• S.

           23. 2. 11.
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Ihr Segantini ist fein und schön, vertieft ohne anzustoßen und wahrscheinlich auch noch diskret. Die Charakterähnlichkeiten mit Leonardo sind mir sehr aufgefallen (Anarchist wegen Wegfall der Vaterautorität, Fixierung an die Mutter, Einfluß der Akzidentien der Kindheit; die Erfolge entsprechend anders wegen Tod der Mutter, Eifersucht auf Bruder). Ich werde bei der zweiten Lektüre natürlich noch mehr Genuß davon haben. Zunächst liegt die Schrift bei Deuticke, mit dem Sie sich wegen der zwei, natürlich ohne Schwierigkeiten bewilligten Bilder ins Einvernehmen setzen wollen. Ihre Arbeit wird gleichzeitig mit einem juridischen Aufsatz eines jungen Schweizers, Storfer, gedruckt, der eben, weil kleiner, früher fertig werden wird.
    Im hiesigen Verein geht etwas vor; es hat starke Debatten über die Adlerschen Theorien gegeben. Adler und Stekel haben demissioniert, und ich werde wahrscheinlich die Obmannschaft übernehmen müssen. Der Aufsatz von Putnam

  • S.

    wird Ihnen gewiß auch Freude bereitet haben. Ich werde Ihnen zur Zeit einige Sonderabzüge desselben zur Verteilung schicken. Brill berichtet, daß er in New York selbst eine Ortsgruppe von 16 Mitgliedern gegründet hat, deren Präsident er ist. Die Feinde sind gegenwärtig etwas schweigsam.
    Herzlichen Gruß an Sie und Ihr Haus
    Ihr getreuer
           Freud