• S.

    31

    kräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, dahin zu wirken, daß
    die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend – oder da
    dies der Mensch einfach nicht kann – wenigstens zu gewissen Tages-
    zeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden
    Weibes empfangen.“

    (S. 283): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den welt-
    ordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seele-
    beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, …
    in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelenwollust zu bieten,
    soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genusse abfällt, bin ich
    berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß
    der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mit-
    zunehmen; …“

    (S. 284): „… ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken
    die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rück-
    zugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein körperliches Wohl-
    befinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird, sondern
    ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der An-
    ziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in ge-
    schlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen,
    meinen Blick immer auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer
    weibliche Bilder zu besehen usw.“

    Die beiden Hauptstücke des Schreberschen Wahnes, die Wand-
    lung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott sind in seinem
    System durch die feminine Einstellung gegen Gott verknüpft. Es wird
    eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesentliche genetische
    Beziehung zwischen diesen beiden Stücken nachzuweisen, sonst wären
    wir mit unseren Erläuterungen zu Schrebers Wahn in die lächerliche
    Rolle geraten, die Kant in dem berühmten Gleichnis der Kritik
    der reinen Vernunft als die des Mannes beschreibt, der das Sieb unter-
    hält, während ein anderer den Bock melkt.

    II. Deutungsversuche.

    Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, zum
    Verständnis dieser paranoiden Krankengeschichte vorzudringen,
    die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelenlebens in ihr auf-
    zudecken. Von den wahnhaften Äußerungen des Kranken selbst und
    von den Anlässen seiner Erkrankung.

  • S.

    32

    Der erste Weg erschiene verlockend, seitdem C. G. Jung uns
    das glänzende Beispiel der Deutung eines ungleich schwereren Falles
    von Dementia praecox, mit vom Normalen ungleich weiter abliegenden
    Symptomäußerungen gegeben hat1). Auch die hohe Intelligenz und
    Mitteilsamkeit des Kranken scheint uns die Lösung der Aufgabe auf
    diesem Wege zu erleichtern. Gar nicht so selten drückt er uns den
    Schlüssel selbst in die Hand, indem er zu einem wahnhaften Satz eine
    Erläuterung, ein Zitat oder Beispiel, wie beiläufig, hinzufügt oder
    eine ihm selbst auftauchende Ähnlichkeit ausdrücklich bestreitet. Man
    braucht dann nur im letzten Falle die negative Einkleidung wegzulassen,
    wie man es in der psychoanalytischen Technik zu tun gewohnt ist,
    das Beispiel für das Eigentliche, das Zitat oder die Bestätigung für die
    Quelle zu nehmen und befindet sich im Besitze der gesuchten Über-
    setzung aus der paranoischen Ausdrucksweise ins Normale. Ein Beleg
    für diese Technik verdient vielleicht eine ausführlichere Darstellung.
    Schreber beklagt sich über die Belästigung durch die sogenannten
    „gewunderten Vögel“ oder „sprechenden Vögel“, denen er eine Reihe
    recht auffälliger Eigenschaften zuschreibt (S. 208–214). Sie sind nach
    seiner Überzeugung aus Resten ehemaliger „Vorhöfe des Himmels“,
    also selig gewesener Menschenseelen, gebildet und mit Leichengift be-
    laden auf ihn gehetzt worden. Sie sind in den Stand versetzt, „sinnlos
    auswendig gelernte Redensarten“ herzusagen, die ihnen „eingebläut“
    worden sind. Jedesmal, wenn sie das ihnen aufgepackte Leichengift
    bei ihm abgelagert, d. h. „die ihnen gewissermaßen eingebläuten Phrasen
    abgeleiert haben“, gehen sie mit den Worten „Verfluchter Kerl“ oder „Ei
    verflucht“ einigermaßen in seiner Seele auf, den einzigen Worten,
    deren sie im Ausdruck einer echten Empfindung überhaupt noch fähig
    sind. Den Sinn der von ihnen gesprochenen Worte verstehen sie
    nicht, haben aber eine natürliche Empfänglichkeit für den Gleich-
    klang der Laute, der kein vollständiger zu sein braucht. Es verschlägt
    daher für sie wenig, ob man sagt:

    „Santiago“ oder „Karthago“,
    „Chinesentum“ oder „Jesum Christum“,
    „Abendrot“ oder „Atemnot“,
    „Ariman“ oder „Ackermann“ usw. (S. 210).

    Während man diese Schilderung liest, kann man sich des Ein-
    falles nicht erwehren, daß mit ihr junge Mädchen gemeint sein

    1)C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. 1907.

  • S.

    33

    müssen, die man in kritischer Stimmung gerne mit Gänsen vergleicht,
    denen man ungalanterweise ein „Vogelgehirn“ zuschreibt, von denen
    man behauptet, daß sie nichts zu reden wissen als eingelernte Phrasen,
    und die ihre Unbildung durch die Verwechslung ähnlich klingender
    Fremdwörter verraten. Das „Verfluchter Kerl“, mit dem es ihnen
    allein Ernst ist, wäre dann der Triumph des jungen Mannes, der ihnen
    zu imponieren verstanden hat. Und siehe da, einige Seiten später
    (S. 214) stößt man auf die Sätze Schrebers, welche eine solche Deutung
    sicherstellen. „Einer großen Anzahl der übrigen Vogelseelen habe
    ich scherzweise zur Unterscheidung Mädchennamen beigelegt, da sie
    sich sämtlich nach ihrer Neugier, ihrem Hange zur Wollust usw. am
    ersten mit kleinen Mädchen vergleichen lassen. Diese Mädchennamen
    sind dann zum Teil auch von den Gottesstrahlen aufgegriffen und zur
    Bezeichnung der betreffenden Vogelseelen beibehalten worden“. Aus
    dieser mühelosen Deutung der „gewunderten Vögel“ entnimmt man
    dann einen Wink fürs Verständnis der rätselhaften „Vorhöfe des
    Himmels“.

    Ich verkenne nicht, daß es eines guten Stückes Takt und Zurück-
    haltung jedesmal bedarf, wenn man die typischen Fälle der Deutung
    in der psychoanalytischen Arbeit verläßt, und daß der Hörer oder Leser
    nur so weit mitgeht, als die von ihm gewonnene Vertrautheit mit der
    analytischen Technik ihm gestattet. Man hat also allen Grund vor-
    zusorgen, daß nicht dem gesteigerten Aufwand von Scharfsinn ein
    gemindertes Maß von Sicherheit und Glaubwürdigkeit parallel gehe.
    Es liegt dann in der Natur der Sache, daß der eine Arbeiter die Vorsicht,
    der andere die Kühnheit übertreiben wird. Die richtigen Grenzen der
    Berechtigung zur Deutung wird man erst nach vielerlei Versuchen
    und besserer Bekanntschaft mit dem Gegenstand abstecken können.
    Bei der Bearbeitung des Falles Schreber wird mir die Zurückhaltung
    durch den Umstand vorgeschrieben, daß die Widerstände gegen die
    Publikation der Denkwürdigkeiten doch den Erfolg gehabt haben,
    einen beträchtlichen Anteil des Materials und wahrscheinlich den für
    das Verständnis bedeutsamsten unserer Kenntnis zu entziehen1).

    1)Gutachten des Dr. Weber (S. 402): „Überblickt man den Inhalt seiner
    Schrift, berücksichtigt man die Fülle der Indiskretionen, die in bezug auf ihn
    und andere in ihr enthalten sind, die ungenierte Ausmalung der bedenklichsten
    und ästhetisch geradezu unmöglichen Situationen und Vorgänge, die Verwendung
    der anstößigsten Kraftausdrücke usw., so würde man es ganz unverständlich
    finden, daß ein Mann, der sich sonst durch Takt und Feingefühl ausgezeichnet
    Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 3

  • S.

    34

    So z. B. schließt das Kapitel III des Buches, das mit der vielver-
    sprechenden Ankündigung begonnen hat: „Ich behandle nun zunächst
    einige Vorkommnisse an anderen Mitgliedern meiner Familie,
    die denkbarerweise in Beziehung zu dem vorausgesetzten Seelen-
    morde stehen könnten, und die jedenfalls alle ein mehr oder weniger
    rätselhaftes, nach sonstigen menschlichen Erfahrungen schwer zu
    erklärendes Gepräge an sich tragen“ (S. 33) unmittelbar darauf mit
    dem Satze: Der weitere Inhalt des Kapitels kommt als zur Veröffentli-
    chung ungeeignet für den Druck in Wegfall. Ich werde also zufrieden
    sein müssen, wenn es mir gelingt, gerade den Kern der Wahnbildung
    mit einiger Sicherheit auf seine Herkunft aus bekannten menschlichen
    Motiven zurückzuführen.

    Ich werde in dieser Absicht ein Stückchen der Krankengeschichte
    nachtragen, welches in den Gutachten nicht entsprechend gewürdigt
    wird, obwohl der Kranke selbst alles dazu getan hat, es in den Vorder-
    grund zu drängen. Ich meine das Verhältnis Schrebers zu seinem
    ersten Arzte, dem Geheimrate Prof. Flechsig in Leipzig.

    Wir wissen bereits, daß der Fall Schrebers zu Anfang das Ge-
    präge des Verfolgungswahnes an sich trug, welches erst von dem Wende-
    punkte der Krankheit an (der „Versöhnung“) verwischt wurde. Die
    Verfolgungen werden dann immer erträglicher, der weltordnungs-
    mäßige Zweck der angedrohten Entmannung drängt das Schach-
    volle derselben zurück. Der Urheber aller Verfolgungen aber ist Flech-
    sig und er bleibt ihr Anstifter über den ganzen Verlauf der Krankheit1).

    Was nun eigentlich die Untat Flechsigs und welches seine
    Motive dabei waren, das wird von dem Kranken mit jener charakteristi-
    schen Unbestimmtheit und Unfaßbarkeit erzählt, welche als Kenn-
    zeichen einer besonders intensiven Wahnbildungsarbeit angesehen
    hat, eine ihn vor der Öffentlichkeit so schwer kompromittierende Handlung be-
    absichtigen könne, wenn eben nicht usw.“ – Von einer Krankengeschichte,
    die die gestörte Menschlichkeit und deren Ringen nach Wiederherstellung schildern
    soll, wird man eben nicht fordern dürfen, daß sie „diskret“ und „ästhetisch“
    ansprechend sei.

    1) Vorrede S. VIII: „Noch jetzt wird mir an jedem Tage Ihr Name von
    den mit mir redenden Stimmen in stets wiederkehrenden Zusammenhängen
    insbesondere als Urheber jener Schädigungen zu Hunderten von Malen zugerufen,
    obwohl die persönlichen Beziehungen, die eine Zeitlang zwischen uns bestanden
    haben, für mich längst in den Hintergrund getreten sind und ich selbst daher
    schwerlich irgendwelchen Anlaß hätte, mich Ihrer immer von neuem, insbesondere
    mit irgendwelcher grollenden Empfindung zu erinnern.“

  • S.

    35

    werden dürfen, wenn es gestattet ist, die Paranoia nach dem Vorbilde
    des um so viel besser bekannten Traumes zu beurteilen. Flechsig
    hat an dem Kranken einen „Seelenmord“ begangen oder versucht,
    ein Akt, der etwa den Bemühungen des Teufels und der Dämonen,
    sich einer Seele zu bemächtigen, gleichzustellen ist, und der vielleicht
    in Vorgängen zwischen längst verstorbenen Mitgliedern der Familien
    Flechsig und Schreber vorgebildet war1). Gerne möchte man über
    den Sinn dieses Seelenmordes mehr erfahren, aber hier versagen wiederum
    in tendenziöser Weise die Quellen. (S. 28): „Worin das eigentliche
    Wesen des Seelenmordes und sozusagen die Technik desselben besteht,
    vermag ich außer dem im obigen Angedeuteten nicht zu sagen. Hinzu-
    zufügen wäre nur noch etwa (folgt eine Stelle, die sich zur Veröffent-
    lichung nicht eignet)“. Infolge dieser Auslassung bleibt es für uns
    undurchsichtig, was unter dem „Seelenmord“ gemeint ist. Den ein-
    zigen Hinweis, welcher der Zensur entgangen ist, werden wir an anderer
    Stelle erwähnen.

    Wie dem immer sei, es erfolgte bald eine weitere Entwicklung
    des Wahnes, welche das Verhältnis des Kranken zu Gott betraf, ohne
    das zu Flechsig zu ändern. Hatte er bisher seinen eigentlichen Feind
    nur in Flechsig (oder vielmehr in dessen Seele) erblickt und Gottes
    Allmacht als seine Bundesgenossin betrachtet, so konnte er dann den
    Gedanken nicht abweisen, daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht
    gar Anstifter des gegen ihn gerichteten Planes sei (S. 59). Flechsig
    aber blieb der erste Verführer, dessen Einfluß Gott unterlegen war
    (S. 60). Er hatte es verstanden, sich mit seiner ganzen Seele oder einem
    Teile derselben zum Himmel aufzuschwingen und sich damit selbst –
    ohne Tod und vorgängige Peinigung – zum „Strahlenführer“ zu
    machen (S. 56)2). Diese Rolle behielt die Flechsigsche Seele bei,
    auch nachdem der Kranke die Leipziger Klinik mit der Piersonschen
    Anstalt vertauscht hatte. Der Einfluß der neuen Umgebung zeigte


    1)S. 22 und ff.

    2)Nach einer anderen bedeutungsvollen, aber bald abgewiesenen Version
    hatte sich Prof. Flechsig entweder zu Weißenburg im Elsaß oder im Polizei-
    gefängnis zu Leipzig erschossen. Patient sah seinen Leichenzug, der sich aber
    nicht in der Richtung bewegte, die man nach der Lage der Universitätsklinik
    zum Friedhof erwarten sollte. Andere Male erschien ihm Flechsig in Begleitung
    eines Schutzmannes oder in der Unterhaltung mit seiner Frau, deren Zeuge
    er im Wege des Nervenanhanges wurde, und wobei sich Prof. Flechsig seiner
    Frau gegenüber „Gott Flechsig“ nannte, so daß diese geneigt war, ihn für ver-
    rückt zu halten (S. 82).

  • S.

    36

    sich dann darin, daß zu ihr die Seele des Oberwärters, in dem der Kranke
    einen ehemaligen Hausgenossen erkannte, als v. W.sche Seele hinzu-
    trat1). Die Flechsigsche Seele führte dann die „Seelenteilung“ ein,
    die große Dimensionen annahm. Zu einer gewissen Zeit gab es 40 bis 60
    solcher Abspaltungen der Flechsigschen Seele; zwei größere Seelen-
    teile wurden der „obere Flechsig“ und der „mittlere Flechsig“
    genannt (S. 111). Ebenso verhielt sich die v. W.sche Seele (die des
    Oberwärters). Dabei wirkte es zuweilen sehr drollig, wie die beiden
    Seelen sich trotz ihrer Bundesgenossenschaft befehdeten, der Adels-
    stolz der einen und der Professorendünkel der anderen sich gegenseitig
    abstießen (S. 113). In den ersten Wochen seines endgültigen Auf-
    enthaltes auf dem Sonnenstein (Sommer 1894) trat die Seele des neuen
    Arztes Dr. Weber in Aktion, und bald darauf kam jener Umschwung
    in der Entwicklung des Wahnes, den wir als die „Versöhnung“ kennen
    gelernt haben.

    Während des späteren Aufenthaltes auf dem Sonnenstein, als
    Gott den Kranken besser zu würdigen begann, kam eine Razzia unter
    den lästigerweise vervielfältigten Seelen zustande, infolge deren
    die Flechsigsche Seele nur in ein oder zwei Gestalten, die v. W.sche
    in einziger Gestalt übrig blieb. Die letztere verschwand bald völlig;
    die Flechsigschen Seelenteile, die langsam ihre Intelligenz wie ihre
    Macht einbüßten, wurden dann als der „hintere Flechsig“ und als
    die „Je-nun-Partei“ bezeichnet. Daß die Flechsigsche Seele ihre
    Bedeutung bis zum Ende beibehielt, wissen wir aus der Vorrede, dem
    „offenen Brief an Herrn Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig“.

    Dieses merkwürdige Schriftstück drückt die sichere Überzeugung
    aus, daß der ihn beeinflussende Arzt auch selbst die gleichen Visionen
    gehabt und dieselben Aufschlüsse über übersinnliche Dinge erhalten
    habe wie der Kranke, und stellt die Verwahrung voran, daß dem Autor
    der Denkwürdigkeiten die Absicht eines Angriffes auf die Ehre des Arztes
    ferneliege. Dasselbe wird in den Eingaben des Kranken (S. 343, 445)
    mit Ernst und Nachdruck wiederholt; man sieht, er bemüht sich, die
    „Seele Flechsig“ von dem Lebenden dieses Namens, den wahnhaften
    von dem leibhaften Flechsig zu trennen2).


    1)Von diesem v. W. sagten ihm die Stimmen, er habe bei einer Enquête
    vorsätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über ihn ausgesagt, namentlich
    ihn der Onanie beschuldigt; zur Strafe sei ihm jetzt die Bedienung des Patienten
    auferlegt worden (S. 108).

    2)„Ich habe demnach auch als möglich anzuerkennen, daß alles, was in

  • S.

    37

    Aus dem Studium einer Reihe von Fällen des Verfolgungs-
    wahnes habe ich und haben andere den Eindruck empfangen, die
    Relation des Kranken zu seinem Verfolger sei durch eine einfache
    Formel aufzulösen1). Die Person, welcher der Wahn so große Macht
    und Einfluß zuschreibt, in deren Hand alle Fäden des Komplotts
    zusammenlaufen, sei, wenn sie bestimmt genannt wird, die nämliche,
    der vor der Erkrankung eine ähnlich große Bedeutung für das Gefühls-
    leben des Patienten zukam, oder eine leicht kenntliche Ersatzperson
    derselben. Die Gefühlsbedeutung wird als äußerliche Macht projiziert,
    der Gefühlston ins Gegenteil verkehrt; der jetzt wegen seiner Verfolgung
    Gehaßte und Gefürchtete sei ein einstiger Geliebter und Verehrter.
    Die vom Wahne statuierte Verfolgung diene vor allem dazu, die Ge-
    fühlsverwandlung im Kranken zu rechtfertigen.

    Wenden wir uns mit diesem Gesichtspunkte zu den Beziehungen,
    die zwischen dem Patienten und seinem Arzte und Verfolger Flechsig
    früher bestanden hatten. Wir wissen bereits, daß Schreber in den
    Jahren 1884 bis 1885 eine erste nervöse Erkrankung durchmachte,
    „die ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischen-
    fälle“ (S. 35) verlief. Während dieses als „Hypochondrie“ bezeichneten
    Zustandes, der anscheinend die Grenzen einer Neurose einhielt, war
    Flechsig der Arzt des Kranken. Schreber brachte damals 6 Monate
    in der Leipziger Universitätsklinik zu. Man erfährt, daß der Wieder-
    hergestellte seinen Arzt in guter Erinnerung behielt. „Die Hauptsache
    war, daß ich schließlich (nach einer längeren Rekonvaleszenzreise)
    geheilt wurde und ich konnte daher damals nur von Gefühlen lebhaften
    Dankes gegen Prof. Flechsig erfüllt sein, denen ich auch durch einen
    späteren Besuch und ein nach meinem Dafürhalten angemessenes
    Honorar noch besonderen Ausdruck gegeben habe.“ Es ist richtig,
    daß Schreber in den „Denkwürdigkeiten“ die Lobpreisung der ersten
    Behandlung Flechsigs nicht ohne einige Verklausulierungen vor-
    bringt, aber dies mag sich leicht aus der nun zum Gegensatze ver-
    den ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge berichtet worden
    ist, die mit dem Namen Flechsig in Verbindung stehen, nur auf die von dem
    lebenden Menschen zu unterscheidende Seele Flechsig sich bezieht, deren be-
    sondere Existenz zwar gewiß, auf natürlichem Wege aber nicht zu erklären ist“
    (S. 342).

    1)Vgl. K. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und
    der Dementia praecox. Zentralblatt f. Nervenh. u. Psychiatrie. Juliheft 1908. –
    In dieser Arbeit räumt mir der gewissenhafte Autor einen aus unserem Brief-
    verkehr stammenden Einfluß auf die Entwicklung seiner Ansichten ein.

  • S.

    38

    änderten Einstellung verstehen lassen. Auf die ursprüngliche Wärme
    der Empfindung für den erfolgreichen Arzt läßt die Bemerkung schließen,
    welche die angeführte Äußerung Schrebers fortsetzt. „Fast noch
    inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die in Prof.
    Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann wieder-
    geschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf
    ihrem Arbeitstische stehen hatte“ (S. 36).

    Da uns der Einblick in die Verursachung der ersten Erkrankung
    verwehrt ist, deren Verständnis für die Aufklärung der schwereren
    zweiten Krankheit gewiß unentbehrlich wäre, müssen wir jetzt aufs
    Geratewohl in einen uns unbekannten Zusammenhang hineingreifen.
    Wir wissen, in der Inkubationszeit der Krankheit (zwischen seiner
    Ernennung und seinem Amtsantritt, Juni bis Oktober 1893) fielen
    wiederholt Träume des Inhalts vor, daß die frühere Nervenkrankheit
    wiedergekehrt sei. Ferner trat einmal in einem Zustande von Halb-
    schlaf die Empfindung auf, es müsse doch schön sein, ein Weib zu sein,
    das dem Beischlaf unterliege. Bringen wir diese Träume und diese
    Phantasievorstellung, die bei Schreber in nächster Kontiguität
    mitgeteilt werden, auch in inhaltlichen Zusammenhang, so dürfen wir
    schließen, mit der Erinnerung an die Krankheit wurde auch die an
    den Arzt geweckt und die feminine Einstellung der Phantasie galt
    von Anfang an dem Arzte. Oder vielleicht hatte der Traum, die Krank-
    heit sei wiedergekehrt, überhaupt den Sinn einer Sehnsucht: Ich möchte
    Flechsig wieder einmal sehen. Unsere Unwissenheit über den psy-
    chischen Gehalt der ersten Krankheit läßt uns da nicht weiter kommen.
    Vielleicht war von diesem Zustande eine zärtliche Anhänglichkeit an
    den Arzt übrig geblieben, die jetzt – aus unbekannten Gründen –
    eine Verstärkung zur Höhe einer erotischen Zuneigung gewann. Es
    stellte sich sofort eine entrüstete Abweisung der noch unpersönlich-
    gehaltenen femininen Phantasie – ein richtiger „männlicher Protest“
    nach dem Ausdrucke, aber nicht im Sinne Alf. Adlers1) – ein;
    aber in der nun bald ausbrechenden schweren Psychose setzte sich
    die feminine Phantasie unaufhaltsam durch, und man braucht die
    paranoische Unbestimmtheit der Schreberschen Ausdrucksweise nur
    um Weniges zu korrigieren, um zu erraten, daß der Kranke einen

    1)Adler, Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose.
    Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 10. – Nach Adler ist der männliche Pro-
    test an der Entstehung des Symptoms beteiligt, im hier besprochenen Falle
    protestiert die Person gegen das fertige Symptom.

  • S.

    39

    sexuellen Mißbrauch von seiten des Arztes selbst befürchtete. Ein
    Vorstoß homosexueller Libido war also die Veranlassung dieser Er-
    krankung, das Objekt derselben war wahrscheinlich von Anfang an der
    Arzt Flechsig, und das Sträuben gegen diese libidinöse Regung er-
    zeugte den Konflikt, aus dem die Krankheitserscheinungen entsprangen.
    Ich mache vor einer Flut von Anwürfen und Einwendungen
    einen Augenblick Halt. Wer die heutige Psychiatrie kennt, darf sich
    auf Arges gefaßt machen.

    Ist es nicht eine unverantwortliche Leichtfertigkeit, Indiskretion
    und Verleumdung, einen ethisch so hochstehenden Mann wie den
    Senatspräsidenten a. D. Schreber der Homosexualität zu bezichtigen?
    Nein, der Kranke hat seine Phantasie der Verwandlung in ein Weib
    selbst der Mitwelt kundgegeben und sich aus Interessen höherer Einsicht
    über persönliche Empfindlichkeiten hinweggesetzt. Er hat uns also
    selbst das Recht gegeben, uns mit dieser Phantasie zu beschäftigen,
    und unsere Übersetzung in die medizinischen Kunstworte hat dem
    Inhalte derselben nicht das Mindeste hinzugefügt. – Ja, aber das tat
    er als Kranker; sein Wahn, in ein Weib verwandelt zu werden, war
    eine krankhafte Idee. – Das haben wir nicht vergessen. Wir haben es
    auch nur mit der Bedeutung und der Herkunft dieser krankhaften
    Idee zu tun. Wir berufen uns auf seine eigene Unterscheidung zwischen
    dem Menschen Flechsig und der „Flechsig-Seele“. Wir werfen
    ihm überhaupt nichts vor, weder daß er homosexuelle Regungen hatte,
    noch daß er sich bestrebte, sie zu verdrängen. Die Psychiater sollten
    endlich von diesem Kranken lernen, wenn er sich in all seinem Wahn
    bemüht, die Welt des Unbewußten nicht mit der Welt der Realität
    zu verwechseln.

    Aber es wird an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, daß die
    gefürchtete Verwandlung in ein Weib zum Vorteile Flechsigs erfolgen
    solle! – Das ist richtig, und es ist nicht schwer zu verstehen,
    daß in den für die Öffentlichkeit bestimmten Denkwürdigkeiten,
    die den Menschen „Flechsig“ nicht beleidigen wollten, eine so
    grelle Beschuldigung vermieden wird. Die durch solche Rücksicht
    hervorgerufene Milderung des Ausdruckes reicht aber nicht so weit, daß
    sie den eigentlichen Sinn der Anklage verdecken könnte. Man darf
    behaupten, es ist doch auch ausdrücklich gesagt, z. B. in folgender
    Stelle (S. 56): „Auf diese Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Kom-
    plott fertig (etwa im März oder April 1894), welches dahin ging, nach
    einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner Nerven-

  • S.

    40

    krankheit mich einem Menschen in der Weise auszuliefern,
    daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber, . . .
    in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem betreffen-
    den Menschen zum geschlechtlichen Mißbrauch überlassen . . .
    werden sollte1). Es ist überflüssig zu bemerken, daß keine andere
    Einzelperson je genannt wird, die man an die Stelle Flechsigs treten
    lassen könnte. Zu Ende des Aufenthaltes in der Leipziger Klinik taucht
    die Befürchtung auf, daß er zum Zwecke geschlechtlichen Mißbrauches
    „den Wärtern vorgeworfen werden sollte“ (S. 98). Die in der weiteren
    Entwicklung des Wahnes ohne Scheu bekannte feminine Einstellung
    gegen Gott löscht dann wohl den letzten Zweifel an der ursprünglich
    dem Arzte zugedachten Rolle aus. Der andere der gegen Flechsig
    erhobenen Vorwürfe hallt überlaut durch das Buch. Er habe Seelenmord
    an ihm versucht. Wir wissen bereits, daß der Tatbestand dieses Ver-
    brechens dem Kranken selbst unklar ist, daß er aber mit diskreten
    Dingen in Beziehung steht, die man von der Veröffentlichung aus-
    schließen muß. (Kapitel III.) Ein einziger Faden führt hier weiter.
    Der Seelenmord wird durch die Anlehnung an den Sageninhalt von
    Goethes „Faust“, Lord Byrons „Manfred“, Webers „Freischütz“ usw.
    erläutert (S. 22) und unter diesen Beispielen wird eines auch an anderer
    Stelle hervorgehoben. Bei der Besprechung der Spaltung Gottes in zwei
    Personen werden der „niedere“ und der „obere“ Gott von Schreber
    mit Ariman und Ormuzd identifiziert (S. 19) und etwas später steht die
    beiläufige Bemerkung: „Der Name Ariman kommt übrigens auch z. B.
    in Lord Byrons „Manfred“ im Zusammenhang mit einem Seelenmord
    vor“ (S. 20). In der so ausgezeichneten Dichtung findet sich kaum
    etwas, was man dem Seelenpakt im „Faust“ an die Seite stellen könnte,
    auch den Ausdruck „Seelenmord“ suchte ich dort vergeblich, wohl
    aber ist der Kern und das Geheimnis des Gedichtes ein – Geschwister-
    inzest. Hier reißt der kurze Faden wieder ab2).

    1)Diese Hervorhebungen habe ich angebracht.

    2)Zur Erhärtung der obenstehenden Behauptung: Manfred sagt dem
    Dämon, der ihn aus dem Leben holen will (Schlußszene):

    „… my past power
    was purchased by no compact with thy crew.“

    Es wird also dem Seelenpakte direkt widersprochen. Dieser Irrtum Schrebers
    ist wahrscheinlich nicht tendenzlos. – Es lag übrigens nahe, diesen Inhalt des
    Manfred mit der wiederholt behaupteten inzestuösen Beziehung des Dichters
    zu seiner Halbschwester in Zusammenhang zu bringen, und es bleibt auffällig,
    daß das andere Drama Byrons, der großartige Cain, in der Urfamilie spielt, in

  • S.

    41

    Indem wir uns vorbehalten, auf weitere Einwendungen im Ver-
    laufe dieser Arbeit zurückzukommen, wollen wir uns nun für berechtigt
    erklären, an einem Ausbruch einer homosexuellen Regung als Grund-
    lage der Erkrankung Schrebers festzuhalten. Zu dieser Annahme
    stimmt ein beachtenswertes, sonst nicht zu erklärendes Detail der
    Krankengeschichte. Ein weiterer und für den Verlauf entscheidender
    „Nervensturz“ trat bei dem Kranken ein, während seine Frau einen
    kurzen Urlaub zu ihrer eigenen Erholung nahm. Sie hatte bis dahin
    täglich mehrere Stunden bei ihm verbracht und die Mittagsmahlzeiten
    mit ihm eingenommen. Als sie nach viertägiger Abwesenheit zurück-
    kam, traf sie ihn aufs Traurigste verändert, so daß er selbst sie nicht
    mehr zu sehen wünschte. „Entscheidend für meinen geistigen Zusammen-
    bruch war namentlich eine Nacht, in welcher ich eine ganz ungewöhn-
    liche Anzahl von Pollutionen (wohl ein halbes Dutzend) in dieser einen
    Nacht hatte“ (S. 44). Wir verstehen es wohl, daß bloß von der Anwesen-
    heit der Frau schützende Einflüsse gegen die Anziehung der ihn um-
    gebenden Männer ausgingen, und wenn wir zugeben, daß ein Pollutions-
    vorgang bei einem Erwachsenen nicht ohne seelische Mitbeteiligung
    erfolgen kann, werden wir zu den Pollutionen jener Nacht unbewußt
    gebliebene homosexuelle Phantasien ergänzen.

    Warum dieser Ausbruch homosexueller Libido den Patienten
    gerade zu jener Zeit, in der Situation zwischen der Ernennung und der
    Übersiedlung traf, das können wir ohne genauere Kenntnis seiner
    Lebensgeschichte nicht erraten. Im allgemeinen schwankt der Mensch
    sein Leben lang zwischen heterosexuellem und homosexuellem Fühlen,
    und Versagung oder Enttäuschung von der einen Seite pflegt ihn zur
    anderen hinüberzudrängen. Von diesen Momenten ist uns bei Schreber
    nichts bekannt; wir wollen aber nicht versäumen, auf einen somatischen
    Faktor aufmerksam zu machen, der sehr wohl in Betracht kommen
    könnte. Dr. Schreber war zur Zeit dieser Erkrankung 51 Jahre alt,
    er befand sich in jener für das Sexualleben kritischen Lebenszeit,
    in welcher nach vorheriger Steigerung die sexuelle Funktion des Weibes
    eine eingreifende Rückbildung erfährt, von deren Bedeutsamkeit aber

    welcher der Inzest unter Geschwistern vorwurfsfrei bleiben muß. – Auch
    wollen wir das Thema des Seelenmordes nicht verlassen, ohne noch folgender
    Stelle zu gedenken (S. 23): „wobei in früherer Zeit Flechsig als Urheber des
    Seelenmords genannt wurde, während man jetzt schon seit längerer Zeit in be-
    absichtigter Umkehr des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord
    getrieben habe, „darstellen“ will, ….“

  • S.

    42

    auch der Mann nicht ausgenommen zu sein scheint; es gibt auch für den
    Mannein „Klimakterium“ mit den abfolgenden Krankheitsdispositionen1).

    Ich kann es mir denken, wie mißlich die Annahme erscheinen muß,
    daß eine Empfindung von Sympathie für einen Arzt bei einem Manne
    acht Jahre später2) plötzlich verstärkt hervorbrechen und zum Anlaß
    einer so schweren Seelenstörung werden kann. Ich meine aber, wir haben
    nicht das Recht, eine solche Annahme, wenn sie uns sonst empfohlen
    wird, ihrer inneren Unwahrscheinlichkeit wegen fallen zu lassen, anstatt
    zu versuchen, wie weit man mit ihrer Durchführung kommt. Diese
    Unwahrscheinlichkeit mag eine vorläufige sein und daher rühren, daß
    die fragliche Annahme noch in keinen Zusammenhang eingereiht ist,
    daß sie die erste Annahme ist, mit welcher wir an das Problem heran-
    treten. Wer sein Urteil nicht in der Schwebe zu halten versteht und unsere
    Annahme durchaus unerträglich findet, dem können wir leicht eine
    Möglichkeit zeigen, durch welche dieselbe ihren befremdenden Charakter
    verliert. Die Sympathieempfindung für den Arzt kann leicht einem
    „Übertragungsvorgang“ entstammen, durch welchen eine Gefühls-
    besetzung beim Kranken von einer für ihn bedeutsamen Person auf die
    eigentlich indifferente des Arztes verlegt wird, so daß der Arzt zum
    Ersatzmann, zum Surrogat, für einen dem Kranken weit näher Stehen-
    den erwählt erscheint. Konkreter gesprochen, der Kranke ist durch
    den Arzt an das Wesen seines Bruders oder seines Vaters erinnert
    worden, hat seinen Bruder oder Vater in ihm wiedergefunden, und dann
    hat es unter gewissen Bedingungen nichts Befremdendes mehr, wenn
    die Sehnsucht nach dieser Ersatzperson bei ihm wieder auftritt und
    mit einer Heftigkeit wirkt, die sich nur aus ihrer Herkunft und ur-
    sprünglichen Bedeutung verstehen läßt.

    Im Interesse dieses Erklärungsversuches mußte es mir wissens-
    wert erscheinen, ob der Vater des Patienten zur Zeit seiner Erkrankung
    noch am Leben war, ob er einen Bruder gehabt, und ob dieser zur
    gleichen Zeit ein Lebender oder ein „Seliger“ war. Ich war also befriedigt,
    als ich nach langem Suchen in den Denkwürdigkeiten endlich auf eine
    Stelle stieß, in welcher der Kranke diese Unsicherheit durch die Worte

    1)Ich verdanke die Kenntnis des Alters Schrebers bei seiner Erkrankung
    einer freundlichen Mitteilung von seiten seiner Verwandten, die Herr Dr. Steg-
    mann in Dresden für mich eingeholt hat. In dieser Abhandlung ist aber sonst
    nichts anderes verwertet, als was aus dem Text der „Denkwürdigkeiten“ selbst
    hervorgeht.

    2)Das Intervall zwischen der ersten und der zweiten Erkrankung Schrebers.

  • S.

    43

    behebt (S. 442): „Das Andenken meines Vaters und meines Bruders
    ist mir so heilig wie usw.“ Beide waren also zur Zeit der zweiten Er-
    krankung (vielleicht auch der ersten?) schon verstorben.

    Ich denke, wir sträuben uns nicht weiter gegen die Annahme,
    daß der Anlaß der Erkrankung das Auftreten einer femininen (passiv-
    homosexuellen) Wunschphantasie war, welche die Person des Arztes
    zu ihrem Objekte genommen hatte. Gegen dieselbe erhob sich von seiten
    der Persönlichkeit Schrebers ein intensiver Widerstand, und der Ab-
    wehrkampf, der vielleicht ebensowohl in anderen Formen sich hätte
    vollziehen können, wählte aus uns unbekannten Gründen die Form des
    Verfolgungswahnes. Der Ersehnte wurde jetzt zum Verfolger, der Inhalt
    der Wunschphantasie zum Inhalte der Verfolgung. Wir vermuten,
    daß diese schematische Auffassung sich auch bei anderen Fällen von
    Verfolgungswahn als durchführbar erweisen wird. Was aber den Fall
    Schreber vor anderen auszeichnet, das ist die Entwicklung, die er nimmt,
    und die Verwandlung, der er im Laufe dieser Entwicklung unterliegt.

    Die eine dieser Wandlungen besteht in der Ersetzung Flechsigs
    durch die höhere Person Gottes; sie scheint zunächst eine Verschärfung
    des Konfliktes, eine Steigerung der unerträglichen Verfolgung zu
    bedeuten, aber es zeigt sich bald, daß sie die zweite Wandlung und mit
    ihr die Lösung des Konfliktes vorbereitet. Wenn es unmöglich war,
    sich mit der Rolle der weiblichen Dirne gegen den Arzt zu befreunden,
    so stößt die Aufgabe, Gott selbst die Wollust zu bieten, die er sucht,
    nicht auf den gleichen Widerstand des Ichs. Die Entmannung ist kein
    Schimpf mehr, sie wird „weltordnungsgemäß“, tritt in einen großen
    kosmischen Zusammenhang ein, dient den Zwecken einer Neuschöpfung
    der untergegangenen Menschenwelt. „Neue Menschen aus Schreber-
    schem Geist“ werden in dem sich verfolgt Wähnenden ihren Ahnen ver-
    ehren. Somit ist ein Ausweg gefunden, der beide streitenden Teile be-
    friedigt. Das Ich ist durch den Größenwahn entschädigt, die feminine
    Wunschphantasie aber ist durchgedrungen, akzeptabel geworden. Kampf
    und Krankheit können aufhören. Nur daß die unterdes erstarkte Rück-
    sicht auf die Wirklichkeit dazu nötigt, diese Lösung aus der Gegenwart
    in die fernere Zukunft zu verschieben, sich mit einer sozusagen assymp-
    totischen Wunscherfüllung zu begnügen1). Die Verwandlung in ein

    1)„Nur als Möglichkeiten, die hierbei in Betracht kämen, erwähne ich
    eine doch noch etwa zu vollziehende Entmannung mit der Wirkung, daß im Wege
    göttlicher Befruchtung eine Nachkommenschaft aus meinem Schoß hervorginge“
    heißt es gegen Ende des Buches, S. 290.

  • S.

    44

    Weib wird voraussichtlich irgend einmal eintreten; bis dahin wird die
    Person des Dr. Schreber unzerstörbar bleiben.

    In den Lehrbüchern der Psychiatrie ist häufig die Rede von
    einer Entwicklung des Größenwahnes aus dem Verfolgungswahn, die
    auf folgende Art vor sich gehen soll: Der Kranke, der primär vom Wahn
    befallen worden ist, Gegenstand der Verfolgung von seiten der stärksten
    Mächte zu sein, fühlt das Bedürfnis, sich diese Verfolgung zu erklären,
    und gerät so auf die Annahme, er sei selbst eine großartige Persönlich-
    keit, einer solchen Verfolgung würdig. Die Auslösung des Größen-
    wahnes wird somit einem Vorgange zugeschrieben, den wir nach einem
    guten Wort von E. Jones „Rationalisierung“ heißen. Wir halten
    es aber für ein ganz und gar unpsychologisches Vorgehen, einer Ratio-
    nalisierung so stark affektive Konsequenzen zuzutrauen, und wollen
    unsere Meinung daher scharf sondern von der aus den Lehrbüchern
    zitierten. Wir behaupten zunächst nicht, die Quelle des Größenwahnes
    zu kennen.

    Wenn wir nun zum Falle Schreber zurückkehren, müssen wir
    gestehen, daß die Durchleuchtung der Wandlung in seinem Wahn ganz
    außerordentliche Schwierigkeiten bietet. Auf welchen Wegen und
    mit welchen Mitteln vollzieht sich der Aufstieg von Flechsig zu Gott?
    Woher bezieht er den Größenwahn, der in so glücklicher Weise eine Ver-
    söhnung mit der Verfolgung ermöglicht, analytisch ausgedrückt, die
    Annahme der zu verdrängenden Wunschphantasie gestattet? Die
    Denkwürdigkeiten geben uns hier zunächst einen Anhaltspunkt, indem
    sie uns zeigen, daß für den Kranken „Flechsig“ und „Gott“ in einer
    Reihe liegen. Eine Phantasie läßt ihn ein Gespräch Flechsigs mit
    seiner Frau belauschen, in dem dieser sich als „Gott Flechsig“ vor-
    stellt und darob von ihr für verrückt gehalten wird (S. 82), ferner aber
    werden wir auf folgenden Zug der Schreberschen Wahnbildung auf-
    merksam. Wie der Verfolger sich, wenn wir das Ganze des Wahnes
    überblicken, in Flechsig und Gott zerlegt, so spaltet sich Flechsig
    selbst später in zwei Persönlichkeiten, in den „oberen“ und den „mitt-
    leren“ Flechsig und Gott in den „niederen“ und den „oberen“ Gott.
    Bei Flechsig geht die Zerlegung in späten Stadien der Krankheit noch
    weiter (S. 193). Eine solche Zerlegung ist für die Paranoia recht charak-
    teristisch. Die Paranoia zerlegt sowie die Hysterie verdichtet. Oder
    vielmehr die Paranoia bringt die in der unbewußten Phantasie vor-
    genommenen Verdichtungen und Identifizierungen wieder zur Auf-
    lösung. Daß diese Zerlegung bei Schreber mehrmals wiederholt wird,

  • S.

    45

    ist nach C. G. Jung1) Ausdruck der Bedeutsamkeit der betreffenden
    Person. Alle diese Spaltungen Flechsigs und Gottes in mehrere Per-
    sonen bedeuten also das nämliche wie die Zerteilung des Verfolgers
    in Flechsig und Gott. Es sind Doublierungen desselben bedeutsamen
    Verhältnisses, wie sie O. Rank in den Mythenbildungen erkannt hat2).
    Für die Deutung all dieser Einzelzüge erübrigt uns aber der Hinweis
    auf die Zerlegung des Verfolgers in Flechsig und Gott und die Auf-
    fassung dieser Zerlegung als paranoide Reaktion auf eine vorhanden
    gewesene Identifizierung der beiden oder ihre Zugehörigkeit zur näm-
    lichen Reihe. Wenn der Verfolger Flechsig einstmals eine geliebte
    Person war, so ist Gott auch nur die Wiederkehr einer anderen ähnlich
    geliebten, aber wahrscheinlich bedeutsameren.

    Setzen wir diesen berechtigt scheinenden Gedankengang fort,
    so müssen wir uns sagen, diese andere Person kann niemand anderer
    als der Vater sein, womit ja Flechsig um so deutlicher in die Rolle
    des (hoffentlich älteren)3) Bruders gedrängt wird. Die Wurzel jener
    femininen Phantasie, die so viel Widerstreben beim Kranken entfesselte,
    wäre also die zu erotischer Verstärkung gelangte Sehnsucht nach
    Vater und Bruder gewesen, von denen die letztere durch Übertragung
    auf den Arzt Flechsig überging, während mit ihrer Zurückführung
    auf die erstere ein Ausgleich des Kampfes erzielt wurde.

    Soll uns die Einführung des Vaters in den Schreberschen Wahn
    gerechtfertigt erscheinen, so muß sie unserem Verständnis Nutzen
    bringen, uns noch unbegreifliche Einzelheiten des Wahnes aufklären
    helfen. Wir erinnern uns ja, welche sonderbaren Züge wir an dem Schre-
    berschen Gott und an Schrebers Verhältnis zu seinem Gott fanden.
    Es war die merkwürdigste Vermengung von blasphemischer Kritik
    und rebellischer Auflehnung mit verehrungsvoller Ergebenheit. Gott,

    1)C. G. Jung, Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. Zentralblatt
    für Psychoanalyse Nr. 3, 1910. Es ist wahrscheinlich richtig, wenn Jung
    fortfährt, daß diese Zerlegung, der allgemeinen Tendenz der Schizophrenie ent-
    sprechend, eine analytisch depotenzierende ist, welche das Zustandekommen
    zu starker Eindrücke verhindern soll. Die Rede einer seiner Patientinnen: „Ah,
    sind Sie auch ein Dr. J., heute morgen war schon einer bei mir, der sich für Dr. J.
    ausgab,“ ist aber zu übersetzen durch ein Geständnis: Jetzt erinnern Sie mich
    wieder an einen anderen aus der Reihe meiner Übertragungen als bei Ihrem
    vorigen Besuch.

    2)O. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. Schriften zur an-
    gewandten Seelenkunde Nr. V, 1909.

    3)Es ist hierüber aus den Denkwürdigkeiten kein Aufschluß zu gewinnen.

  • S.

    46

    der dem verführenden Einfluß Flechsigs unterlag, war nicht fähig,
    etwas aus der Erfahrung zu lernen, kannte den lebenden Menschen nicht,
    weil er nur mit Leichen umzugehen verstand, und äußerte seine Macht
    in einer Reihe von Wundern, die auffällig genug, dabei aber insipid
    und läppisch waren.

    Nun war der Vater des Senatspräsidenten Dr. Schreiber kein
    unbedeutender Mensch gewesen. Es war der Dr. Daniel Gottlieb
    Moritz Schreiber, dessen Andenken heute noch von den besonders
    in Sachsen zahlreichen Schreiber-Vereinen festgehalten wird, ein –
    Arzt, dessen Bemühungen um die harmonische Ausbildung der Jugend,
    um das Zusammenwirken von Familien- und Schulerziehung, um die
    Verwendung der Körperpflege und Körperarbeit zur Hebung der
    Gesundheit nachhaltige Wirkung auf die Zeitgenossen geübt haben1).
    Von seinem Ruf als Begründer der Heilgymnastik in Deutschland
    zeugen noch die zahlreichen Auflagen, in denen seine „Ärztliche Zimmer-
    gymnastik“ in unseren Kreisen verbreitet ist.

    Ein solcher Vater war gewiß nicht ungeeignet dazu, in der zärt-
    lichen Erinnerung des Sohnes, dem er so früh durch den Tod entzogen
    wurde, zum Gotte verklärt zu werden. Für unser Gefühl besteht zwar
    eine unausfüllbare Kluft zwischen der Persönlichkeit Gottes und der
    irgend eines, auch des hervorragendsten Menschen. Aber wir müssen
    daran denken, daß dies nicht immer so war. Den alten Völkern standen
    ihre Götter menschlich näher. Bei den Römern wurde der verstorbene
    Imperator regelrecht deifiziert. Der nüchterne und tüchtige Vespasianus
    sagte bei seinem ersten Krankheitsanfall: Weh mir, ich glaube, ich werde
    ein Gott2).

    Die infantile Einstellung des Knaben zu seinem Vater ist uns genau
    bekannt; sie enthält die nämliche Vereinigung von verehrungsvoller
    Unterwerfung und rebellischer Auflehnung, die wir im Verhältnisse
    Schreibers zu seinem Gott gefunden haben, sie ist das unverkennbare,

    1)Ich verdanke der gütigen Zusendung meines Kollegen Dr. Stegmann
    in Dresden die Einsicht in eine Nummer einer Zeitschrift, die sich „Der Freund
    der Schreiber-Vereine“ betitelt. Es sind in ihr (II. Jahrgang, Heft X) zur
    einhundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages Dr. Schreibers biographische
    Daten über das Leben des gefeierten Mannes gegeben. Dr. Schreiber sen. wurde
    1808 geboren und starb 1861, nur 53 Jahre alt. Ich weiß aus der früher erwähnten
    Quelle, daß unser Patient damals 19 Jahre alt war.

    2)Suetonius’ Kaiserbiographien, Kap. 23. Diese Vergottung nahm mit
    C. Julius Caesar ihren Anfang. Augustus nannte sich in seinen Inschriften „Divi
    filius“.

  • S.

    47

    getreulich kopierte Vorbild dieses letzteren. Daß aber der Vater Schre-
    bers ein Arzt und zwar ein hochangesehener und gewiß von seinen
    Patienten verchrter Arzt war, erklärt uns die auffälligsten Charakter-
    züge, die Schreber an seinem Gotte kritisch hervorhebt. Kann es
    einen stärkeren Ausdruck des Hohnes auf einen solchen Arzt geben,
    als wenn man von ihm behauptet, daß er vom lebenden Menschen nichts
    versteht und nur mit Leichen umzugehen weiß? Es gehört gewiß zum
    Wesen Gottes, daß er Wunder tut, aber auch ein Arzt tut Wunder,
    wie ihm seine enthusiastischen Klienten nachsagen, er vollbringt wunder-
    bare Heilungen. Wenn dann gerade diese Wunder, zu denen die Hypo-
    chondrie des Kranken das Material geliefert hat, so unglaubwürdig,
    absurd und teilweise läppisch ausfallen, so werden wir an die Behaup-
    tung der „Traumdeutung“ gemahnt, daß die Absurdität im Traume
    Spott und Hohn ausdrücke1). Sie dient also denselben Darstellungs-
    zwecken bei der Paranoia. Für andere Vorwürfe, z. B. den, daß Gott
    aus Erfahrung nichts lerne, liegt die Auffassung nahe, daß wir es mit dem
    Mechanismus der infantilen „Retourkutsche“ zu tun haben2), der einen
    empfangenen Vorwurf unverändert auf den Absender zurückwendet,
    ähnlich wie die S. 23 erwähnten Stimmen vermuten lassen, daß die gegen
    Flechsigs erhobene Anschuldigung des „Seelenmordes“ ursprünglich
    eine Selbstanklage war3).

    Durch diese Brauchbarkeit des väterlichen Berufes zur Aufklärung
    der besonderen Eigenschaften des Schreberschen Gottes kühn gemacht,
    können wir es nun wagen, die merkwürdige Gliederung des göttlichen
    Wesens durch eine Deutung zu erläutern. Die Gotteswelt besteht be-
    kanntlich aus den „vorderen Gottesreichen“, die auch „Verhöfe des
    Himmels“ genannt werden und die abgeschiedenen Menschenseelen
    enthalten, und aus dem „niederen“ und „oberen“ Gott, die zusammen
    „hintere Gottesreiche“ heißen (S. 19). Wenn wir auch darauf gefaßt
    sind, eine hier vorliegende Verdichtung nicht auflösen zu können, so
    wollen wir doch den früher gewonnenen Fingerzeig, daß die „gewun-
    derten“, als Mädchen entlarvten Vögel von den Vorhöfen des Himmels

    1)Traumdeutung, 2. Auflage, S. 267.

    2)Einer solchen Revanche sieht es außerordentlich ähnlich, wenn der
    Kranke sich eines Tages den Satz aufzeichnet: „Jeder Versuch einer er-
    zieherischen Wirkung nach außen muß als aussichtslos aufge-
    geben werden“ (S. 188). Der Unerziehbare ist Gott.

    3)„Während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr
    des Verhältnisses sich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe,
    ‚darstellen‘ will,“ usw.

  • S.

    48

    abgeleitet werden, dazu verwenden, um die vorderen Gottesreiche
    und Vorhöfe des Himmels als Symbolik für die Weiblichkeit, die
    hinteren Gottesreiche als eine solche für die Männlichkeit in Anspruch
    zu nehmen. Wüßte man sicher, daß der verstorbene Bruder Schreibers
    ein älterer war, so dürfte man die Zerlegung Gottes in den niederen
    und oberen Gott als den Ausdruck der Erinnerung ansehen, daß
    nach dem frühen Tode des Vaters der ältere Bruder die Stellung des
    Vaters übernahm.

    Endlich will ich in diesem Zusammenhange der Sonne ge-
    denken, die ja durch ihre „Strahlen“ zu so großer Bedeutung für
    den Ausdruck des Wahnes geworden ist. Schreiber hat zur Sonne
    ein ganz besonderes Verhältnis. Sie spricht mit ihm in menschlichen
    Worten und gibt sich ihm damit als belebtes Wesen oder als Organ eines
    noch hinter ihr stehenden höheren Wesens zu erkennen (S. 9). Aus
    einem ärztlichen Gutachten erfahren wir, daß er sie „geradezu brüllend
    mit Droh-
    und Schimpfworten anschreit“ (S. 382)1), daß er ihr
    zuruft, sie müsse sich vor ihm verkriechen. Er teilt selbst mit, daß
    die Sonne vor ihm erbleicht2). Der Anteil, den sie an seinem Schick-
    sale hat, gibt sich dadurch kund, daß sie wichtige Veränderungen
    ihres Aussehens zeigt, sobald bei ihm Änderungen im Gange sind, z. B. in
    den ersten Wochen seines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein (S. 135).
    Die Deutung dieses Sonnenmythos macht uns Schreiber leicht. Er
    identifiziert die Sonne geradezu mit Gott, bald mit dem niederen
    Gott (Ariman)3), bald mit dem oberen (S. 137). „An dem darauffolgenden
    Tage… sah ich den oberen Gott (Ormuzd) diesmal nicht mit meinem
    geistigen Auge, sondern mit meinem leiblichen Auge. Es war die Sonne,
    aber nicht die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen Menschen bekannten
    Erscheinung, sondern usw.“ Es ist also nur folgerichtig, wenn er sie
    nicht anders als Gott selbst behandelt.

    Ich bin für die Eintönigkeit der psychoanalytischen Lösungen


    1)„Die Sonne ist eine Hure“ (S. 384).

    2)(S. 139, Anmerkung): „Übrigens gewährt mir auch jetzt noch die Sonne
    zum Teil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krankheit von ihr
    hatte. Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn ich gegen dieselbe gewendet laut
    spreche. Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde davon nur in sehr bescheide-
    nem Maße geblendet, während in gesunden Tagen bei mir, wie wohl bei anderen
    Menschen, ein minutenlanges Hineinsehen in die Sonne gar nicht möglich ge-
    wesen wäre.“

    3)(S. 88): „Dieser wird jetzt (seit Juli 1894) von den zu mir redenden
    Stimmen mit der Sonne geradezu identifiziert.“

  • S.

    49

    nicht verantwortlich, wenn ich geltend mache, daß die Sonne nichts
    anderes ist als wiederum ein sublimiertes Symbol des Vaters. Die Sym-
    bolik setzt sich hier über das grammatikalische Geschlecht hinaus;
    wenigstens im Deutschen, denn in den meisten anderen Sprachen ist
    die Sonne ein Maskulinum. Ihr Widerpart in dieser Spiegelung des
    Elternpaares ist die allgemein so bezeichnete „Mutter Erde“. In der
    psychoanalytischen Auflösung pathogener Phantasien bei Neurotikern
    findet man oft genug die Bestätigung für diesen Satz. Auf die Beziehung
    zu kosmischen Mythen will ich nur mit diesem einen Wort verweisen.
    Einer meiner Patienten, der seinen Vater früh verloren hatte und ihn
    in allem Großen und Erhabenen der Natur wiederzufinden suchte,
    machte es mir wahrscheinlich, daß der Hymnus Nietzsches „Vor Sonnen-
    aufgang“ der gleichen Sehnsucht Ausdruck gebe1). Ein anderer, der in
    seiner Neurose nach dem Tode des Vaters den ersten Angst- und Schwindel-
    anfall bekam, als ihn die Sonne während der Gartenarbeit mit dem
    Spaten beschien, vertrat selbständig die Deutung, er habe sich geängstigt,
    weil ihm der Vater zugeschaut, wie er mit einem scharfen Instrument
    die Mutter bearbeitete. Als ich nüchternen Einspruch wagte, machte
    er seine Auffassung durch die Mitteilung plausibler, er habe den Vater
    schon bei Lebzeiten mit der Sonne verglichen, allerdings damals in
    parodierender Absicht. So oft er gefragt worden sei, wohin sein Vater
    in diesem Sommer gehe, habe er die Antwort mit den tönenden Worten
    des „Prolog im Himmel“ gegeben:

    „Und seine vorgeschriebene Reise,
    Vollendet er mit Donnergang“.

    Der Vater pflegte jedes Jahr auf ärztlichen Rat den Kurort Marien-
    bad zu besuchen. Bei diesem Kranken hatte sich die infantile Ein-
    stellung gegen den Vater zweizeitig durchgesetzt. Solange der Vater
    lebte, volle Auflehnung und offenes Zerwürfnis; unmittelbar nach
    seinem Tode eine Neurose, die sich auf sklavische Unterwerfung und
    nachträglichen Gehorsam gegen den Vater gründete.

    Wir befinden uns also auch im Falle Schreber auf dem wohl-
    vertrauten Boden des Vaterkomplexes2). Wenn sich dem Kranken der
    Kampf mit Flechsig als ein Konflikt mit Gott enthüllt, so müssen wir
    diesen in einen infantilen Konflikt mit dem geliebten Vater übersetzen,

    1)„Also sprach Zarathustra“. Dritter Teil. – Auch Nietzsche hatte seinen
    Vater nur als Kind gekannt.

    2)Wie auch die „feminine Wunschphantasie“ Schrebers nur eine der
    typischen Gestaltungen des infantilen Kernkomplexes ist.

    Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 4

  • S.

    50

    dessen uns unbekannte Einzelheiten den Inhalt des Wahnes bestimmt
    haben. Es fehlt nichts von dem Material, das sonst durch die Analyse
    in solchen Fällen aufgedeckt wird, alles ist durch irgendwelche An-
    deutungen vertreten. Der Vater erscheint in diesen Kindererlebnissen als
    der Störer der vom Kinde gesuchten, meist autoerotischen Befriedigung,
    die in der Phantasie später oft durch eine minder ruhmlose ersetzt
    wird1). Im Ausgang des Schreberschen Wahnes feiert die infantile
    Sexualstrebung einen großartigen Triumph; die Wollust wird gottes-
    fürchtig, Gott selbst (der Vater) läßt nicht ab, sie von dem Kranken
    zu fordern. Die gefürchtetste Drohung des Vaters, die der Kastration,
    hat der zuerst bekämpften und dann akzeptierten Wunschphantasie
    der Verwandlung in ein Weib geradezu den Stoff geliehen. Der Hinweis
    auf eine Verschuldung, die durch die Ersatzbildung „Seelenmord“
    gedeckt wird, ist überdeutlich. Der Oberwärter wird mit jenem Haus-
    genossen v. W. identisch gefunden, der ihn nach Angabe der Stimmen
    fälschlich der Onanie beschuldigt hat (S. 108). Die Stimmen sagen,
    gleichsam in der Begründung der Kastrationsdrohung (S. 127): „Sie
    sollen nämlich als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt
    werden2).“ Endlich ist der Denkwang (S. 47), dem sich der Kranke
    unterwirft, weil er annimmt, Gott werde glauben, er sei blödsinnig
    geworden und sich von ihm zurückziehen, wenn er einen Moment zu
    denken aussetze, die uns auch anderswoher bekannte Reaktion gegen
    die Drohung oder Befürchtung, man werde durch sexuelle Betätigung,
    speziell durch Onanie, den Verstand verlieren3). Bei der Unsumme
    hypochondrischer Wahnideen4), die der Kranke entwickelt, ist vielleicht
    kein großer Wert darauf zu legen, daß sich einige derselben mit den
    hypochondrischen Befürchtungen der Onanisten wörtlich berühren5).

    1)Vgl. die Bemerkungen zur Analyse des „Rattenmannes“. Dieses Jahr
    buch I, 1909, S. 393.

    2)Die Systeme des „Darstellens und Aufschreibens“ (S. 126) deuten in
    Verbindung mit den „geprüften Seelen“ auf Schulerlebnisse hin.

    3)(S. 206): „Daß dies das erstrebte Ziel sei, wurde früher ganz offen in der
    vom oberen Gott ausgehenden, unzählige Male von mir gehörten Phrase „Wir
    wollen Ihnen den Verstand zerstören“ eingestanden.“

    4)Ich will es nicht unterlassen hier zu bemerken, daß ich eine Theorie
    der Paranoia erst dann für vertrauenswert halten werde, wenn es ihr gelungen
    ist, die fast regelmäßigen hypochondrischen Begleitsymptome in ihren Zu-
    sammenhang einzufügen. Es scheint mir, daß der Hypochondrie dieselbe Stellung
    zur Paranoia zukommt wie der Angstneurose zur Hysterie.

    5)(S. 154): „Man versuchte mir daher das Rückenmark auszupumpen,
    was durch sogenannte „kleine Männer“, die man mir in die Füße setzte, geschah.

  • S.

    51

    Wer in der Deutung dreister wäre als ich oder durch Beziehungen
    zur Familie Schreibers mehr von Personen, Milieu und kleinen Vor-
    fällen wüßte, dem müßte es ein leichtes sein, ungezählte Einzelheiten
    des Schreiberschen Wahnes auf ihre Quellen zurückzuführen und somit
    in ihrer Bedeutung zu erkennen, und dies trotz der Zensur, der die „Denk-
    würdigkeiten“ unterlegen sind. Wir müssen uns notgedrungen mit einer
    so schattenhaften Skizzierung des infantilen Materiales begnügen, in wel-
    chem die paranoische Erkrankung den aktuellen Konflikt dargestellt hat.
    Zur Begründung jenes um die feminine Wunschphantasie aus-
    gebrochenen Konfliktes darf ich vielleicht noch ein Wort hinzufügen.
    Wir wissen, daß wir die Aufgabe haben, das Hervortreten einer Wunsch-
    phantasie mit einer Versagung, einer Entbehrung im realen Leben
    in Zusammenhang zu bringen. Nun gesteht uns Schreiber eine solche
    Entbehrung ein. Seine sonst als glücklich geschilderte Ehe brachte
    ihm nicht den Kindersegen, vor allem nicht den Sohn, der ihn für den
    Verlust von Vater und Bruder getröstet hätte, auf den die unbefriedigte
    homosexuelle Zärtlichkeit hätte abströmen können1). Sein Geschlecht
    drohte auszusterben und es scheint, daß er stolz genug war auf seine
    Abstammung und Familie (S. 24). „Die Flechsigs und die Schreibers
    gehörten nämlich beide, wie der Ausdruck lautete, „dem höchsten
    himmlischen Adel“ an. Die Schreibers führten insbesondere den
    Titel „Markgrafen von Tuscien und Tasmanien“, entsprechend einer
    Gewohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitelkeit folgend,
    mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu schmücken2). Der große

    Über diese „kleinen Männer“, die mit der bereits in Kap. VI besprochenen Er-
    scheinung einige Verwandtschaft zeigten, werde ich später noch Weiteres mitteilen;
    in der Regel waren es je zwei, ein „kleiner Flechsig“ und ein „kleiner v. W.“, deren
    Stimme ich auch in meinen Füßen vernahm.“ – v. W. ist der nämliche, von dem
    die Onaniebeschuldigung ausging. Die „kleinen Männer“ bezeichnet Schreiber
    selbst als eine der merkwürdigsten und in gewisser Beziehung rätselhaftesten
    Erscheinungen (S. 157). Es scheint, daß sie einer Verdichtung von Kindern und
    Spermatozoen entsprungen sind.

    1)(S. 36): „Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich
    acht, im ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die
    mehrmalige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre
    mit meiner Frau verlebt.“

    2)Im Anschluß an diese Äußerung, die den liebenswürdigen Spott gesunder
    Tage im Wahne bewahrt hat, verfolgt er die Beziehungen zwischen den Familien
    Flechsig und Schreiber in frühere Jahrhunderte zurück, wie ein Bräutigam,
    der nicht begreifen kann, wie er so lange Jahre ohne Beziehung zur Geliebten leben
    konnte, ihre Bekanntschaft durchaus schon in früheren Zeiten gemacht haben will.

  • S.

    52

    Napoleon ließ sich, wiewohl erst nach schweren inneren Kämpfen, von
    seiner Josefine scheiden, weil sie die Dynastie nicht fortsetzen konnte1);
    Dr. Schreber mochte die Phantasie gebildet haben, wenn er ein Weib
    wäre, würde er das Kinderbekommen besser treffen, und fand so den
    Weg, sich in die feminine Einstellung zum Vater in den ersten Kinder-
    jahren zurück zu versetzen. Der später immer weiter in die Zukunft
    geschobene Wahn, daß die Welt durch seine Entmannung mit „neuen
    Menschen aus Schreberschem Geist“ (S. 288) bevölkert würde,
    war also auch zur Abhilfe seiner Kinderlosigkeit bestimmt. Wenn die
    „kleinen Männer“, die Schreber selbst so rätselhaft findet, Kinder
    sind, so finden wir es durchaus verständlich, daß sie auf seinem Kopfe
    in großer Anzahl versammelt stehen (S. 158); es sind ja wirklich die
    „Kinder seines Geistes“. (Vgl. die Bemerkung über die Darstellung der
    Abstammung vom Vater und über die Geburt der Athene in der Kranken-
    geschichte des „Rattenmannes“. Dieses Jahrbuch I, S. 410.)

    III. Über den paranoischen Mechanismus.

    Wir haben bisher den den Fall Schreber beherrschenden Vater-
    komplex und die zentrale Wunschphantasie der Erkrankung behandelt.
    An alledem ist nichts für die Krankheitsform der Paranoia Charakteristi-
    sches, nichts was wir nicht bei anderen Fällen von Neurose finden
    könnten und auch wirklich gefunden haben. Die Eigenart der Paranoia
    (oder der paranoiden Demenz) müssen wir in etwas anderes verlegen,
    in die besondere Erscheinungsform der Symptome, und für diese wird
    unsere Erwartung nicht die Komplexe, sondern den Mechanismus
    der Symptombildung oder den der Verdrängung verantwortlich machen.
    Wir würden sagen, der paranoische Charakter liegt darin, daß zur
    Abwehr einer homosexuellen Wunschphantasie gerade mit einem
    Verfolgungswahn von solcher Art reagiert wird.

    Um so bedeutungsvoller ist es, wenn wir durch die Erfahrung
    gemahnt werden, gerade der homosexuellen Wunschphantasie eine
    innigere, vielleicht eine konstante, Beziehung zur Krankheitsform
    zuzusprechen. Meiner eigenen Erfahrung hierüber mißtrauend, habe

    1)In dieser Hinsicht ist eine Verwahrung des Patienten gegen Angaben
    des ärztlichen Gutachtens erwähnenswert: (S. 486). „Ich habe niemals mit dem
    Gedanken einer Scheidung gespielt oder Gleichgültigkeit gegen das Fort-
    bestehen des ehelichen Bandes zu erkennen gegeben, wie man nach der Aus-
    drucksweise des Gutachtens, ‚ich sei alsbald mit der Andeutung bei der Hand,
    daß meine Frau sich scheiden lassen könne‘, annehmen möchte“.