S.
4
II
Le Bon's Schilderung der MassenseeleZweckmäßiger als eine Definition voran-
zustellen scheint es, mit einem Hinweis
auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und
aus diesem einige besonders auffällige
und charakteristische Tatsachen heraus-
zugreifen, an welche die Untersuchung
anknüpfen kann. Wir erreichen dies am
besten durch einen Auszug aus dem mit Recht
berühmt gewordenen Buch von Le Bon
Psychologie der Massen.*)*) übersetzt von Dr Rud. Eisler, zweite Auflage
1912.Machen wir uns den Sachverhalt nochmals
klar: Wenn die Psychologie, welche die
Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten
eines einzelnen Menschen bis zu seinen
Handlungen und in den Beziehungen zu
seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe
restlos gelöst und alle Dinge zusammen-
hangend durchsichtig gemacht hätte, dann
fände sie sich plötzlich vor eine neue
Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr
erhebt. Sie müßte dieunbeantworteteTat-
sache erklären, daß dies ihr verständ-
lich gewordene Individuum unter
einer bestimmten Bedingung ganz
anders denkt, fühlt und handelt als
von ihm zu erwarten stand, und
diese Bedingung ist die Einreihung
in eine Menschenmenge, welche
die Eigenschaft einer „psychologischen
Masse“ erworben hat. Was ist nun
eine Masse, wodurch erwirbt sie die
Fähigkeit, das Seelenleben des
Einzelnen so entscheidend zu beein-
flussen und worin die seelische
Veränderung, die sie dem Einzelnen
aufnötigt?S.
5
Diese drei Fragen zu beantworten
ist die Aufgabe einer theoretischen Massen-
psychologie. Man greift sie offenbar am
besten an, wenn man von der dritten
ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränder-
ten Reaktion des Einzelnen, welche
der Massenpsychologie den Stoff liefert.
Jedem Erklärungsversuch muß ja die
Beschreibung des zu Erklärenden vor-
ausgehen.Ich lasse nun Le Bon zu Worte kommen.
Er sagt (p. 13): „An einer psychologischen Masse
ist das Sonderbarste dies: welcher Art
auch die sie zusammensetzenden Individuen
sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich
ihre Lebensweise, ihre Beschäftigung, ihr Char-
akter oder ihre Intelligenz sein mag,
ist durch den bloßen Umstand ihrer Um-
wandlung zur Masse besitzen sie eine
Kollektivseele, vermöge deren sie
in ganz anderer Weise fühlen, denken
und handeln, als jedes von ihnen für
sich fühlen, denken und handeln würde.
Es gibt Ideen und Gefühle, die nur
bei den zur Masse verbundenen
Individuen auftreten oder sich in
Handlungen umsetzen. Die psychologische
Masse ist ein provisorisches Wesen,
das aus heterogenen Elementen besteht,
die für einen Augenblick sich mit-
einander verbunden haben, genau
so wie die Zellen des Organismus
durch ihre Vereinigung ein neues
Wesen mit ganz anderen Eigenschaften
als denen der einzelnen Zellen
bilden.“Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Dar-
stellung Le Bon’s durch unsere Glossen zu
unterbrechen, geben wir hier das erste
Dementi ab: Wenn die Individuen
in der Masse zu einer Einheit ver-
bunden sind, so muß es doch etwasS.
6
geben, was sie an einander bindet, und
dieses Bindemittel könnte gerade das
sein, was für die Masse charakter-
istisch ist. Allein Le Bon beantwortet
diese Frage nicht; es geht auf die Ver-
änderung des Individuums in der
Masse ein und beschreibt sie in Aus-
drücken, welche mit den Grundvoraus-
setzungen unserer Tiefenpsychologie
in guter Übereinstimmung stehen.
(p. 14) „Leicht ist die Feststellung des Maßes
von Verschiedenheit des einer Masse
angehörenden vom isolierten Individuum,
weniger leicht ist aber die Entdeckung
der Ursachen dieser Verschiedenheit.“
Um diese Ursachen wenigstens
einigermaßen zu finden, muß man sich
zunächst der von der modernen Psycho-
logie gemachten Feststellung erinnern,
daß nicht bloß im organischen Leben,
sondern auch in den intellektuellen
Funktionen die unbewußten Phäno-
mene eine überwiegende Rolle
spielen. Das bewußte Geistesleben
stellt nur einen recht geringen Teil
neben dem unbewußten Seelenleben
dar. Die feinste Analyse, die schärfste
Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen
AnzahlbewußterMotive des
Seelenlebens. Unsere bewußten Akte
leiten sich aus einem besonders durch
Vererbung beeinflussten Substrat her.
Dieses unbewusste Substrat ent-
hält die zahllosen Erbanlagen,
aus denen die Rassenseele
konstituiert wird. Hinter den eingestand-
enen Motiven unserer Handlungen
gibt es zweifellos die geheimen
Gründe, die wir nicht eingestehen,
hinter diesen liegen aber noch
geheimere, die wir nicht einmal
kennen. Die Mehrzahl unsererS.
7
alltäglichen Handlungen ist nur die Wirk-
ung verborgener uns entgehender Motive.“In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich
die individuellen Erwerbungen der Einzelnen,
und damit verschwindet deren Eigenart.
Das rassengemäß Unbewusste tritt
hervor, das Heterogene versinkt im
Homogenen. Wir würden sagen: der
psychische Oberbau, der sich bei den Ein-
zelnen so verschiedenartig entwickelt
hat, wird abgetragen und das allen
gemeinsame unbewusste Fundament
wieder bloßgelegt.Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher
Charakter der Massenindividuen zu
Stande. Allein Le Bon findet, sie zeigen
auch neue Eigenschaften, die sie vorher
nicht besessen haben, und sucht den Grund
dafür in drei verschiedenen Momenten.(p. 15) „Die erste dieser Ursachen besteht darin,
daß das Individuum in der Masse schon
durch die Tatsache der Menge ein Gefühl
unüberwindlicher Macht erlangt, welches
ihm gestattet, Trieben zu fröhnen, die
es, allein, notwendig gezügelt hätte. Es
wird das nun um so lieber tun, als
bei der Anonymität und demnach auch
Unverantwortlichkeit der Masse das
Verantwortlichkeitsgefühl, welches die
Massen stets zurückhält, völlig schwindet.“Wir brauchten von unserem Standpunkt
weniger Wert auf das Auftauchen neuer
Eigenschaften zu legen. Es genügte uns
zu sagen: das Individuum kommt
in der Masse unter Bedingungen,
die ihm gestatten, die Verdrängungen
seiner unbewussten Triebregungen
abzuwerfen. Die scheinbar neuen
Eigenschaften, die es dann zeigt, sindS.
8
eben die Äußerungen dieses Unbewußten,
in dem ja alles Böse der Menschenseele
in der Anlage enthalten ist. Das
Schwinden des Gewissens oder Verant-
wortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen
macht uns keine Schwierigkeit.gehörtWir hatten längst behauptet,
daß der Kern des sogenanntenGewissens
die „soziale Angst“ sei.*)Gewissens*) Eine gewisse Differenz zwischen der Auffassung
Le Bon’s und der unsrigen stellt sich dadurch
her, daß sein Begriff des Unbewussten
nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse
angenommenen zusammenfällt. Das Unbewusste
Le Bon’s enthält vor allem die
tiefsten Merkmale der Rassenseele,
welche für die Psychoanalyse eigentlich
außer Betracht kommt. Wir verkennen
zwar nicht, daß der Kern des Ich, dem
die archaische Erbschaft der Menschenseele
angehört, unbewußt ist, aber wir sondern
außerdem das „unbewusste Verdrängte“,
welches aus einem Anteil dieser
Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser
Begriff des Verdrängten fehlt bei Le Bon.(p. 16) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung,
trägt ebenso dazu bei, bei den Massen
die Äußerung spezieller Merkmale
und zugleich deren Richtung zu bestimmen.
Die Ansteckung ist ein leicht
zu konstatierendes, aber unerklär-
liches Phänomen, das man den von
uns sogleich zu studierenden Phäno-
menen hypnotischer Art zurechnen
muß. In der Menge ist jedes Gefühl,
jede Handlung ansteckend, und zwar
in so hohem Grade, daß das Individu-
um sehr leicht sein persönliches Inter-
esse dem Gesamtinteresse opfert. Es
ist dies eine seiner Natur durchausS.
9
entgegengesetzte Fähigkeit, deren der
Mensch nur als Massenbestandteil
fähig ist.“Wir werden auf diesen letzten Satz
später eine wichtige Bemerkung be-
gründen.(p. 16) „Eine dritte und zwar die wichtigste Ur-
sache bedingt in den zur Masse verein-
igten Individuen besondere Eigenschaften,
welche denen des isolierten Individuums
völlig entgegengesetzt sind. Ich rede hier
von der Suggestibilität, von der die oben
erwähnte Ansteckung übrigens nur eine
Wirkung ist.
Zum Verständnis dieses Erscheinung gehört
die Vergegenwärtigung gewisser neuerer
Entdeckungen der Physiologie. Wir
wissen jetzt, daß ein Mensch mittels
mannigfacher Prozeduren in einen solchen
Zustand versetzt werden kann, daß
er nach Verlust seiner ganzen Bewusst-
heit und Persönlichkeit allen Suggestionen
desjenigen gehorcht, der ihn seiner Persön-
lichkeit beraubt hat, und
daß er die zu seinem Charakter und
seinen Gewohnheiten im schärfsten
Gegensatz stehenden Forderungen be-
geht. Nun scheinen sehr sorgfältige Beob-
achtungen darzutun, daß ein eine Zeitlang
im Schoße einer tätigen Masse einge-
bettetes Individuum in bälde – durch
Ausströmungen, die von ihr ausgehen
oder sonst eine unbekannte Ursache –
in einen Sonderzustand sich befindet,
der sich sehr der Faszination nähert,
die den Hypnotisierten unter dem
Einfluss des Hypnotisatörs befällt.
... die bewusste Persönlichkeit
ist völlig geschwunden, Wille und Un-
terscheidungsvermögen fehlen, alle
Gefühle und Gedanken sind nach derS.
10
durch den Hypnotisator hergestellten Richtung
orientiert.
So ungefähr verhält sich auch der Zustand des
einer psychologischen Masse angehörenden
Individuums. Es ist sich seiner Handlungen
nicht mehr bewusst. Wie beim Hypnotisierten
können bei ihm während zugleich gewisse
Fähigkeiten aufgehoben sind, andere
auf einen Grad höchster Stärke gebracht
werden. Unter dem Einflusse einer
Suggestion wird er sich mit einem un-
widerstehlichem Triebe an die Ausfüh-
rung bestimmter Handlungen machen. Und
dieses Ungestüm ist bei den Massen noch
unwiderstehlicher als beim Hypnotisierten,
weil die für alle Individuen gleiche Sug-
gestion durch Gegenseitigkeit anwächst.“(p. 17) „Die Hauptmerkmale des in der
Masse befindlichen Individuums sind
demnach: Schwund der bewussten Per-
sönlichkeit, Vorherrschaft der unbewussten
Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken
und Gefühle in derselben Richtung durch
Suggestion und Ansteckung, Tendenz
zur unverzüglichen Aktivierung.
Das suggerierte Ich ist nicht mehr er selbst, es ist ein
willenloser Automat geworden.“Ich habe dies Zitat so ausführlich wieder-
gegeben, um zu bekräftigen, daß Le Bon
den Zustand des Individuums in der
Masse wieklich für einen hypnotischen
erklärt, nicht etwa bloß mit einem
solchen vergleicht. Wir beabsichtigen
hier keinen Widerspruch, wollen nur
hervorheben, daß die beiden letzten
Ursachen der Veränderung des
Einzelnen in der Masse, die An-
steckung und die höhere Suggerier-
barkeit, offenbar nicht gleichartig
sind, da ja die Ansteckung auch
eine Äußerung der Suggerier-S.
11
barkeit sein soll. Auch die Wirkungen der
beiden Momente scheinen im Text
Le Bon’s nicht scharf geschieden. Vielleicht
würden wir seine Äußerung am besten
aus, wenn wir die Ansteckung auf die
Wirkung der einzelnen Mitglieder
der Masse auf einander beziehen,
während wir mit der Phänomenen der
hypnotischen Beeinflussung gleichgestellten
Suggestionserscheinungen in der Masse
auf eine andere Quelle hinweisen.
Auf welche aber? Es muss uns als eine
empfindliche Unvollständigkeit berühren,
daß eines der Hauptstücke dieser Aus-
gleichung, nämlich die Person, welche
für die Masse den Hypnotiseur
ersetzt, in der Darstellung Le Bon’s
nicht erwähnt wird. Freilich unterscheidet
er denselben von diesen im Dunkeln
gelassenen faszinierenden Einfluss
die ansteckende Wirkung, welche die
Einzelnen auf einander ausüben, durch
welche die ursprüngliche Suggestion
verstärkt wird.Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für
die Beurteilung des Massenindivid-
uums (p. 17). „Ferner steigt durch die bloße
Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse
der Mensch mehrere Stufen auf der
Leiter der Zivilisation herab. Isoliert
war er vielleicht ein gebildetes
Individuum in der Masse
ist er ein Barbar, d. h. ein Triebwesen.
Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die
Wildheit und auch den Enthusiasmus und Heroismus
primitiver Wesen.“ Er verweilt dann noch
besonders bei der Herabsetzung der intell-
ektuellen Leistung, die das Einzelne durch
sein Aufgehen in der Masse erfährt.*) Vgl. das Schiller’sche Dichtwort:
„Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und ver-
ständig; sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus.“S.
12
Verlassen wir nun den Einzelnen und
wenden wir uns zur Beschreibung der
Massenseele, wie Le Bon sie entwirft.
Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung
und Unterbringung dem Psychoanaly-
tiker Schwierigkeiten bereiten würde.
Le Bon weist uns selbst den Weg, indem
er auf die Übereinstimmung mit dem
Seelenleben der Primitiven und
der Kinder hinweist. (p. 19).N. B.
gdIn der Deutung der Träume, wenn wir ja
unsere beste Kenntnis vom unbewussten
Seelenleben verdanken, befolgen wir die
technische Regel, dass von Zweifel und Unsicher-
heit in der Erzählung des Traumes abgesehen
und jedes Element des Trauminhaltes
als gleich gesichert behandelt wird. Wir
leiten Zweifel und Unsicherheit von der
Traumentwicklung her Jenseits ab, welcher die
Traumarbeit unterliegt und nehmen an,
dass die primären Traumgedanken
Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung
nicht kennen. Als Inhalte mögen sie
natürlich, wie alles andere, in den Traum
eintreten. Entsprechendes sagen wir zum
(J. Traumdeutung, 5te Aufl 1919, p 386).N. B.
gddie nämliche Steigerung alter Gefühlspre-
gungen zum Extremen und Maßlosen gehört
der Affektilität des Kindes an und
findet sich im Traumleben wieder, wo
dank der im Unbewussten vorherrschenden
Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen
ein kleiner Ärger vom Tage sich als Todes-
wunsch gegen die schuldige Person zum
Ausdruck bringt, oder eine Anspielung irgend
einer Verachtung zum Anstoss einer un-
geheuren Rachestrafen verbrecherischer
Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Hans
Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: Was
der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart
(Realität) kundgeben hat, verraten wir dann
auch im Bewusstsein aufsuchen und dürfen uns
nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer des
erst unter dem Vergrößerungsglas der Analyse
gesehen haben als Entsprechungen wiederfinden.
(Traumdeutung p 387)S.
13
13Die Masse ist impulsiv wandelbar und
- reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom
Unbewußten geleitet.*) Die Impulse, denen*) Unbewußt wird von Le Bon richtig im
Sinne der Disposition gebraucht wo es nicht
allein das „Verdrängte“ bedeutet.die Masse gehorcht können je nach Umständen
edel oder grausam heroisch oder feige sein
jedenfalls aber sind sie so gebieterisch daß
auch das Persönliche nicht einmal das Interesse
der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20)Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch
die Dinge leidenschaftlich begehrt so
doch nie für lange sie ist unfähig zu
einem Dauerwillen. Sie verträgt keinen
Aufschub zwischen ihrem Begehren und
der Verwirklichung des Begehrten.
Sie hat das Gefühl der Allmacht, für
das Individuum in der Masse schwindet
der Begriff des Unmöglichen.*)*) Vgl Totem u Tabu III. Animismus
Magie und „Allmacht“ der GedankenDie Masse ist außerordentlich beeinfluss-
bar und leichtgläubig, sie ist kritiklos,
das Unwahrscheinliche existirt für sie
nicht Sie denkt in Bildern die sie einander
associativ hervorrufen wie sie sich beim
Einzelnen in Zuständen des freien
Phantasierens einstellen, und die von
keiner verständigen Instanz an der
Übereinstimmung mit der Wirklichkeit
gemessen werden. Die Gefühle der
Masse sind stets sehr einfach und
sehr überschwänglich. Die Masse
kenntalleweder Zweifel noch
Ungewißheit.*) Sie geht sofort zum
Äußersten, der ausgesprochene Verdacht
wandelt sich bei ihr sogleich inS.
14unumstößliche Gewißheit ein Keim von
14 Antipathie wird sofort zum wildenHaß(S 22). Eck Zu allen Extremen
geneigt wird die Masse auch nur durch
übermäßige Reize erregt. Wer auf sie
wirken wollte bedarf keines logischen
Abmessung seiner Argumente, er
muß in den kräftigsten Bildern
malen übertreiben und immer das
Gleiche wiederholen.Da die Masse betreffs der Wahren oder
falschen nicht im Zweifel ist und dabei
das Bewußtsein ihrer großen
Kraft hat ist sie ebenso intolerant
wie autoritätsgläubig. Sie respek-
tirt die Kraft und läßt sich von der
Güte diefürnur eine Art
von Schwäche bedeutet, nur mäßig
beeinflussen. Was sie von ihren
Helden verlangt ist Stärke selbst
Gewalttätigkeit. Sie will beherrscht
und unterdrückt werden und ihren
Herrn fürchten. Im Grunde durchaus
konservativ hat sie tiefen Abscheu
vor allen Neuerungen und Fort-
schritten und unbegrenzte Ehrfurcht
vor der Tradition. (S 27)Um die Sittlichkeit der Massen richtig
zu beurteilen muß man in Betracht
ziehen daß im Beisammensein der
Massenindividuen alle individuellen
Hemmungen entfallen und alle
grausamen, brutalen, destruktiven
Instinkte die als Überbleibsel
der Urzeit im Einzelnen schlummern,
zur freien Triebbefriedigung
geweckt werden. Aber die Massen
sind auch unter dem Einfluß der
Suggestion hoher Leistungen von
Entsagung, UneigennützigkeitS.
15
16Hingebung an ein Ideal fähig. Während
15 das persönlicheEigennutzVorteil
beim isolirten Individuum so ziemlich
die einzige Triebfeder ist ist es bei
den Massen sehr selten vorherrschend.
Man kann von einer Moralisirung
des Einzelnen durch die Masse sprechen.
(S 29) Während die intellektuelle Leistung
der Masse immer tief unter der
des Einzelnen steht kann ihr ethisches Verhalten
ebenso hoch das Niveau übersteigen wie
tief unter dies herabsinken.Ein solches Licht auf die Berechtigung die
Massenpsyche als die Seele des Primiti-
ven zu identifiziren werfen einige
andere Züge der Le Bon’schen Char-
akteristik Bei den Massen können
die entgegengesetztesten Ideen neben-
einander bestehen und sich mit ein-
ander vertragen, ohne daß sich aus
deren logischen Widerspruch ein Kon-
flikt ergäbe. Dasselbe ist aber im
unbewußten Seelenleben des Einzelnen
des Kindes und des Neurotikers der
Fall wie die Psychoanalyse längst nach-
gewiesen hat. Ferner unterliegt die
Masse der wahrhaft magischen Macht
von Worten, die in der Massenseele
die furchtbarsten Stürme hervorrufen
und sie auch besänftigen können (S 34). Mit
Vernunft und Argumenten kann man
gewisse Worte und Formeln nicht be-
kämpfen. Man spricht sie mit Andacht
vor den Massen aus und sogleich werden
die Mienen respektvoll und die
Köpfe neigen sich. Von vielen werden
sie als Naturkräfte oder als über-
natürliche Mächte betrachtet. (S 35)
Man braucht sich dabei nur an die
Tabu der Namen bei den Primitiven
an die magischen Kräfte, die sich ihnen
an NamenSinnund Worte knüpfenS.
√15
15(S 24). Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambival-
ente Gefühlsreinstellungen gegen die ihm
nächsten Personen lange Zeit neben einander,
ohne daß die eine der anderen entgegen-
gesetzt in ihrem Ausdruck stört. Kommt
es dann endlich zum Konflikt zwischen
den beiden so wird er oft damit er-
ledigt, daß das Kind das Objekt wechselt
die eine der ambivalenten Regungen
auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus
der Entwicklungsgeschichte einer
Neurose beim Erwachsenen kann man
erfahren, daß einedieunterdrückte Regung
sich häufig lange Zeit in unbewußten
oder selbst bewußten Phantasien
fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer herrsch-
enden Richtung direkt zuwiderläuft
ohne daß sich aus diesem Gegensatz
ein Einschreiten des Ichs gegen das von
ihm Verworfene ergäbe. Die Phanta-
sie wird eine ganze Weile über tolerirt
bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich
infolge einer Steigerung der affektiven
Besetzung derselben der Konflikt zwische
ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen
herstellt.Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde
zum reifen Erwachsenen kommt es
überhaupt zu einer immer weiter grei-
fenden Integration der Persönlichkeit zu
einer Zusammenfassung der einzelnen un-
abhängig von einander in ihr gewachsenen
Triebregungen und Zielstrebungen. Der
analoge Vorgang auf dem Gebiet des
Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung
aller Sexualtriebe zur definitiven
Genitalorganisation lange bekannt
(Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
1905) daß die Ver- übrigens dieselben
einheitlichung des Ichs Störungen erfahren kann.
Vgl dieselbe Störung im Libidoprocesse
wie die der Libido zeigen vielfache, sehr
bekannte Beispiele wie das der
Naturforscher. Die Bibelgläubig geblieben
sind u. a.S.
16
18zu erinnern.*)
*) s. Totem und Tabu.Und endlich: Die Massen haben nie den
gekanntWahrheitsdurst. Sie fordern Illusionen
auf die sie nicht verzichten können.
Das Irreale hat bei ihnen stets den Vor-
rang vor dem Realen, das Unwirk-
liche beeinflußt sie fast ebenso stark
wie das Wirkliche. Sie haben die sicht-
liche Tendenz zwischen beiden keinen
Unterschied zu machen. (S 37).Diese Vorherrschaft des Phantasielebens
und des vomWunschungestillten
Wunsch getragenen
Illusion haben wir als bestimmend
für die Psychologie der Neurose
aufgezeigt. Wir fanden im System für
die Neurotiker gilt nicht die gemeineWobjektive sondern die psychische
Realität. Ein hysterisches Symptom
gründet sich auf Phantasie anstatt auf
die Wiederholung wirklichen Erlebens,
ein Zwangssymptom das Schuldbewußtsein
auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes
der nie zur Ausführung gekommen.
Ja wie im Traume und in der Hypnose
tritt in der Seelentätigkeit der
Masse die Realitätsprüfung
zurück gegen die Stärke der affektiv
besetzten Wunschregungen.Was Le Bon über die Führer der
Massen sagt ist weniger erschöpfend
und läßt das Gesetzmäßige nicht so
deutlich durchschimmern. Er meint
sobald lebende Wesen in einer gewissen
Anzahl vereinigt sind einerlei ob
einer Herde Thiere oder Menschenmenge,
stellen sie sich instinktiv unter
die Autorität eines Oberhaupts. (S 36).S.
17
19Die Masse ist eine folgsame Herde, die nie
17 ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat
einen solchen Drang zu gehorchen, daß sie sich
jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt
instinktiv unterordnet.[Kontrast] So das Bedürfnis der Masse dem
Führer entgegen so muß er ihm doch durch
persönliche Eigenschaften entsprechen. Er
muß selbst durch einen starken Glauben
(an eine Idee) faszinirt sein, um Glauben
in der Masse zu erwecken, er muß
einen starken dominirenden Willen
besitzen, den die willenslose Masse von
ihm annimmt. Le Bon bespricht dann die
verschiedenen Arten von Führern und
die Mittel durch welche sie auf die Masse
wirken. Im Ganzen läßt er die Führer
durch die Ideen zur Bedeutung kommen,
für die sie selbst fanatisirt sind.Diesen Ideen wie den Führern schreibt
er überdies eine geheimnisvolle und
unwiderstehliche Macht zu, die er Prestige
benennt. Das Prestige ist eine Art Herr-
schaft die ein Individuum, ein Werk,
oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt
all unsere Fähigkeit zur Kritik und er-
füllt uns mit Staunen und Achtung. Sie
dürfte ein Gefühl hervorrufen ähnlich
wie das der Faszination der Hypnose.
(S 46). Er unterscheidet erworbenes oder
künstliches Prestige und das persönliche
Prestige. Das erstere wird bei Personen durch
Namen Reichtum Ansehen verliehen
bei Anschauungen Kunstwerken u dgl
durch Tradition. Da es in allen Fällen
auf die Vergangenheit zurückgreift
wird esunsfür das Verständnis dieses
rätselhaften Einflusses wenig leisten.S.
18
20Das persönliche Prestige haftet an wenigen
18 Personen, die durch dasselbe zu Führern
werden und macht daß ihnen alle wie
unter der Wirkung eines magnetischen
Zaubers gehorchen doch ist jedes Prestige
auch vom Erfolg abhängig und geht
durch Mißerfolge verloren. (S 48).Man gewinnt nicht den Eindruck,
daß bei Le Bon die Rolle des Führers
und die Betonung des Prestiges in
richtigen Einklang mit der so glänzend
vorgetragene Schilderung der Massen-
seele gebracht worden ist.III
Andere Würdigungen des Kollektiv-
SeelenlebensWir haben uns der Darstellung von Le Bon
als Einführung bedient, weil sie in der
Betonung des unbewußten Seelenlebens
so fabelhaft mit unserer eigenen Psychologie
zusammentrifft. Wir müssen aber jetzt hin-
fügen, daß eigentlich keine der Be-
hauptungen dieses Autors etwas Neues
bringt. Alles was er Abfälliges und
Herabsetzendes über die Äußerungen
der Massenseele sagt, ist schon vor
ihm ebenso bestimmt und ebenso
feindselig von anderen gesagt
worden und wird seit den ältesten Zeiten
der Literatur von Denkern, Staats-
männern und Dichtern gleichlautend
so wiederholt.*) Die beiden Sätze, welche
die wichtigsten Ansichten Le Bon's ent-
halten, die von der kollektiven
Hemmung der intellektuellen Leistung
und der von der Affektsteigerung
in der MasseundAffektivität in der Masse
waren erst kurz vorher von Sighele formuliert*) Vgl. den Text und die Literaturverzeichnisse
in B. Kraškovič jun. Die Psychologie
der Kollektivitäten. Aus dem Kro-
atischen übersetzt von Sigmund von Posavec
Vukovar 1915.
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1921.01
1921-001/1921.01/2