Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
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    Während dieser Kämpfe kann man zwei 
    symptombildende Tätigkeiten des Ichs beobachten, 
    die ein besonderes Interesse verdienen, 
    weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung 
    sind und darum deren Tendenz und Technik schön 
    erläutern können. Vielleicht dürfen wir auch 
    das Hervortreten dieser Hilfs‑ und Ersatztechniken 
    als einen Beweis dafür auffassen, daß die 
    Durchführung der regelrechten Verdrängung 
    auf Schwierigkeiten stößt. Wenn wir er-
    wägen, daß bei der Zwangsneurose das Ich 
    soviel mehr Schauplatz der Symptombildung 
    ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an seiner 
    Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein 
    festhält und dabei alle seine intellektuellen 
    Mittel aufbietet, ja, daß die Denktätigkeit 
    überbesetzt, erotisirt, erscheint, werden uns 
    solche Variationen der Verdrängung viel-
    leicht näher gebracht. 

    Die beiden angedeuteten Techniken sind das 
    Ungeschehenmachen und das Isoliren. Die erstere 
    hat ein großes Anwendungsgebiet und reicht 
    weit zurück. Sie ist sozusagen negative Magie, 
    sie will durch motorische Symbolik ¿¿ nicht die 
    Folgen eines Ereignißes ¿¿ (Eindruckes, Erleb-
    nißes), sondern dieses selbst „wegblasen“. 
    Mit der Wal dieses letzten Ausdrucks ist 
    darauf hingewiesen, welche Rolle diese Technik 
    nicht nur in der Neurose, sondern auch 
    in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen 
    und im religiösen Zeremoniell spielt. 
    In der Zwangsneurose begegnet man dem 
    Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeitigen 
    Symptomen, wo der zweite Akt den ersten 
    aufhebt, so, als ob nichts geschehen wäre, 
    wo in Wirklichkeit beides geschehen ist. 
    Das zwangsneurotische Zeremoniell hat in der 
    Absicht des Ungeschehenmachens seine zweite 
    Wurzel. Die erste ist die Verhütung, die Vorsicht, 
    damit etwas Bestim̄tes nicht geschehe, sich nicht 
    wiederhole. Der Unterschied ist leicht zu fassen; 
    die Vorsichtsmaßregeln sind rationell, 
    die „Aufhebungen“ durch Ungeschehenmachen irrat-
    ionell, magischer Natur. Natürlich muß 
    man vermuten, daß diese zweite Wurzel 
    die ältere, aus der animistischen Einstellung 
    zur Umwelt stammende, ist. Seine Abschatt-
    ung zum Normalen findet das Streben zum 
    Ungeschehenmachen in dem Entschluß ein 
    Ereignis als „non arrivé“ zu behandeln, 
    aber dann unternim̄t man nichts dagegen, 
    küm̄ert sich weder um das Ereignis noch 

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    seine Folgen, während man in der Neurose die 
    Vergangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu 
    verdrängen sucht. Dieselbe Tendenz kann auch 
    die Erklärung des in der Neurose so häufigen 
    Zwanges zur Wiederholung geben, bei dessen 
    Ausführung sich dann mancherlei einander 
    widerstreitende Absichten zusam̄enfinden. Was 
    nicht in solcher Weise geschehen ist, wie es dem 
    Wunsch gemäß hätte geschehen sollen, wird durch 
    die Wiederholung in anderer Weise ungeschehen 
    gemacht, wozu nun alle die Motive hinzutreten, 
    bei diesen Wiederholungen zu verweilen. Im 
    weiteren Verlauf der Neurose enthüllt sich oft 
    die Tendenz, ein traumatisches Erlebnis unge-
    schehen zu machen, als ein symptombildendes 
    Motiv vom ersten Range. Wir erhalten so 
    unerwarteten Einblick in eine neue, motorische 
    Technik der Abwehr oder, wie wir hier mit 
    geringerer Ungenauigkeit sagen können, 
    der Verdrängung.

    Die andere der neu zu beschreibenden Techniken 
    ist das der Zwangsneurose eigentümlich zu-
    kommende Isolirungen. Es bezieht sich gleichfalls 
    auf die motorische Sphäre, besteht darin, daß 
    nach einem unliebsamen Ereignis, ebenso 
    nach einer im Sinne der Neurose bedeutsamen 
    eigenen Tätigkeit eine Pause eingeschoben 
    wird, in der sich nichts mehr ereignen darf, 
    keine Wahrnehmung gemacht und keine 
    Aktion ausgeführt wird. Dies zunächst sonderbare 
    Verhalten verrät uns bald seine Beziehung 
    zur Verdrängung. Wir wissen, bei Hysterie 
    ist es möglich, einen traumatischen Eindruck 
    der Amnesie verfallen zu laßen, bei der 
    Zwangsneurose ist dies oft nicht gelungen, das 
    Erlebnis ist nicht vergeßen, aber es ist von 
    seinem Affekt entblößt und seine assoziativen 
    Beziehungen sind unterdrückt oder unter-
    brochen, so daß es wie isolirt dasteht und 
    auch nicht im Verlaufe der Denktätigkeit re-
    produzirt wird. Der Effekt dieser Isolirung 
    ist dann der nämliche wie bei der Ver-
    drängung mit Amnesie. Diese Technik wird 
    also in den Isolirungen der Zwangsneurose 
    reproduzirt, aber dabei auch in magischer 
    Absicht motorisch verstärkt. Was so auseinander-
    gehalten wird, ist gerade das, was assoziativ 
    zusam̄engehört, die motorische Isolirung soll eine 
    Garantie für die Unterbrechung des aff 
    Zusam̄enhanges im Denken geben. Einen Vor-
    wand für dies Verfahren der Neurose gibt 
    der normale Vorgang der Konzentration. 
    Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe erscheint, 
    soll nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche 
    anderer Denkverrichtungen oder Tätigkeiten 
    gestört werden. Aber schon im Normalen 

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    wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur 
    das Gleichgiltige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem 
    das unpassende Gegensätzliche fernzuhalten. Als das 
    Störendste wird empfunden, was ursprünglich 
    zusam̄engehört hat und durch den Fortschritt der 
    Entwicklung auseinander gerissen wurde, zB. 
    die Äußerungen der Ambivalenz des Vater-
    komplexes in der Beziehung zu Gott oder 
    die Regungen der Exkretionsorgane in den 
    Liebeserregungen. So hat das Ich normaler Weise 
    eine große Isolirungsarbeit bei der Lenkung 
    des Gedankenablaufes zu leisten, und wir 
    wissen, in der Ausübung der analytischen Technik 
    müßen wir das Ich dazu erziehen, auf diese 
    sonst durchaus gerechtfertigte Funktion zeit-
    weilig zu verzichten.

    Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem 
    Zwangsneurotiker besonders schwer wird, die 
    psychoanalytische Grundregel zu befolgen. Wahrscheinlich 
    infolge der hohen Konfliktspan̄ung zwischen seinem 
    Überich und seinem Es ist sein Ich wachsamer, 
    dessen Isolirungen schärfer. Es hat während seiner 
    Denkarbeit zuviel abzuwehren, die Einmengung 
    unbewußter Phantasien, die Äußerung der 
    ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen 
    lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbe-
    reitschaft. Diesen Zwang zur Konzentration und 
    Isolirung unterstützt es dann durch die magischen 
    Isolirungsaktionen, die als Symptome so auffällig 
    und praktisch so bedeutsam werden, an sich 
    natürlich nutzlos sind und den Charakter des 
    Zeremoniells haben.

    Indem es aber Assoziationen, Verbindung in 
    Gedanken, zu verhindern sucht, befolgt es eines 
    der ältesten und fundamentalsten Gebote 
    der Zwangsneurose, das Tabu der Berührung. 
    Wenn man sich die Frage vorlegt, warum die 
    Vermeidung von Berührung, Kontakt, Ansteck-
    ung in der Neurose eine so große Rolle 
    spielt und zum Inhalt so komplizirter Systeme 
    gemacht wird, so findet man die Antwort, 
    daß die Berührung, der körperliche Kontakt, 
    das nächste Ziel sowol der aggressiven sowie 
    der zärtlichen Objektbesetzung ist. Der Eros 
    will die Berührung, denn er strebt nach 
    Vereinigung, Aufhebung der Raumgrenzen 
    zwischen Ich und geliebtem Objekt. Aber auch 
    die Destruktion, die vor der Erfindung der Fern-
    waffe nur aus der Nähe erfolgen konnte, 
    muß die körperliche Berührung, das Handanlegen, 
    voraussetzen. Eine Frau berühren ist im Sprachge-
    brauch ein Euphemismus für ihre Benützung 
    als Sexualobjekt geworden, das Glied nicht 
    berühren, ist der Wortlaut des Verbots 
    der autoerotischen Befriedigung. Da die Zwangs-
    neurose zu Anfang die erotische Berührung, 

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    dann nach der Regression die als Aggression maskirte 
    Berührung verfolgte, ist nichts anderes für sie in so 
    hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, 
    zum Mittelpunkt eines Verbotsystems zu werden. 
    Die Isolierung ist aber Aufhebung der Kontaktmöglich-
    keit, Mittel, ein Ding jeder Berührung zu ent-
    ziehen, und wenn der Neurotiker auch einen Eindruck 
    oder eine Tätigkeit durch eine Pause isolirt gibt 
    er uns symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken 
    an sie nicht in assoziative Berührung mit 
    anderen kommen lassen will.

    So weit reichen unsere Untersuchungen über die 
    Symptombildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu 
    resumiren, sie sind ergebnisarm und unvoll-
    ständig geblieben, haben auch wenig gebracht, was 
    nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die 
    Symptombildung bei anderen Affektionen als bei 
    den Phobien, der Konversionshysterie und der 
    Zwangsneurose in Betracht zu ziehen, wäre aussichtslos; 
    es ist zu wenig darüber bekannt. Aber auch schon 
    aus der Zusam̄enstellung dieser drei Neurosen erhebt 
    sich ein schwerwiegendes, nicht mehr aufzuschiebendes 
    Problem. Für alle drei ist die Zerstörung des 
    Oedipuskomplexes der Ausgang, in allen, nehmen 
    wir an, die Kastrationsangst der Motor des 
    Ichsträubens. Aber nur in den Phobien kom̄t solche 
    Angst zum Vorschein, wird sie eingestanden. 
    Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr 
    geworden, wie hat das Ich sich solche Angst erspart? 
    Das Problem verschärft sich noch, wenn wir an die 
    vorhin erwähnte Möglichkeit denken, daß die 
    Angst durch eine Art Vergärung aus der im 
    Ablauf gestörten Libidobesetzung selbst hervor-
    geht, und weiters: steht es fest, daß die Kastrations-
    angst der einzige Motor der Verdrängung 
    (oder Abwehr) ist? Wenn man an die Neurosen 
    der Frauen denkt, muß man das bezweifeln, 
    denn so sicher sich der Kastrationskomplex bei 
    ihnen konstatiren läßt, von einer Kastrations-
    angst im richtigen Sinne kann man bei bereits 
    vollzogener Kastration doch nicht sprechen.

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Thierphobien zurück, 
    wir verstehen diese Fülle doch besser als alle anderen. 
    Das Ich muß also hier gegen eine libidinöse Objekt-
    besetzung des Es (die des positiven oder des 
    negativen Oedipuskomplexes) einschreiten, weil 
    es verstanden hat, ihr nachgeben brächte die 
    Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben 
    das schon erörtert und finden noch Anlaß, uns 
    einen Zweifel klar zu machen, der von dieser 
    ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen wir 
    beim kl. Hans (also im Falle des positiven 
    Oedipuskomplexes) annehmen, daß es die zärtliche 
    Regung für die Mutter oder die aggressive