Freud, Sigmund (1886-141/1885): "Bericht über meine mit Universität-Jubiläums Reisestipendium unternommene Studienreise nach Paris und Berlin", October 1985 - Ende März 1886
S.
S.
Hochlöbliches Professoren-Collegium
der medizinischen Fakultät
in WienIn meinem Gesuche um Verleihung des Universitäts-
Jubiläums-Reisestipendiums für das Jahr 1885/6 habe ich
die Absicht ausgesprochen mich nach Paris in das Hospiz der
Salpêtrière zu begeben, um daselbst meine neuropathologischen
Studien fortzusetzen. Für diese Wal hatten mehrere Momente zusam̄en-
gewirkt: Zunächst die Gewißheit, an der Salpêtrière ein großes Material
von Kranken gesam̄elt zu finden welches in Wien nur zerstreut und
daher schwerunzugänglich ist; sodann der große Name J. M. Charcot's, welcher
in jenem Krankenhause nun seit 17 Jahren arbeitet und lehrt; endlich
aber mußte ich mir sagen, daß ich nicht erwarten durfte, an einer
deutschen Hochschule wesentlich Neues zu lernen, nachdem ich in Wien
die mittelbare und unmittelbare Unterweisung der Herren
Prof. Th. Meynert und H. Nothnagel genossen hatte. Die
französische Schule der Neuropathologie schien mir dagegen sowohl
in ihrer Arbeitsweise Fremdes und Eigentümliches zu bieten, als auchS.
neue Gebiete der Neuropathologie in Angriff genom̄en zu haben, auf welche
sich in Deutschland und Österreich die wissenschaftliche Arbeit nicht in ähnlicher
Weise erstreckt hat. Infolge des wenig lebhaften persönlichen
Verkehrs zwischen französischen und deutschen Ärztenfandenhatten die
theils höchst merkwürdigen (Hypnotismus), theils praktisch wichtigen
(Hysterie) Funde der französischen Schule mehr Anzweiflung als Anerken̄ung
und Glauben in unseren Landen gefunden und mußten sich die französischen
Forscher, Charcot voran, oft den Vorwurf der Kritiklosigkeit oder
mindestens der Hinneigung zum Studium des Seltsamen und zu dessen effektvoller
Verarbeitung gefallen lassen. Nachdem mich das löbliche Professoren-
Collegium durch die Verleihung des Reisestipendiums ausgezeichnet
hatte, ergriff ich daher bereitwillig die gebotene Gelegenheit, ein auf
eigene Erfahrung gegründetes Urtheil über die erwähnten Reihen von
Thatsachen zu gewinnen, und freute mich, dabei gleichzeitig der
Anregung meines verehrten Lehrers, des Herrn Prof. v. Brücke
entsprechen zu können.Während eines Ferienaufenthaltes in Hamburg machte
das freundliche Entgegenkom̄en des Herrn Dr. Eisenlohr, des bekan̄ten
Vertreters der Neuropathologie in dieser Stadt, es mir möglich,
eine größere Reihe von Nervenkranken im großen Krankenhause
und im Heinespitale zu untersuchen und verschaffte mir auch Zugang
in die Irrenanstalt Klein-Friedrichsberg. Die Studienreise, über
welche ich hier berichte, nahm aber ihren Anfang erst mit meinem Ein-
treffen in Paris in der ersten Hälfte des Monats Oktober
zum Beginne des Schuljahres.Die Salpêtrière, welche ich zunächst aufsuchte, ist ein
ausgedehntes Bauwerk, das durch seine einstöckigen, im Viereck
stehenden Häuser, wie durch seine Höfe und GartenanlagenS.
lebhaft an das Wiener Allgemeine Krankenhaus erinnert. Es hat seine
Bestim̄ungen, auf deren erste der Name hindeutet (wie bei unserer
„Gewehrfabrik"), im Laufe der Zeiten mehrmals gewechselt und ist
endlich zu einem Versorgungshaus für alte Frauen (vieillesse femmes),
das über 5000 Personen beherbergt, geworden. Es lag in der
Natur der Verhältniße, daß die chronischen Nervenkrankheiten
eine besonders reichliche Vertretung unter diesem Krankenmateriale
finden mußten, und frühere Primarärzte des Versorgungshauses, zB. Briquet
hatten auch die wissenschaftliche Verwertung der Kranken in Angriff
genom̄en, doch stand einer systematisch fortgeführten Arbeit diefran
Gepflogenheit der französischen Primarärzte im Wege, das Spital, an
dem sie wirken und damit die Spezialität, welche sie studiren,
häufig zu wechseln, bis sie in ihrer Carriere in das große klinische
Spital Hǒtel-Dieu gelangt sind. J. M. Charcot aber, welcher
im Jahre 1856 Interne (Sekundararzt) an der Salpětrière war,
erkannte die Notwendigkeit die chronischen Nervenkrankheiten
zum Gegenstand eines unausgesetzten und ausschließlichen Studiums
zu machen u nahm sich vor, als Primararzt in die Salpětrière
zurückzukehren und dieselbe nicht mehr zu verlassen. Diesen Vorsatz
durchgeführt zu haben, erklärt der bescheidene Mann nun für
sein einziges Verdienst. Durch die günstigen Bedingungen seines
Materials auf die chronischen Nervenkrankheiten und deren
¿¿¿¿¿pathologisch-anatomische Begründung hingewiesen, hielt
er durch etwa 12 Jahre klinische Vorlesungen als freier Arbeiter
ohne Lehrauftrag, bis im Jahre 1881 endlich ein Lehrstuhl für
Neuropathologie in der Salpětrière errichtet und ihm übertragen
wurde.Mit dieser Institution waren eingreifende Veränderungen
in den Arbeitsbedingungen Charcot's und seiner unterdeßen
zahlreich gewordenen Schüler verbunden. Als notwendige Ergänzung
zu dem stationären Materiale des Versorgungshauses wurde eineS.
klinische Abtheilung in der Salpětrière geschaffen, auf welcher auch
nervenkranke Männer Aufnahme findensolltenund die sich
aus einer einmal wöchentlich abgehaltenen Poliklinik (Consultation
externe) rekrutirte. Außerdem wurde dem Professor der Neuropathologie
ein Laboratorium für anatomische und physiologische Arbeiten, ein
pathologisches Museum, ein Atelier für Photographie und Gipsabgüße,
ein ophthalmologisches Zim̄er, ein elektrisches und hydrotherapeutisches
Institut in den Räumlichkeiten des großen Spitales zur Verfügung
gestellt und ihm damit die Möglichkeit gegeben, sich der dauernden
Mitarbeiterschaft einiger seiner Schüler, denen die Leitung dieser
Anstalten übertragen ist, zu versichern. Der Mann, welcher über all
diese Hilfsmittel und Hilfskräfte gebietet, ist gegenwärtig
60 Jahre alt, von einer Lebhaftigkeit, Heiterkeit und Formvollendung
der Rede, die wir gewöhnlich dem Nationalcharakter der Franzosen
zuzuschreiben pflegen, und von einer Geduld und Arbeitsfreudigkeit,
wie wir sie in der Regel für die eigene Nation in Anspruch
nehmen.Von dieser Persönlichkeit angezogen, habe ich mich bald
darauf beschränkt, das eine Spital zu besuchen und dem Unterricht
des einen Mannes zu folgen. Gelegentliche Versuche andere Vor-
lesungen zu hören, gab ichbaldauf, nachdem ich mich überzeugt hatte,
daß man sich zumeist mit wolgefügten rhetorischen Leistungen zufrieden
geben müßte. Nur die gerichtlichen Sektionen und Vorträgenvon
Prof. Brouardel in der Morgue pflegte ich selten zu versäumen.In der Salpětrière selbst gestaltete sich meine Arbeit
anders, als ich mir ursprünglich vorgesetzt hatte. Ich war in der Absicht
gekom̄en, eine einzelne Frage zum Gegenstande einer eingehenden
Untersuchung zu machen und hatte mir, da mich in Wien vorzugsweise
anatomische Probleme beschäftigt hatten, das Studium der sekun-
dären Atrophien und Degenerationen nach infantilen Gehirn-
affektionen erwählt. Man stellte mir ein äußerst wertvollesS.
pathologisches Material zur Verfügung; ich fand aber, daß die Verhält-
nisse der Ausnützung desselben sehr ungünstig waren. Das Laborat-
orium war in keiner Weise darauf eingerichtet, einen¿¿¿¿¿fremden Arbeiter
aufzunehmen, und was etwa an Raum und Hilfsmitteln vorhanden war,
wurde durch den Mangel einer jeglichen Organisation unzugänglich.
Ich sah mich also genötigt die anatomische Arbeit aufzugeben und begnügte
mich mit einem auf das Verhalten der Hinterstrangskerne im verlängerten
Mark bezüglichen Funde. Doch fand sich später Gelegenheit derartige
Untersuchungen in Gemeinschaft mit Herrn Dr. v. Darkschewitsch aus Moskau
aufzunehmen und unser Verkehr führte zu einer Publikation im
Centr‚Neurologischen Centralblatt‛ Nr. 6, 1886, welche den Titel trägt:
„Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und
Hinterstrangskern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata".Im Gegensatz zur Unzulänglichkeit des Laboratoriums
bot die Klinik in der Salpětrière eine solche Fülle von Neuem
und Interessantem, daßiches alle meine Kräfte in Anspruch nahm,
die günstige Gelegenheit als Lernender auszunützen. Die Ein-
theilung der Woche war die folgende: Montag fand die öffentliche
Vorlesung Charcot's statt, welche durch ihre Formvollendung ent-
zückte, während ihr Inhalt aus den Arbeiten der vorhergehenden
Woche bekannt war.DienstagDiese Vorlesungen waren nicht so
sehr Elementarunterricht in der Neuropathologie als vielmehr
Mittheilungen der neuesten Forschungen des Professors und wirkten
vor allem durch ihre beständige Beziehung auf den vorgestellten
Kranken. Dienstag hielt Charcot die Consultation externe ab, bei
welcher ihm aus einer großen Menge von ambulatorischen Patienten
die typischen oder die rätselhaften Fälle von den Assistenten zur
Untersuchung vorgeführt wurden. Wirkte esdamalda manchmal
entmutigend, wenn der Meister einen Theil dieser Fälle nach
seinem eigenen Ausdruck »„n das Chaos der noch unenthüllten
NosologNosographie" zurücksinken ließ, so boten ihm andere
Fälle Gelegenheit die lehrreichsten Bemerkungen über---
Vorläufige editorsiche Anmkerung CD:Darkschewitsch, Liweri Ossipowitsch; Freud, Sigmund (1886-002; 1886b): Ueber die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangskern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata. Neurologisches Centralblatt‛ Nr. 6, 1886, Band 5, 121.
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die verschiedenartigsten Themata der Neuropathologie an sie zu
knüpfen. Mittwoch war zum Theile den ophthalmologischen Untersuch-
ungen gewidmet, welche Dr. Parinaud in Charcot's Gegenwart
vornahm; und an den übrigen Tagen machte Charcot die Visite auf
den klinischen Zim̄ern oder setzte die Untersuchungen, mit denen
er eben beschäftigt war, an Kranken im Konferenzzim̄er fort.Ich hatte so Gelegenheit, eine große
¿¿¿¿¿Reihe von
Kranken zu sehen, selbst zu untersuchen und Charcots Urtheile
über dieselben zu hören. Von höherem Werte aber als dieser
positive Gewinn an Erfahrung scheint mir die Anregung zu sein,
welche ich während der fünf in Paris verbrachten Monate aus
dem beständigen wissenschaftlichen und persönlichen Verkehr mit
Prof. Charcot geschöpft habe. Was den ersteren betrifft, so war ich
kaum vor anderen Fremden bevorzugt. Die Klinik war eben
jedem Arzte, der sich vorgestellt hatte, zugänglich, und die Arbeit
des Professors ging öffentlich vor sich, inmitten aller jungen bei
ihm dienenden und der fremden Ärzte. Er schien gleichsam mit
uns zu arbeiten, laut zu überlegen und auf Einwürfe von Seiten
der Schüler zu warten. Wer sich getraute, mochte sein Wort in die
Discussion einwerfen, und keine Bemerkung blieb von dem
Meister unberücksichtigt. Die Ungezwungenheit der Verkehrsformen
und die den Fremden als fremdartig anmutende höfliche Gleich-
stellung aller Personen machte es auch den Schüchternen leicht, den
lebhaftesten¿¿¿Antheil an den Untersuchungen, die Charcot
anstellte, zu nehmen. Man sah ihn so zuerst unschlüssig vor
neuen, schwer zu deutenden Erscheinungen stehen, kon̄te die Wege
verfolgen, auf denen er zu deren Verständnis durchzudringen
suchte, die Art, wie er Schwierigkeiten constatirte und überwandS.
studieren und merkte mit Überraschung, daß er nie müde wurde, das
nämliche Phänomen anzuschauen, bis ihm durch die so oft wiederholte, vorurteilslose
Arbeit seiner Sinnedas richtige Verständnis eröffnet wardie richtige
Auffassung gewonnen war. Nim̄t man dazu die volle Aufrichtigkeit,
mit der sich der Professor während dieser Arbeitsstunden gab, so wird
man verstehen, daß der Schreiber dieses Berichts, wie alle anderen
Fremden im gleichen Falle, die Klinik der Salpětrière als rückhaltsloser
Bewunderer Charcot's verließ.Charcot pflegte zu sagen, die Anatomie habe im Großen und Ganzen
ihr Werk vollendet und die Lehre von den organischen Erkrankungen
des Nervensystems sei sozusagen fertig; es kom̄e nun die Reihe an
die Neurosen. Man darf diesen Ausspruch wol nur als Ausdruck der
Wandlung gelten lassen, die in seiner eigenen Thätigkeit eingetreten
istwar. Seine Arbeit gilt seit Jahren fast ausschließlich den Neurosen und
vorzugsweise der Hysterie, die er seit Eröffnung der Ambulanz und
der Klinik auch bei Männern zu studiren Gelegenheit findet.Ich werde mir gestatten, die Leistungen Charcot's für die Klinik
der Hysterie mit einigen Worten darzulegen. Hysterie ist derzeit kaum
ein Name von einigermaßen umgrenzter Bedeutung; der Krankheitszustand
für welchen dieser Name gebraucht wird, ist wissenschaftlich nur durch
negative Merkmale geken̄zeichnet, wenig und ungern studirt und mit
dem Odium einiger sehr allgemein verbreiteter Vorurtheile behaftet.
Solche sind die angebliche Abhängigkeit der hysterischen Erkrankung von
Genitalreizungen, die Meinung, daß für die Hysterie eine bestim̄te
Symptomatologie nicht anzugeben sei, weil eben jede beliebige
Combination von Symptomen bei ihr vorkom̄en könne, und endlich
die übergroße Bedeutung, welche man der Simulation in dem Krankheits-
bilde der Hysterie eingeräumt hat. Eine Hysterische war in unseren
Jahrzehnten fast ebenso sicher, als Simulantin behandelt zu werden, wie
sie in früheren Jahrhunderten als Hexe oder als Besessenegebeurtheilt
und verurtheilt wurde. In anderer Hinsicht war eher ein Rückschritt
in der Kenntnis der Hysterie eingetreten. Das Mittelalter kannte genauS.
[9]
die „Stigmata", die somatischen Kennzeichen der Hysterie, welche es in seiner Weise
deutete und verwertete. Auf den Berliner Polikliniken sah
ich aber, daß diese somatischen Ken̄zeichen der Hysterie so gut wie unbe-
kan̄t waren und daß mit der Diagnose „Hysterie" überhaupt die
Neigung sich weiter mit den Kranken zu beschäftigen unterdrückt schien.Charcot ist bei dem Studium der Hysterie von den ausgebildetsten Fällen
die er als vollkom̄ene Typen der Erkrankung auffaßte, ausgegangen und hat
zunächst die Beziehung der Neurose zum Genitalsystem auf ihr richtiges Maß zurückge-
führt, indem er die männliche und insbesondere die traumatische Hysterie
in bisher nicht geahntem Umfange ken̄en lehrte. An solchen typischen Fällen
fand er dan̄ eine Reihe von somatischen Ken̄zeichen (Charakter des Anfalls,
Anaesthesie, Störungen des Sehsinnes, hysterogene Punkteaufu. a.) auf, welche
nun gestatten, die Diagnose auf Hysterie auf Grund positiver Merkmale
mit Sicherheit zu stellen. Durch das wissenschaftliche Studium des Hypnotismus
– ein Gebiet der Neuropathologie, das einerseits dem Unglauben, andererseits
dem¿¿¿¿¿¿¿Betruge abgerungen werden mußte – gelangte er selbst zu
einer Art von Theorie der hysterischen Symptomatologie, welche er den
Mut hatte, als eine zumeist reelle anzuerken̄en, ohne die Vorsicht, welche
die Unaufrichtigkeit der Kranken erfordert, dabei zu vernachlässigen.
Eine rasch sich mehrende Erfahrung an dem vorzüglichsten Materiale
erlaubte ihm bald auch die Abweichungen vom typischen Bilde in
Betracht zu ziehen, und als ich die Clinik verlassen mußte, war er eben
beschäftigt, nach den hysterischen Lähmungen und Arthralgien die hysterischen
Atrophien zu studieren, von deren Existenz er sich erst in den letzten
Tagen meines Aufenthaltes überzeugen kon̄te.Die ungeheure praktische Wichtigkeit der zumeist verkan̄ten männlichen,
und besonders der nach Traumen entstandenen Hysterie erläuterte er
an einem Kranken, welcher durch beinahe drei Monate den
Mittelpunkt aller Arbeiten Charcots bildete. So wurde durch seine
Bemühungen die Hysterie aus dem Chaos der Neurosen heraus
gehoben gegen andere Zustände ähnlicher Erscheinung abgegränzt
und mit einer Symptomatologie ausgestattet, welche obwol mannig-
faltig genug, doch das Walten von Gesetz und OrdnungS.
nicht mehr verkennen läßt. Über die Gesichtspunkte, welche sich bei seinen ¿¿¿
Untersuchungen ergaben, hatte ich mündlich und schriftlich einen lebhaften
Gedankenaustausch mit Herrn Prof. Charcot gepflogen, aus dem eine
zur Aufnahme in die „Archives de Neurologie" bestim̄te Arbeit hervor-
ging, welche als „Vergleichung der hysterischen mit der organischen
Symptomatologie" bezeichnet ist.Ich muß hier anführen, daß die Auffassung
¿¿der durch Trauma
entstandenen Neurosen¿¿(railway-spine) als Hysterie lebhaften
Widerspruch bei deutschen Autoren besonders bei den Herren Thomsen
und Oppenheim, Assistenten an der Charité in Berlin, gefunden hat.Ich lernte später beide Herren in Berlin kennen und wollte die Gelegenheit
benützen mich über die Berechtigung dieses Widerspruchs zu orientieren.
Leider waren die betreffenden Kranken nicht mehr in der Charité. Ich
gewan̄ nur den Eindruck, daß die Frage noch nicht spruchreif sei, daß
aber Charcot Recht tue, zunächst die typischen und einfacheren Fälle
zu berücksichtigen, während die deutschen Gegner mit dem Studium
der verschwom̄enen und complicirten Formen begonnen hatten. Die
Behauptung daß so schwere Formen von Hysterie, wie sie Charcot zu
seinen Arbeiten gedient hatten, in Deutschland nicht vorkom̄en, wurde
in Paris in Abrede gestellt, und mit Berufung auf die historischen
Berichte von derartigen Epidemien die Identität der Hysterie zu allen
Zeiten und an allen Orten vertreten.Ich versäumte auch nicht, mir eigene Erfahrungen über die so wunderbaren
und wenig geglaubten Phänomene des Hypnotismus, besonders des
von Charcot beschriebenen „grand hypnotisme" zu¿¿¿erwerben.
Zu meinem Erstaunen fand ich, daß es sich hiebei um grob sinn̄fällige,
in keiner Weise anzuzweifelnde Dinge handelt, die allerdings
wunderbar genug sind um nicht ohne eigene sinnliche Wahrnehmung ge-
glaubt zu werden. Ich kon̄te dagegen nicht finden, daß Charcot
dem Seltsamen eine besondere Vorliebe entgegenbrachte oder
es zu Gunsten mystischer Tendenzen zu verwerten suchte. Vielmehr
war ihm der Hypnotismus ein Erscheinungsgebiet, auf das er die
naturwissenschaftliche Beschreibung anwandte genau so wie vor JahrenS.
die multiple Herdsklerose oder die progressive Muskel Atrophie. Er schien mir
überhaupt nicht denen zu gehören, welche sich eher über das Seltene als
über das Gewöhnliche wundern. und nach seiner ganzen Geistesrichtung
muß ich vermuten, daß es ihm zwar keine Ruhe läßt, bis er ein Phänomen
das ihn beschäftigt, richtig beschrieben und eingeordnet hat, daß er
abersdan̄ sehr wol eine Nacht schlafen kann, ohne die physiologische
Erklärung der betreffenden Erscheinung gegeben zu haben.Ich habe in diesem Berichte den Bemerkungen über Hysterie
und Hypnotismus einen größeren Raum gewährt, weil ich hiemit
das durchweg Neue und den Gegenstand von Charcot`s eigener
Arbeit zu behandeln hatte. Wen̄ ich auf die organischen Erkrankungen
des Nervensystems weniger Worte verwende, so möchte ich doch
nicht den Eindruck erwecken, daß ich von denselben nichts oder
nur wenig zu Gesichte bekom̄en. Ich führe als besonders interessant
aus dem reichen Materiale merkwürdiger Fälle nur an: die
von Dr Marie kürzlich beschriebenen Formen der hereditären Muskel-
atrophie, die, obwol nicht mehr zu den Erkrankungen des Nervensystems
gezählt, doch noch von den Neuropathologen geführt werden,
Fälle von Menière'scher Krankheit, multipler Sklerose, von Tabes
mit allen ihren Complicationen, besonders mit der von Charcot
beschriebenen Gelenkserkrankung, von partieller Epilepsie u. anderen
Formen, welche den Bestand einer Nervenklinik und Poliklinik bilden.
Von den funktionellen Erkrankungen (außer Hysterie) wurden Chorea
und die verschiedenen Arten von „Tic" (z. B. Maladie de Gilles de la Tourette)
zur Zeit meiner Anwesenheit besonders berücksichtigt.Als ich hörte, daß Charcot die Herausgabe einer neuen
Sam̄lung seiner Vorlesungen beabsichtige, erbot ich mich zu einer
deutschen Übersetzung derselben, und diesem Unternehmen hatte
ich einerseits einen näheren persönlichen Verkehr mit Prof. Charcot
andererseits die Möglichkeit zu danken, meinen Aufenthalt
in Paris über die Zeit hinaus zu verlängern, für welche das
mir verliehene Reisestipendium reichte. Diese Übersetzung
¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿wird im Monat Mai dieses Jahres bei Toeplitz
und Deuticke in Wien erscheinen.S.
Ich habe endlich noch zu erwähnen, daß Herr Professor Ranvier am
College de France die Güte hatte, mir seine schönen Praeparate
über Nervenzellen und Neuroglia zu zeigen.Mein Aufenthalt in Berlin, der vom 1 März bis Ende März dauerte
fiel in die Zeit der dortigen Semesterferien. Doch hatte ich
reichlich Gelegenheit, an den Polikliniken der Herren Prof. Mendel,
Eulenburg und des Dr A. Baginsky nervenkranke Kinder zu unter-
suchen, und fand überall die entgegenkom̄endste Aufnahme. Wieder-
holte Besuche bei Prof. Munk und im landwirtschaftlichen Laboratorium
des Prof. Zuntz, wo ich Herrn Dr Loeb aus Straßburg traf, ließen
mich ein eigenes Urteilüber die zwischen Goltz und Munk streitige
Frage der Lokalisation des Sehsinnes an der Gehirnoberfläche
gewinnen. Herr Dr B. Baginsky im Munk'schen Laboratorium war
so freundlich, mir seine Preapareta über den Verlauf des Hörnerven
zu demonstriren und mein Urtheil über dieselben zu verlangen.Ich halte es für meine Pflicht, dem Professorenkollegium
der medizinischen Fakultät in Wien für die Bevorzugung bei der
Verleihung des Reisestipendiums auf's Wärmste zu danken.
Die Herren, unter denen sich alle meine verehrten Lehrer befinden,
haben mir dadurch die Möglichkeit zur Erwerbung von wichtigen
Ken̄tnissen gegeben, die ich als Dozent für Nervenkrankheiten
wie in meiner ärztlichen Thätigkeit zu verwerten hoffe.Wien, zu Ostern 1886.