S.
31
kräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, dahin zu wirken, daß
die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend – oder da
dies der Mensch einfach nicht kann – wenigstens zu gewissen Tages-
zeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden
Weibes empfangen.“(S. 283): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den welt-
ordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seele-
beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, …
in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelenwollust zu bieten,
soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genusse abfällt, bin ich
berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß
der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mit-
zunehmen; …“(S. 284): „… ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken
die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rück-
zugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein körperliches Wohl-
befinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird, sondern
ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der An-
ziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in ge-
schlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen,
meinen Blick immer auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer
weibliche Bilder zu besehen usw.“Die beiden Hauptstücke des Schreberschen Wahnes, die Wand-
lung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott sind in seinem
System durch die feminine Einstellung gegen Gott verknüpft. Es wird
eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesentliche genetische
Beziehung zwischen diesen beiden Stücken nachzuweisen, sonst wären
wir mit unseren Erläuterungen zu Schrebers Wahn in die lächerliche
Rolle geraten, die Kant in dem berühmten Gleichnis der Kritik
der reinen Vernunft als die des Mannes beschreibt, der das Sieb unter-
hält, während ein anderer den Bock melkt.II. Deutungsversuche.
Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, zum
Verständnis dieser paranoiden Krankengeschichte vorzudringen,
die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelenlebens in ihr auf-
zudecken. Von den wahnhaften Äußerungen des Kranken selbst und
von den Anlässen seiner Erkrankung.S.
32
Der erste Weg erschiene verlockend, seitdem C. G. Jung uns
das glänzende Beispiel der Deutung eines ungleich schwereren Falles
von Dementia praecox, mit vom Normalen ungleich weiter abliegenden
Symptomäußerungen gegeben hat1). Auch die hohe Intelligenz und
Mitteilsamkeit des Kranken scheint uns die Lösung der Aufgabe auf
diesem Wege zu erleichtern. Gar nicht so selten drückt er uns den
Schlüssel selbst in die Hand, indem er zu einem wahnhaften Satz eine
Erläuterung, ein Zitat oder Beispiel, wie beiläufig, hinzufügt oder
eine ihm selbst auftauchende Ähnlichkeit ausdrücklich bestreitet. Man
braucht dann nur im letzten Falle die negative Einkleidung wegzulassen,
wie man es in der psychoanalytischen Technik zu tun gewohnt ist,
das Beispiel für das Eigentliche, das Zitat oder die Bestätigung für die
Quelle zu nehmen und befindet sich im Besitze der gesuchten Über-
setzung aus der paranoischen Ausdrucksweise ins Normale. Ein Beleg
für diese Technik verdient vielleicht eine ausführlichere Darstellung.
Schreber beklagt sich über die Belästigung durch die sogenannten
„gewunderten Vögel“ oder „sprechenden Vögel“, denen er eine Reihe
recht auffälliger Eigenschaften zuschreibt (S. 208–214). Sie sind nach
seiner Überzeugung aus Resten ehemaliger „Vorhöfe des Himmels“,
also selig gewesener Menschenseelen, gebildet und mit Leichengift be-
laden auf ihn gehetzt worden. Sie sind in den Stand versetzt, „sinnlos
auswendig gelernte Redensarten“ herzusagen, die ihnen „eingebläut“
worden sind. Jedesmal, wenn sie das ihnen aufgepackte Leichengift
bei ihm abgelagert, d. h. „die ihnen gewissermaßen eingebläuten Phrasen
abgeleiert haben“, gehen sie mit den Worten „Verfluchter Kerl“ oder „Ei
verflucht“ einigermaßen in seiner Seele auf, den einzigen Worten,
deren sie im Ausdruck einer echten Empfindung überhaupt noch fähig
sind. Den Sinn der von ihnen gesprochenen Worte verstehen sie
nicht, haben aber eine natürliche Empfänglichkeit für den Gleich-
klang der Laute, der kein vollständiger zu sein braucht. Es verschlägt
daher für sie wenig, ob man sagt:„Santiago“ oder „Karthago“,
„Chinesentum“ oder „Jesum Christum“,
„Abendrot“ oder „Atemnot“,
„Ariman“ oder „Ackermann“ usw. (S. 210).Während man diese Schilderung liest, kann man sich des Ein-
falles nicht erwehren, daß mit ihr junge Mädchen gemeint sein1)C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. 1907.
S.
33
müssen, die man in kritischer Stimmung gerne mit Gänsen vergleicht,
denen man ungalanterweise ein „Vogelgehirn“ zuschreibt, von denen
man behauptet, daß sie nichts zu reden wissen als eingelernte Phrasen,
und die ihre Unbildung durch die Verwechslung ähnlich klingender
Fremdwörter verraten. Das „Verfluchter Kerl“, mit dem es ihnen
allein Ernst ist, wäre dann der Triumph des jungen Mannes, der ihnen
zu imponieren verstanden hat. Und siehe da, einige Seiten später
(S. 214) stößt man auf die Sätze Schrebers, welche eine solche Deutung
sicherstellen. „Einer großen Anzahl der übrigen Vogelseelen habe
ich scherzweise zur Unterscheidung Mädchennamen beigelegt, da sie
sich sämtlich nach ihrer Neugier, ihrem Hange zur Wollust usw. am
ersten mit kleinen Mädchen vergleichen lassen. Diese Mädchennamen
sind dann zum Teil auch von den Gottesstrahlen aufgegriffen und zur
Bezeichnung der betreffenden Vogelseelen beibehalten worden“. Aus
dieser mühelosen Deutung der „gewunderten Vögel“ entnimmt man
dann einen Wink fürs Verständnis der rätselhaften „Vorhöfe des
Himmels“.Ich verkenne nicht, daß es eines guten Stückes Takt und Zurück-
haltung jedesmal bedarf, wenn man die typischen Fälle der Deutung
in der psychoanalytischen Arbeit verläßt, und daß der Hörer oder Leser
nur so weit mitgeht, als die von ihm gewonnene Vertrautheit mit der
analytischen Technik ihm gestattet. Man hat also allen Grund vor-
zusorgen, daß nicht dem gesteigerten Aufwand von Scharfsinn ein
gemindertes Maß von Sicherheit und Glaubwürdigkeit parallel gehe.
Es liegt dann in der Natur der Sache, daß der eine Arbeiter die Vorsicht,
der andere die Kühnheit übertreiben wird. Die richtigen Grenzen der
Berechtigung zur Deutung wird man erst nach vielerlei Versuchen
und besserer Bekanntschaft mit dem Gegenstand abstecken können.
Bei der Bearbeitung des Falles Schreber wird mir die Zurückhaltung
durch den Umstand vorgeschrieben, daß die Widerstände gegen die
Publikation der Denkwürdigkeiten doch den Erfolg gehabt haben,
einen beträchtlichen Anteil des Materials und wahrscheinlich den für
das Verständnis bedeutsamsten unserer Kenntnis zu entziehen1).1)Gutachten des Dr. Weber (S. 402): „Überblickt man den Inhalt seiner
Schrift, berücksichtigt man die Fülle der Indiskretionen, die in bezug auf ihn
und andere in ihr enthalten sind, die ungenierte Ausmalung der bedenklichsten
und ästhetisch geradezu unmöglichen Situationen und Vorgänge, die Verwendung
der anstößigsten Kraftausdrücke usw., so würde man es ganz unverständlich
finden, daß ein Mann, der sich sonst durch Takt und Feingefühl ausgezeichnet
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 3S.
34
So z. B. schließt das Kapitel III des Buches, das mit der vielver-
sprechenden Ankündigung begonnen hat: „Ich behandle nun zunächst
einige Vorkommnisse an anderen Mitgliedern meiner Familie,
die denkbarerweise in Beziehung zu dem vorausgesetzten Seelen-
morde stehen könnten, und die jedenfalls alle ein mehr oder weniger
rätselhaftes, nach sonstigen menschlichen Erfahrungen schwer zu
erklärendes Gepräge an sich tragen“ (S. 33) unmittelbar darauf mit
dem Satze: Der weitere Inhalt des Kapitels kommt als zur Veröffentli-
chung ungeeignet für den Druck in Wegfall. Ich werde also zufrieden
sein müssen, wenn es mir gelingt, gerade den Kern der Wahnbildung
mit einiger Sicherheit auf seine Herkunft aus bekannten menschlichen
Motiven zurückzuführen.Ich werde in dieser Absicht ein Stückchen der Krankengeschichte
nachtragen, welches in den Gutachten nicht entsprechend gewürdigt
wird, obwohl der Kranke selbst alles dazu getan hat, es in den Vorder-
grund zu drängen. Ich meine das Verhältnis Schrebers zu seinem
ersten Arzte, dem Geheimrate Prof. Flechsig in Leipzig.Wir wissen bereits, daß der Fall Schrebers zu Anfang das Ge-
präge des Verfolgungswahnes an sich trug, welches erst von dem Wende-
punkte der Krankheit an (der „Versöhnung“) verwischt wurde. Die
Verfolgungen werden dann immer erträglicher, der weltordnungs-
mäßige Zweck der angedrohten Entmannung drängt das Schach-
volle derselben zurück. Der Urheber aller Verfolgungen aber ist Flech-
sig und er bleibt ihr Anstifter über den ganzen Verlauf der Krankheit1).Was nun eigentlich die Untat Flechsigs und welches seine
Motive dabei waren, das wird von dem Kranken mit jener charakteristi-
schen Unbestimmtheit und Unfaßbarkeit erzählt, welche als Kenn-
zeichen einer besonders intensiven Wahnbildungsarbeit angesehen
hat, eine ihn vor der Öffentlichkeit so schwer kompromittierende Handlung be-
absichtigen könne, wenn eben nicht usw.“ – Von einer Krankengeschichte,
die die gestörte Menschlichkeit und deren Ringen nach Wiederherstellung schildern
soll, wird man eben nicht fordern dürfen, daß sie „diskret“ und „ästhetisch“
ansprechend sei.1) Vorrede S. VIII: „Noch jetzt wird mir an jedem Tage Ihr Name von
den mit mir redenden Stimmen in stets wiederkehrenden Zusammenhängen
insbesondere als Urheber jener Schädigungen zu Hunderten von Malen zugerufen,
obwohl die persönlichen Beziehungen, die eine Zeitlang zwischen uns bestanden
haben, für mich längst in den Hintergrund getreten sind und ich selbst daher
schwerlich irgendwelchen Anlaß hätte, mich Ihrer immer von neuem, insbesondere
mit irgendwelcher grollenden Empfindung zu erinnern.“S.
35
werden dürfen, wenn es gestattet ist, die Paranoia nach dem Vorbilde
des um so viel besser bekannten Traumes zu beurteilen. Flechsig
hat an dem Kranken einen „Seelenmord“ begangen oder versucht,
ein Akt, der etwa den Bemühungen des Teufels und der Dämonen,
sich einer Seele zu bemächtigen, gleichzustellen ist, und der vielleicht
in Vorgängen zwischen längst verstorbenen Mitgliedern der Familien
Flechsig und Schreber vorgebildet war1). Gerne möchte man über
den Sinn dieses Seelenmordes mehr erfahren, aber hier versagen wiederum
in tendenziöser Weise die Quellen. (S. 28): „Worin das eigentliche
Wesen des Seelenmordes und sozusagen die Technik desselben besteht,
vermag ich außer dem im obigen Angedeuteten nicht zu sagen. Hinzu-
zufügen wäre nur noch etwa (folgt eine Stelle, die sich zur Veröffent-
lichung nicht eignet)“. Infolge dieser Auslassung bleibt es für uns
undurchsichtig, was unter dem „Seelenmord“ gemeint ist. Den ein-
zigen Hinweis, welcher der Zensur entgangen ist, werden wir an anderer
Stelle erwähnen.Wie dem immer sei, es erfolgte bald eine weitere Entwicklung
des Wahnes, welche das Verhältnis des Kranken zu Gott betraf, ohne
das zu Flechsig zu ändern. Hatte er bisher seinen eigentlichen Feind
nur in Flechsig (oder vielmehr in dessen Seele) erblickt und Gottes
Allmacht als seine Bundesgenossin betrachtet, so konnte er dann den
Gedanken nicht abweisen, daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht
gar Anstifter des gegen ihn gerichteten Planes sei (S. 59). Flechsig
aber blieb der erste Verführer, dessen Einfluß Gott unterlegen war
(S. 60). Er hatte es verstanden, sich mit seiner ganzen Seele oder einem
Teile derselben zum Himmel aufzuschwingen und sich damit selbst –
ohne Tod und vorgängige Peinigung – zum „Strahlenführer“ zu
machen (S. 56)2). Diese Rolle behielt die Flechsigsche Seele bei,
auch nachdem der Kranke die Leipziger Klinik mit der Piersonschen
Anstalt vertauscht hatte. Der Einfluß der neuen Umgebung zeigte
1)S. 22 und ff.
2)Nach einer anderen bedeutungsvollen, aber bald abgewiesenen Version
hatte sich Prof. Flechsig entweder zu Weißenburg im Elsaß oder im Polizei-
gefängnis zu Leipzig erschossen. Patient sah seinen Leichenzug, der sich aber
nicht in der Richtung bewegte, die man nach der Lage der Universitätsklinik
zum Friedhof erwarten sollte. Andere Male erschien ihm Flechsig in Begleitung
eines Schutzmannes oder in der Unterhaltung mit seiner Frau, deren Zeuge
er im Wege des Nervenanhanges wurde, und wobei sich Prof. Flechsig seiner
Frau gegenüber „Gott Flechsig“ nannte, so daß diese geneigt war, ihn für ver-
rückt zu halten (S. 82).S.
36
sich dann darin, daß zu ihr die Seele des Oberwärters, in dem der Kranke
einen ehemaligen Hausgenossen erkannte, als v. W.sche Seele hinzu-
trat1). Die Flechsigsche Seele führte dann die „Seelenteilung“ ein,
die große Dimensionen annahm. Zu einer gewissen Zeit gab es 40 bis 60
solcher Abspaltungen der Flechsigschen Seele; zwei größere Seelen-
teile wurden der „obere Flechsig“ und der „mittlere Flechsig“
genannt (S. 111). Ebenso verhielt sich die v. W.sche Seele (die des
Oberwärters). Dabei wirkte es zuweilen sehr drollig, wie die beiden
Seelen sich trotz ihrer Bundesgenossenschaft befehdeten, der Adels-
stolz der einen und der Professorendünkel der anderen sich gegenseitig
abstießen (S. 113). In den ersten Wochen seines endgültigen Auf-
enthaltes auf dem Sonnenstein (Sommer 1894) trat die Seele des neuen
Arztes Dr. Weber in Aktion, und bald darauf kam jener Umschwung
in der Entwicklung des Wahnes, den wir als die „Versöhnung“ kennen
gelernt haben.Während des späteren Aufenthaltes auf dem Sonnenstein, als
Gott den Kranken besser zu würdigen begann, kam eine Razzia unter
den lästigerweise vervielfältigten Seelen zustande, infolge deren
die Flechsigsche Seele nur in ein oder zwei Gestalten, die v. W.sche
in einziger Gestalt übrig blieb. Die letztere verschwand bald völlig;
die Flechsigschen Seelenteile, die langsam ihre Intelligenz wie ihre
Macht einbüßten, wurden dann als der „hintere Flechsig“ und als
die „Je-nun-Partei“ bezeichnet. Daß die Flechsigsche Seele ihre
Bedeutung bis zum Ende beibehielt, wissen wir aus der Vorrede, dem
„offenen Brief an Herrn Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig“.Dieses merkwürdige Schriftstück drückt die sichere Überzeugung
aus, daß der ihn beeinflussende Arzt auch selbst die gleichen Visionen
gehabt und dieselben Aufschlüsse über übersinnliche Dinge erhalten
habe wie der Kranke, und stellt die Verwahrung voran, daß dem Autor
der Denkwürdigkeiten die Absicht eines Angriffes auf die Ehre des Arztes
ferneliege. Dasselbe wird in den Eingaben des Kranken (S. 343, 445)
mit Ernst und Nachdruck wiederholt; man sieht, er bemüht sich, die
„Seele Flechsig“ von dem Lebenden dieses Namens, den wahnhaften
von dem leibhaften Flechsig zu trennen2).
1)Von diesem v. W. sagten ihm die Stimmen, er habe bei einer Enquête
vorsätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über ihn ausgesagt, namentlich
ihn der Onanie beschuldigt; zur Strafe sei ihm jetzt die Bedienung des Patienten
auferlegt worden (S. 108).2)„Ich habe demnach auch als möglich anzuerkennen, daß alles, was in
S.
37
Aus dem Studium einer Reihe von Fällen des Verfolgungs-
wahnes habe ich und haben andere den Eindruck empfangen, die
Relation des Kranken zu seinem Verfolger sei durch eine einfache
Formel aufzulösen1). Die Person, welcher der Wahn so große Macht
und Einfluß zuschreibt, in deren Hand alle Fäden des Komplotts
zusammenlaufen, sei, wenn sie bestimmt genannt wird, die nämliche,
der vor der Erkrankung eine ähnlich große Bedeutung für das Gefühls-
leben des Patienten zukam, oder eine leicht kenntliche Ersatzperson
derselben. Die Gefühlsbedeutung wird als äußerliche Macht projiziert,
der Gefühlston ins Gegenteil verkehrt; der jetzt wegen seiner Verfolgung
Gehaßte und Gefürchtete sei ein einstiger Geliebter und Verehrter.
Die vom Wahne statuierte Verfolgung diene vor allem dazu, die Ge-
fühlsverwandlung im Kranken zu rechtfertigen.Wenden wir uns mit diesem Gesichtspunkte zu den Beziehungen,
die zwischen dem Patienten und seinem Arzte und Verfolger Flechsig
früher bestanden hatten. Wir wissen bereits, daß Schreber in den
Jahren 1884 bis 1885 eine erste nervöse Erkrankung durchmachte,
„die ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischen-
fälle“ (S. 35) verlief. Während dieses als „Hypochondrie“ bezeichneten
Zustandes, der anscheinend die Grenzen einer Neurose einhielt, war
Flechsig der Arzt des Kranken. Schreber brachte damals 6 Monate
in der Leipziger Universitätsklinik zu. Man erfährt, daß der Wieder-
hergestellte seinen Arzt in guter Erinnerung behielt. „Die Hauptsache
war, daß ich schließlich (nach einer längeren Rekonvaleszenzreise)
geheilt wurde und ich konnte daher damals nur von Gefühlen lebhaften
Dankes gegen Prof. Flechsig erfüllt sein, denen ich auch durch einen
späteren Besuch und ein nach meinem Dafürhalten angemessenes
Honorar noch besonderen Ausdruck gegeben habe.“ Es ist richtig,
daß Schreber in den „Denkwürdigkeiten“ die Lobpreisung der ersten
Behandlung Flechsigs nicht ohne einige Verklausulierungen vor-
bringt, aber dies mag sich leicht aus der nun zum Gegensatze ver-
den ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge berichtet worden
ist, die mit dem Namen Flechsig in Verbindung stehen, nur auf die von dem
lebenden Menschen zu unterscheidende Seele Flechsig sich bezieht, deren be-
sondere Existenz zwar gewiß, auf natürlichem Wege aber nicht zu erklären ist“
(S. 342).1)Vgl. K. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und
der Dementia praecox. Zentralblatt f. Nervenh. u. Psychiatrie. Juliheft 1908. –
In dieser Arbeit räumt mir der gewissenhafte Autor einen aus unserem Brief-
verkehr stammenden Einfluß auf die Entwicklung seiner Ansichten ein.S.
38
änderten Einstellung verstehen lassen. Auf die ursprüngliche Wärme
der Empfindung für den erfolgreichen Arzt läßt die Bemerkung schließen,
welche die angeführte Äußerung Schrebers fortsetzt. „Fast noch
inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die in Prof.
Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann wieder-
geschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf
ihrem Arbeitstische stehen hatte“ (S. 36).Da uns der Einblick in die Verursachung der ersten Erkrankung
verwehrt ist, deren Verständnis für die Aufklärung der schwereren
zweiten Krankheit gewiß unentbehrlich wäre, müssen wir jetzt aufs
Geratewohl in einen uns unbekannten Zusammenhang hineingreifen.
Wir wissen, in der Inkubationszeit der Krankheit (zwischen seiner
Ernennung und seinem Amtsantritt, Juni bis Oktober 1893) fielen
wiederholt Träume des Inhalts vor, daß die frühere Nervenkrankheit
wiedergekehrt sei. Ferner trat einmal in einem Zustande von Halb-
schlaf die Empfindung auf, es müsse doch schön sein, ein Weib zu sein,
das dem Beischlaf unterliege. Bringen wir diese Träume und diese
Phantasievorstellung, die bei Schreber in nächster Kontiguität
mitgeteilt werden, auch in inhaltlichen Zusammenhang, so dürfen wir
schließen, mit der Erinnerung an die Krankheit wurde auch die an
den Arzt geweckt und die feminine Einstellung der Phantasie galt
von Anfang an dem Arzte. Oder vielleicht hatte der Traum, die Krank-
heit sei wiedergekehrt, überhaupt den Sinn einer Sehnsucht: Ich möchte
Flechsig wieder einmal sehen. Unsere Unwissenheit über den psy-
chischen Gehalt der ersten Krankheit läßt uns da nicht weiter kommen.
Vielleicht war von diesem Zustande eine zärtliche Anhänglichkeit an
den Arzt übrig geblieben, die jetzt – aus unbekannten Gründen –
eine Verstärkung zur Höhe einer erotischen Zuneigung gewann. Es
stellte sich sofort eine entrüstete Abweisung der noch unpersönlich-
gehaltenen femininen Phantasie – ein richtiger „männlicher Protest“
nach dem Ausdrucke, aber nicht im Sinne Alf. Adlers1) – ein;
aber in der nun bald ausbrechenden schweren Psychose setzte sich
die feminine Phantasie unaufhaltsam durch, und man braucht die
paranoische Unbestimmtheit der Schreberschen Ausdrucksweise nur
um Weniges zu korrigieren, um zu erraten, daß der Kranke einen1)Adler, Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose.
Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 10. – Nach Adler ist der männliche Pro-
test an der Entstehung des Symptoms beteiligt, im hier besprochenen Falle
protestiert die Person gegen das fertige Symptom.S.
39
sexuellen Mißbrauch von seiten des Arztes selbst befürchtete. Ein
Vorstoß homosexueller Libido war also die Veranlassung dieser Er-
krankung, das Objekt derselben war wahrscheinlich von Anfang an der
Arzt Flechsig, und das Sträuben gegen diese libidinöse Regung er-
zeugte den Konflikt, aus dem die Krankheitserscheinungen entsprangen.
Ich mache vor einer Flut von Anwürfen und Einwendungen
einen Augenblick Halt. Wer die heutige Psychiatrie kennt, darf sich
auf Arges gefaßt machen.Ist es nicht eine unverantwortliche Leichtfertigkeit, Indiskretion
und Verleumdung, einen ethisch so hochstehenden Mann wie den
Senatspräsidenten a. D. Schreber der Homosexualität zu bezichtigen?
Nein, der Kranke hat seine Phantasie der Verwandlung in ein Weib
selbst der Mitwelt kundgegeben und sich aus Interessen höherer Einsicht
über persönliche Empfindlichkeiten hinweggesetzt. Er hat uns also
selbst das Recht gegeben, uns mit dieser Phantasie zu beschäftigen,
und unsere Übersetzung in die medizinischen Kunstworte hat dem
Inhalte derselben nicht das Mindeste hinzugefügt. – Ja, aber das tat
er als Kranker; sein Wahn, in ein Weib verwandelt zu werden, war
eine krankhafte Idee. – Das haben wir nicht vergessen. Wir haben es
auch nur mit der Bedeutung und der Herkunft dieser krankhaften
Idee zu tun. Wir berufen uns auf seine eigene Unterscheidung zwischen
dem Menschen Flechsig und der „Flechsig-Seele“. Wir werfen
ihm überhaupt nichts vor, weder daß er homosexuelle Regungen hatte,
noch daß er sich bestrebte, sie zu verdrängen. Die Psychiater sollten
endlich von diesem Kranken lernen, wenn er sich in all seinem Wahn
bemüht, die Welt des Unbewußten nicht mit der Welt der Realität
zu verwechseln.Aber es wird an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, daß die
gefürchtete Verwandlung in ein Weib zum Vorteile Flechsigs erfolgen
solle! – Das ist richtig, und es ist nicht schwer zu verstehen,
daß in den für die Öffentlichkeit bestimmten Denkwürdigkeiten,
die den Menschen „Flechsig“ nicht beleidigen wollten, eine so
grelle Beschuldigung vermieden wird. Die durch solche Rücksicht
hervorgerufene Milderung des Ausdruckes reicht aber nicht so weit, daß
sie den eigentlichen Sinn der Anklage verdecken könnte. Man darf
behaupten, es ist doch auch ausdrücklich gesagt, z. B. in folgender
Stelle (S. 56): „Auf diese Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Kom-
plott fertig (etwa im März oder April 1894), welches dahin ging, nach
einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner Nerven-S.
40
krankheit mich einem Menschen in der Weise auszuliefern,
daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber, . . .
in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem betreffen-
den Menschen zum geschlechtlichen Mißbrauch überlassen . . .
werden sollte1). Es ist überflüssig zu bemerken, daß keine andere
Einzelperson je genannt wird, die man an die Stelle Flechsigs treten
lassen könnte. Zu Ende des Aufenthaltes in der Leipziger Klinik taucht
die Befürchtung auf, daß er zum Zwecke geschlechtlichen Mißbrauches
„den Wärtern vorgeworfen werden sollte“ (S. 98). Die in der weiteren
Entwicklung des Wahnes ohne Scheu bekannte feminine Einstellung
gegen Gott löscht dann wohl den letzten Zweifel an der ursprünglich
dem Arzte zugedachten Rolle aus. Der andere der gegen Flechsig
erhobenen Vorwürfe hallt überlaut durch das Buch. Er habe Seelenmord
an ihm versucht. Wir wissen bereits, daß der Tatbestand dieses Ver-
brechens dem Kranken selbst unklar ist, daß er aber mit diskreten
Dingen in Beziehung steht, die man von der Veröffentlichung aus-
schließen muß. (Kapitel III.) Ein einziger Faden führt hier weiter.
Der Seelenmord wird durch die Anlehnung an den Sageninhalt von
Goethes „Faust“, Lord Byrons „Manfred“, Webers „Freischütz“ usw.
erläutert (S. 22) und unter diesen Beispielen wird eines auch an anderer
Stelle hervorgehoben. Bei der Besprechung der Spaltung Gottes in zwei
Personen werden der „niedere“ und der „obere“ Gott von Schreber
mit Ariman und Ormuzd identifiziert (S. 19) und etwas später steht die
beiläufige Bemerkung: „Der Name Ariman kommt übrigens auch z. B.
in Lord Byrons „Manfred“ im Zusammenhang mit einem Seelenmord
vor“ (S. 20). In der so ausgezeichneten Dichtung findet sich kaum
etwas, was man dem Seelenpakt im „Faust“ an die Seite stellen könnte,
auch den Ausdruck „Seelenmord“ suchte ich dort vergeblich, wohl
aber ist der Kern und das Geheimnis des Gedichtes ein – Geschwister-
inzest. Hier reißt der kurze Faden wieder ab2).1)Diese Hervorhebungen habe ich angebracht.
2)Zur Erhärtung der obenstehenden Behauptung: Manfred sagt dem
Dämon, der ihn aus dem Leben holen will (Schlußszene):„… my past power
was purchased by no compact with thy crew.“Es wird also dem Seelenpakte direkt widersprochen. Dieser Irrtum Schrebers
ist wahrscheinlich nicht tendenzlos. – Es lag übrigens nahe, diesen Inhalt des
Manfred mit der wiederholt behaupteten inzestuösen Beziehung des Dichters
zu seiner Halbschwester in Zusammenhang zu bringen, und es bleibt auffällig,
daß das andere Drama Byrons, der großartige Cain, in der Urfamilie spielt, inS.
41
Indem wir uns vorbehalten, auf weitere Einwendungen im Ver-
laufe dieser Arbeit zurückzukommen, wollen wir uns nun für berechtigt
erklären, an einem Ausbruch einer homosexuellen Regung als Grund-
lage der Erkrankung Schrebers festzuhalten. Zu dieser Annahme
stimmt ein beachtenswertes, sonst nicht zu erklärendes Detail der
Krankengeschichte. Ein weiterer und für den Verlauf entscheidender
„Nervensturz“ trat bei dem Kranken ein, während seine Frau einen
kurzen Urlaub zu ihrer eigenen Erholung nahm. Sie hatte bis dahin
täglich mehrere Stunden bei ihm verbracht und die Mittagsmahlzeiten
mit ihm eingenommen. Als sie nach viertägiger Abwesenheit zurück-
kam, traf sie ihn aufs Traurigste verändert, so daß er selbst sie nicht
mehr zu sehen wünschte. „Entscheidend für meinen geistigen Zusammen-
bruch war namentlich eine Nacht, in welcher ich eine ganz ungewöhn-
liche Anzahl von Pollutionen (wohl ein halbes Dutzend) in dieser einen
Nacht hatte“ (S. 44). Wir verstehen es wohl, daß bloß von der Anwesen-
heit der Frau schützende Einflüsse gegen die Anziehung der ihn um-
gebenden Männer ausgingen, und wenn wir zugeben, daß ein Pollutions-
vorgang bei einem Erwachsenen nicht ohne seelische Mitbeteiligung
erfolgen kann, werden wir zu den Pollutionen jener Nacht unbewußt
gebliebene homosexuelle Phantasien ergänzen.Warum dieser Ausbruch homosexueller Libido den Patienten
gerade zu jener Zeit, in der Situation zwischen der Ernennung und der
Übersiedlung traf, das können wir ohne genauere Kenntnis seiner
Lebensgeschichte nicht erraten. Im allgemeinen schwankt der Mensch
sein Leben lang zwischen heterosexuellem und homosexuellem Fühlen,
und Versagung oder Enttäuschung von der einen Seite pflegt ihn zur
anderen hinüberzudrängen. Von diesen Momenten ist uns bei Schreber
nichts bekannt; wir wollen aber nicht versäumen, auf einen somatischen
Faktor aufmerksam zu machen, der sehr wohl in Betracht kommen
könnte. Dr. Schreber war zur Zeit dieser Erkrankung 51 Jahre alt,
er befand sich in jener für das Sexualleben kritischen Lebenszeit,
in welcher nach vorheriger Steigerung die sexuelle Funktion des Weibes
eine eingreifende Rückbildung erfährt, von deren Bedeutsamkeit aberwelcher der Inzest unter Geschwistern vorwurfsfrei bleiben muß. – Auch
wollen wir das Thema des Seelenmordes nicht verlassen, ohne noch folgender
Stelle zu gedenken (S. 23): „wobei in früherer Zeit Flechsig als Urheber des
Seelenmords genannt wurde, während man jetzt schon seit längerer Zeit in be-
absichtigter Umkehr des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord
getrieben habe, „darstellen“ will, ….“S.
42
auch der Mann nicht ausgenommen zu sein scheint; es gibt auch für den
Mannein „Klimakterium“ mit den abfolgenden Krankheitsdispositionen1).Ich kann es mir denken, wie mißlich die Annahme erscheinen muß,
daß eine Empfindung von Sympathie für einen Arzt bei einem Manne
acht Jahre später2) plötzlich verstärkt hervorbrechen und zum Anlaß
einer so schweren Seelenstörung werden kann. Ich meine aber, wir haben
nicht das Recht, eine solche Annahme, wenn sie uns sonst empfohlen
wird, ihrer inneren Unwahrscheinlichkeit wegen fallen zu lassen, anstatt
zu versuchen, wie weit man mit ihrer Durchführung kommt. Diese
Unwahrscheinlichkeit mag eine vorläufige sein und daher rühren, daß
die fragliche Annahme noch in keinen Zusammenhang eingereiht ist,
daß sie die erste Annahme ist, mit welcher wir an das Problem heran-
treten. Wer sein Urteil nicht in der Schwebe zu halten versteht und unsere
Annahme durchaus unerträglich findet, dem können wir leicht eine
Möglichkeit zeigen, durch welche dieselbe ihren befremdenden Charakter
verliert. Die Sympathieempfindung für den Arzt kann leicht einem
„Übertragungsvorgang“ entstammen, durch welchen eine Gefühls-
besetzung beim Kranken von einer für ihn bedeutsamen Person auf die
eigentlich indifferente des Arztes verlegt wird, so daß der Arzt zum
Ersatzmann, zum Surrogat, für einen dem Kranken weit näher Stehen-
den erwählt erscheint. Konkreter gesprochen, der Kranke ist durch
den Arzt an das Wesen seines Bruders oder seines Vaters erinnert
worden, hat seinen Bruder oder Vater in ihm wiedergefunden, und dann
hat es unter gewissen Bedingungen nichts Befremdendes mehr, wenn
die Sehnsucht nach dieser Ersatzperson bei ihm wieder auftritt und
mit einer Heftigkeit wirkt, die sich nur aus ihrer Herkunft und ur-
sprünglichen Bedeutung verstehen läßt.Im Interesse dieses Erklärungsversuches mußte es mir wissens-
wert erscheinen, ob der Vater des Patienten zur Zeit seiner Erkrankung
noch am Leben war, ob er einen Bruder gehabt, und ob dieser zur
gleichen Zeit ein Lebender oder ein „Seliger“ war. Ich war also befriedigt,
als ich nach langem Suchen in den Denkwürdigkeiten endlich auf eine
Stelle stieß, in welcher der Kranke diese Unsicherheit durch die Worte1)Ich verdanke die Kenntnis des Alters Schrebers bei seiner Erkrankung
einer freundlichen Mitteilung von seiten seiner Verwandten, die Herr Dr. Steg-
mann in Dresden für mich eingeholt hat. In dieser Abhandlung ist aber sonst
nichts anderes verwertet, als was aus dem Text der „Denkwürdigkeiten“ selbst
hervorgeht.2)Das Intervall zwischen der ersten und der zweiten Erkrankung Schrebers.
S.
43
behebt (S. 442): „Das Andenken meines Vaters und meines Bruders
ist mir so heilig wie usw.“ Beide waren also zur Zeit der zweiten Er-
krankung (vielleicht auch der ersten?) schon verstorben.Ich denke, wir sträuben uns nicht weiter gegen die Annahme,
daß der Anlaß der Erkrankung das Auftreten einer femininen (passiv-
homosexuellen) Wunschphantasie war, welche die Person des Arztes
zu ihrem Objekte genommen hatte. Gegen dieselbe erhob sich von seiten
der Persönlichkeit Schrebers ein intensiver Widerstand, und der Ab-
wehrkampf, der vielleicht ebensowohl in anderen Formen sich hätte
vollziehen können, wählte aus uns unbekannten Gründen die Form des
Verfolgungswahnes. Der Ersehnte wurde jetzt zum Verfolger, der Inhalt
der Wunschphantasie zum Inhalte der Verfolgung. Wir vermuten,
daß diese schematische Auffassung sich auch bei anderen Fällen von
Verfolgungswahn als durchführbar erweisen wird. Was aber den Fall
Schreber vor anderen auszeichnet, das ist die Entwicklung, die er nimmt,
und die Verwandlung, der er im Laufe dieser Entwicklung unterliegt.Die eine dieser Wandlungen besteht in der Ersetzung Flechsigs
durch die höhere Person Gottes; sie scheint zunächst eine Verschärfung
des Konfliktes, eine Steigerung der unerträglichen Verfolgung zu
bedeuten, aber es zeigt sich bald, daß sie die zweite Wandlung und mit
ihr die Lösung des Konfliktes vorbereitet. Wenn es unmöglich war,
sich mit der Rolle der weiblichen Dirne gegen den Arzt zu befreunden,
so stößt die Aufgabe, Gott selbst die Wollust zu bieten, die er sucht,
nicht auf den gleichen Widerstand des Ichs. Die Entmannung ist kein
Schimpf mehr, sie wird „weltordnungsgemäß“, tritt in einen großen
kosmischen Zusammenhang ein, dient den Zwecken einer Neuschöpfung
der untergegangenen Menschenwelt. „Neue Menschen aus Schreber-
schem Geist“ werden in dem sich verfolgt Wähnenden ihren Ahnen ver-
ehren. Somit ist ein Ausweg gefunden, der beide streitenden Teile be-
friedigt. Das Ich ist durch den Größenwahn entschädigt, die feminine
Wunschphantasie aber ist durchgedrungen, akzeptabel geworden. Kampf
und Krankheit können aufhören. Nur daß die unterdes erstarkte Rück-
sicht auf die Wirklichkeit dazu nötigt, diese Lösung aus der Gegenwart
in die fernere Zukunft zu verschieben, sich mit einer sozusagen assymp-
totischen Wunscherfüllung zu begnügen1). Die Verwandlung in ein1)„Nur als Möglichkeiten, die hierbei in Betracht kämen, erwähne ich
eine doch noch etwa zu vollziehende Entmannung mit der Wirkung, daß im Wege
göttlicher Befruchtung eine Nachkommenschaft aus meinem Schoß hervorginge“
heißt es gegen Ende des Buches, S. 290.S.
44
Weib wird voraussichtlich irgend einmal eintreten; bis dahin wird die
Person des Dr. Schreber unzerstörbar bleiben.In den Lehrbüchern der Psychiatrie ist häufig die Rede von
einer Entwicklung des Größenwahnes aus dem Verfolgungswahn, die
auf folgende Art vor sich gehen soll: Der Kranke, der primär vom Wahn
befallen worden ist, Gegenstand der Verfolgung von seiten der stärksten
Mächte zu sein, fühlt das Bedürfnis, sich diese Verfolgung zu erklären,
und gerät so auf die Annahme, er sei selbst eine großartige Persönlich-
keit, einer solchen Verfolgung würdig. Die Auslösung des Größen-
wahnes wird somit einem Vorgange zugeschrieben, den wir nach einem
guten Wort von E. Jones „Rationalisierung“ heißen. Wir halten
es aber für ein ganz und gar unpsychologisches Vorgehen, einer Ratio-
nalisierung so stark affektive Konsequenzen zuzutrauen, und wollen
unsere Meinung daher scharf sondern von der aus den Lehrbüchern
zitierten. Wir behaupten zunächst nicht, die Quelle des Größenwahnes
zu kennen.Wenn wir nun zum Falle Schreber zurückkehren, müssen wir
gestehen, daß die Durchleuchtung der Wandlung in seinem Wahn ganz
außerordentliche Schwierigkeiten bietet. Auf welchen Wegen und
mit welchen Mitteln vollzieht sich der Aufstieg von Flechsig zu Gott?
Woher bezieht er den Größenwahn, der in so glücklicher Weise eine Ver-
söhnung mit der Verfolgung ermöglicht, analytisch ausgedrückt, die
Annahme der zu verdrängenden Wunschphantasie gestattet? Die
Denkwürdigkeiten geben uns hier zunächst einen Anhaltspunkt, indem
sie uns zeigen, daß für den Kranken „Flechsig“ und „Gott“ in einer
Reihe liegen. Eine Phantasie läßt ihn ein Gespräch Flechsigs mit
seiner Frau belauschen, in dem dieser sich als „Gott Flechsig“ vor-
stellt und darob von ihr für verrückt gehalten wird (S. 82), ferner aber
werden wir auf folgenden Zug der Schreberschen Wahnbildung auf-
merksam. Wie der Verfolger sich, wenn wir das Ganze des Wahnes
überblicken, in Flechsig und Gott zerlegt, so spaltet sich Flechsig
selbst später in zwei Persönlichkeiten, in den „oberen“ und den „mitt-
leren“ Flechsig und Gott in den „niederen“ und den „oberen“ Gott.
Bei Flechsig geht die Zerlegung in späten Stadien der Krankheit noch
weiter (S. 193). Eine solche Zerlegung ist für die Paranoia recht charak-
teristisch. Die Paranoia zerlegt sowie die Hysterie verdichtet. Oder
vielmehr die Paranoia bringt die in der unbewußten Phantasie vor-
genommenen Verdichtungen und Identifizierungen wieder zur Auf-
lösung. Daß diese Zerlegung bei Schreber mehrmals wiederholt wird,S.
45
ist nach C. G. Jung1) Ausdruck der Bedeutsamkeit der betreffenden
Person. Alle diese Spaltungen Flechsigs und Gottes in mehrere Per-
sonen bedeuten also das nämliche wie die Zerteilung des Verfolgers
in Flechsig und Gott. Es sind Doublierungen desselben bedeutsamen
Verhältnisses, wie sie O. Rank in den Mythenbildungen erkannt hat2).
Für die Deutung all dieser Einzelzüge erübrigt uns aber der Hinweis
auf die Zerlegung des Verfolgers in Flechsig und Gott und die Auf-
fassung dieser Zerlegung als paranoide Reaktion auf eine vorhanden
gewesene Identifizierung der beiden oder ihre Zugehörigkeit zur näm-
lichen Reihe. Wenn der Verfolger Flechsig einstmals eine geliebte
Person war, so ist Gott auch nur die Wiederkehr einer anderen ähnlich
geliebten, aber wahrscheinlich bedeutsameren.Setzen wir diesen berechtigt scheinenden Gedankengang fort,
so müssen wir uns sagen, diese andere Person kann niemand anderer
als der Vater sein, womit ja Flechsig um so deutlicher in die Rolle
des (hoffentlich älteren)3) Bruders gedrängt wird. Die Wurzel jener
femininen Phantasie, die so viel Widerstreben beim Kranken entfesselte,
wäre also die zu erotischer Verstärkung gelangte Sehnsucht nach
Vater und Bruder gewesen, von denen die letztere durch Übertragung
auf den Arzt Flechsig überging, während mit ihrer Zurückführung
auf die erstere ein Ausgleich des Kampfes erzielt wurde.Soll uns die Einführung des Vaters in den Schreberschen Wahn
gerechtfertigt erscheinen, so muß sie unserem Verständnis Nutzen
bringen, uns noch unbegreifliche Einzelheiten des Wahnes aufklären
helfen. Wir erinnern uns ja, welche sonderbaren Züge wir an dem Schre-
berschen Gott und an Schrebers Verhältnis zu seinem Gott fanden.
Es war die merkwürdigste Vermengung von blasphemischer Kritik
und rebellischer Auflehnung mit verehrungsvoller Ergebenheit. Gott,1)C. G. Jung, Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. Zentralblatt
für Psychoanalyse Nr. 3, 1910. Es ist wahrscheinlich richtig, wenn Jung
fortfährt, daß diese Zerlegung, der allgemeinen Tendenz der Schizophrenie ent-
sprechend, eine analytisch depotenzierende ist, welche das Zustandekommen
zu starker Eindrücke verhindern soll. Die Rede einer seiner Patientinnen: „Ah,
sind Sie auch ein Dr. J., heute morgen war schon einer bei mir, der sich für Dr. J.
ausgab,“ ist aber zu übersetzen durch ein Geständnis: Jetzt erinnern Sie mich
wieder an einen anderen aus der Reihe meiner Übertragungen als bei Ihrem
vorigen Besuch.2)O. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. Schriften zur an-
gewandten Seelenkunde Nr. V, 1909.3)Es ist hierüber aus den Denkwürdigkeiten kein Aufschluß zu gewinnen.
S.
46
der dem verführenden Einfluß Flechsigs unterlag, war nicht fähig,
etwas aus der Erfahrung zu lernen, kannte den lebenden Menschen nicht,
weil er nur mit Leichen umzugehen verstand, und äußerte seine Macht
in einer Reihe von Wundern, die auffällig genug, dabei aber insipid
und läppisch waren.Nun war der Vater des Senatspräsidenten Dr. Schreiber kein
unbedeutender Mensch gewesen. Es war der Dr. Daniel Gottlieb
Moritz Schreiber, dessen Andenken heute noch von den besonders
in Sachsen zahlreichen Schreiber-Vereinen festgehalten wird, ein –
Arzt, dessen Bemühungen um die harmonische Ausbildung der Jugend,
um das Zusammenwirken von Familien- und Schulerziehung, um die
Verwendung der Körperpflege und Körperarbeit zur Hebung der
Gesundheit nachhaltige Wirkung auf die Zeitgenossen geübt haben1).
Von seinem Ruf als Begründer der Heilgymnastik in Deutschland
zeugen noch die zahlreichen Auflagen, in denen seine „Ärztliche Zimmer-
gymnastik“ in unseren Kreisen verbreitet ist.Ein solcher Vater war gewiß nicht ungeeignet dazu, in der zärt-
lichen Erinnerung des Sohnes, dem er so früh durch den Tod entzogen
wurde, zum Gotte verklärt zu werden. Für unser Gefühl besteht zwar
eine unausfüllbare Kluft zwischen der Persönlichkeit Gottes und der
irgend eines, auch des hervorragendsten Menschen. Aber wir müssen
daran denken, daß dies nicht immer so war. Den alten Völkern standen
ihre Götter menschlich näher. Bei den Römern wurde der verstorbene
Imperator regelrecht deifiziert. Der nüchterne und tüchtige Vespasianus
sagte bei seinem ersten Krankheitsanfall: Weh mir, ich glaube, ich werde
ein Gott2).Die infantile Einstellung des Knaben zu seinem Vater ist uns genau
bekannt; sie enthält die nämliche Vereinigung von verehrungsvoller
Unterwerfung und rebellischer Auflehnung, die wir im Verhältnisse
Schreibers zu seinem Gott gefunden haben, sie ist das unverkennbare,1)Ich verdanke der gütigen Zusendung meines Kollegen Dr. Stegmann
in Dresden die Einsicht in eine Nummer einer Zeitschrift, die sich „Der Freund
der Schreiber-Vereine“ betitelt. Es sind in ihr (II. Jahrgang, Heft X) zur
einhundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages Dr. Schreibers biographische
Daten über das Leben des gefeierten Mannes gegeben. Dr. Schreiber sen. wurde
1808 geboren und starb 1861, nur 53 Jahre alt. Ich weiß aus der früher erwähnten
Quelle, daß unser Patient damals 19 Jahre alt war.2)Suetonius’ Kaiserbiographien, Kap. 23. Diese Vergottung nahm mit
C. Julius Caesar ihren Anfang. Augustus nannte sich in seinen Inschriften „Divi
filius“.S.
47
getreulich kopierte Vorbild dieses letzteren. Daß aber der Vater Schre-
bers ein Arzt und zwar ein hochangesehener und gewiß von seinen
Patienten verchrter Arzt war, erklärt uns die auffälligsten Charakter-
züge, die Schreber an seinem Gotte kritisch hervorhebt. Kann es
einen stärkeren Ausdruck des Hohnes auf einen solchen Arzt geben,
als wenn man von ihm behauptet, daß er vom lebenden Menschen nichts
versteht und nur mit Leichen umzugehen weiß? Es gehört gewiß zum
Wesen Gottes, daß er Wunder tut, aber auch ein Arzt tut Wunder,
wie ihm seine enthusiastischen Klienten nachsagen, er vollbringt wunder-
bare Heilungen. Wenn dann gerade diese Wunder, zu denen die Hypo-
chondrie des Kranken das Material geliefert hat, so unglaubwürdig,
absurd und teilweise läppisch ausfallen, so werden wir an die Behaup-
tung der „Traumdeutung“ gemahnt, daß die Absurdität im Traume
Spott und Hohn ausdrücke1). Sie dient also denselben Darstellungs-
zwecken bei der Paranoia. Für andere Vorwürfe, z. B. den, daß Gott
aus Erfahrung nichts lerne, liegt die Auffassung nahe, daß wir es mit dem
Mechanismus der infantilen „Retourkutsche“ zu tun haben2), der einen
empfangenen Vorwurf unverändert auf den Absender zurückwendet,
ähnlich wie die S. 23 erwähnten Stimmen vermuten lassen, daß die gegen
Flechsigs erhobene Anschuldigung des „Seelenmordes“ ursprünglich
eine Selbstanklage war3).Durch diese Brauchbarkeit des väterlichen Berufes zur Aufklärung
der besonderen Eigenschaften des Schreberschen Gottes kühn gemacht,
können wir es nun wagen, die merkwürdige Gliederung des göttlichen
Wesens durch eine Deutung zu erläutern. Die Gotteswelt besteht be-
kanntlich aus den „vorderen Gottesreichen“, die auch „Verhöfe des
Himmels“ genannt werden und die abgeschiedenen Menschenseelen
enthalten, und aus dem „niederen“ und „oberen“ Gott, die zusammen
„hintere Gottesreiche“ heißen (S. 19). Wenn wir auch darauf gefaßt
sind, eine hier vorliegende Verdichtung nicht auflösen zu können, so
wollen wir doch den früher gewonnenen Fingerzeig, daß die „gewun-
derten“, als Mädchen entlarvten Vögel von den Vorhöfen des Himmels1)Traumdeutung, 2. Auflage, S. 267.
2)Einer solchen Revanche sieht es außerordentlich ähnlich, wenn der
Kranke sich eines Tages den Satz aufzeichnet: „Jeder Versuch einer er-
zieherischen Wirkung nach außen muß als aussichtslos aufge-
geben werden“ (S. 188). Der Unerziehbare ist Gott.3)„Während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr
des Verhältnisses sich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe,
‚darstellen‘ will,“ usw.S.
48
abgeleitet werden, dazu verwenden, um die vorderen Gottesreiche
und Vorhöfe des Himmels als Symbolik für die Weiblichkeit, die
hinteren Gottesreiche als eine solche für die Männlichkeit in Anspruch
zu nehmen. Wüßte man sicher, daß der verstorbene Bruder Schreibers
ein älterer war, so dürfte man die Zerlegung Gottes in den niederen
und oberen Gott als den Ausdruck der Erinnerung ansehen, daß
nach dem frühen Tode des Vaters der ältere Bruder die Stellung des
Vaters übernahm.Endlich will ich in diesem Zusammenhange der Sonne ge-
denken, die ja durch ihre „Strahlen“ zu so großer Bedeutung für
den Ausdruck des Wahnes geworden ist. Schreiber hat zur Sonne
ein ganz besonderes Verhältnis. Sie spricht mit ihm in menschlichen
Worten und gibt sich ihm damit als belebtes Wesen oder als Organ eines
noch hinter ihr stehenden höheren Wesens zu erkennen (S. 9). Aus
einem ärztlichen Gutachten erfahren wir, daß er sie „geradezu brüllend
mit Droh-
und Schimpfworten anschreit“ (S. 382)1), daß er ihr
zuruft, sie müsse sich vor ihm verkriechen. Er teilt selbst mit, daß
die Sonne vor ihm erbleicht2). Der Anteil, den sie an seinem Schick-
sale hat, gibt sich dadurch kund, daß sie wichtige Veränderungen
ihres Aussehens zeigt, sobald bei ihm Änderungen im Gange sind, z. B. in
den ersten Wochen seines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein (S. 135).
Die Deutung dieses Sonnenmythos macht uns Schreiber leicht. Er
identifiziert die Sonne geradezu mit Gott, bald mit dem niederen
Gott (Ariman)3), bald mit dem oberen (S. 137). „An dem darauffolgenden
Tage… sah ich den oberen Gott (Ormuzd) diesmal nicht mit meinem
geistigen Auge, sondern mit meinem leiblichen Auge. Es war die Sonne,
aber nicht die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen Menschen bekannten
Erscheinung, sondern usw.“ Es ist also nur folgerichtig, wenn er sie
nicht anders als Gott selbst behandelt.Ich bin für die Eintönigkeit der psychoanalytischen Lösungen
1)„Die Sonne ist eine Hure“ (S. 384).
2)(S. 139, Anmerkung): „Übrigens gewährt mir auch jetzt noch die Sonne
zum Teil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krankheit von ihr
hatte. Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn ich gegen dieselbe gewendet laut
spreche. Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde davon nur in sehr bescheide-
nem Maße geblendet, während in gesunden Tagen bei mir, wie wohl bei anderen
Menschen, ein minutenlanges Hineinsehen in die Sonne gar nicht möglich ge-
wesen wäre.“3)(S. 88): „Dieser wird jetzt (seit Juli 1894) von den zu mir redenden
Stimmen mit der Sonne geradezu identifiziert.“S.
49
nicht verantwortlich, wenn ich geltend mache, daß die Sonne nichts
anderes ist als wiederum ein sublimiertes Symbol des Vaters. Die Sym-
bolik setzt sich hier über das grammatikalische Geschlecht hinaus;
wenigstens im Deutschen, denn in den meisten anderen Sprachen ist
die Sonne ein Maskulinum. Ihr Widerpart in dieser Spiegelung des
Elternpaares ist die allgemein so bezeichnete „Mutter Erde“. In der
psychoanalytischen Auflösung pathogener Phantasien bei Neurotikern
findet man oft genug die Bestätigung für diesen Satz. Auf die Beziehung
zu kosmischen Mythen will ich nur mit diesem einen Wort verweisen.
Einer meiner Patienten, der seinen Vater früh verloren hatte und ihn
in allem Großen und Erhabenen der Natur wiederzufinden suchte,
machte es mir wahrscheinlich, daß der Hymnus Nietzsches „Vor Sonnen-
aufgang“ der gleichen Sehnsucht Ausdruck gebe1). Ein anderer, der in
seiner Neurose nach dem Tode des Vaters den ersten Angst- und Schwindel-
anfall bekam, als ihn die Sonne während der Gartenarbeit mit dem
Spaten beschien, vertrat selbständig die Deutung, er habe sich geängstigt,
weil ihm der Vater zugeschaut, wie er mit einem scharfen Instrument
die Mutter bearbeitete. Als ich nüchternen Einspruch wagte, machte
er seine Auffassung durch die Mitteilung plausibler, er habe den Vater
schon bei Lebzeiten mit der Sonne verglichen, allerdings damals in
parodierender Absicht. So oft er gefragt worden sei, wohin sein Vater
in diesem Sommer gehe, habe er die Antwort mit den tönenden Worten
des „Prolog im Himmel“ gegeben:„Und seine vorgeschriebene Reise,
Vollendet er mit Donnergang“.Der Vater pflegte jedes Jahr auf ärztlichen Rat den Kurort Marien-
bad zu besuchen. Bei diesem Kranken hatte sich die infantile Ein-
stellung gegen den Vater zweizeitig durchgesetzt. Solange der Vater
lebte, volle Auflehnung und offenes Zerwürfnis; unmittelbar nach
seinem Tode eine Neurose, die sich auf sklavische Unterwerfung und
nachträglichen Gehorsam gegen den Vater gründete.Wir befinden uns also auch im Falle Schreber auf dem wohl-
vertrauten Boden des Vaterkomplexes2). Wenn sich dem Kranken der
Kampf mit Flechsig als ein Konflikt mit Gott enthüllt, so müssen wir
diesen in einen infantilen Konflikt mit dem geliebten Vater übersetzen,1)„Also sprach Zarathustra“. Dritter Teil. – Auch Nietzsche hatte seinen
Vater nur als Kind gekannt.2)Wie auch die „feminine Wunschphantasie“ Schrebers nur eine der
typischen Gestaltungen des infantilen Kernkomplexes ist.Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 4
S.
50
dessen uns unbekannte Einzelheiten den Inhalt des Wahnes bestimmt
haben. Es fehlt nichts von dem Material, das sonst durch die Analyse
in solchen Fällen aufgedeckt wird, alles ist durch irgendwelche An-
deutungen vertreten. Der Vater erscheint in diesen Kindererlebnissen als
der Störer der vom Kinde gesuchten, meist autoerotischen Befriedigung,
die in der Phantasie später oft durch eine minder ruhmlose ersetzt
wird1). Im Ausgang des Schreberschen Wahnes feiert die infantile
Sexualstrebung einen großartigen Triumph; die Wollust wird gottes-
fürchtig, Gott selbst (der Vater) läßt nicht ab, sie von dem Kranken
zu fordern. Die gefürchtetste Drohung des Vaters, die der Kastration,
hat der zuerst bekämpften und dann akzeptierten Wunschphantasie
der Verwandlung in ein Weib geradezu den Stoff geliehen. Der Hinweis
auf eine Verschuldung, die durch die Ersatzbildung „Seelenmord“
gedeckt wird, ist überdeutlich. Der Oberwärter wird mit jenem Haus-
genossen v. W. identisch gefunden, der ihn nach Angabe der Stimmen
fälschlich der Onanie beschuldigt hat (S. 108). Die Stimmen sagen,
gleichsam in der Begründung der Kastrationsdrohung (S. 127): „Sie
sollen nämlich als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt
werden2).“ Endlich ist der Denkwang (S. 47), dem sich der Kranke
unterwirft, weil er annimmt, Gott werde glauben, er sei blödsinnig
geworden und sich von ihm zurückziehen, wenn er einen Moment zu
denken aussetze, die uns auch anderswoher bekannte Reaktion gegen
die Drohung oder Befürchtung, man werde durch sexuelle Betätigung,
speziell durch Onanie, den Verstand verlieren3). Bei der Unsumme
hypochondrischer Wahnideen4), die der Kranke entwickelt, ist vielleicht
kein großer Wert darauf zu legen, daß sich einige derselben mit den
hypochondrischen Befürchtungen der Onanisten wörtlich berühren5).1)Vgl. die Bemerkungen zur Analyse des „Rattenmannes“. Dieses Jahr
buch I, 1909, S. 393.2)Die Systeme des „Darstellens und Aufschreibens“ (S. 126) deuten in
Verbindung mit den „geprüften Seelen“ auf Schulerlebnisse hin.3)(S. 206): „Daß dies das erstrebte Ziel sei, wurde früher ganz offen in der
vom oberen Gott ausgehenden, unzählige Male von mir gehörten Phrase „Wir
wollen Ihnen den Verstand zerstören“ eingestanden.“4)Ich will es nicht unterlassen hier zu bemerken, daß ich eine Theorie
der Paranoia erst dann für vertrauenswert halten werde, wenn es ihr gelungen
ist, die fast regelmäßigen hypochondrischen Begleitsymptome in ihren Zu-
sammenhang einzufügen. Es scheint mir, daß der Hypochondrie dieselbe Stellung
zur Paranoia zukommt wie der Angstneurose zur Hysterie.5)(S. 154): „Man versuchte mir daher das Rückenmark auszupumpen,
was durch sogenannte „kleine Männer“, die man mir in die Füße setzte, geschah.S.
51
Wer in der Deutung dreister wäre als ich oder durch Beziehungen
zur Familie Schreibers mehr von Personen, Milieu und kleinen Vor-
fällen wüßte, dem müßte es ein leichtes sein, ungezählte Einzelheiten
des Schreiberschen Wahnes auf ihre Quellen zurückzuführen und somit
in ihrer Bedeutung zu erkennen, und dies trotz der Zensur, der die „Denk-
würdigkeiten“ unterlegen sind. Wir müssen uns notgedrungen mit einer
so schattenhaften Skizzierung des infantilen Materiales begnügen, in wel-
chem die paranoische Erkrankung den aktuellen Konflikt dargestellt hat.
Zur Begründung jenes um die feminine Wunschphantasie aus-
gebrochenen Konfliktes darf ich vielleicht noch ein Wort hinzufügen.
Wir wissen, daß wir die Aufgabe haben, das Hervortreten einer Wunsch-
phantasie mit einer Versagung, einer Entbehrung im realen Leben
in Zusammenhang zu bringen. Nun gesteht uns Schreiber eine solche
Entbehrung ein. Seine sonst als glücklich geschilderte Ehe brachte
ihm nicht den Kindersegen, vor allem nicht den Sohn, der ihn für den
Verlust von Vater und Bruder getröstet hätte, auf den die unbefriedigte
homosexuelle Zärtlichkeit hätte abströmen können1). Sein Geschlecht
drohte auszusterben und es scheint, daß er stolz genug war auf seine
Abstammung und Familie (S. 24). „Die Flechsigs und die Schreibers
gehörten nämlich beide, wie der Ausdruck lautete, „dem höchsten
himmlischen Adel“ an. Die Schreibers führten insbesondere den
Titel „Markgrafen von Tuscien und Tasmanien“, entsprechend einer
Gewohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitelkeit folgend,
mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu schmücken2). Der großeÜber diese „kleinen Männer“, die mit der bereits in Kap. VI besprochenen Er-
scheinung einige Verwandtschaft zeigten, werde ich später noch Weiteres mitteilen;
in der Regel waren es je zwei, ein „kleiner Flechsig“ und ein „kleiner v. W.“, deren
Stimme ich auch in meinen Füßen vernahm.“ – v. W. ist der nämliche, von dem
die Onaniebeschuldigung ausging. Die „kleinen Männer“ bezeichnet Schreiber
selbst als eine der merkwürdigsten und in gewisser Beziehung rätselhaftesten
Erscheinungen (S. 157). Es scheint, daß sie einer Verdichtung von Kindern und
Spermatozoen entsprungen sind.1)(S. 36): „Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich
acht, im ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die
mehrmalige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre
mit meiner Frau verlebt.“2)Im Anschluß an diese Äußerung, die den liebenswürdigen Spott gesunder
Tage im Wahne bewahrt hat, verfolgt er die Beziehungen zwischen den Familien
Flechsig und Schreiber in frühere Jahrhunderte zurück, wie ein Bräutigam,
der nicht begreifen kann, wie er so lange Jahre ohne Beziehung zur Geliebten leben
konnte, ihre Bekanntschaft durchaus schon in früheren Zeiten gemacht haben will.S.
52
Napoleon ließ sich, wiewohl erst nach schweren inneren Kämpfen, von
seiner Josefine scheiden, weil sie die Dynastie nicht fortsetzen konnte1);
Dr. Schreber mochte die Phantasie gebildet haben, wenn er ein Weib
wäre, würde er das Kinderbekommen besser treffen, und fand so den
Weg, sich in die feminine Einstellung zum Vater in den ersten Kinder-
jahren zurück zu versetzen. Der später immer weiter in die Zukunft
geschobene Wahn, daß die Welt durch seine Entmannung mit „neuen
Menschen aus Schreberschem Geist“ (S. 288) bevölkert würde,
war also auch zur Abhilfe seiner Kinderlosigkeit bestimmt. Wenn die
„kleinen Männer“, die Schreber selbst so rätselhaft findet, Kinder
sind, so finden wir es durchaus verständlich, daß sie auf seinem Kopfe
in großer Anzahl versammelt stehen (S. 158); es sind ja wirklich die
„Kinder seines Geistes“. (Vgl. die Bemerkung über die Darstellung der
Abstammung vom Vater und über die Geburt der Athene in der Kranken-
geschichte des „Rattenmannes“. Dieses Jahrbuch I, S. 410.)III. Über den paranoischen Mechanismus.
Wir haben bisher den den Fall Schreber beherrschenden Vater-
komplex und die zentrale Wunschphantasie der Erkrankung behandelt.
An alledem ist nichts für die Krankheitsform der Paranoia Charakteristi-
sches, nichts was wir nicht bei anderen Fällen von Neurose finden
könnten und auch wirklich gefunden haben. Die Eigenart der Paranoia
(oder der paranoiden Demenz) müssen wir in etwas anderes verlegen,
in die besondere Erscheinungsform der Symptome, und für diese wird
unsere Erwartung nicht die Komplexe, sondern den Mechanismus
der Symptombildung oder den der Verdrängung verantwortlich machen.
Wir würden sagen, der paranoische Charakter liegt darin, daß zur
Abwehr einer homosexuellen Wunschphantasie gerade mit einem
Verfolgungswahn von solcher Art reagiert wird.Um so bedeutungsvoller ist es, wenn wir durch die Erfahrung
gemahnt werden, gerade der homosexuellen Wunschphantasie eine
innigere, vielleicht eine konstante, Beziehung zur Krankheitsform
zuzusprechen. Meiner eigenen Erfahrung hierüber mißtrauend, habe1)In dieser Hinsicht ist eine Verwahrung des Patienten gegen Angaben
des ärztlichen Gutachtens erwähnenswert: (S. 486). „Ich habe niemals mit dem
Gedanken einer Scheidung gespielt oder Gleichgültigkeit gegen das Fort-
bestehen des ehelichen Bandes zu erkennen gegeben, wie man nach der Aus-
drucksweise des Gutachtens, ‚ich sei alsbald mit der Andeutung bei der Hand,
daß meine Frau sich scheiden lassen könne‘, annehmen möchte“.
You are here
1911-002/1911.2/2