgen
von Ferenczi, Abraham, Simmel und E. Jones. Band
I der Internat. psychoanalytischen Bibliothek, 1919S.
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Schwächung und Zerrüttung der seelischen Leistung
en. Ein Ver-
ständnis ist bisher weder für die Kriegsneurosen noch für
die traumatischen Neurosen des Friedens erzielt worden.
Bei den Kriegsneurosen wirkte es einerseits aufklärend,
aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe
Krankheitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben
mechanischen Gewalt zu Stande kom̄en konnte; an
der gemeinen traumatischen Neurose heben sich zwei
Züge hervor, an welche die Überlegung anknüpfen konnte,
erstens daß das Hauptgewicht der Verursachung
auf das Moment der Überraschung, auf den
Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine
gleichzeitig erlittene Verletzung oder Wunde zumeist
der Entstehung der Neurose entgegenwirkte.
Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Aus-
drücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur
Gefahr gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet einen
gewißenbestim̄tenZustand von Erwartung der Gefahr und
Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine un-
bekannte sein; Furcht verlangt ein bestim̄tes Objekt,
vor dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt den
Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr
kom̄t, ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont das
Moment der Überraschung. Ich glaube nicht, daß die
Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann;
an der Angst ist etwas, was gegen den Schreck
und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir
werden auf diesen Satz später zurückkom̄en.Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuver-
lässigsten Weg zur Erforschung der seelischen Tiefen-
vorgänge betrachten. Nun zeigt das Traumleben
der traumatischen Neurose den Charakter, daß
es den Kranken immer wieder in die Situation
seines Unfalles zurückführt, aus der er mit
neuem Schreck erwacht. Darüber verwundert
man sich viel zu wenig. Man meint, es sei eben
ein Beweis für die Stärke des Eindrucks, den
das traumatische Erlebnis gemacht hat, daßdies
es sich dem Kranken sogar im Schlaf im̄er wieder
aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma
sozusagen psychisch fixirt. Solche Fixirungen an
das Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst
hat, sind uns seit langem bei der Hysterie be-
kannt. Breuer und Freud äußerten 1893: Die
Hysterischen leiden großenteils an Re-
miniszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen habenS.
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Beobachter wie Ferenczi und Simmel manche motorische
Symptome durch Fixirung an den Moment des
Traumas erklären können.Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer
Neurose Krankenden sich im Wachleben viel mit
der Erinnerung an ihren Unfall beschäftigen.
Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu
denken. Wenn man es als selbstverständlich hinnim̄t,
daß der nächtliche Traum sie wieder in die krank-
machende Situation versetzt, so verkennt man die Natur
des Traumes. Dieser würde es eher entsprechen
dem Kranken Bilder aus der Zeit der Gesundheit
oder der erhofften Genesung vorzuführen. Sollen
wir durch die Träume der Unfallsneurotiker nicht
an der wunscherfüllenden Tendenz des Traumes
irre werden, so bleibt uns etwa noch die Aus-
kunft, bei diesem Zustand sei wie so vieles andere
auch die Traumfunktion erschüttert und von
ihren Absichten abgelenkt worden.Ich
habe nun die Absichtmache nun den Vorschlag, das
dunkle und düstere Thema der traumatischen Neurose
zu verlassen und die Arbeitsweise des seelischen Apparats
an einersehrseiner frühzeitigsten normalen Betätigungen
zu studieren. Ich meine das Kinderspiel.Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst
kürzlich von S. Pfeiffer in der Imago zusam̄en-
gestellt und analytisch gewürdigt worden; ich kann hier
auf diese Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen
sich, die Motive des Spielens der Kinder zu erraten,
ohne daß dabei der oekonomische Gesichtspunkt,
die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund
gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Er-
scheinungen umfassen zu wollen, eine Gelegenheit
ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbstgeschaf-
fene Spiel eines Knaben im Alter von 1½ Jahren
aufzuklären. Es war mehr als eine flüchtige Beobachtung,
denn ich lebte durch einige Wochen mit dem Kinde und
dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte
ziemlich lange, bis das rätselhafte und ausdauernd
wiederholte Thun mir seinen Sinn verriet.Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung
keineswegs voreilig, es sprach mit 1½ Jahren erst
wenige verständliche Worte und verfügte außerdem
über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der
Umgebung verstanden wurden. Aber es war in
gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen DienstmädchenS.
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und wurde wegen seines „anständigen“ Charakters ge-
lobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, befolgte gewis-
senhaft die Verbote, manche Gegenstände zu berühren
und in gewiße Räume zu gehen, und vor allem anderen,
es weinte nie, wenn die Mutter es für Stunden ver-
ließ, obwol es dieser Mutter zärtlich anhieng, die das
Kind nicht nur selbst genährt, sondern auch ohne jede
fremde Beihilfe gepflegt und betreut hatte. Dieses
brave Kind zeigte nun die gelegentlich störende
Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es
habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zim̄erecke,
unter ein Bett us.w zu schleudern, so daß das Zusam̄en-
suchen seines Spielzeugs oft keine leichte Arbeit
war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von Interesse
und Befriedigung ein lautes, lang gezogenes
o‑o‑o‑o hervor, das nach dem übereinstim̄enden
Urteil der Mutter und des Beobachters keine Interjektion war sondern „Fort“
bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei,
und daßalldas Kind all seine Spielsachen nur
dazu benütze, mit ihnen„sie sind fort“„fortsein“ zu spielen.
Eines Tages machte ich dann die Beobachtung, die
meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine
Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es
wurdefiel ihm nie ein,zB.
sie zB. am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen; sondern
es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem
Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens,
sagte dso daß sie darin verschwand, sagte dazu
sein bedeutungsvolles o‑o‑o‑o und zog dann die
Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus,
begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen:
Da. Das war also das komplette Spiel, Verschwinden
und Wiederkom̄en, wovon man zumeist nur den
ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde
für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, ob-
wol die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten
Akt anhieng.Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusam̄en-
hang mit der großen kulturellen Leistung des
Kindes, mit dem von ihm zu Stande gebrachten Trieb-
verzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fortgehen
der Mutter ohne Sträuben zu gestatten. Es ent-
schädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe Ver-
schwinden und Wiederkom̄enselbstmit den ihmS.
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erreichbaren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die
affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich
gleichgiltig, ob das Kind es selbst erfunden oder
sich infolge einer Anregung zu eigen gemacht hatte. Unser
Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden.
Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich
angenehm oder auch nur gleichgiltig gewesen sein.
Wie stim̄t es also zum Lustprinzip, daß es dieses ihm
peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird
vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte
als Vorbedingung des erfreulichen Wiederer-
scheinens gespielt werden, im letzteren sei die
eigentliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die
Beobachtung widersprechen, daß der erste Akt, das
Fortgehen, für sich allein als Spiel inszenirt wurde
und zwar ungleich häufiger als das bis zum lust-
vollen Ende fortgeführte Ganze.Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergiebt keine
sichere Entscheidung. Bei unbefangener Betrachtung
gewinnt man den Eindruck, daß das Kind das Er-
lebnis aus einem anderen Motiv als Spiel wiederholt:
Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis betroffen
und bringt sich nun in eine aktive Rolle, indem es
dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel
wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem
Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon
unabhängig macht, ob die Erin̄erung an sich lustvoll
war oder nicht. Man kann aber auch eine andere
Deutung versuchen. Das Wegwerfen des Gegen-
standes, so daß er „fort“ ist, könnte die Befriedig-
ung eines im Leben unterdrücktenHaRacheim-
pulses gegen die Mutter sein, weil sie vom
Kinde fortgegangen ist, und dann die trotzige
Bedeutung haben: Ja, geh nur fort, ich brauch
dich nicht, ich schick dich selber weg. Diesselbe
Kind, das ich mit 1½ Jahren bei seinem ersten
Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein
Spielzeug, über das es sich geärgert hatte, auf
den Boden zu werfen und dabei zu sagen:
Geh in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzält,
der abwesende Vater befinde sich im Krieg,
und es vermißte den Vater gar nicht, sondern
gab die deutlichsten Anzeichen von sich, daß es
im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört
werden wolle. Wir wissen auch von anderenS.
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Kindern, daß sie ähnliche feindselige Regungen durch
das Wegschleudern von Gegenständen, an Stelle der
Personen, auszudrücken vermögen.x) Man gerät so
in Zweifel, ob der Drang etwas Eindrucksvolles psychisch
zu verarbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich
primär und unabhängig vom Lusttrieb äußern kann.
Im hier diskutirten Falle könnte er einen unangenehmen
Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen,
weil mit dieser Wiederholung ein andersartiger,
aber direkter Lustgewinn verbunden ist.Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft
diesem unseren Schwanken zwischen zwei Auf-
fassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kinder
alles im Spiel wiederholen, was ihnen im Leben
großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die
Stärke des Eindrucks abreagiren und sich sozusagen
zu Herren der Situation machen. Aber anderseits
ist es klar genug, daß all ihr Spielen unter dem
Einfluß des Wunsches steht, der diese ihre Zeit
dominirt, des Wunsches: groß zu sein und so
thun zu können wie die Großen. Man macht
auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter
des Erlebnißes es nicht immer für das Spiel
unbrauchbar macht. Wenn der Doktor dem
Kind in den Hals geschaut oder eine kleine Opera-
tion an ihm gemacht hat, so wird dies erschreck-
ende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des
nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus
anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. In-
dem das Kind aus der Passivität des Erlebens
in die Aktivität des Spieles übergeht, fügt
es einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das
ihm selbst widerfahren war, und rächt sich so
an der Person dieses Stellvertreters.Aus diesen Erörterungen geht im̄erhin hervor, daß
die Annahme eines besonderen Nachahmungs-
triebes als Motiv des Spielens überflüßig
ist. Schließen wir noch die Mahnung an, daß das
künstlerische Spielen und Nachahmen der Erwachsenen,
das zum Unterschied vom Verhalten des Kindes, auf
die Person des Zuschauers zielt, diesem
die schmerzlichsten Eindrücke zB. in der Tragödiex) Vgl: Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahr-
heit", Imago 1917, Sam̄lg kl. Schr. zur Neurosenlehre.
IV. Folge.S.
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nicht erspart, und doch von ihm als hoher Genuß empfunden
werden kann. Wir werden so davon überzeugt, daß
es auch unter der Herrschaft des Lustprinzips
Mittel und Wege genug giebt, um das an sich
Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und
seelischen Bearbeitung zu machen. Mag sich mit
diesen in endlichen Lustgewinn auslaufenden
Fällen und Situationen eine oekonomisch gerichtete
Aesthetik befassen; für unsere Absichten leisten
sie nichts, denn sie setzen Existenz und Herrschaft
des Lustprinzips voraus, und zeugen nicht für
die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits
des Lustprinzips, d.h. solcher die ursprünglicher als
dies und von ihm unabhängig wären.III.
Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit
sich gebracht, daß die nächsten Ziele der psychoanalytischen
Technik heute ganz andere sind als zu Anfang. Zuerst
konnte der analysirende Arzt nichts andereseranstreben,
als das dem Kranken verborgene Unbewußte erraten,
zusam̄ensetzen und zur rechten Zeit mitteilen. Die
Psychoanalyse war vor allem eine Deutungskunst.
Da die therapeutische Aufgabe dadurch nicht gelöst war,
trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken
zur Bestätigung desr Konstruktion durch seine
eigene Erinnerung zubewegennötigen. Bei diesem Bemühen
fiel das Hauptgewicht auf die Widerstände des
Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst auf-
zudecken, dem Kranken zu zeigen und ihn durch
menschliche Beeinflußung (hier die Stelle für die
alsdurch„Übertragung“ wirkende Suggestion) zum Auf-
geben der Widerstände zu bewegen.Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte
Ziel, die Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf
diesem Wege nicht voll erreichbar ist. Der Kranke kann
von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern,
vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und erwirbt
so keine Überzeugung von der Richtigkeit der
ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr
genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis
zu wiederholen, anstatt es, wie der Arzt es lieber
sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erinnern.S.
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Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion
hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also
des Oedipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt,
und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiet der Über-
tragung, d. h. der Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in
der Behandlung so weit gebracht, so kann man sagen, die
frühere Neurose sei nun durch eine frische Übertrag-
ungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht,dasden Bereich
dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken,
möglichst viel in die Erinnerung zu drängen und möglichst
wenig zur Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis
das sich zwischen Erinnerung und Reproduktion herstellt,
ist für jeden Fall ein anderes. In der Regel kann der
Arzt dem Analysirten diese Phase der Kur nicht er-
sparen; er muß ihndieseein gewißes Stück seines
vergessenen Lebens wiedererleben lassen und hat
dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit
erhalten bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität
doch im̄er wieder als Spiegelung einer vergessenen
Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist die
Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige
therapeutische Erfolg gewonnen.Um diesen „Wiederholungszwang“, der sich während der
psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker äußert,
begreiflicher zu finden, muß man sich vor allem von
dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung
der Widerständesmit dem „Widerstand des Unbewußten“
zu thun. Das Unbewußte d. h. das Verdrängte leistet
den Bemühungen der Kur überhaupt keinen Wider-
stand, es strebt ja selbst nichts anderes an, alssich
gegen den auf ihm lastenden Druck zum Bewußtsein
oderundzur Abfuhr durch die reale That durchzudringen.
Der Widerstand in der Kur geht denselben höheren
Schichten und Systemen des Seelenlebens aus, die
seinerzeit die Verdrängtenung durchgeführt haben.
Da aber die Motive der Widerstände, ja diese
selbst erfahrungsmäßig in der Kur zunächst unbewußt
sind, werden wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit
unserer Ausdrucksweise zu verbessern. Wir ent-
gehen der Unklarheit, wenn wir nicht das Be-
wußte und das Unbewußte, sondern das zusam̄en-
hängende Ich und das Verdrängte in Gegensatz
zu einander bringen. Vieles am Ich mag selbst unbewußtS.
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sein; wahrscheinlich nur einen Teil davon decken wir mit dem
Namen des Vorbewußten. Nach dieser Ersetzung
einer blos deskriptiven Ausdrucksweise durch eine
systematische oder dynamische können wir sagen, der
Widerstand der Analysirten gehe von ihrem Ich aus,
und dann erfassen wir sofort, der Wiederholungszwang
ist dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben. Er
konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die
entgegenkom̄ende Arbeit der Kur die Verdrängung
gelockert hatte.Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und
vorbewußten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht,
er will ja die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden
des Verdrängten erregt würde, und unsere Bemühung
geht dahin, solcher Unlust unter Berufung auf das Real-
itätsprinzip Zulassung zu erwirken. In welcher Beziehung
zum Lustprinzip steht aber der Wiederholungszwang,
die Kraftäußerung des Verdrängten? Es ist klar, daß
das Meiste, was der Wiederholungszwang wiederer-
leben läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er
fördert ja¿¿Leistungen verdrängter Triebregungen
zu Tage, aber das ist Unlust, die wir schon gewürdigt
haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust
für das eine System und gleichzeitig Befriedigung für
das andere. Die neue und merkwürdige Tatsache
aber, die wir jetzt zu beschreiben haben, ist, daß der
Wiederholungszwang auch solche Erlebniße der
Vergangenheit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit
enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen,
selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen,
gewesen sein können.Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge
der Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und
der Unzulänglichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe
zum Untergang bestimmt. Sie gieng bei den peinlichsten
Anläßen unter tief schmerzlichen Empfindungen zu
Grunde; der Liebesverlust und das Mislingen hinterließen
eine dauernde Beeinträchtigung des Selbstgefüls als nar-
zißtische Narbe. Die Sexualforschung, der durch dieKonstitutionkörperliche
Entwicklung des Kindes Schranken gesetzt waren, brachte es zu keinem
befriedigenden Abschluß; daher die spätere Klage: Ich
kann nichts fertig bringen, mir kann nichts gelingen.
DieLizärtliche Bindung, meist an den gegenschlechtlichen Eltern-
teil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen WartenS.
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auf Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines neuen
Kindes, die unzweideutig die Untreue des oder der Ge-
liebten erwies; daser eigene mit tragischem Ernst unter-
nom̄ene Versuch, selbst ein solches Kind zu schaffen,
mislang in beschämender Weise, die Abnahme der
dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte
Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine geleg-
entliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang
der ihm zugefallenen Verschmähung enthüllt. Es
giebt hier einige wenige Typen, die sich regelmäßig
wiederholenfinden und der typischen Liebe dieser Kinderzeit
ein Ende setzen.Alle diese
sounerwünschten Anläße und schmerzlichen
Affektlagen werden nun vom Neurotiker in der
Übertragung wiederholt und mit großem Geschick
neu belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten
Kur an, sie wissen sich den Eindruck der Verschmähung
wieder zu verschaffen, den Arzt zu harten Worten
und kühlem Benehmen gegen sie nötigen, sie
finden die geeigneten Objekte für ihre Eifersucht,
sie ersetzen das heiß begehrte Kind der Urzeit durch
den Vorsatz oder das Versprechen eines großen Ge-
schenks, das meist ebensowenig real wird wie jenes.
Nichts von alledem konnte damals lustbringend sein; man
sollte meinen, es müßte heute die geringere Unlust
bringen, wenn es als Erinnerung auftauchte, als wenn
es sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Aber ein
Zwang drängt zum letzteren.Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungs-
phänomenen der Neurotiker aufzeigt, kann man
auch im Leben nicht neurotischer Personen wiederfinden.
Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden
Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und
die Psychoanalyse hat von Anfang an, solches Schicksal
für zum großen Teil selbstbereitet und durch
frühinfantile Einflüße determinirt gehalten. Der
Zwang, der sich dabei äußert ist vom Wiederholungs-
zwang der Neurotiker nicht verschieden, wen̄gleich
diese Personen niemals die Zeichen eines durch
Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts
geboten haben. So kennt man Personen, bei denen
jede menschliche Beziehung den gleichen Ausgang
nim̄t: Woltäter, die von jedem ihrer Schützlinge,
nach einiger Zeit, im Groll verlassen werden, so verschieden sie sonst auch sein mögen, denen
also bestim̄t scheint, alle Bitterkeiten des Undanks
auszukosten;S.
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Männer, bei denen jede Freundschaft den Ausgang nim̄t,
daß der Freund sie verrät; andere, die es unbestim̄t
oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere Person
zur großen Autorität für sich oder auch für die
Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann
nach abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch
eine neue zu ersetzen; Liebende, bei denen jedes
zärtliche Verhältnis zum Weib dieselben Phasen
durchmacht und zum gleichen Ende führt usw usw. Wir
verwundern uns über diese „ewige Wiederkehr des
Gleichen“ nur wenig, wenn es sich um ein aktives
Verhalten des Betreffenden handelt, und wenn
wir den sich gleichbleibenden Charakterzug seines
WessWesens auffinden, der sich in der Wieder-
holung der nämlichen Ergebniße äußern muß.
Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen
die Person etwas passiv zu erleben scheint, worauf
ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch immer
nur Wiederholungen desselben Schicksals erlebt.
Man denke zB. an die Geschichte jener Frau die dreimal nach
einander Männer heiratete, die nach kurzer Zeit erkrankten
und von ihr zu Tode gepflegt werden mußten.x) Die ergreifendste
poetische Darstellung eines solchen Schick-
salszuges hat Tasso im romantischen Epos„Befreiten Jerusalem“„Gerusalemme liberata“ gegeben.
Held Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda
getödtet als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters
mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den
unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der Kreuzfahrer
schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit seinem
Schwerte, aber aus der Wunde des Baumes strömt
Blut, und die Stimme Clorinda’s deren Seele in
diesen Baum gebannt war, klagt ihn an, daß er
wiederum die Geliebte geschädigt hat.Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in
der Übertragung und aus dem Schicksal der Menschen
werden wir den Mut zur Annahme finden, daß es
im Seelenleben wirklich einen Wiederholungs-
zwang giebt, der sich über das Lustprinzip hin-
aussetzt. Wir werden jetzt auch geneigt sein, die
Träume der Unfallsneurotiker und den An-
trieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu
beziehen. Allerdings müßen wir uns sagen, daß wirx) Vgl hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz
von C. G. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das
Schicksal des Einzelnen, Jahrb. f. Psychoanalyse I 1909S.
15
die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen
Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können.
Beim Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche
anderen Deutungen seine Entstehung zuläßt, Wiederholungs-
zwang und direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen
sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken.
Die Phänomene der Übertragungststehen offenkundig
im Dienst des Widerstandes von Seiten des auf der
Verdrängung beharrenden Ichs; der Wiederholungs-
zwangistwird gleichsam von dem Ich, das am Lustprinzip
festhalten will, zur Hilfe gerufen. An dem, was
man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint
uns vieles durch rationelle Erwägung verständlich,
so daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung
eines neuen geheimnisvollenMotivsMotors nicht
verspürt. Am unverdächtigsten ist vielleicht der Fall
der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung
muß man doch zugestehen, daß auch in den anderen
Beispielen der Sachverhalt durch die Leistung der
uns bekannten Motivegnicht gedeckt wird. Es bleibt
genug übrig, was die Annahme des Wiederholungs-
zwanges rechtfertigt, und dieser erscheint uns
ursprünglicher, elementarer,als dastriebhafter als
das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip.Wenn es aber einen solchen Wiederholungszwang im
Seelischen giebt, so möchten wir gerne etwas darüber
wissen, welcher Funktion er entspricht, unter welchen
Bedingungen er hervortreten kann, und in welcher
Beziehung er zum Lustprinzip steht, dem wir doch
bisher die Herrschaft über den Ablauf der Erreg-
ungsvorgänge im Seelenleben zugetraut haben.IV.
Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende
Spekulation, die ein jeder nach seiner besonderen Ein-
stellung würdigen oder vernachläßigen wird.Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei
der Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen
Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht der allge-
meinste Charakter der seelischen Vorgänge, sondern
nur eine besondere Funktion unter dernselben sein könne.
In metapsychologischer Ausdrucksweise behauptet sie,
das Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen
Systems, das sie Bw benennt. Da das Bewußtsein
im Wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert,S.
16
die aus der Außenwelt kom̄en, und Empfindungen von
Lust und Unlust, die nur aus dem Inneren des seelischen
Apparates stam̄en können,wirdkann dem System Bw=W
eine räumliche Stellungzu bezugewiesen werden. Es
muß an der Grenze von außen und innen liegen,
der Außenwelt zugekehrt sein und die anderen
psychischen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann,
daß wir mit diesen Annahmen nichts Neues ge-
wagt, sondern uns der lokalisirenden Hirnanatomie
angeschlossen haben, welche den „Sitz“ des Bewußtseins
in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende
Schicht des Zentralorgans verlegt.
Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber
zu machen, warum – anatomisch gesprochen – das Bewußt-
sein gerade an der Oberfläche des Gehirns unter-
gebracht ist anstatt wolverwahrt irgendwo im
innersten Inneren desselben zu hausen. Vielleicht
bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage
für unser System W=Bw weiter.Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die
wir den Vorgängen in diesem System zuschreiben.
Wir stützen uns auf die Eindrücke unserer psychoanalyt-
ischen Erfahrung, wenn wir annehmen, daß alleVorgänge
Erregungsvorgänge in den anderen Systemen daselbst
dauerndeDauerspuren als Grundlage des Gedächtnißes
hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem
Bewußtwerden zu thun haben. Sie sind oft am stärksten
und haltbarsten,wowenn der sie zurücklassende Vorgang
niemals zum Bewußtsein gekom̄en ist. Wir finden
es aber beschwerlich zu glauben, daß solche Dauer-
spuren der Erregung auch im System Bw=W zu
Stande kom̄en. Sie würden die Eignung des Systems
zur Aufnahme neuer Erregungen sehr bald einschränken,*)
Wenn diesauch kein absolut verbindliches Argument
ist, so mag es uns dochwenn sie im̄er bewußt
blieben; im anderen Falle, wenn sie unbewußt
würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die
Existenz unbewußter Vorgänge in einem System zu
erklären, deßen Funktioniren sonst vom Phänomens
des Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen
durch unsere Annahme, welche das Bewußtwerden
in ein besonderes System verweist, nichts ver-
ändert und nichts gewonnen. Wenn dies auch keine
absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann
sie uns doch zur Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden
und Hinterlassung einer Gedächtnisspur für dasselbe
System mit einander unverträglich sind. Wir würden*) Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung
im theoretischen Abschnitt der „Studien über Hysterie", 1895.S.
17
so sagen können, im System Bw werde der Erregungsvorgang
bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die
Spuren desselben, auf welche sich die Erin̄erung stützt,
kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf
die nächsten in̄eren Systeme in diesen zu Stande. In diesem
Sinne ist auch das Schema entworfen, welches ich dem
spekulativen Abschnitt meiner „Traumdeutung“ 1900
eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir
aus anderen Quellen über die Entstehung des
Bewußtsein wissen, wird man dem Satze, das Bewußt-
sein entstehe an Stelle der Erinnerungsspur wenig-
stens die Bedeutung einer irgendwie bestim̄ten
Behauptung einräumen müßen.Das System Bw wäre also durch die Besonderheit ausge-
zeichnet, daß der Erregungsvorgang in ihm nicht
wie in allen anderen psychischen Systemen eine
dauernde Veränderungderihrer Elemente hinter-
läßt, sondern gleichsam im Phänomen des Bewußt-
werdens verpufft. Eine solche Abweichung von
der allgemeinen Regel fordert eine Erklärung durch
ein Moment, welches ausschließlich bei diesem einen
System in Betracht kom̄t, und diesbeiden anderen
Systemen abzusprechende Moment könnte leicht
die exponirte Lage des Systems Bw sein, sein un-
mittelbares Anstoßen an die Außenwelt.Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner
größtmöglichen Vereinfachung vor als undifferenzirtes
Bläschen reizbarer,lebenderSubstanz; dann ist seine der Außen-
welt zugekehrte Oberfläche durchseineihre Lage selbst
differenzirt und dient als reizaufnehmendes Organ.
Die Embryologie als Wiederholung der Entwicklungs-
geschichte zeigt auch wirklich, daß das Zentralnerven-
system aus dem Ectoderm hervorgeht, und die
graue Hirnrinde ist noch im̄er ein Abköm̄ling
der primitiven Oberfläche und könnte wesentliche
Eigenschaften derselben durch Erbschaft übernom̄en
haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß durch den
unausgesetzten Anprall der äußeren Reize an die
Oberfläche des Bläschens dessen Substanz biszuin
eine gewiße Tiefe dauernd verändert wird, so
daß ihr Erregungsvorgang anders abläuft als in
tieferen Schichten. Es bildete sich so eine Rinde, die
endlich durch die Reizwirkung so durchgebrannt
ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten Ver-
hältniße entgegenbringt und einer weiteren
Modifikation nicht fähig ist. Auf das System BwS.
18
übertragen, würde dies meinen, daß dessen Elemente
keine Dauerveränderung beim Durchgang der Erregung
mehr annehmen können, weil sie bereits aufs äußerste
im Sinne dieserVeränderungWirkung modifizirt sind. Dann
sind sie aber befähigt das Bewußtsein entstehen zu
lassen. Worin diese Modifikation der Substanz
und des Erregungsvorganges in ihr besteht, darüber
kann man sich mancherlei Vorstellungen machen,
die sich der Prüfung derzeit entziehen. Man kann
annehmen, die Erregung habe bei ihrem Fortgang
von einem Element zum anderen einen Wider-
stand zu überwinden, und diese Verringerung
des Widerstandes setze eben die Dauerspur
der Erregung (Bahnung); im System Bw bestünde
also ein solcher Übergangswiderstandzwivon
einem Element zum anderen nicht mehr. Man
kann mit dieser Vorstellung die Breuer’sche
Unterscheidung von ruhender (gebundener) und
frei beweglicher Besetzungsenergie in den
Elementen der psychischen Systeme zusam̄enbringenx);
die Elemente des Systems Bw würden dann keine
gebundene und nur frei abfuhrfähige Energie führen.
Aber ich meine, vorläufig ist es besser, wenn man sich
über diese Verhältniße möglichst unbestim̄t
äußert. Immerhin hätten wir durch diese Spekulat-
ionen die Entstehung des Bewußtseins in einen gewißen
Zusam̄enhang mit der Lage des Systems Bw und demn
ihm zuzuschreibenden Besonderheiten des Erreg-
ungsvorganges verflochten.An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden
Rindenschichte haben wir noch anderes zu erörtern.
Dieses Stückchen lebender Substanz schwebt inmitten einer
mit den stärksten Energien geladenen Außenwelt
und würde von den Reizwirkungen derselben erschlagen
werden, wenn es nicht mit einem Reizschutz versehen wäre.
Es bekommt ihn dadurch, daß seine äußerste Oberfläche
die dem Lebenden zukommende Struktur aufgiebt, gewißer-
maßen anorganisch wird und nun als eine besondere
Hülle oder Membran reizabhaltend wirkt, d. h. veran-
laßt, daß die Energien der Außenwelt sich nur mit
einem Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten,
lebend gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese
können nun hinter dem Reizschutz sich der Aufnahme
der durchgelassenen Reizmengen widmen. Die Außenschichtx) Studien über Hysterie von J. Breuer u S. Freud
3 Auflage, 1917.S.
19
hat aber durch ihr Absterben alle tieferen vor dem
gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht
Reize von solcher Stärke herankom̄en daß sie den Reiz-
schutz durchbrechen. Für den lebenden Organismus ist der
Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die Reiz-
aufnahme; er ist mit einem eigenen Energievorrat
ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die beson-
deren Formen der Energieumsetzung, die in ihm spielen,
vor dem gleichmachenden, also zerstörenden Einfluß der übergroßen, draußen
arbeitenden Energien zu bewahren. Die Reizaufnahme
dient vor Allem der Absicht, Richtung und
QualiArt der äußerenErReize zu erfahren, und
dazu muß es genügen, der Außenwelt kleine Proben
zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten zu ver-
kosten. Bei den hochentwickelten Organismen hat sich
die reizaufnehmende Rindenschicht des einstigen
Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern
zurückgezogen, aber Anteile von ihr sind an der Ober-
fläche unmittelbar unter dem allgemeinen Reiz-
schutz zurückgelassen. Dies sind die Sinnesorgane, die
im Wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahmebeson
spezifischer Reizeinwirkungen enthalten aber außerdem
besondere Vorrichtungen zumneuerlichem Schutz gegen
übergroße Reizmengen und zur Abhaltung unange-
messener Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, daß
sie nur sehr geringe Quantitäten des äußeren
Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben
der Außenwelt vor, vielleicht darf man sie
Fühlern vergleichen, die sich an die Außenwelt
herantasten und dann im̄er wieder von ihr zu-
rückziehen.Ich gestatte mir an dieser Stelle, ein Thema flüchtig
zu berühren welches die gründlichsten Behandlung ver-
dienen würde. Der Kant’sche Satz, daß Zeit und Raum
notwendigeFo¿Formen unseres Denkens sind, kann
heute infolge gewißer psychoanalytischer Erkenntniße
einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben er-
fahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an
sich „zeitlos“ sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht
zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen
verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an
sie heranbringen kann. Es sind dies negative
Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung
mit den bewußten seelischen Prozeßen deutlich
machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung
scheint vielmehr durchausanvon der ArbeitsweiseS.
20
des Systems Bw=W hergeholt zu sein und einer Selbst-
wahrnehmung derselben zu entsprechen.DieBei dieser
Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg
des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß diese
Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber
auf solche Andeutungen beschränken. Die andere
Abstraktion, die sich an das Funktioniren von
Bw anknüpfen läßt, ist aber nicht Raum, sondern
Stoff: Substanz.)Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen
mit einem Reizschutz gegen die Außenwelt ausge-
stattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt, daß die nächste
Rindenschicht desselben als Organ zur Reizaufnahme
von außen differenzirt sein muß. Diese empfindliche
Rindenschicht, das spätere System Bw, empfängt
aber auch Erregungen von innen her; die Stellung des
Systems zwischen außen und¿rinnen, und die Ver-
schiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung
von der einen und der anderen Seite werden maß-
gebend für die Leistung des Systems und des ganzen
seelischen Apparats. Gegen außen giebt es einen
Reizschutz, die ankom̄enden Erregungsgrößen
werden nur in verkleinertem Maßstab wirksam;
nach in̄en zu ist ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen
der tieferen Schichten setzen sich direkt und in un-
verringertem Maß auf das System fort, indemsie
gewiße Charaktere ihres Ablaufs die Reihe
der Lust‑Unlustempfindungen erzeugen. Aller-
dings werden die von in̄en kom̄enden Erregungen nach ihrer
Intensität und nach anderen qualitativen Charak-
teren (eventuell: nach ihrer Amplitude) der Arbeits-
weise des Systems adaequater sein als die von
der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweier-
lei ist durch diese Verhältniße entscheidend be-
stimmt, erstens die Praevalenz der Lust‑Unlust-
empfundenenindungen, die ein Index für Vorgänge
im Innern des Apparats sind, über alle äußeren
ErregReize, und zweitens eine Richtung des
Verhaltens gegensolcheinnere Erregungen, welche allzu-
große Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird
sich die Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob
sie nicht vonaußenin̄en sondern von außen her
einwirkten, um die Abwehrmittel des Reizschutzes
gegen sie in Anwendung bringen zu können.
Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine
so große Rolle bei der Verursachung patholog-
ischer Prozeße vorbehalten ist.S.
21
Ich habe den Eindruck, daß wir
unsdurch die letzten Überleg-
ungen die Herrschaft des Lustprinzips unserem Ver-
ständnis angenähert haben; eine Aufklärung jener
Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht
erreicht. Gehen wir darum einen Schritt weiter.
Solche Erregungen von Außen, welche stark genug sind, den
Reizschutzgegenzu durchbrechen heißen
wir traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des
Traumas eine solche Beziehung auf einensonst
wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein Vorkom̄-
nis wie das äußere Trauma wird gewiß eine groß-
artige Störung im Energiebetrieb des Organismus
hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung
setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer
Kraft gesetzt. Die Überschwem̄ung des seelischen
Apparates mit großen Reizmengen ist nicht mehr
hintanzuhalten; es ergiebt sich vielmehr eine andere
Aufgabe den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen Reizmengen psychisch
zu binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen.Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen Schmerzes
der Erfolgdes Rdavon, daß der Reizschutzan einer einzelnenin beschränktem
StelleUmfang durchbrochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie
strömen dann dem seelischen Zentralapparat kontinuirliche
Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem Inneren des Apparats
kommen konnten.x) Und was können wir als die Reaktion
des Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen
Seiten her wird die Besetzungsenergie aufgeboten, um
in der Umgebung der Einbruchstelle entsprechend hohe
Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird eine großartige
„Gegenbesetzung“ hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen
psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte
Lähmung oder Herabsetzung derpsonstigen psychischen
Leistung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu
lernen, unsere metapsychologischen Vermutungen an
solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus
diesem Verhalten den Schluß, daß ein selbst hoch-
besetztes System im Stande ist, neu hinzu kom̄ende
strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende Be-
setzung umzuwandeln, also sie psychisch zu „binden“. Je
höher die eigene ruhende Besetzung ist, desto größerx) Vgl Triebe und Triebschicksale. Sam̄lg kl. Schriften zur
Neurosenlehre IV. 1918.S.
22
wäre auch ihre bindende Kraft; umgekehrt also, je nied-
riger seine Besetzung ist, desto weniger wird das
System für die Aufnahme zuströmender Energie
befähigt sein, desto gewaltsamer müßen dann die Folgen
eines solchen Durchbruches des Reizschutzes sein. Man
wird gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwenden,
daß die Erhöhung derGegenbBesetzungen um die Einbruchs-
stelle sich weit einfacher aus der direkten Fortleitung
der ankom̄enden Erregungsmengen erkläre. Wenn dem
so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur eine Ver-
mehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, und der
lähmende Charakter des Schmerzes, die Verarmung
aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. AuchDdie
sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören
unsere Erklärung nicht, denn sie gehen reflektorisch
vor sich, d.h. sie erfolgen ohne Vermittlung des
seelischen Apparats. Die Unbestim̄theitenall unserer
Erörterungen, die wir metapsychologische heißen,
rührtdnatürlich daher, daß wir nichts über die
Natur des Erregungsvorganges in den Elementen
der psychischen Systeme wissen und uns zu keiner
Annahme darüber berechtigt fühlen. So operiren
wir also stets mit einem großen X, welches wir in
jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser
Vorgang sich mit quantitativ verschiedenen Energien
vollzieht, ist eine leicht zulässige Forderung, daß er
auch mehr als eine Qualität (z.B. in der Art einer
Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu
haben wir die Aufstellung Breuersbin Betracht
gezogen, daß es sich um zweierleiArtenFormen
der Energieerfüllung handelt, so daß eine frei
strömende, nach Abfuhr drängende und¿¿¿eine
ruhende Besetzung der psychischen Systeme (oder
ihrer Elemente) zu unterscheiden ist. Vielleicht
geben wir der Vermutung Raum, daß die
„Bindung“ der in den seelischen Apparat einström-
enden Energie in einer Überführung aus
dem frei strömenden in den ruhenden
Zustand besteht.Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine
traumatische Neurose als die Folge eines ausgiebigen
Durchbruchs des Reizschutzes aufzufassen. Damit
wäre die alte, naive Lehre vom Schok in ihre
Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu einer
späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welcheS.
23
nicht der mechanischen Gewalteinwirkung sondern dem
Schreck und der Lebensbedrohung die aetiologische Be-
deutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht un-
versöhnlich, und die psychoanalytische Auffassung der
traumatischen Neurose ist mit der rohesten Form
der Shoktheorie nicht identisch. Versetzt letztere
das Wesen des Shoks in die direkte Schädigung
der molekularen Struktur,deroder selbst der
histologischen Struktur der nervösen Elemente, so
suchen wir dessen Wirkung aus der Durchbrechung
des Reizschutzes für das Seelenorgan und aus den
daraus sich ergebenden Aufgaben zu verstehen.
Der Schreck behält seine Bedeutung auch für uns. Seine Beding-
ung ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche die Über-
besetzung der den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme
einschließt. In Folge dieser niedrigeren Besetzung sind diese
Systeme dann nicht gut im Stande die ankom̄enden
Erregungsmengen zu binden,der Durchbruch des
die Folgen der Durchbrechung des Reizschutzes stellen
sich um sovieles leichterhein. Wir finden so, daß
die Angstbereitschaft mit der Überbesetzung der
aufnehmenden Systeme die letzte Linie des Reizschutzes
darstellt. Für eine ganze Anzal von Traumen mag
der Unterschied zwischen demn unvorbereiteten und
den durch Überbesetzung vorbereiteten Systemen das
für den Ausgang entscheidende Moment sein; von
einer gewißen Stärke des Traumas an wird er
wol nicht mehr ins Gewicht fallen.
Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die
Kranken so regelmäßigein die Situation des Un-
falls zurückführen, so dienen sie damit allerdings
nicht der Wunscherfüllung, deren halluzinatorische
Herbeiführung ihnen unter der Herrschaft des
Lustprinzips zur Funktion geworden ist. Aber wir
dürfen annehmen, daß sie sich dadurch einer anderen
Aufgabe zur Verfügung stellen, deren Lösung voran-
gehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft be-
ginnen kann. Diese Träume suchen die Reizbewäl-
tigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren
Unterlassung die Ursache der traumatischen
Neurose geworden ist. Sie geben uns so einen Aus-
blick auf eine Funktion des seelischen Apparats,
welche, ohne dem Lustprinzip zu widersprechen doch
unabhängig von ihm ist und ursprünglicher scheint als
die Absicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung.S.
24
Von den „Kriegsneurosen“, soweit diese Bezeichnung mehr
als die Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet,
habe ich an anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wol
traumatische Neurosen sein könnten, die durch
einen Ichkonflikt erleichtert worden sind.x)V.
Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende
RichRindenschichtesgegen Erregungen von innen
her wird die Folge haben müßen, daß diese Reiz-
übertragungen die größere oekonomische Bedeutung
gewinnen und häufig zu oekonomischen Störungen
Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen
gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch
innerer Erregung sind die sogenannten Triebe
des Organismus, die Repraesentanten aller aus
dem Körperinnern stam̄enden, auf den seelischen
Apparat übertragenen Kraftwirkungen, selbst
das wichtigste wie das dunkelste Element der
psychologischen Forschung.Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt,
daß die von den Trieben ausgehenden Regungen
nicht den Typus des gebundenen, sondern den
des frei beweglichen, nach Abfuhr drängenden
Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was wir
über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium
der Traumarbeit her. Dabei fanden wir, daß
die Prozeße in den unbewußten Systemen von
denen in den (vor)bewußten gründlich verschieden
sind, daß im Unbewußten Besetzungen leicht
vollständig übertragen, verschoben, verdichtet werden können,
was nur fehlerhafte Resultate ergeben könnte,
wenn es an vorbewußtem Material geschähe,
und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten
des manifesten Traumes ergiebt, nachdem die
vorbewußten Tagesreste die Bearbeitung nach
den Gesetzen des Unbewußten erfahren haben.
Ich nannte die Art dieser Prozeße im Unbewußten
den psychischen „Primärvorgang“ zum Unterschied von dem
für unser normales Wachleben giltigen Sekun-
därvorgang. Da die Triebregungen alle an den
unbewußten System angreifen, ist es kaum eine
Neuerung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang1) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Inter-
nationale psychoanalytische Bibliothek Bd I. 1919.S.
25
folgen, und anderseits gehört wenig dazu, um den psychischen
Primärvorgang mit der frei beweglichen Besetzung,
den Sekundärvorgang mit Veränderungen an der
gebundenen oder tonischen Besetzung Breuers zu iden-
tifiziren.x) Es wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten
des seelischen Apparates, die im Primärvorgang anlang-
ende Erregung der Triebe zu binden. Das Misglücken
dieser Bindung würde eine der traumatischen Neurose
analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter Bindung
könntewürdesich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner
Modifikation zum Realitätsprinzip ungehemmt
durchsetzen: Bis dahin aber würde die andere Aufgabe
des Seelenapparats, die Erregung zu bewältigen oder
zu binden, voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum
Lustprinzip aber unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rück-
sicht auf dieses.Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die
wir an den frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelen-
lebensundwie an den Ergebnißen der psychoanalyt-
ischen Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grad
den triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum
Lustprinzip befinden, den daemonischen Charakter.
Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß
das Kind auch das unlustvolle Erlebnis darum wieder-
holt, weil es sich durch seine Aktivität eine weit
gründliche Bewältigung des starken Eindruckes er-
wirbt, als beim blos passiven Erleben möglich war.
JedeWneuerliche Wiederholung scheint diese ange-
strebte Beherrschung zu verbessern, und auch bei
lustvollen Erlebnißen kann sich das Kind an Wieder-
holungen nicht genugthun und wird unerbittlich
auf der Identität des Eindruckes bestehen. Dieser
Charakterzug ist dazu bestim̄t, späterhin zu ver-
schwinden. Ein zum zweiten Mal angehörter Witz
wird fast wirkungslos bleiben,die Wiederholung
eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweiten
Mal den Eindruck erreichen, den sie das erste
Mal hinterließ; ja der Erwachsene wird schwer
zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen
hat, so bald nochmals durchzulesen. Im̄er wird
die Neuheit die Bedingung des Genußes sein;
das Kind wird nicht müde werden, vom Erwachsenen
die Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit
ihm angestellten Spieles zu verlangen, bis dieser
erschöpft es verweigert, und wenn man ihmx) Vgl. den Abschnitt VII Psychologie der Traumvorgänge in
meiner „Traumdeutung“.S.
26
eine schöne Geschichte erzält hat, will es im̄er wieder
die nämliche Geschichte anstatt einer neuen hören,
besteht unerbittlich auf der Identität der Wieder-
holung und verbessert jede Abänderung, die sich
der Erzäler zu Schulden kom̄en läßt, mit der
er sich vielleicht sogar ein neues Verdienst er-
werben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei
nicht widersprochen; es ist sinnfällig, daß die
Wiederholung, das Wiederfinden der Iden-
tität selbst eine Lustquelle bedeutet. Beim
Analysirten hingegen wird es klar, daß der Zwang,
die Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode
in der Übertragung zu wiederholen, sich in jeder
Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. Er
benim̄t sich dabei völlig wie infantil und zeigt
uns so, daß die verdrängten Erinnerungsspuren
seiner urzeitlichen Erlebniße nicht im gebundenen
Zustande in ihm vorhanden, ja gewißermaßen
dens Sekundärvorgangs nicht fähig sind. Dieser
Ungebundenheit verdanken sie auch ihr Vermögen,
durchWAnheftung an die Tagesreste eine im
Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden;
derselbe Wiederholungszwang tritt uns so oft als
therapeutisches Hindernis entgegen, wenn wir zu
Ende der Kur die völlige Ablösung vom Arzte
durchsetzen wollen, und es ist anzunehmen, daß die
dunkle Angst der mit der Analyse nicht Vertrauten,
die sich scheuen irgend etwas aufzuwecken, was
man nach ihrer Meinung besser schlafen ließe,
im Grunde das Auftreten dieses daemonischen
Zwangesmeint.fürchtet.Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem
Zwang zur Wiederholung zusammen? Hier muß
sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem
allgemeinen, bisher nicht klar erkannten Charakter
der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens
überhaupt auf die Spur gekommen sind. Ein Trieb
wäre also ein dem belebten Organischen inne-
wohnender Drang zur Wiederherstellung eines
früheren Zustandes, welchen dies Belebte unter
dem Einfluß äußerer Störungskräfte aufgeben
mußte, eine Art von organischer Elastizität, oder
wenn man will, die Äußerung der Trägheit im
organischen Leben.S.
27
Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn
wir haben uns daran gewöhnt, im Trieb das zur
Veränderung und Entwicklung drängende Moment
zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil
in ihm erkennen, den Ausdruck der konservativen
Naturimdes Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald
jene Beispiele aus dem Thierlebenanein, welche die histor-
ische Bedingtheit der Triebe zu bestätigen scheinen.
Wenn gewiße Fische um die Laichzeit beschwer-
liche Wanderungen unternehmen, um den Laich
in bestim̄ten Gewässern weit entfernt von ihren
sonstigen Wohnorten abzulegen so haben sie nach
derMeinDeutung vieler Biologen nur die
früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die sie
im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht hatten.
Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zugvögel
gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen
enthebt uns baldderdie Mahnung, daß wir in
den Phänomenen der Erblichkeit und in den
Tatsachen der Embryologie die großartigsten Beweise
für den organischen Wiederholungszwang haben.
Wir sehen, der Keim eines lebenden Thieres ist genötigt,
in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen,
von denen das Thier abstammt – wennauch in flüchtiger Abkürzung – zu wiederholen,
anstatt auf dem
kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung
zu eilen, und können dies Verhalten nur zum
geringsten Teil mechanisch erklären, dürfen die
historische Erklärung nicht bei Seite lassen. Und eben-
so erstreckt sich weit in die Thierreihe hinauf
ein Reproduktionsvermögen, welches ein verlorenes
Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus
gleichen ersetzt.Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wol so,
daß es außer den konservativen Trieben, die zur
Wiederholung nötigen, auch andere giebt, dieFzur Neu-
gestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß
nicht unberücksichtigt bleiben. Aber vorher mag
es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe
Früheres wiederherstellen wollen in ihre letzten
Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei
herauskommt, den Anschein des „Tiefsinnigen“ er-
wecken oder an Mystisches anklingen, so wissenS.
28
wir uns doch von dem Vorwurf frei, etwas derartiges
angestrebt zu haben. Wir suchen nüchterne Resultate
der Forschung oder der auf sie gegründeten Über-
legung, und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen
Charakter als den der Sicherheit verleihen.Wenn also alle organischen Triebe konservativ,
historisch erworben und auf Wiederherstellung von
Früherem gerichtet sind, so müßen wir alle Erfolge
der organischen Entwicklung auf die Rechnung
äußerer, störender und ablenkender Einflüße
setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von
seinem Anfang an nicht haben ändern wollen,
hätte unter sich gleichgbleibenden Verhältnißen stets
nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber
in der Außenwelt war alles in Veränderung begriffen;
im letzten Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte
unserer Erde,und ihres Verhältnißes zur Sonne sein,
die uns in der Entwicklung der Organismen ihren
Abdruck hinterlassen hat. Die konservativen organischen
Triebe haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen
des Lebenslaufes aufgenom̄en und zur Wiederholung
aufbewahrt und müßen uns so den täuschenden
Eindruck von Kräften machen, die nach Veränderung
und Fortschritt streben, während sie blos ein altes Ziel
auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses
Endziel alles organischen Strebens ließe sich angeben.
Der konservativen Natur der Triebe widerspräche es,
wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter
Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein
Ausgangszustand sein, den das Lebende einmal ver-
lassen hat, und zu dem es über alle Umwege der
Entwicklung zurückstrebt. Da nach unserer ausnahms-
losen Erfahrung alles Lebende aus inneren Gründen
stirbt, insUnbeAnorganische zurückkehrt, so können
wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der Tod,
und zurückgreifend: Das Leblose war früher
da als das Lebende.Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch
eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung
die Eigenschaften des Lebenden erweckt. Vielleicht
war es ein Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen,
der inder lebendeneiner gewißen Schicht der lebenden
Materie später das Bewußtsein entstehen ließ.
Die damals entstandene Spannung in derm vorhin unbelebten
Stoff trachtete danach sich abzugleichen, es war der erste Trieb gegeben, um zum Leblosen
zurückzukehren. Die
damals lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht,S.
29
es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu durch-
laufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur
des jungen Lebens bestim̄t war. Eine lange Zeit hindurch
mag so die lebende Substanz im̄er wieder neu geschaffen
worden und leicht gestorben sein, bis sich maßgebende
äußere Einflüße so änderten, daß sie die noch überlebende
Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom
ursprünglichen Lebensweg und zu im̄er komplizirteren
Umwegen bis zur Erreichung des Todesziels nötigten.
Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben
getreulich festgehalten, bieten uns heute das Bild der
Lebenserscheinungen. Wenn man an der ausschließlich
konservativen Natur der Triebe festhält, kann
man zu anderen Vermutungen über Herkunft und
Ziel des Lebens nicht gelangen.Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann,
was sich für die großen Gruppen von Trieben ergiebt, die
wir hinter den Lebenserscheinungen der Organismen
statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe,
die wir jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in
merkwürdigem Gegensatz zur Voraussetzung, daß das
gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes
dient. Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs‑ Macht- und Geltungstriebe schrumpft sozusagen ein;
es sind Partialtriebe, dazu bestim̄t, den eigenen
Todesweg des Organismus zu sichern und andere
Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorganischen als
die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte
in keinen Zusam̄enhang einfügbare Bestreben des
Organismus, sich aller Welt zum Trotz zu behaupten,
entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus nur auf seine
Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind
ursprünglich Trabanten des Todes gewesen.In ein ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe,
fürdiewelche die Neurosenlehre eineASonder-
stellung in Anspruch genom̄en hat. Nicht alle Organis-
men sind dem äußeren Zwang unterlegen, der sie
zu im̄er weiter gehender Entwicklung antreibt. Vielen
ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf
die Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch
heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die
den Vorstufen der höheren Thiere und Pflanzen
ähnlich sein müßen. Und ebenso machen nicht alle
Elementarorganismen, welche den komplizirten
Leib eines höheren Lebewesensausmachenzusam̄ensetzen, den
ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen
Tode mit. Einige unter ihnen, die Keimzellen,h
bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche Struktur der
lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten undS.
30
neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer
gewißen Zeit vom ganzen Organismus ab. Vielleicht
sind es gerade diese beiden Eigenschaften, die ihnen ihre
selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Be-
dingungen gebracht beginnen sie sich zu entwickeln
d.h. das Spiel, dem sie ihre Entstehung verdanken, zu
wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein
Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum
Ende fortführt, während ein anderer als neuer
Keimrest von Neuem auf den Anfang der Ent-
wicklung zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen
dem Sterben der lebenden Substanz entgegen
und wissen für sie zu erringen was uns als potentielle
Unsterblichkeit erscheinen muß, wen̄gleich es viel-
leicht nur eine Verlängerung des Todesweges
bedeutet. Völlig unverständlich ist uns die Tatsache,
daß die Keimzelle für diese Leistung durch die Ver-
schmelzung mit einer anderen, ihr ähnlichen und
doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder
überhaupt erst befähigt wird.Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen
überlebenden Elementarorganismenbehin Acht nehmen,
für ihre sichere Unterbringung sorgen, solange sie
wehrlos gegen die Reize der Außenwelt sind,
ihr Zusam̄entreffen mit den anderen Keimzellen
herbeiführen u.s.w. bilden die Gruppe der Sexual-
triebe. Sie sind in demselben Sinne konservativ
wie die anderen, indem sie frühere Zustände der
lebenden Substanz wiederbringen, aber sie sind
es in stärkerem Maße, indem sie sich als besonders
resistent gegen äußere Einwirkungen erweisen,
und dann noch in einem weiteren Sinne, da sie
das Leben selbst für längere Zeitenauserhalten.
Sie sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß
sie der Absicht der anderen Triebe, welche durch
die Funktion zum Tode führt, entgegenwirken,
deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den
übrigen an, den die Neurosenlehre als bedeutungs-
voll erkannt hat. Es ist wie ein Zauderrythmus
im Leben der Organismusen; die eine Triebgruppe
stürmt nach vorwärts, um das Endziel des Lebens
möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt
an einemr gewißenPunktStelle dieses Weges zurück, um
ihn von einem bestim̄ten Punkt an nochmals zu machen
und so dieWegstreDauer des Weges zu verlängern.
Aber Sexualität und Unterschied der Geschlechter waren
zu Anfang des Lebens gewiß nicht vorhanden, und
der geschilderte Ablauf erscheint uns als spätere KomplikationS.
31
eines ursprünglich einfacheren und selbst als
Wiederholung eines uns unbekan̄ten aber gewiß sehr
wichtigen Moments in der Geschichte der lebenden
Substanz, von dem an sie gelernt hat, ihr Leben zu verlängern,
ein zweites und ein dem ersten entgegengesetzes Ziel
zu erwerben.Greifen wir nun selbst zurück um zu fragen ob nicht
alle diese Spekulationen der Begründung entbehren:
Giebt es wirklich keine anderen Triebe als solche, die
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen,
nicht auch andere, die nach einem noch nie erreichten
streben? Ich weiß in der organischen Welt kein sicheres
Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik
widerspräche. Ein Trieb zur Höherentwicklung in der
Thier- und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht fest-
stellen, wenn auch eine solche Entwicklungsrichtung
tatsächlich unbestritten bleibt. Aber einerseits ist es viel-
fach nur Sache unserer Einschätzung, wenn wir eine
Entwicklungsstufe für höher als eine andere erklären,
und anderseits zeigt uns die Wissenschaft des Lebenden,
daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig
durch Rückbildung in einem anderen erkauft
oder wettgemacht wird. Auch giebt es Thierformen
genug, deren Jugendzustände uns erkennen laßen,
daß ihre Entwicklung vielmehr einen rückschreitenden
Charakter gewonnen hat. Höherentwicklung wie
Rückbildung könnten beide Folgen der zur Anpassung
drängenden äußeren Kräfte sein und die Rolle
der Triebe könnte sich für beide Fälle darauf
beschränken, die aufgezwungene Veränderung als
innere Kraftquelle festzuhalten.Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den
Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst ein
Trieb zur Vervollkom̄nung wohnt, der ihnbis
zuauf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und
ethischer Sublimirung gebracht hat, und von dem man
erwarten darf, daß er seine Entwicklung zum
Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an
einen solchen inneren Trieb und sehe keinen Weg,
dieseschönewolthuende Illusion zu schonen. Die bisherige
Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen
Erklärung zu bedürfen als die der Thiere, und
was man an einer Minderzal von menschlichen
Individuen als rastlosen Drang zu weiterer
Vervollkom̄nung beobachtet, läßt sich ungezwungenS.
32
als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche
das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufge-
baut ist. Der verdrängte Trieb giebt es nie auf, nach
seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der
Wiederholung eines primären Befriedigungser-
lebnißes bestünde; alle Ersatz‑, Reaktionsbild-
ungen und Sublimirungen sind ungenügend
um seine anhaltende Span̄ung aufzuheben, und
aus der Differenz zwischen der gefundenen und
der geforderten Befriedigungslust ergiebt sich
das treibende Moment, welches bei keiner der
hergestellten Situationen zu verharren gestattet,
sondern nach des Dichters Worten „ungebändigt
immer vorwärts dringt“ (Mephisto im Faust I Studir-
zimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Be-
friedigung ist in der Regel durch die Widerstände,
welche die Verdrängungen aufrecht halten, ver-
legt, und somit bleibt nichts anderes übrig als in
der anderen noch freien Entwicklungsrichtung
fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß
abschließen und das Ziel erreichen zu können.
Die Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen
Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor
einer Triebbefriedigung ist, geben uns das Vorbild
für die Entstehung dieses anscheinenden „Vervoll-
kom̄nungstriebes“, den wir aber unmöglich allen
menschlichen Individuen zuschreiben können. Die
dynamischen Bedingungen dafür sind zwar ganz
allgemein vorhanden, aber die oekonomischen
Verhältniße scheinen dieas Phänomen nur in
seltenen Fällen zu begünstigen.VI.
Wenn es ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist,
daß sie einen früheren Zustand wiederher stellen wollen,
so dürfen wir uns nicht darüber verwundern, daß im
Seelenleben soviele Vorgänge sich unabhängig vom
Lustprinzip vollziehen. Dieser Charakter würde sich
jedem Partialtrieb mitteilen und sich in seinem
Falle auf die Wiedererreichung einer bestim̄ten
Station des Entwicklungsweges beziehen. Aber
all dies, worüber das Lustprinzip noch keine Macht
bekommen hat, brauchte darum noch nicht im Gegen-
satz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch
ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wieder-
holungsvorgänge zur Herrschaft des Lustprinzips
zu bestimmen.S.
33
Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten
Funktionen des seelischen Apparates erkannt, die anlang-
enden Triebregungen zu „binden“, den in ihnen herr-
schenden Primärvorgang durch den Sekundärvorgang
zu ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungsenergie
in vorwiegend ruhende (tonische) Besetzung umzu-
wandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die Entwick-
lung von Unlust nicht Rücksicht genom̄en werden,
allein das Lustprinzip wird dadurch nicht aufgehoben.
Die Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste des
Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender
Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet
und sichert.Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer von
einander, als wir es bisher gethan haben. Das Lust-
prinzip ist dann eine Tendenz, welche im Dienste einer
Funktion steht, der es zufällt, den seelischen Apparat
überhaupt erregungslos zu machen, oder den Betrag
der Erregung in ihm konstant oder möglichst
niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine
dieser Fassungen sicher entscheiden, aber wir merken,
daß die so bestim̄te Funktion Anteil hätte an
dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur
Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Der
alles seelische Leben beherrschende Lusttrieb
unterschiede sich in diesem Charakter nicht von den
anderen organischen Trieben, welche die somatische
Erregung ans Seelische heranbringen. Wir haben
alle erfahren, daß diehöchstegrößte uns erreichbare Lust,
die des Sexualaktes, mit dem momentanen Erlöschenjedeeiner hoch
gesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung
der Trieberregung wäre aber eine
vorbereitende Funktion, welche die Erregung
für ihre endgiltige Erledigung in der Abfuhrlust
zurichten soll.Aus demselben Zusam̄enhang erhebt sich die Frage, ob
dieULust‑ und Unlustempfindungen von den
gebundenen wie von den ungebundenen Erreg-
ungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt werden
können. Da erscheint es denn ganz unzweifelhaft,
daß die ungebundenen, die Primärvorgänge weit
intensivere Empfindungen nach beiden Richtungen
ergeben als die gebundenen, die des Sekundär-
vorgangs. Die Primärvorgänge sind auch die zeitlich
früheren, zu Anfang des Seelenlebens giebt esS.
34
keine anderen, und wir können schließen, wenn das
Lustprinzip nicht schon bei ihnen in Wirksamkeit wäre,
könnte es sich überhaupt für die späteren nicht
herstellen. Wir kom̄en so zu dem im Grunde nicht
einfachen Ergebnis, daß der Lusttrieb zu Anfang
des seelischen Lebens sich weit intensiver äußert
als späterhin, aber nicht so uneingeschränkt; er muß
sich häufige Durchbrüche gefallen laßen. In reiferen
Zeiten ist die Herrschaft des Lustprinzips sehr viel
mehr gesichert, aber der Trieb selbst ist der Bändigung
so wenig entgangen wie die anderen Triebe.
Jedenfalls muß das, was am Erregungsvorgang
die Empfindungen von Lust und Unlust entstehen
läßt, beim Sekundärvorgang ebenso vorhanden
sein wie beim Primärvorgang. Vielleicht sind
die sogenan̄ten Span̄ungsempfindungen, die uns
das Bewußtsein neben den Lust‑Unlustempfin-
dungen von innen her vermittelt, eher auf
die gebundenen, die direkten Lust‑Unlustempfind-
ungen aber auf die ungebundenen und auf die
Abfuhrvorgänge zu beziehen. Vielleicht wird
das Vorkom̄en von lustvoller wie von un-
lustvoller Spannung durch diese Zuteilung
unserem Verständnis näher gebracht.Ich halte es für überflüßig, die Zaghaftigkeit
wie die Unsicherheit dieser Spekulationen
entschuldigen zu wollen. Wer das Tatsächliche
hinter ihnen herausgreifenwürdigenwill, der möge
die Erscheinungen des Wiederholungszwanges
seiner Aufmerksamkeit würdigen.S.
Editorische Anmerkungen zur Umschrift:
Dieser diplomatischen Umschrift liegt eine sehr genaue Transkription der Reinschrift zu Grunde, die von Michael Schröter und Ulrike May verfertigt und der Edition überlassen wurde.
Sie wurde nach den Transkriptionsregeln der FE überarbeitet: Die Seiten und Absätze sowie die Zeilenumbrüche wurden ebenso originalgetreu abgebildet wie die Anführungszeichen. Streichungen, Einfügungen und die Änderung der Wortfolge werden über die Formatierungsfunktionen der digitalen Edition ausgezeichnet.
›Bw‹ und ›W=Bw‹ sind als Symbole für ›das Bewußtsein‹ und ›die Wahrnehmung‹ hier kursiv gesetzt, da sie im Original in lateinischen Buchstaben geschrieben wurden.
Die Änderung der Wortfolge durch Einschübe aus Passagen in folgender Zeilen wurde an die von Freud vorgesehenen Stelle als Einfügung gesetzt und als Einfügung markiert.