• S.

           27. 3. 13
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Ihr schöner Ostergruß aus Weimar hat
    mich daran erinnert, daß ich zu lange von
    Ihrer Erlaubnis, nicht zu antworten, Gebrauch
    gemacht habe. Gestern von Venedig zurückgekommen,
    wohin ich meine kleine einzige Tochter geführt
    hatte, und eine Spur ausgeruhter beeile
    ich mich, mit Ihnen zu plaudern.
    Zunächst die Befriedigung, daß Ihre Dozentur nicht
    so schlecht steht. Ich würde es sehr wünschen;
    Kraus’ Brief an mich hat mir eigentlich
    Hoffnung gemacht.
    Dann schlage ich Ihnen vor, die Bemerkungen
    zum Bilderverbot für die Zeitschrift fertig
    zu machen. Es wird Sie doch nur eine Stunde
    kosten u uns sehr wertvoll sein.
    Miss Stevens wird mir infolge Ihrer und Putnams
    Empfehlung willkommen sein.
    Ob Sie zu dem betreffenden Kongreß gehen
    sollen, weiß ich Ihnen wirklich nur aus
    Nebengründen zu raten. Vielleicht ja,
    damit wir in der Zeitsch. einen Bericht
    darüber haben mit einigen kräftigen Worten
    darin, u damit Sie zwei Tage ausspannen

  • S.

    können. Sie haben mir nicht geschrieben, ob Sie mit
    der Preiserhöhung Ernst gemacht haben. Ich
    fürchte, dies ist der einzige Punkt, in dem
    Sie mir – mit Unrecht – die Gefolgschaft
    verweigern!
    Jung ist in Amerika, aber nur für 5 Wochen,
    d.h. er muß bald zurückkommen. Er thut
    jedenfalls mehr für sich als für die ψA.
    Ich bin schrecklich von ihm zurückgekommen
    u habe keinen freundlichen Gedanken
    mehr für ihn. Seine schlechten Theorien
    entschädigen mich eben nicht für seinen
    unangenehmen Charakter. Er folgt Adler
    nach, ohne so konsequent zu sein wie
    dieser letztere Schädling.
    Ich bin ziemlich überarbeitet und muß doch
    in den Monaten bis zu den Ferien
    die Totemarbeit, an die Sie mich mahnen,
    voll abgeschlossen haben. Allmählich bleibt
    nichts von einem übrig.
    Ferenczi war leidend u ist jetzt in Korfu.
    Rank ist außerordentlich brav.
    Ich grüße Sie u Ihre liebe Frau
    herzlich u will gute Nachrichten
    von Ihnen haben.
    Ihr getreuer Freud