• S.

           20. 1. 1911
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Eine unsinnig gesetzte Periode, kompliziert durch den Unfall meines Ältesten, der sich auf einer Skifahrt einen Oberschenkel gebrochen (dieser nicht kompliziert zum Glück, normaler Verlauf), hat die Beantwortung Ihres Briefes so lange hinausgeschoben. Ich weiß jetzt kaum, was ich alles nachholen soll.
    Frl. Rosenthal ist mir, glaube ich, aus einem kurzen Briefwechsel bekannt. Wenn Sie mir die Arbeit einsenden, will ich sie sofort lesen und mich dann darüber entscheiden. Ihr Segantini ist hochwillkommen. Sein Platz ist folgender: In kürzester Zeit erscheint die Übersetzung von Jones’ Hamlet, dann zwei Monate später eine Arbeit eines Züricher Juristen über den Vatermord und dann Ihr Segantini. Mehr als 5 oder 6 Hefte im Jahr kann ich Deuticke nicht zumuten.
    Dr. Bjerre war eine Woche lang in Wien und machte es mir anfänglich schwer durch seine Wortkargheit und Steifheit, endlich arbeitete ich mich soweit durch, den ernsten Mann und guten Denker in ihm zu erkennen. Ich riet ihm, der Berliner Gruppe als Mitglied beizutreten, und hoffe, er wird

  • S.

    es thun. Skandinavien ist doch Ihr natürliches Hinterland.
    Habe ich Ihnen schon mitgeteilt, daß ich Weihnachten in München mit Bleuler und dann nach ihm mit Jung zusammengetroffen bin? Gewiß nicht, mein Kopf läßt deutlich nach. Es ging gut mit Bleuler, ich war so müde, daß ich ganz natürlich auftrat, und das hatte Erfolg. Wir schieden als Freunde, und er ist seitdem der Gruppe Zürich beigetreten, das Schisma dort also beigelegt. Mit Jung besprach ich den Kongreß. Ich meine demnach, er wird auf Ende September verlegt werden, der Amerikaner wegen, und vielleicht wirklich in Lugano stattfinden. Das bedeutsamste Ereignis der Zeit, die Bleulersche Apologie, ist bereits in Ihren Händen. Das Zentralblatt möchte gerne etwas von Ihnen bringen. Juliusburger hat mit den Zitaten aus Schopenhauer etwas sehr Gutes getan, aber meine Originalität ist sichtlich im Schwinden.
    Herzlichen Gruß von
           Ihrem Freud