• S.

    6. XI. 13.
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Also herzlichen Dank für Ihre Bereitwillig-
    keit. Jung hat das Jahrb offenbar nur
    aufgegeben, um es nach meinem Rücktritt
    allein in die Hand zu bekommen. Deuticke
    neigt sich ihm zu, es ist wahrscheinlich, daß
    es ihm gelingen wird. Gegenwärtig
    steht D. zwischen zwei Anträgen, dem
    Jung‘schen u dem unserigen, u wird sich
    demnächst entscheiden müssen. Lehnt D.
    ab, so werden wir uns erinnern, daß
    Heller nach dem modifizierten Jahrb gierig
    langt, u es wahrscheinlich mit ihm machen.
    Eine Unvorsichtigkeit von mir, die D. rasch
    ausgenützt, hat dessen Verständigung mit
    J. gut gefördert. Der Verkehr zwischen
    J. u D. hat sich mit unheimlicher Schnellig-
    keit abgespielt.
    Zur zweiten Frage. Ich weiß, daß Sie mit
    all Ihren Bedenken recht haben. Aber
    anderseits hat die Situation etwas
    Bedrückendes u verlangt affektiv
    wie praktisch nach einer Lösung. Durch
    den Kontrakt gebunden, können wir
    z.B. nichts dagegen tun, wenn uns

  • S.

    Zürich nötigt, all ihren Stuß im Korresp.
    blatt oder besonderen Arbeiten zu publizieren.
    Formell sind die Schwierigkeiten gering.
    Der Passus der Statuten, welcher besagt,
    daß der Verein zur Pflege der F.schen
    ψA bestimmt sei, gibt eine glatte Handhabe,
    die Auflösung zu fordern, da man sich
    über meine Erklärung, daß die Züricher
    dies nicht tun, doch logisch nicht hinweg-
    setzen kann. Natürlich würde J. doch
    Schwierigkeiten machen. Im Falle des Aus-
    tritts unserer 3 Gruppen wären wir
    zur Bildung eines Gegenvereins gezwungen,
    u unsere Gruppen würden etwa ein 1/3 ihrer
    Mitgliederzahl einbüßen. Eventuell müßte
    man selbst das riskieren. Auf die aus-
    wärtigen Mitglieder kann auch bei
    uns keine Rücksicht genommen werden.
    Ginge die Auflösung von Jung aus,
    so wären wir aller Schwierigkeiten
    überhoben. Es hätte aber andere Nachteile.
    Ich werde Ihren Brief die Rundreise
    bei den Freunden machen lassen. Über-
    legen Sie und alle anderen dann, welches
    Vorgehen das zweckmäßigste sein
    kann. Ich fühle mich darin sehr unsicher,
    u darf nicht mehr meinen Neigungen
    nachgeben, die mich allerdings

  • S.

    unzweideutig beraten würden.
    An Brugsch habe ich nach
    der Rücksendung seines
    Briefes von Ihrer Seite
    höflich, aber nicht ohne
    Vorwurf geschrieben und
    ihm zwei Vorschläge ge-
    macht, entweder mich zurück-
    treten zu lassen oder mir
    einen anderen Beitrag
    einzuräumen, der ganz
    allgemein „Die ψa Theorie
    der Neurosen“ heißen soll,
    u neben dem die Einzel-
    darstellungen der Neurosen,
    in alter Manier, wie es
    von den befreundeten
    Neurologen gewünscht
    wird, bestehen mögen. Es

  • S.

    wird sich dann bald zeigen,
    ob das ganze ein Manöver
    war, mich „rauszuekeln“.
    Antwort bis jetzt aus-
    ständig.
    Leider stören all diese
    Affairen die Arbeitslust,
    sowie sie auch die Arbeits-
    zeit kosten.
    Mit herzlichem Dank
    u in Erwartung Ihrer
    weiteren Äußerungen.
    Ihr Freud