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    Berlin, 4. IV. 08.

    Sehr geehrter Herr Professor,

    Sie haben dieses Mal lange auf Antwort warten müssen. Ich wollte absichtlich nicht schreiben, bevor das Manuskript von »Traum und Mythus« fertig war. Heute ist es nun als eingeschrie- benes Paket abgegangen und erreicht Sie wohl in einigen Tagen. Die Bearbeitung der Mythen hat mir sehr viel Freude gemacht, besonders weil meine alten sprachwissenschaftlichen Neigungen dabei wieder ein wenig auflebten. Der Stoff verdiente sicher eine viel eingehendere Behandlung. Ich habe Lust, eventuell später einmal einen bestimmten Sagenkreis zu bearbeiten. Zunächst freilich warte ich Ihr Urteil ab. Meine Ausführungen ruhen natürlich vollkommen auf den Ihrigen; ich hoffe sehr, daß Sie mit den Konsequenzen, die ich für den Mythus aus der Traumdeutung etc. gezogen habe, einverstanden 

  • S.

    sein werden. Es interessiert mich natürlich sehr, ob die Arbeit bald erscheinen kann; oder muß ich warten, bis Jung und Rank erschienen sind? Ranks Thema ist sicher sehr fruchtbar. Wenn Sie nicht schon sonst darauf gekommen sind, möchte ich Sie besonders auf die Simson-Sage und die bezügliche Arbeit von Steinthal aufmerksam machen (»Die Sage von Simson«, Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, Bd. 2, 1862). Riklins Arbeit bekam ich, als ich mit meiner gerade fertig war. Schade, daß der Stil so störend ist, der Inhalt käme sonst viel besser zu Geltung. Nun muß ich Ihnen für die beiden Separata danken. Ein paar Tage, bevor ich die »Sexualmoral« bekam, hörte ich einen Vortrag über »Medizin und Überkultur« von unserm neuen Kliniker His (Nachfolger Leydens), der zu Ihrer Schrift das strikte Gegenteil bildete. Im ganzen Vortrag nicht ein Wort vom Sexuellen! Dabei war es 

  • S.

    ein sehr gebildeter Vortrag, der alles Mögliche nicht direkt Medizinische heranzog. Summa summarum nur ein Haufen Worte zur Verdeckung der Sexualverdrängung. Bald danach las ich Ihre Schrift. Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Die »Analerotik« hatte ich schon, ein paar Tage bevor Ihre Sendung kam, in der Zeitschrift gefunden. Sie wird starkes Schütteln des Kopfes erregen. Die Beschreibung trifft auf einen meiner Verwandten hervorragend zu, der ein sonderbarer Junggeselle ist, ferner auf einen von Jung analysierten Fall von Hysterie, den Sie gewiß aus seiner Beschreibung kennen. Sicher in dieses Gebiet gehört, als eine Art Rückkehr zur Analerotik, das liebevolle Interesse für die Defäkation bei Männern, die sich vorzeitig sexuell verbraucht haben. Sollte nicht auch folgendes hierher gehören? Vor der Pubertät spielt der Fäkal-Witz dieselbe Rolle, wie hernach der Sexual-Witz. Es gibt 

  • S.

    Leute, die von der ersteren Art nie loskommen, deren größtes Vergnügen es ist, am unpassenden Ort einen Witz zu machen, der sich auf die Defäkation bezieht. Ob diese Leute nicht Analerotiker sind? Es scheint mir, als wenn auch alte Männer nach dem Erlöschen der Potenz zum Fäkal-Witz zurückkehren. Augenblicklich habe ich eine schöne Psychoanalyse – Zwangsvorstellungen, etwas verfehlt zu haben, Waschzwang, Schimpfworte im Gebet etc.; mit dem Erfolg der ersten Sitzungen bin ich sehr zufrieden. – Nun wie gewöhnlich noch eine Frage. Kennen Sie eine psychische Ursache des sogenannten »Ictus Laryngis« (Charcot)? Ich sah in Oppenheims Poliklinik einen Fall: seit 20 Jahren bei einem sonst scheinbar Gesunden Hustenanfälle mit Dyspnoe und Pulsbeschleunigung. Es muß doch irgend etwas Psychisches dahinter stecken. Eine lebhafte Freud-Debatte gab es kürzlich 

  • S.

    in einer Gesellschaft bei Professor Liepmann; es waren nur Ärzte und deren Frauen da. Im Laufe des Gefechtes machte es sich ganz von selbst so, daß sich zwei Gruppen in zwei Zimmern bildeten. Während ich in einem die Wunschtheorie der Dementia praecox verteidigte, mußte meine Frau im andern Zimmer die Verdrängungslehre verteidigen. Sonst bietet sich wenig Gelegenheit zur Propaganda. Ich plane, in einiger Zeit einen Kurs für Ärzte einzurichten, um über die Theorie der Neurosen und des Traumes zu sprechen. Was halten Sie davon? Sie schreiben im letzten Briefe, Sie seien wegen meines Vortrages jetzt beruhigt. Stand er denn zuerst nicht auf dem Programm? Ich hoffe, daß die Ihrigen jetzt alle wieder wohl sind und füge für Sie alle die besten Grüße hinzu.
    Ihr dankbar ergebener
    Karl Abraham