Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
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    II III

       „Ich erwarte, daß Sie mir aus den Theorien
    der Psychoanalyse ableiten wollen, wie
    man sich die Entstehung eines nervösen
    Leidens vorstellen kann.“
     

       Ich will es versuchen. Zu dem Zweck müssen
    wir aber unser Ich und unser Es von
    einem neuen Gesichtspunkt aus studieren, vom
    dynamischen, d.h. mit Rücksicht auf die
    Kräfte, die in und zwischen ihnen
    spielen. Vorhin hatten wir uns ja mit
    der Beschreibung des seelischen Apparats
    begnügt.
     

       „Wenn es nur nicht wieder so unfaßbar
    wird!“
     

       Ich hoffe nicht. Sie werden sich bald zurecht-
    finden. Also wir nehmen an, daß
    die Kräfte, welche den seelischen Apparat
    zur Thätigkeit treiben in den Organen
    des Körpers erzeugt werden als Aus-
    druck der großen Körperbedürf-
    nisse. Sie erinnern sich an das Wort
    unseres Dichterphilosophen: Hunger
    und Liebe. Übrigens ein ganz respekt-
    ables Kräftepaar! Wir heißen
    diese Körperbedürfnisse, insoferne
    sie Anreize für seelische Thätigkeit
    darstellen, Triebe, ein Wort um
    das uns viele moderne Sprachen
    beneiden. Diese Triebe erfüllen
    nun das Es; alle Energie im Es,
    können wir abkürzend sagen, stammt
    stammt von ihnen. Die Kräfte im Ich
    haben auch keine andere Herkunft,
    sie sind von denen im Es abge-
    leitet. Was wollen nun die Triebe?
    Befriedigung d.h. die Herstellung
    solcher Situationen, in denen
    die Körperbedürfnisse erlöschen
    können. Das Herabsinken der
    Bedürfnisspannung wird von unserem
    Bewußtseinsorgan als lustvoll
    empfunden, eine Steigerung
    derselben bald als Unlust.
    Aus diesen Schwankungen entsteht
    die Reihe von Lust-Unlustempfind-
    ungen, nach der der ganze seelische
    Apparat seine Thätigkeit reg-
    uliert.
     

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    Wir sprechen da von einer „Herrschaft
    des Lustprinzips“.
     

       Es kommt zu unerträglichen Zuständen
    wenn die Triebansprüche des Es
    keine Befriedigung finden. Die Er-
    fahrung zeigt bald, daß solche Be-
    friedigungssituationen nur mit Hilfe
    der Außenwelt hergestellt werden
    können. Damit tritt der der Außen-
    welt zugewendete Anteil des Es,
    das Ich, in Funktion. Wenn alle
    treibende Kraft, die das Fahrzeug
    von der Stelle bringt, vom Es
    aufgebracht wird, so übernimmt das
    Ich gleichsam die Steuerung, bei
    deren Ausfall ja ein Ziel nicht
    zu erreichen ist. Die Triebe im
    Es drängen auf sofortige, rück-
    sichtslose Befriedigung, erreichen
    auf diese Weise nicht, oder erzielen
    selbst fühlbare Schädigung. Es
    wird nun die Aufgabe des Ichs,
    diesen Mißerfolg zu verhüten, zwischen
    den Ansprüchen des Es und dem
    Einspruch der realen Außenwelt
    zu vermitteln. Es entfaltet seine
    Thätigkeit nun nach zwei Seiten Richtungen.
    Einerseits beobachtet es mit Hilfe seines
    Sinnesorgans, des Bewußtseinssystems,
    die Außenwelt um den günstigen
    Moment für schadlose Befriedigung
    zu erhaschen, anderseits beeinflußt es
    das Es, zügelt dessen „Leidenschaften“,
    veranlaßt die Triebe, ihre Befriedig-
    ung aufzuschieben, ja, wenn es als not-
    wendig erkannt wird, ihre Ziele
    zu modifizieren oder sie gegen Ent-
    schädigung aufzugeben. Indem es
    die Regungen des Es in solcher Weise
    bändigt, ersetzt es das früher allein
    maßgebende Lustprinzip durch
    das sogenannte Realitätsprinzip,
    das zwar dieselben Endziele ver-
    folgt, aber den von der realen
    Außenwelt gesetzten Bedingungen
    Rechnung trägt. Später lernt das
    Ich, daß es noch einen anderen
    Weg zur Versicherung der Be-
    friedigung giebt als die be-
     

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    schriebene Anpassung an die Außenwelt.
    Man kann auch verändernd in die
    Außenwelt eingreifen und in ihr
    absichtlich jene Bedingungen herstellen,
    welche die Befriedigung ermöglichen.
    Diese Thätigkeit wird dann zur höchsten
    Leistung des Ichs; die Entscheidungen,
    wann es zweckmäßiger ist, seine Leidenschaften
    zu beherrschen und sich vor der
    Realität zu beugen, oder deren Partei
    zu ergreifen und sich gegen die Außen-
    welt zur Wehr zu setzen, sind das
    Um und Auf der Lebensklugheit.
     

       „Und läßt sich das Es eine solche
    Beherrschung durch das Ich gefallen, wo
    es doch, wenn ich Sie recht verstehe,
    der stärkere Teil ist?“
     

       Ja, es geht gut, wenn das Ich seine volle
    Organisation und Leistungsfähigkeit
    besitzt, zu allen Teilen des Es Zugang
    hat, u seinen Einfluß auf sie üben
    kann. Es besteht ja keine natür-
    liche Gegnerschaft zwischen Ich und Es,
    sie gehören zusammen und sind im
    Falle der Gesundheit praktisch nicht
    von einander zu scheiden.
     

       „Das läßt sich alles hören, aber ich
    sehe nicht, wo sich in diesem idealen
    Verhältnis ein Plätzchen für die
    Krankheitsstörung findet.“
     

       Sie haben Recht; solange das Ich und
    seine Beziehungen zum Es diese idealen
    Anforderungen erfüllen, giebt
    es auch keine nervöse Störung.
    Die Einbruchsstelle der Krankheit liegt an
    einem unerwarteten Ort, obwol ein
    Kenner der allgemeinen Pathologie
    nicht überrascht sein wird, bestätigt
    zu finden, daß gerade die bedeut-
    samsten Entwicklungen und Differ-
    enzierungen den Keim zur Erkrank-
    ung, zum Versagen der Funktion, in
    sich tragen.
     

       „Sie werden zu gelehrt, ich verstehe Sie
    nicht.“
     

       Ich muß ein bischen weiter ausholen.
    Nicht wahr, das kleine Lebewesen ist
    ein recht armseliges, ohnmächtiges
    Ding gegen die übergewaltige Außen-
     

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    welt, die voll ist von zerstörenden Ein-
    wirkungen. Ein primitives Lebewesen
    das keine zureichende Ichorganisation
    entwickelt hat, ist all diesen Traumen
    ausgesetzt. Es lebt der blinden Befriedig-
    ung seiner Triebwünsche u geht so häufig an
    dieser zu Grunde. Die Differenzierung
    eines Ichs ist vor allem ein Schritt zur
    Lebenserhaltung. Aus dem Untergang
    läßt sich zwar nichts lernen, aber
    wenn man ein Trauma glücklich
    bestanden hat, achtet man auf die
    Annäherung ähnlicher Situationen
    und signalisiert die Gefahr durch
    eine verkürzte Wiederholung der
    beim Trauma erlebten Eindrücke,
    durch einen Angstaffekt. Diese Reaktion
    auf die Wahrnehmung der Gefahr
    leitet nun den Fluchtversuch ein,
    der solange lebensrettend wirkt bis
    man genug erstarkt ist, um dem
    Gefährlichen in der Außenwelt
    in aktiverer Weise, vielleicht sogar
    durch Aggression, zu begegnen.“
     

       „Das ist alles sehr weit weg von dem,
    was Sie versprochen haben.“
     

       Sie ahnen nicht, wie nah ich der Er-
    füllung meines Versprechens ge-
    kommen bin. Auch bei den Lebe-
    wesen, die später eine leistungsfähige
    Ichorganisation haben, ist dieses Ich
    zuerst in den Jahren der Kindheit
    schwächlich und vom Es wenig differ-
    enziert. Nun stellen Sie sich vor was
    geschehen wird, wenn dieses machtlose
    Ich einen Triebanspruch aus dem
    Es erlebt, dem es bereits wider-
    stehen möchte, weil es errät,
    daß dessen Befriedigung gefährlich
    ist, eine traumatische Situation,
    einen Zusammenstoß mit der
    Außenwelt heraufbeschwören würde,
    den es aber nicht beherrschen kann,
    weil es die Kraft dazu noch nicht
    besitzt. Das Ich behandelt dann die
    Triebgefahr als ob es eine äußere
    Gefahr wäre, es unternimmt
     

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    einen Fluchtversuch, zieht sich von diesem
    Anteil des Es zurück, überläßt ihn
    seinem Schicksal, nachdem es ihm
    alle Beiträge, die es sonst zu den
    Triebregungen stellt, verweigert hat.
    Wir sagen, das Ich nimmt eine Ver-
    drängung dieser Triebregung vor. Das
    hat für den Augenblick den Erfolg,
    die Gefahr abzuwehren, aber man
    verwechselt nicht ungestraft das
    Innen und das Außen. Man kann
    nicht vor sich selbst davonlaufen. Bei der
    Verdrängung folgt das Ich dem Lustprinzip,
    welches es sonst zu korrigieren pflegt,
    es hat dafür den Schaden zu tragen.
    Dieser besteht darin, daß das Ich nun seinen
    Machtbereich dauernd eingeschränkt hat.
    Die verdrängte Triebregung ist jetzt
    isoliert, sich selbst überlassen, unzugänglich, aber
    auch unbeeinflußbar. Sie geht ihren eigenen
    Weg. Das Ich kann zumeist auch später,
    wenn es erstarkt ist, die Verdrängung
    nicht mehr aufheben, seine Synthese ist
    gestört, ein Teil des Es bleibt für das
    Ich verbotener Grund. Die isolierte
    Triebregung bleibt aber auch nicht müßig,
    sie weiß sich dafür, daß ihr die normale
    Befriedigung versagt ist, zu entschädigen,
    erzeugt psychische Abkömmlinge, die sie
    vertreten, setzt sich mit anderen
    Vorgängen in Verknüpfung, die
    sie durch ihren Einfluß gleichfalls
    dem Ich entreißt, und bricht endlich
    in einer unkenntlich entstellten
    Ersatzbildung ins Ich und zum Bewußt-
    sein durch, schafft das, was man
    ein Symptom nennt. Mit einem
    Male sehen wir den Sachverhalt
    einer nervösen Störung vor uns:
    ein Ich, das in seiner Synthese gehemmt
    ist, das auf Teile des Es keinen Einfluß
    hat, das auf manche seiner Tätigkeiten
    verzichten muß, um einen neuer-
    lichen Zusammenstoß mit dem Ver-
    drängten zu vermeiden, das sich in
    meist vergeblichen Abwehrreaktionen
    gegen die Symptome, die Abkömmlinge
    der verdrängten Regungen erschöpft,
    und ein Es, in dem sich einzelne
     

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    Triebe selbständig gemacht haben, ohne
    Rücksicht auf die Interessen der Gesamt-
    person ihre Ziele verfolgen und nur
    mehr den Gesetzen der primitiven
    Psychologie gehorchen, die in den
    Tiefen des Es gebietet. Übersehen
    wir die ganze Situation,
    so erweist sich uns als einfache Formel
    für die Entstehung der Neurose,
    daß das Ich den Versuch gemacht
    hat, gewisse Anteile des Es in un-
    geeigneter Weise zu unterdrücken,
    daß dies mißlungen ist, u das Es
    dafür seine Rache genommen hat.
    Die Neurose ist also die Folge eines
    Konflikts zwischen Ich und Es,
    in den das Ich eintritt, weil es,
    wie eingehende Untersuchung zeigt,
    durchaus an seiner Gefügigkeit
    gegen die reale Außenwelt
    festhalten will. Der Gegensatz
    läuft zwischen Außenwelt und
    Es, und weil das Ich, seinem innersten
    Wesen getreu, für die Außen-
    welt Partei nimmt, gerät es
    in Konflikt mit seinem Es.
    Beachten Sie aber wol, nicht die
    Tatsache dieses Konflikts schafft
    die Bedingung des Krankseins,
    – denn solche Konflikte Gegensätze zwischen
    Realität u Es sind unvermeidlich,
    und das Ich führt unter seinen
    beständigen Aufgaben, in ihnen
    zu vermitteln, sondern sondern der Um-
    stand, daß das Ich zur Erledigung
    des Konflikts des unzureichenden
    Mittels der Verdrängung bedient
    hat. Dies hat aber selbst seinen
    Grund darin, daß das Ich zur
    Zeit, als sich ihm die Aufgabe
    stellte, unentwickelt u ohn-
    mächtig war. Die entscheidenden
    Verdrängungen fallen ja alle
    in früher Kindheit vor.
     

       „Welch ein merkwürdiger Weg! I Ich
    folge Ihrem Rat, nicht zu kritis-
    ieren, da Sie mir ja nur zeigen
     

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    wollen, was die Psychoanalyse von der Entstehung der
    Neurosen glaubt, um daran zu knüpfen,
    was sie zu ihrer Bekämpfung unternimmt.
    Ich hätte verschiedenes zu fragen, werde
    einiges auch später vorbringen. Zunächst
    verspüre ich auch einmal die Ver-
    suchung, auf Grund Ihrer Gedankengänge
    weiter zu bauen u selbst eine
    Theorie zu wagen. Sie haben die
    Relation Außenwelt – Ich – Es
    entwickelt und als die Bedingung
    der Neurose hingestellt, daß das
    Ich in seiner Abhängigkeit von
    der Außenwelt das Es bekämpft.
    Ist nicht auch der andere Fall denk-
    bar, daß das Ich in einem solchen
    Konflikt sich vom Es fortreißen
    läßt und seine Rücksicht auf die
    Außenwelt verleugnet? Was geschieht
    in einem solchen Falle? Nach meinen
    laienhaften Vorstellungen von
    der Natur einer Geisteskrankheit
    könnte diese Entscheidung des Ichs
    die Bedingung der Geisteskrankheit
    sein.“
     

       Ja, daran habe ich selbst gedacht, und
    halte es sogar für zutreffend, wenn-
    gleich der Erweis dieser Vermutung
    eine Diskussion von recht kom-
    plizierten Verhältnissen erfordert.
    Neurose u Psychose sind
    offenbar innig verwandt und
    müssen sich doch in einem ent-
    scheidenden Punkt von einander
    trennen. Dieser Punkt könnte wol
    die Parteinahme des Ichs in einem
    solchen Konflikt sein. Das Es würde
    in beiden Fällen seinen Charakter
    von blinder Unnachgiebigkeit
    bewahren.
     

       „Nun setzen Sie fort. Welche Winke
    giebt Ihre Theorie für die Behand-
    lung der neurotischen Erkrankungen?“
     

       Unser therapeutisches Ziel ist jetzt
    leicht zu umschreiben. Wir wollen
    das Ich herstellen, es von seinen
     

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    Einschränkungen befreien, ihm die Herrschaft
    über das Es wiedergeben, die es in Folge
    seiner frühen Verdrängungen eingebüßt
    hat. Nur zu diesem Zweck machen wir
    die Analyse, unsere ganze Technik
    ist auf dieses Ziel gerichtet. Wir haben
    die vorgefallenen Verdrängungen
    aufzusuchen und das Ich zu bewegen,
    sie nun mit unserer Hilfe zu kor-
    rigieren, die Konflikte besser als
    durch einen Fluchtversuch zu erledigen.
    Da diese Verdrängungen sehr frühen
    Kinderjahren angehören, führt uns
    auch die analytische Arbeit in
    diese Lebenszeit zurück. Den Weg
    zu den meist vergessenen Konflikt-
    situationen, die wir in der Er-
    innerung des Kranken wiederbeleben
    wollen, weisen uns die Symptome,
    Träume und freien Einfälle des
    Kranken, die wir allerdings erst
    deuten, übersetzen, müssen, da sie unter dem
    Einfluß der Psychologie des Es für unser
    Verständnis fremdartige Ausdrucks-
    formen angenommen haben. Von den
    Einfällen, Gedanken und Erinnerungen,
    die uns der Patient nicht ohne
    inneres Sträuben mitteilen kann,
    dürfen wir annehmen, daß sie irgend-
    wie mit dem Verdrängten zusammen-
    hangen oder Abkömmlinge desselben
    sind. Indem wir den Kranken
    dazu drängen antreiben sich über seine
    Widerstände bei der Mitteilung
    hinwegzusetzen, erziehen wir sein
    Ich dazu, seine Neigung zu Flucht-
    versuchen zu überwinden und
    die Annäherung des Verdrängten
    zu vertragen. Am Ende, wenn es
    gelungen ist, die Situation der Ver-
    drängung in seiner Erinnerung zu
    reproduzieren, wird seine Gefügig-
    keit glänzend belohnt. Der ganze
    Unterschied der Zeiten läuft zu
    seinen Gunsten, und das, wovor
    sein kindliches Ich erschreckt die
    Flucht ergriffen hatte, das erscheint
    dem erwachsenen und erstarkten
    Ich oft nur als Kinderspiel.