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S.
21. Dez. 14
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Ich möchte das Paradoxon wagen, daß Ihre Briefe
immer erfreulich sind, auch wenn sie Unerfreu-
liches wie Ihr letzter mitteilen. Hoffentlich sind
Sie wieder voll erholt, wie auch die Kranken
in meinem Hause.
Sie haben recht, ich brauche jemand, der mir
Mut zuspricht. Ich habe wenig übrig. An Ihrem
Brief schätze ich alle die Eigenschaften, durch
die unsere Verbündeten uns imponieren,
und überdies Ihre persönlichen, Ihr Coraggio
Casimiro! Mich graust es manchmal vor der
Mahlzeit. Wenn Sie es wirklich machen
können, mich zu besuchen, werden Sie sich
ein großes Verdienst um meine Verfas-
sung erwerben, und dann wird sich auch
alles leicht besprechen lassen. Ihre Vor-
schläge zu den Zeitschriften sollen der Gegen-
stand der Beratung zwischen den Beteil-
igten sein, sobald einer der Verleger
sich geäußert hat. Wir wollen ja keinem
das Wort aus dem Munde nehmen.
Das einzige, was befriedigend vor sich geht,
ist meine Arbeit, die tatsächlich von
Pause zu Pause zu ansehnlichen Neu-
heiten und Aufschlüssen führt. Unlängst
ist mir eine Charakteristik der
beiden Systeme Bw u Ubw gelungen, -
S.
welche beide fast greifbar macht, u mit deren
Hilfe das Verhältnis der Dementia praecox zur Real-
ität eine, meine ich, einfache Lösung findet.
Alle Dingbesetzungen bilden das System Ubw,
das System Bw entspricht der Verbindung
dieser ubw Vorstellgen mit den Wortvor-
stellungen, die die Möglichkeit des Bewußt-
werdens mit sich bringen. Die Verdrängung bei
den Übertragungsneurosen besteht in der
Abziehung der Libido des Systems Bw, d.h.
in der Lösung der Ding- und Wortvorstellungen,
die Verdrängg bei den narzißt Neurosen
in der Libidoentziehung von den ubw
Dingvorstellgen, eine natürlich viel tiefere
Störung. Daher die Dem pra zuerst die Sprache
verändert u im Ganzen die Wortvorstellgen
so behandelt wie die Hysterie die Dingvorstellgen,
d.h.: sie dem Primärvorgang mit Ver-
dichtung, Verschiebung u Abfuhr unterwirft
usw.
Eine Neurosenlehre mit Kapiteln über
Triebschicksale, Verdrängung und das Ubw
könnte fertig werden, wenn die
Arbeitslust nicht doch der Verstimmung
erliegt.
Mein Ältester soll bereits in den
ersten Januartagen oder -wochen ab-
rücken. Ernst bleibt noch in der Ab-
richtung. Mein Schwiegersohn in
Hambg ist auch zur Infanterie genommen, -
S.
aber noch nicht
einberufen. Ferenczi ist gestern
abends in Uniform aus
Pápa gekommen. Heute abends
wieder abgereist. Er hat das
Manuskript der Arbeit fürs
Jahrbuch zur Lektüre mitge-
nommen. Reik hat wieder eine
gute Arbeit über Puber-
tätsriten vorgetragen.
Ein Brief von Hambg
braucht jetzt 7 Tage! Wie
kommt es, daß Sie bereits
geschlossene Briefe schreiben?
Wir wissen nichts von solchem
Fortschritt in der Freiheit.
Trigant Burrow hat mich gestern
zärtlich seines Mitleids
wegen der Nöte of my
country versichert und mir
ernsthaft sein Haus in Baltimore -
S.
als Zuflucht angeboten! So
denkt man über uns in
Amerika.
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon
berichtet, daß Rank das
Homerproblem reizend
gelöst hat. Ich möchte, daß er
daraus seine Habilitations-
arbeit macht. Ich will noch ihn, Sie und Ferenczi als
Dozenten sehen, damit die
ψa Lehre über die nahenden
bösen Zeiten hinübergerettet
werden kann.
Es grüßt Sie mit Frau und
Kindern herzlich
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F27