• S.

    25. XI. 14
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Ihr letzter Brief kam geschlossen an.
    Sollte sich die Zensur bei Ihnen ermäßigt
    haben? Ihre Korrektursendung kam
    leider zu spät, als daß ich Ihren Vorschlag
    hätte verwerten können. Immerhin freut
    es mich, daß Sie auch in diesem Aufsatz
    etwas Brauchbares gefunden haben.
    Es geht im intimen Kreise wenig vor. Beide
    Jungen schreiben fleißig um Geld und
    gute Zusendungen, die Praxis ist nicht über
    2 1/2 Patienten gekommen. Meine Frau
    ist über 14 Tage nach Hamburg aus Sehn-
    sucht, ohne besonderen Anlaß, hat sich
    nur eine Stunde in Berlin aufgehalten.
    Ich bin sehr ausgeruht, trotz aller Bedrück-
    ungen des Gemüts körperlich sehr wohl
    u arbeite, von Faulheitsanfällen unter-
    brochen, mit ausgeruhtem Kopf sehr leicht.
    Die große Krankengeschichte ist fertig, wartet
    Ihrer, wenn Sie wirklich zu Weihnachten
    kommen können. Daneben habe ich eine
    größere zusammenfassende Arbeit
    begonnen, die so beiläufig die ψa
    Lösung des Problems von Zeit und
    Raum und die Klärung des Angstmechan-
    ismus ergeben hat.

  • S.

    Heute hat van Emden einen langen Brief von
    Jones eingeschickt, aus dem hervorgeht, daß
    er sich der Junganhänger im Verein nur
    schwer erwehrt, was übrigens jetzt, wo man
    ohnedies von vorne anfangen muß,
    ziemlich gleichgiltig ist. Über den Krieg
    schreibt er doch wie ein richtiger Angle.
    Noch ein paar Überdreadnoughts versenken
    oder einige Landungen durchsetzen, sonst
    gehen denen die Augen nicht auf. Es
    ist ein unglaublicher Hochmut auf der
    Insel zu Hause. Rank wird höchstwahrscheinlich
    bei der Musterung frei werden. Sachs
    noch nicht sicher. Ferenczi strebt Versetzg
    nach Budapest an. Mit einer Karte von
    Liebermann werde ich mich sehr freuen. Landauer
    ist bekanntlich in Lille hinter der Front.
    Die Verurteilung der deutschen Militär-
    ärzte durch franz. Gerichte gehört doch
    zu den abscheulichsten Farcen dieses
    Krieges.
    Ich grüße Sie herzlich u hoffe, daß Sie sich
    mit den Ihrigen weiterhin wohl befinden
    werden.
    Ihr treu ergebener
    Freud