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Der Untergang des Oedipuskomplexes.
Im̄er mehr enthüllt d. Oedip seine Bedeutung
als das zentrale Phänomen der frühkindl
Sexualperiode. Dann geht er unter, er erliegt
der Vdrgg, wie wir sagen und ihm folgt
die Latenzzeit. Es ist aber noch nicht klar
geworden, woran er zu Grunde geht. Die
Analysen scheinen zu lehren: an den vor-
fallenden schmerzhaften Enttäuschungen.
Das kl. Mädchen, das sich für die bevorzugte
Geliebte des Vaters halten will muß
einmal eine harte Züchtigg durch desn Vaters
erleben u sieht sich aus allen Himmeln
gestürzt. Der Knabe, der die Mutter als sein
Eigentum betrachtet macht die Erfahrung,
daß sie Liebe u Sorgfalt von ihm weg
auf einen neu Angekom̄enen richtet.
Die Überlegung vertieft den Wert dieser
Einwirkungen, indem sie betont, daß solcheschepeinliche Erfahrungen, die dem Inhalt
des Komplexes widerstreiten, unvermeid-
lich. Auch wo nicht besondere Ereigniße
wie die als Proben erwähnten, vor-
fallen, muß das Ausbleiben der erhofften
Befriedigung, die fortgesetzte Versagung
des gewünschten Kindes es dahin bringen,
daß sich der kleine Verliebte von seiner
hoffnungslosen Neigung abwendet. Der
Oedip ginge so zu Grunde an seinem
Miserfolg, dem Ergebnis seiner inneren
Unmöglichkeit.Eine andere Auffassung wird sagen, der Oedip
muß fallen, weil die Zeit für seine Auf-
lsgg gekom̄en ist, wie die Milchzähne aus-
fallen, wenn die definitiven nachrücken.
Wenn der Oedip auch von den meisten Mensch-
enkindern individuell durchlebt, so ist er
doch ein durch die Heredität bestim̄tes,S.
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von ihr angelegtes Phänomen, welches program̄-
gemäß zerfallen muß, wenn die nächste
vorherbestim̄te Entwicklgsphase einsetzt.
Es ist dann ziemlich gleichgiltig,obauf
welche Anläße hin das geschieht, oder
ob solche überhpt nicht ausfindig zu machen
sind.Beiden Auffassungen kann man ihr Recht
nicht abstreiten. Sie vertragen sich aber
auch mit einander; es bleibt Raum für
die ontogenetische neben der weiter schauenden
phylogenetischen. Auch dem ganzen Individuum
ist es ja schon bei seiner Geburt bestimmt
zu sterben und seine Organanlage enthält
vielleicht bereits den Hinweis, woran. Doch
bleibt es von Interesse zu verfolgen, wie
dies mitgebrachte Program̄ ausgeführt wird,
in welcher Weise zufällige Schädlichkeiten
die Disposition ausnützen.Unsere BetrachtungUnser Sinn ist neuerlich
für die Wahrnehmung geschärft worden,
daß die Sexualentwicklg des Kindes
bis zu einer Phase fortschreitet, in der
das Genitale bereits die führende Rolle
übernom̄en hat. Aber dies Genitale ist
allein das genauer bezeichnet der Penis das
männliche, das weibliche ist unentdecktbekannt
geblieben. Diese phallische Phase, gleichzeitig
die des Oedipuskomplexes, entwickelt
sich nicht weiter zur endgiltigen Genital-
organisation, sondern sie versinkt und
wird von der Latenzzeit abgelöst. Ihr
Ausgang vollzieht sich aber in typischer
Weise und in Anlehnung an regel-
mäßig wiederkehrende Geschehniße.S.
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Wenn das (männliche) Kind sein Interesse
dem Genitale zugewendet hat, so verrät er
es auch durch ausgiebige manuelle Beschäftigung
mit demselben und muß dann die Erfahrung
machen, daß die Erwachsenen mit diesem
Thun nicht einverstanden sind. Es tritt¿¿mehr
oder minder deutlich, mehr oder weniger
brutal, die Drohung auf, daß man ihn dieses
von ihm hochgeschätzten Teiles berauben
werde. Meist sind es Frauen, von denen
die Kastrationsdrohung ausgeht, häufig suchen
sie ihre Autorität dadurch zu verstärken,
daß sie sich auf den Vater oder den
Doktor berufen, der nach ihrer Versicherung
die Strafe vollziehen wird. In einer Anzal
von Fällen nehmen die Frauen selbst
eine symbolische Milderung der Androhung
vor, indem sie nicht die Beseitigung des
eigentlich passiven Genitales, sondern die
der aktiv sündigenden Hand ankündigen.
Ganz besonders häufig geschieht es, daß das Knäb-
lein nicht darum von der Kastrations-
drohung betroffen wird, weil es mit der
Hand am Penis spielt, sondern weil es
allnächtlich sein Lager näßt und nicht rein
zu bekom̄en ist. Die Pflegepersonen be-
nehmen sich so, als wäre diese nächtliche
Inkontinenz Folge von und Beweis für allzu-
eifrige Beschäftigung mit dem Penis und haben
wahrscheinlich Recht darin. Jedenfalls ist das
andauernde Bettnäßen der Pollution
des Erwachsenen gleichzustellen, ein Aus-
druck der nämlichen Genitalerregung,
welche das Kind um diese Zeit zur Mast-
urbation gedrängt hat.Die Behauptung ist nun, daß die phallische Genital-
organisation des Kindes an dieser Kast-
rationsdrohung zu Grunde geht. AllerdingsS.
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nicht sofort und nicht ohne daß weitere Ein-
wirkungen dazukom̄en. Denn der Knabe
schenkt der Drohung zunächst keinen Glauben
und keinen Gehorsam. Die Psychoanalyse hat
neuerlich Wert auf zweierlei Erfahrungen gelegt,
die keinem Kind erspart bleiben und durch
die es auf den Verlust wertgeschätzter Kör-
perteile vorbereitet sein sollte, auf die zu-
nächst zeitweilige, später einmal endgiltige
Entziehung der Mutterbrust und auf die
täglich erforderte Abtrennung des Darm-
inhalts. Aber man merkt nichts davon, daß diese
Erfahrungen beim Anlaß der Kastrationsdroh-
ung zur Wirkung kommen würden.
Erst nachdem eine neue Erfahrung gemacht
worden ist, beginnt das Kind mit der
Möglichkeit einer Kastration zu rechnen,
auch dann nur zögernd, widerwillig und
nicht ohne das Bemühen, die Tragweite der
eigenen Beobachtung zu verkleinern.Die Beobachtung, welche den Unglauben
des Kindes endlich bricht ist die des weib-
lichen Genitales. Irgend einmal bekom̄t
das auf seinen Penisbesitz stolze Kind
die Genitalregion eines kleinen Mädchens
zu Gesicht und muß sich von dem Mangel
eines Penis bei einem ihm so ähnlichen
Wesenuntüberzeugen. Damit ist auch
der eigene Penisverlust vorstellbar
worden. Die Kastrationsdrohung gelangt
nachträglich zur Wirkung.Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die
mit der Kastration drohende Pflegeperson
und sollen nicht übersehen, daß sich das
Sexualleben des Kindes um diese Zeit
keineswegs in der Masturbation erschöpft.
Es steht nachweisbar in der Oedipuseinstellung
zu seinen Eltern, die Masturbation ist nur
die genitale Abfuhr der zum Komplex
gehörigen Sexualerregung und wird dieserS.
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Beziehung ihrer Bedeutung für alle späteren Zeiten
verdanken. Der Oedipuskomplex bot dem Kinde
zwei Möglichkeiten der Befriedigung, eine
aktive und eine passive. Es konnte sich in
männlicher Weise an die Stelle des Vaters
setzen und wie er mit der Mutter verkehren,
wobei der Vater bald als Hindernis empfunden
wurde, oder es wollte die Mutter ersetzen
und sich vom Vater lieben lassen, wobei
die Mutter überflüßig wurde. Worin
der befriedigende Liebesverkehr bestehe, darüber
mochte das Kind nur sehr unbestim̄te Vorstell-
ungen haben; gewiß spielte aber der Penis
dabei eine Rolle, denn dies bezeugten
seine Organgefühle. Zum Zweifel am Penis
des Weibes war noch kein Anlaß.
Die Annahme der Kastrationsmöglichkeit, die
Einsicht, daß das Weib kastrirt sei, machte
nun beiden Möglichkeiten der Befried-
igung aus dem Oedipuskomplex ein Ende.
Beide brachten ja den Verlust des Penis
mit sich, die eine männliche, als Straffolge,
die andere, weibliche als Voraussetzung.
Wenn die Liebesbefriedigung auf dem Boden
des Oedipuskomplexes den Penis kosten
soll, so muß es zum Konflikt zwischen
dem narzißtischen Interesse an diesem
Körperteil und der libidinösenObjekt-
besetzung der elterlichen Objekte kom̄en.
In diesem Konflikt siegt normaler Weise
die erstere Macht; das Ich des Kindes
wendet sich vom Oedipuskomplex ab.Ich habe an anderer Stelle ausgeführt,
in welcher Weise dies vor sich geht. Die
Objektbesetzungen werden aufgegeben und durch
Identifizirung ersetzt. Die ins Ich introjizirte
Vater‑ oder Elternautorität bildet dort
den Kern des Überichs, welches vom Vater
die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot
perpetuirt und so das Ich gegen die Wiederkehr
der libidinösen Objektbesitzung versichert.S.
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Die dem Oedipuskomplex zugehörigen libidinösen
Strebungen werden zum Teil desexualisirt
und sublimirt, was wahrscheinlich bei jeder
Umsetzung in Identifizirung geschieht, zum
Teil zielgehem̄t und in zärtliche Regungen
verwandelt. Der ganze Prozeß hat einerseits
das Genitale gerettet, die Gefahr des Verlustes
von ihm abgewendet, anderseits es lahmge-
legt, seine Funktion aufgehoben. Mit
ihm setzt die Latenzzeit ein, die nun
die Sexualentwicklung des Kindes unter-
bricht.Ich sehe keinen Grund, der
beschriebenenAb-
wendung des Ichs vom Oedipuskomplex
den Namen einer „Verdrängung“ zu ver-
sagen, obwol spätere Verdrängungen
meist unter der Beteiligung des Überichs
zu Stande kommen werden, welches
hier erst gebildet wird. Aber der beschriebene
Prozeß ist mehr als eine Verdrängung
er kommt, wenn ideal vollzogen, einer
Zerstörung und Aufhebung des Komplexes
gleich. Es liegt nahe anzunehmen, daß wir hier
auf die niemals ganz scharfe Grenzscheide
zwischen Normalem und Pathologischem
gestoßen sind. Wenn das Ich wirklich nicht
viel mehr als eine Verdrängung des
Komplexes erreicht hat, dann bleibt dieser
im Es unbewußt bestehen und wird später
seine pathogene Wirkung äußern.Solche Zusam̄enhänge zwischen phallischer
Organisation, Oedipuskomplex, Kastrations-
drohung, Überichbildung und Latenzperiode
läßt die analytische Beobachtung er-
kennen oder erraten. Sie rechtfert-
igen den Satz, daß der Oedipuskomplex
an der Kastrationsdrohung zu Grunde
geht. Aber damit ist das Problem nicht
erledigt, es bleibt Raum für eine
theoretische Spekulation, welche dasS.
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gewonnene Resultat umwerfen oder in ein
neues Licht rücken kann. Ehe wir aber
diesen Weg beschreiten, müßen wir uns
einer Frage zuwenden, welche sich während
unserer bisherigen Erörterungen erhoben
hat und so lange zur Seite gedrängt wurde.
Der beschriebene Vorgang bezieht sich, wie
ausdrücklich gesagt, nur auf das männliche
Kind. Wie vollzieht sich die entsprechende
Entwicklung beim kleinen Mädchen?Unser Material wird hier – unverständlicher
Weise – weit dunkler und lückenhafter. Auch
das weibliche Geschlecht entwickelt einen
Oedipuskomplex, ein Überich und eine
Latenzzeit. Kann man ihm auch eine phallische
Organisation und einen Kastrationskomplex
zusprechen? Die Antwort lautet bejahend,
aber es kann nicht dasselbe sein wie beim
Knaben. Die feministische Forderung nach
Gleichberechtigung der Geschlechter trägt hier
nicht weit, der morphologische Unterschied
muß sich in Verschiedenheiten der psychischen
Entwicklung äußern. Die Anatomie ist das
Schicksal, um ein Wort Napoleons zu
variiren. Die Klitoris des¿¿Mädchens benim̄t
sich zunächst ganz wie ein Penis, aber das
Kind nim̄t durch die Vergleichung mit
einem männlichen Gespielen wahr, daß es „zu
kurz gekommen“ ist, und empfindet diese
Tatsache als Benachteiligung und Grund zur
Minderwertigkeit. Es tröstet sich noch eine
Weile mit der Erwartung später, wenn
es heranwächst, ein ebenso großes Anhängsel
wie ein Bub zu bekommen. Hier zweigt
dann der Männlichkeitskomplex des Weibes
ab. Seinen aktuellen Mangel versteht das
weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter
sondern erklärt ihn durch die Annahme,
daß es früher einmal ein ebenso großesS.
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Glied besessen und dann durch Kastration verloren
hat. Es scheint diesen Schlußvonnicht von sich
auf andere, erwachsene, Frauen auszudehnen,
sondern diesen, ganz im Sinne der phall-
ischen Phase, ein großes und vollständiges,
also männliches, Genitale zuzumuten. Es
ergiebt sich also der wesentliche Unterschied,
daß das Mädchen die Kastration als
vollzogene Tatsache akzeptirt, während
sich der Knabe vor der Möglichkeit
ihrer Vollziehung fürchtet.Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst
entfällt auch ein mächtiges Motiv zur Auf-
richtung des Überichs und zum Abbruch
der infantilen Genitalorganisation. Diese Ver-
änderungen scheinen weit eher als beim Knaben
Erfolg der Erziehungdider äußeren Einschücht-
erung zu sein, die mit dem Verlust des
Geliebtwerdens droht. Der Oedipuskomplex
des Mädchens ist weit eindeutiger als der
des kleinen Penisträgers, er geht nach meiner
Erfahrung nur selten über die Substituirung
der Mutter und die feminine Einstellung
zum Vater hinaus. Der Verzicht auf den
Penis wird nicht ohne einen Versuch der Ent-
schädigung vertragen. Das Mädchen gleitet
– man möchte sagen: längs einer symbol-
ischen Gleichung – vom Penis auf das Kind
hinüber, sein Oedipuskomplex gipfelt in
dem lange festgehaltenen Wunsch, vom
Vater ein Kind als Geschenk zu erhalten,
ihm ein Kind zu gebären. Man hat den
Eindruck, daß der Oedipuskomplex dann langsam
verlassen wird, weil dieser Wunsch sich nie
erfüllt. Die beiden Wünsche nach dem
Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben
im Unbewußten stark besetzt erhalten
und helfen dazu, das weibliche Wesen für
seine spätere geschlechtliche Rolle bereit
zu machen. Die geringere Stärke desS.
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sadistischen Beitrags zum Sexualtrieb, die man wol
mit der Verkümmerung des Penis zusam̄en-
bringen darf, erleichtert die Verwandlung
der direkt sexuellen Strebungen in ziel-
gehemmte, zärtliche. Im Ganzen muß man
aber zugestehen, daß unsere Einsichten in
diese Entwicklungsvorgänge beim Mädchen
unbefriedigend, lücken‑ und schattenhaft
sind.Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschrieb-
enen zeitlichen und kausalen Beziehungen
zwischen Oedipuskomplex, Sexualeinschüchterung
(Kastrationsdrohung), Überichbildung und
Eintritt der Latenzzeit von typischer Art
sind. ich will aber nicht behaupten, daß
dieser Typus der einzig mögliche ist. Abänder-
ungen in der Zeitfolge und in der Ver-
kettung dieser Vorgänge müßen für die
Entwicklung des Individuums sehr be-
deutungsvoll werden.Seit der Veröffentlichung von O. Rank’s faszin-
ierender Studie über das „Trauma der
Geburt“ kann man auch das Resultat
dieser kleinen Untersuchung, der Oedipus-
komplex des Knaben gehe an der Kastrat-
ionskomplexangst zu Grunde, nicht ohne weitere
Diskussion hinnehmen. Es erscheint mir aber
vorzeitig, heute in diese Diskussion ein-
zugehen, vielleicht auch unzweckmäßig,
die Kritik oder Würdigung der Rank’schen
Auffassung an solcher Stelle zu beginnen.S.
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Der Untergang des Oedipuskomplexes
1924-003/1924.01
1924-003/1924.01