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S.
21. X. 07
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Sehr geehrter Herr College
Da ich Sie also zum Disputieren aufgelegt finde, will ich Ihren Brief vom 9. August gerne beantworten.
Ich bin mit Ihren Ausführungen über Demenz voll einverstanden, d. h., ich habe mir die Dinge ebenso zurecht gelegt, ohne im Material die Bestätigung finden zu können. Ich sehe Dementia Praecox ja nur sehr selten, sonstige Verblödete fast nie. Ich kann mit Ihren Worten wiederholen, die Demenz der Dementia Praecox muß einen anderen Mechanismus haben als die der Senilen, der Epileptiker etc. Was die Psychiater für Unfug mit dem Wort treiben, ist ja gleichgiltig. Die Demenz der Dementia Praecox muß also eine lösbare (virtute!) sein, eine sozusagen funktionelle. Ihr Vorbild wäre die unglaubliche Verblödung kürzester Dauer, die wir in den Analysen zu beobachten haben, wenn die gesuchte Erkenntnis gegen große Widerstände zu arbeiten hat. Die Intelligenzbesetzung will einfach nicht dahin, wohin wir sie schicken wollen. Bei der Abneigung, das Objekt zu besetzen, die wir bei der Dementia Praecox annehmen, muß das Phänomen natürlich viel großartiger ausfallen. Ein weiteres Modell - wissenschaftlich nicht verwertbar - wäre der höchst merkwürdige Schwachsinn, den wir in den Argumenten unserer Gegner, selbst recht intelligenter, zu finden gewöhnt sind. Auch nur Widerstand. Nun wollen Sie aber den Begriff der "Demenz" selbst inquisitorisch untersuchen und ihn bei der Dementia Praecox durch den anderen "Persönlichkeitshemmung" ersetzen. -
S.
So wenig wichtig solche Fragen der Definition sind, so möchte ich hier doch nicht mit Ihnen gehen. Wozu? Wer sucht hinter "Demenz" etwas anderes als ein Symptom, das sich unter den verschiedensten Bedingungen (Mechanismen) ergeben kann? Es will doch nur heißen, daß sich die intellektuelle Besetzung nicht zur Verfügung erforderlicher Aufgaben stellt. Ob darum, weil sie nicht da ist, oder weil sie anderswo gebraucht wird, oder weil ihr diese Betätigung verboten ist, darüber soll der Name Demenz weiter nichts aussagen. Wenn jemand Vergnügen daran findet, kann er meinetwegen gerne sagen, der Traum sei dement; den Mechanismus, der ihn dement macht, hat er mit diesem Schimpf gar nicht gestreift. Es ist so, wie wenn ein Sohn, der in Not ist, sich an seinen Vater um Unterstützung wendet. Wenn der Vater nichts hergibt, kann es den Grund haben, daß er selbst nichts hat, oder daß er den Sohn nicht mehr mag und ihm nichts geben will. Für den Sohn ist das bis zu einem gewissen Grade gleichgiltig, er kann in dem einen Falle so gut verhungern oder verkommen wie in dem anderen.
"Persönlichkeit" analog dem Ichbegriff Ihres Chefs ist ein wenig bestimmter Ausdruck aus der Oberflächenpsychologie, der für das Verständnis der wirklichen Vorgänge, also metapsychologisch, nichts Besonderes leistet. Nur glaubt man leicht, man habe durch seine Anwendung etwas Inhaltsvolles gesagt.
In collegialer Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Dr. Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C14F25