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S.
11. 12. 14.
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Briefverkehr ist so schwerfällig jetzt, daß
man gut tut, ohne Aufschub zu antworten.
Ich verstehe, daß Sie mir Ihren Besuch zu
Weihnachten nicht in Aussicht stellen
wollen. Es ist alles zu unsicher. Meine
Krankengeschichte wird noch lange liegen
bleiben.
Mit dem Jahrbuch ist es eine schwere Sache.
Auf einen Jahresbericht müssen wir wohl
verzichten. Es kommt darauf an, ob wir
genug Arbeiten für einen Band haben,
und ob Deuticke überhaupt bereit ist,
1915 einen Band zu bringen. Ich habe mit
ihn noch nicht gesprochen, bin übrigens
ganz gefaßt darauf, daß auch Heller nach
Vollendung des laufenden Jahrganges
von Imago und Zeitschrift die Einstellung
in Vorschlag bringt. Wir haben auch wirklich
kein Material u können es kaum anders
beanspruchen.
Es ist ein fortgesetztes Abbröckeln, bei dem
es nicht leicht ist, wie Ihr Kaiser mit Recht
verlangt hat, „gute Nerven“ zu behalten.
Meine eigenen Arbeiten sind nach schönen
Erfolgen in tiefes Dunkel geraten; ich
setze sie fort, weil man nicht ohne „Zutun“
(quehaceres sagen die Spanier) bleiben kann,
aber oft ohne Begeisterung und mit
geringer Erwartung, die sehr schwierigen
Probleme zu lösen. Meine Art zu arbeiten
war früher eine andere, ich pflegte -
S.
zu warten, bis mir ein Einfall kam. Jetzt gehe
ich ihm entgegen, ich weiß nicht, ob ich ihn darum
schneller finden werde.
Rank und Sachs sind beide zurückgestellt
worden. Rank macht sehr schöne Fortschritte
im Problem des Epos, das er für die Habilit-
ation verwenden will. Auch Reik ist sehr
produktiv – vor seiner nahe bevorstehenden
Einrückung. An Liebermann werde ich
den Sonderabdruck schicken.
Meine Söhne schreiben heiter u indifferent,
sie sind ganz von der Ausbildung in
Anspruch genommen.
Wie Sie merken, bin ich nicht immer strahlend
aufgelegt, außer dem Allgemeinen quält
mich mein spezieller Darm, der sich nach
4 Monaten von der Karlsbader Wirkung
frei gemacht hat.
Die Lou Salomé hat mir auf einen Brief
eine ergreifende Antwort geschrieben.
Ihr Optimismus ist zu tief verwurzelt, um
erschüttert zu werden. Sie hatte, wie Sie wissen,
sechs große Brüder, die alle gut zu ihr
waren.
Meine Frau ist, ohne Berlin zu berühren,
zurückgekommen. Wir haben jetzt Influenza-
epidemie in Wien und in der Familie.
Ich hoffe Sie bleiben mit den Ihrigen wohl.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F27