• S.

    48

    Nun haben wir bereits im Rahmen
    der gewöhnlichen sexuellen Objektbe-
    setzung Erscheinungen bemerkt die
    einer Ablenkung des Triebes von
    seinem Sexualziel entsprechen. Wir
    haben sie als Grade von Verliebt-
    heit beschrieben und erkannt, daß
    hier die Treue gewisse Beeinträchtig-
    ung des Ich mit sich bringen. Diesen
    Erscheinungen der Verliebtheit wer-
    den wir nun eingehendere Aufmerk-
    samkeit zuwenden in der begründeten
    Erwartung an ihnen Verhältnisse zu
    finden die sich auf die Bindungen
    in den Massen übertragen lassen.
    Außerdem möchten wir aber wissen, ob
    diese Art der Objektbesetzung die
    einzige wie wir sie aus dem Geschlechtsleben
    kennen, die einzige Weise der Ge-
    fühlsbindung an eine andere Person
    darstellt oder ob wir noch andere solche
    Mechanismen in Betracht zu ziehen
    haben. Wir erfahren daß es noch andere
    Mechanismen der Gefühlsbindung
    gibt, die sogenannten Identifizie-
    rungen ungenügend bekannte psychi-
    sche Vorgänge, deren Un-
    tersuchung uns noch eine gute Weile
    vom Thema der Massenpsychologie
    fernhalten wird.

    VII Identifizierung

    Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als
    früheste Äusserung einer Gefühlsbindung
    an eine andere Person bekannt. Sie spielt
    in der Vorgeschichte des Oedipuskom-
    plexes eine Rolle. Der kleine Knabe
    zeigt ein besonderes Interesse für seinen
    Vater an den Tag, er möchte so werden

     

     

  • S.

    49

    und so sein wie er in allen Stücken an seine
    Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt
    den Vater zu seinem Ideal. Dies Ver-
    halten hat nichts mit einer passiven oder
    weiblichen Einstellung zum Vater (und
    zum Mann überhaupt) zu tun, es ist viel-
    mehr exquisit männlich. Es verträgt sich sehr
    wohl mit dem Oedipuskomplex, den es
    vorbereiten hilft.
    Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit
    dem Vater oder etwas später hat
    der Knabe begonnen eine richtige Objekt-
    besetzung der Mutter nach dem Anlehn-
    ungstypus vorzunehmen. Er zeigt also dann
    zwei psychologisch verschiedene Bindungen,
    zur Mutter eine glatte sexuelle Objekt-
    besetzung, zum Vater eine vorbildliche
    Identifizierung. Die beiden bestehen eine
    Weile neben einander, ohne gegenseitige
    Beeinflussung oder Störung. Infolge der un-
    aufhaltsam fortschreitenden Vereinheitlich-
    ung des Seelenlebens treffen sie sich
    endlich und durch dieses Zusammentreffen
    entsteht der normale Oedipuskomplex.
    Der Kleine merkt, dass ihm der Vater
    in der Mutter im Wege steht; seine
    Identifizierung mit dem Vater nimmt
    eine feindselige Tönung an und wird
    mit dem Wunsch identisch, den Vater
    auch bei der Mutter zu ersetzen.
    Die Identifizierung ist aber von Anfang
    an ambivalent, sie kann sich ebenso
    zum Ausdruck der Zärtlichkeit wie
    zum Wunsch der Beseitigung wenden.
    Sie benimmt sich wie ein Abkömmling
    der ersten oralen Phase der Libido-
    organisation in welcher man sich das be-
    ausgeschätzte gehrte Objekt durch Einverleibung
    und es dabei als solches vernichtete. Der
    Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem
    Standpunkte stehen: er hat seine Feinde
    zum Fressen lieb und er frisst nur
    die, die er lieb hat. *)

  • S.

    50

    *) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
    und Abraham, Untersuchungen über die
    früheste prägenitale Entwicklungsstufe
    der Libido, Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse
    IV, 1916, auch in dessen „Klinische Beiträge
    zur Psychoanalyse“, Internat. Psychoanalyt.
    Bibliothek Bd. 10 1921.


    Das Schicksal dieser Vateridentifizierung
    verliert man später leicht aus den
    Augen. Es kann dann geschehen, dass der
    Oedipuskomplex eine Umkehrung erfährt,
    dass der Vater in femininer Ein-
    stellung zum Objekt genommen wird,
    von dem die direkten Sexualtriebe
    ihre Befriedigung erwarten, und dann
    ist die Vateridentifizierung zum Vor-
    läufer der Objektbindung an den Vater
    geworden. Dasselbe gilt mit den ent-
    sprechenden Ersetzungen auch für
    die kleine Tochter.
    Es ist leicht, den Unterschied einer solchen
    Vateridentifizierung von einer Vaterob-
    jektwahl in einer Formel auszusprechen.
    Im ersten Falle ist der Vater das, was
    man sein im zweiten das was man
    haben möchte. Es ist also der Unterschied,
    ob die Bindung am Subjekt oder am
    Ich Objekt des Ich angreift. Die erstere
    ist bereits vor jeder sexuellen
    Objektwahl möglich. Es ist weit schwieriger,
    diese Verschiedenheit metapsychologisch
    anschaulich darzustellen. Man erkennt nur,
    die Identifizierung strebt danach, das
    eigene Ich ähnlich zu gestalten,
    wie das andere zum Vorbild genommene.

  • S.

    50a

         Aus einem verwickelteren Zusammen-
    hange lösen wir die Identif. bei einer
    neurotischen Symptombildung des kleinen
    Mädchens, an der wir uns jetzt halten wollen.
    Es bekommt dasselbe Leidenssymptom wie
    ihre Mutter, zB denselben quälenden
    Husten. Das kann nun auf verschiedenen
    Wegen zugehen. Entweder ist die Identif.
    dieselbe aus dem Oedipuskomplex, die ein
    feindseliges Ersetzenwollen der Mutter
    bedeutet, und das Symptom drückt die
    Objektliebe zum Vater aus und realisiert
    die Ersetzung der Mutter unter dem Ein-
    fluss des Schuldbewusstseins: du hast
    die Mutter sein wollen jetzt bist
    du es wenigstens im Leiden. Das ist
    dann der komplette Mechanismus der
    hysterischen Symptombildung. Oder

  • S.

    50b

    er ersetzt sich gegen den Vater, der durch seine
    Existenz dem Kleinen im Wege steht da
    er all das schon ist und schon hat was
    dieser erst möchte. Ebenso verträgt
    sich diese Identifizierg mit dem Oedipus-
    komplex in seiner typischen Form, ja
    sie bringt ihm eine Verstärkung zu,
    da der Oedipuskomplex den Inhalt
    hat, dass der Knabe den Vater auch
    bei der Mutter vertreten möchte.
    Um diese Zeit zeigt der kleine Sohn also
    zweierlei psycholog verschiedene Bindungen
    an Vater und Mutter. Zur Mutter
    ist es eine glatte sexuelle Objektbesetzg,
    Verliebtheit, für den Vater eine
    Identifizierung mit feindseliger Tönung
    dieses möchte an Dankbarkeit gewinnen.

  • S.

    51

    aber, das Symptom ist dasselbe wie das
    der geliebten Person (wie zB Dora
    den Husten des Vaters imitirt). Dann können
    wir den Sachverhalt nur so beschreiben,
    die Identifiz. ist an Stelle der Objekt-
    wahl getreten die Objektwahl sei zur
    Identifizierung regrediert. Wir haben
    gehört, dass die Identifiz die früheste
    und ursprünglichste Form der Gefühls-
    bindung ist. Unter den Verhältnissen
    der Symptombildung, also der Ver-
    drängung und der Herrschaft des Unbe-
    wussten des Uber-, kommt es oft vor,
    dass die Objektwahl wieder zur Identif-
    izierung wird, also das Ich die Eigenschaften
    seines Objekts an sich übernimmt.
    Merkwürdig ist es, dass das Ich in diesen
    Identifizierungen ein mal die ungeliebte
    das andere Mal aber die geliebte
    Person kopiert. Es muss uns auch auf-
    fallen, dass beide Male die Identif-
    izierung eine partielle, höchst beschränkte ist,
    nur einen einzigen Zug von der Objekt-
    person entlehnt.
    Es ist ein dritter besonders häufiger
    Fall und bedeutsamer, in dem die Identifizierung vom Objekt
    der Symptombildung, Verhältnis zur
    kopierten Person ganz absieht.und
    Wenn zB eines der Mädchen im
    Pensionat einen Brief von geheimen
    Geliebten bekommen hat, der ihre Eifer-
    sucht erregt, und auf den sie mit
    einem hysterischen Anfall reagiert,
    so werden einige ihrer Freundinnen
    die darum wissen, diesen Anfall
    übernehmen wie mit ihnen auf dem
    Wege der psychischen Infektion.
    Der Mechanismus ist der der Identif-
    izierung auf Grund des sich in der selben Lage

  • S.

    52

    versetzen Könnens oder Versetzenwollens.
    Die anderen möchten auch ein geheimes
    Liebesverhältnis haben und akzeptieren
    unter dem Einfluss des Schuldbewusst-
    seins auch das damit verbundene Leid.
    Es wäre unrichtig zu behaupten, sie
    eignen sich das Symptom aus Mitgefühl
    an. Im Gegenteil, das Mitgefühl
    entsteht erst aus der Identifiz.,
    und der Beweis hiefür ist, dass sich
    solche Infektion oder Imitation
    auch unter Umständen einstellt,
    wo noch geringere vorgängige Sym-
    pathie zwischen beiden angenommen
    ist, als zwischen Pensionsfreundinnen
    zu bestehen pflegt. Das eine Ich
    hat am anderen eine Übereinstimmung
    Analogie wahrgenommen in einem Punkte
    in unserem Beispiel in der gleichen
    Gefühlsbereitschaft; es bildet sich
    daraufhin eine Identifiz. in diesem
    Punkte, und unter dem Einfluss
    der pathogenen Situation verschiebt
    sich diese Identifiz. zum Symptom,
    das erstere das eine Ich produziert
    hat. Die Identifiz. durch das Symptom
    wird so zum Anzeichen für eine
    Deckungsstelle der beiden Ichs,
    die verdrängt gehalten werden
    soll.

    Das aus diesen drei Quellen Gelernte können
    wir dahin zusammenfassen, dass 1) die
    Identifiz. die ursprünglichste Form der
    Gefühlsbindung an ein Objekt ist, 2) dass
    sie auf regressiven Wege zum Ersatz
    für eine libidinöse Objektbindung
    wird, gleichsam durch Introjektion
    des Objekts ins Ich, und dass sie 3)
    bei jeder neuen wahrgenommenen
    Gemeinsamkeit mit einer Person, einer

  • S.

    53

    Person, die nicht Objekt der Sexualtriebe
    ist entstehen kann. Je bedeutsamer diese Gemein-
    samkeit ist, desto erfolgreicher muss
    diese partielle Identifiz. werden
    können, u so dem Anfang einer neuen
    Bindung entsprechen.
    Wir ahnen bereits, dass die gegenseitige
    Bindung der Massenindividuen von
    der Natur einer solchen Identifiz.
    durch eine wichtige affektive Gemein-
    samkeit ist, und können vermuten,
    diese Gemeinsamkeit liege in der
    Art der Bindung an den Führer.
    Ein anderes Ahnen lassen uns sagen, dass wir
    weit entfernt sind, das Problem
    der Identifiz. erschöpft zu haben, dass wir
    vor dem „Einfühlung“ steht, und das
    Psychologie „Einfühlung“ heißt und uns
    die größte Anteil an unserem
    Verständnis für das Ich-fremde anderer
    Personen hat. Aber wir wollen uns hier
    auf die nächsten affektiven Wirk-
    ungen der Identifiz. beschränken
    und ihre Bedeutung für unsere unmit-
    telbaren Massenpsychol. Ziele beiseite lassen.
    Die psychologische Forschung, die gelegentlich auch schon
    die schwierigeren Probleme der Psychosen
    in Angriff genommen hat, konnte uns
    auch die Identifiz. in einigen anderen
    Fällen aufzeigen, die unserem Verständnis
    nicht ohne Weiteres zugänglich sind.
    Ich werde zwei dieser Fälle als Stoff
    für unsere weiteren Überlegungen
    ausführlich behandeln.
    Die Genese der männlichen Homosexualität
    ist in einer großen Reihe von Fällen
    diese folgende: Der junge Mann ist unge-
    wöhnlich lange und intensiv im Sinne
    des Oedipuskomplexes an seine Mutter
    fixiert gewesen. Endlich kommt doch nach
    vollendeter Pubertät die Zeit, die

  • S.

    54

    Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu
    vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wend-
    ung; der Jüngling verlässt nicht seine Mutter,
    sondern identifiziert sich mit ihr, wandelt
    sich in sie um und sucht jetzt nach Objekten
    die ihm sein Ich ersetzen können, die er
    so lieben und pflegen kann, wie er
    es von der Mutter erfahren hatte.
    Dies ist ein häufiger Vorgang der be-
    liebig oft bestätigt werden kann und
    natürlich ganz unabhängig von jener
    Annahme ist, die man über die
    organische Triebkraft und die Motive
    jener plötzlichen Wandlung macht.
    Auffällig an dieser Identifizierung
    ist ihre Ausgiebigkeit, sie verwandelt
    das Ich in einem höchst wichtigen
    Stück, im Sexualcharakter, nach
    dem Vorbild des bisherigen Ob-
    jekts um. Dabei wird das Objekt
    selbst aufgegeben, ob durchaus oder
    nur im dem Sinne, dass es im Un-
    bewussten erhalten bleibt, steht
    hier außer Diskussion. Die Iden-
    tifizierung mit dem aufgegebenen
    oder verlorenen Objekt zum
    Ersatz desselben die Introjektion
    dieses Objekts ins Ich ist für uns
    allerdings keine Neuheit mehr. Eine
    solcher Vorgang lässt sich gelegent-
    lich am kleinen Kind unmittelbar
    beobachten. Kürzlich wurde in d. Zeit
    eine solche Beobachtung veröffent-
    licht, dass ein Kind, das unglücklich
    über den Verlust eines Kätz-
    chens war, kurzweg erklärte es
    sei jetzt selbst das Kätzchen,
    dem entsprechend auf allen
    Vieren kroch, nicht am Tische essen
    wollte u. s. w. x)

    x) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern.
    Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse VI. 1920.

  • S.

    55

    Ein anderes Beispiel von solcher Intro-
    jektion des Objekts hat uns die Mel-
    ancholie gegeben welche (Analyse der)
    Affektivität ja den realen oder affekt-
    iven Verlust des geliebten Objekts
    unter ihre auffälligsten Veranlassungen
    zählt. Ein Hauptcharakter dieser Fälle
    ist die grausame Selbstherab-
    setzung des Ichs in Verbindung mit
    schonungsloser Selbstkritik und bitteren
    Selbstvorwürfen. Analysen haben
    ergeben, dass diese Einschätzung und
    diese Vorwürfe im Grunde dem
    Objekt gelten und die Rache
    des Ichs an diesem darstellen. Der Schatten
    des Objekts ist auf das Ich gefallen,
    sagte ich an anderer Stelle. Die
    Introjektion des Objekts ist hier von
    unverkennbarer Deutlichkeit.
    Diese Melancholien zeigen uns
    aber noch etwas anderes, was für
    unsere späteren Betrachtungen
    wichtig werden kann. Sie zeigen uns
    das Ich geteilt, in zwei Stücke zer-
    fallen, von denen das eine gegen
    das andere wütet. Dies andere
    Stück ist das durch Introjektion
    veränderte, das das verlorene Objekt
    einschließt. Aber auch das Stück, das
    sich so grausam betätigt, ist uns
    nicht unbekannt. Es schließt das
    Gewissen in uns, eine kritische Instanz
    im Ich, die sich auch in normalen
    Zeiten dem Ich kritisch gegenüber-
    gestellt hat, nur niemals so unerbitt-
    lich und so ungerecht. Wir haben
    schon bei früheren Anlässen die
    Annahme machen müssen (Narzissmus,
    Trauer u Melancholie), dass sich im

  • S.

    56

    in unserem Ich eine solche Instanz entwickelt,
    welche sich vom anderen Ich absondere
    und und in Konflikte mit ihm ge-
    treten kann. Wir nannten sie das 
    „Ichideal“ und schrieben ihm an 
    Funktionen die Selbstbeobachtung,
    das moralische Gewissen, die Traum-
    zensur und den Haupteinfluß bei 
    der Verdrängung zu. Wir sagten,
    sie sei der Erbe des ursprünglichen 
    Narzißmus, in dem das kindliche 
    Ich sich selbst genügte. Allmählich 
    nehme sie aus den Einflüssen der Um-
    gebung die Anforderungen auf,
    die diese an das Ich stelle, denen das Ich nicht 
    immer nachkommen könne, so daß der 
    Mensch, wo er mit seinem Ich selbst 
    nicht zufrieden sein kann könne, doch 
    seine Befriedigung in dem aus dem 
    Ich differenzierten Ichideal finden 
    dürfe. Im Beobachtungswahn, stellten wir 
    ferner fest, werde der Zerfall dieser 
    Instanz offenkundig und dabei ihre Her-
    kunft aus den Einflüssen der Autor-
    itäten, voran der Eltern, aufgedeckt. x)
    Wir haben aber nicht vergessen anzu-
    führen daß das Maß der Entfernung 
    dieses Ichideals vom aktuellen Ich 
    für das einzelne Individuum sehr 
    variabel ist, und daß bei vielen diese 
    Differenzierung innerhalb des Ichs nicht 
    weiter reicht als beim Kinde.
         Ehe wir aber diesen Stoff zum 
    Verständnis der libidinösen Organi-
    sation einer Masse verwenden können 
    müssen wir einige andere der 
    Wechselbeziehungen zwischen Objekt 
    und Ich in Betracht ziehen. x)


    x) Zur Einführung des Narzißmus, l. c.

  • S.


    √56

    x)  Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen 
    der Pathologie entnommenen Beispielen 
    das Wesen der Identifizierung nicht erschöpft 
    haben und somit am Rätsel der Massen-
    bildung ein Stück unangerührt gelassen haben.
    Hier müßte eine viel gründlichere und mehr 
    umfassende psychologische Analyse eingreifen.
    Von der Identifizierung führt ein Weg über 
    die Nachahmung zur Einfühlung, d. h. zum 
    Verständnis des Mechanismus durch den 
    uns überhaupt eine Stellungnahme zu 
    einem anderen Seelenleben ermöglicht 
    wird. Auch an den Äußerungen einer be-
    stehenden Identifizierung ist noch vieles 
    aufzuklären. Sie hat unter anderem die 
    Folge, daß man die Aggression gegen 
    die Person, mit der man sich identifiziert 
    hat, einschränkt, sie schont verschont und ihr 
    Hilfe leistet. Das Studium solcher Iden-
    tifizierungen, wie sie z. B. der Clangemein-
    schaft zu Grunde liegen, ergab Robertson 
    Smith das überraschende Resultat, daß 
    sie auf der Anerkennung einer gemein-
    samen Substanz beruhen (Kinship and 
    Marriage, 1885), daher auch durch eine gemein-
    sam genommene Mahlzeit geschaffen werden 
    können. Dieser Zug gestattet es, eine solche 
    Identifizierung mit der von mir in „Totem 
    und Tabu“ konstruierten Urgeschichte der 
    menschlichen Familie zu verknüpfen.