• S.

           12. Okt. 13
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19

    Lieber Freund
    Ich habe Ihnen für Ihren wohlmotivierten
    Rat zu danken u werde Adler meinen
    Beitritt erklären, sobald ich den nötigen
    5 mk Schein eingewechselt habe.
    Einen Vortrag in Berlin möchte ich vor
    der Ärzteschaft natürlich nicht halten, weit
    lieber in Ihrer Gruppe, wenn sich einmal
    Gelegenheit findet. Zu Weihnachten will
    ich nach Hamburg, aber bei der großen
    Zeitbeschränkung kann ich doch nichts anderes
    als einige Stunden bei Ihnen unter-
    brechen, auf der Hinreise oder Rückreise.
    Einen dritten Band der kl. Schriften
    z. Neurosenlehre erhalten Sie in den
    nächsten Tagen, er enthält die drei großen
    Analysen u einige kleinere Aufsätze.
    Mein Sohn Ernst geht nach München, weil
    die Technik in Wien ihm für sein Studium
    der Architektur zu wenig bietet.
    Von einer Anstellung ist er noch sehr weit,
    er hat erst zwei Jahre des Studiums hinter
    sich. Koerber tut mir sehr leid, seine Äußerungen
    auf dem Kongreß haben ihn mir wieder
    nahe gebracht. Wenn Sie ihn sehen können,

  • S.

    drücken Sie ihm, bitte, meinen festen Vorsatz
    aus, daß er genesen möge.
    Die Angelegenheit Ihrer Dozentur geht mir
    gewiß sehr nahe, wird mich aber vielleicht
    in einen Konflikt stürzen. In der letzten
    Zusendung von Kraus & Brugsch, den Heraus-
    gebern der neuen Pathologie und Therapie
    finde ich hinter meinem Platz überrasch-
    ender Weise folgendes:
    Also:  Hysterie u Zwangszustände  Freud
    item Dr. Kutzinski (Berlin)
    „Vor Tische las man’s anders.“ Ich habe also
    am 5. dM. bei Brugsch sehr höflich, u ohne etwas
    von meinen Absichten zu verraten, ange-
    fragt, was diese Doppelbearbeitung be-
    deuten solle, ob der mir zugewiesene
    Raum darunter leiden kann, ob wir
    auf einander Rücksicht nehmen sollen
    usw. Bis jetzt keine Antwort! Das sieht
    aus wie nicht koscher! Ich habe noch nicht
    wieder geschrieben. Meine Neigung geht
    natürlich dahin, mich einer solchen durchaus
    ungewöhnlichen Behandlung zu entziehen;
    ein Bedenken sagt mir, daß Ihre Beziehg
    zu Kraus durch einen solchen Schritt wahr-
    scheinlich in Gefahr käme. Ich möchte auch
    hier Ihre Meinung wissen, werde gewiß
    Ihr Interesse voranstellen.

    Es grüßt Sie mit Frau und Kindern
    herzlich Ihr Freud