Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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    1.

    Das Glück und die Kultur
    Das Unglück in der Kultur

    I

    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
    daß die Menschen gemeinhin mit falschen
    Maßstäben messen, Macht Erfolg und Reichtum
    für sich anstreben und bei anderen be-
    wundern, die wahren Werte des Lebens
    aber unterschätzen. Und doch ist man bei
    jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr,
    an die Buntheit der Menschenwelt und ihres
    seelischen Lebens zu vergessen. Es giebt
    einzelne Männer, denen sich die Verehrung
    ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwol ihre
    Größe auf Eigenschaften und Leistungen ruht,
    die den Zielen und Idealen der Menge
    durchaus fremd sind. Man wird leicht an-
    nehmen wollen, daß es doch nur eine
    Minderzahl ist, welche diese großen Männer
    anerkennt, während die große Mehrheit
    nichts von ihnen wissen will. Aber es
    dürfte nicht so einfach zugehen, dank den
    Unstimmigkeiten zwischen dem Denken und
    dem Handeln der Menschen und der
    Vielstimmigkeit ihrer Wunschregungen.
          Einer dieser ausgezeichneten Männer
    nennt sich in Briefen meinen Freund. Ich
    hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt,
    welche die Religion als Illusion behandelt,
    und er antwortete, er wäre mit meinem
    Urteil über die Religion ganz einver-
    standen, bedauerte aber, daß ich die
    eigentliche Quelle der Religiosität nicht
    gewürdigt hätte. Diese sei ein besonderes
    Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege,
    das er von vielen anderen bestätigt
    gefunden und bei Millionen Menschen
    voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er
    die „Empfindung der Ewigkeit“ nennen
    möchte, ein Gefühl wie von etwas
    Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam
    „Ozeanischem“. Dies Gefühl sei eine rein
    subjektive Tatsache, kein Glaubenssatz;
    keine Zusicherung persönlicher Fortdauer
    knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle
    der religiösen Energie, die von den
    verschiedenen Kirchen und Religionssystemen
    gefaßt, in bestimmte Kanäle geleitet
    und gewiß auch aufgezehrt werde.

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    Nur auf Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfte
    man sich religiös heißen, auch wenn man jeden
    Glauben und jede Illusion ablehne.
          Diese Äußerung meines verehrten
    Freundes, der selbst einmal den Zauber
    der Illusion poetisch gewürdigt hat, brachte
    mir nicht geringe Schwierigkeiten. Ich selbst
    kann dies „ozeanische“ Gefühl nicht in mir
    entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle
    wissenschaftlich zu bearbeiten. Man kann
    versuchen, ihre physiologischen Anzeichen zu
    beschreiben. Wo dies nicht angeht, – ich
    fürchte, auch das ozeanische Gefühl wird
    sich einer solchen Charakteristik ent-
    ziehen, – bleibt doch nichts übrig, als sich
    an den Vorstellungsinhalt zu halten,
    der sich assoziativ am ehesten zum Gefühl
    gesellt. Habe ich meinen Freund richtig
    verstanden, so meint er dasselbe, was
    ein origineller und ziemlich absonderlicher
    Dichter seinem Helden als Trost vor dem
    freigewählten Tod mitgibt: „Aus dieser
    Welt können wir nicht fallen.“ x) Also
    __________________________________________________
    x) Chr Grabbe: Hannibal
    ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit,
    der Zusammengehörigkeit mit dem
    Ganzen der Außenwelt. Ich möchte sagen,
    für mich hat dies eher den Charakter
    einer intellektuellen Einsicht, gewiß
    nicht ohne begleitenden Gefühlston, wie
    er aber auch bei anderen Denk-Akten
    von ähnlicher Tragweite nicht fehlen
    wird. An meiner Person könnte ich
    mich von der primären Natur eines
    solchen Gefühls nicht überzeugen. Darum
    darf ich aber sein tatsächliches Vorkommen
    bei Anderen nicht bestreiten. Es fragt
    sich nur, ob es richtig gedeutet wird und ob
    es als fons et origo aller religiösen Bedürfnisse
    anerkannt werden soll.
          Ich habe nichts vorzubringen, was die
    Lösung dieses Problems entscheidend beein-
    flußen würde. Die Idee, daß der Mensch
    durch ein unmittelbares, von Anfang an
    hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von
    seinem Zusammenhang mit der Umwelt
    erhalten sollte, klingt so fremdartig,
    fügt sich so übel in das Gewebe unserer
    Psychologie, daß eine psychoanalytische,

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    d. i. genetische Ableitung eines solchen Gefühls versucht
    werden darf. Dann stellt sich uns folgender Ge-
    dankengang zur Verfügung. Normalerweise
    ist uns doch nichts gesicherter als das Gefühl
    unseres Selbst, unseres eigenen Ich's. Dies Ich
    erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles
    andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein
    Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen
    ohne scharfe Grenze in ein unbewußt see-
    lisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeich-
    nen, dem es gleichsam als Fassade dient,
    das hat uns erst die psychoanalytische Forschung
    gelehrt, die uns noch viele Auskünfte
    über das Verhältnis des Ich's zum Es schuldet.
    Aber nach außen wenigstens scheint das Ich
    klare und scharfe Grenzlinien zu
    behaupten. Nur in einem Zustand, einem
    außergewöhnlichen zwar, den man aber
    nicht als krankhaft verurteilen kann,
    wird es anders. Auf der Höhe der Ver-
    liebtheit droht die Grenze zwischen Ich
    und Objekt zu verschwimmen. Allen
    Zeugnissen der Sinne entgegen behauptet
    der Verliebte, daß Ich und Du Eins seien,
    und ist bereit sich als ob es so wäre zu benehmen.
    Was vorübergehend durch eine physiologische
    Funktion aufgehoben werden kann, muß
    natürlich auch durch krankhafte Vorgänge
    gestört werden können. Die Pathologie
    lehrt uns eine große Anzahl von Zuständen
    kennen in denen die Abgrenzung des Ich's
    gegen die Außenwelt unsicher wird oder
    die Grenzen wirklich unrichtig gezogen
    werden, Fälle, in denen uns Teile
    des eigenen Körpers, ja Stücke des
    eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Ge-
    fühle wie fremd und dem Ich nicht zugehörig
    erscheinen, andere in denen man der
    Außenwelt zuschiebt, was offenbar im
    Ich entstanden ist und von ihm anerkannt
    werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl
    Störungen unterworfen und die Ichgrenzen
    sind nicht beständig.
          Eine weitere Überlegung sagt: dies Ichgefühl
    des Erwachsenen kann nicht von Anfang
    an so gewesen sein. Es muß eine Entwick-
    lung durchgemacht haben, die sich begreiflicher
    Weise nicht nachweisen, aber mit ziemlicher
    Wahrscheinlichkeit konstruieren läßt. Der
    Säugling sondert noch nicht sein Ich von einer
    Außenwelt als Quelle der auf ihn ein-
    strömenden Empfindungen. Er lernt es

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    allmälich auf verschiedene Anregungen hin. Es muß
    ihm den stärksten Eindruck machen, daß manche
    der Erregungsquellen, in denen er später
    seine eigenen Körperorgane erkennen wird,
    ihm jederzeit Empfindungen zusenden
    können, während andere sich ihm zeitweise
    entziehen – darunter das Begehrteste, die
    Mutterbrust – und erst durch ein Hilfe
    heischendes Schreien herbeigeholt werden.
    Damit stellt sich dem Ich zuerst ein
    „Objekt“ entgegen, als etwas, was sich
    „außerhalb“ befindet und erst durch eine
    besondere Aktion in die Erscheinung
    gedrängt wird. Einen weiteren Antrieb
    zur Loslösung des Ichs von der Empfindungs-
    masse, also zur Anerkennung eines „Draußen“,
    einer Außenwelt, geben die häufigen,
    vielfältigen, unvermeidlichen Schmerz- und
    Unlustempfindungen, die das unum-
    schränkt herrschende Lustprinzip aufheben
    und vermeiden heißt. Es entsteht die
    Tendenz, alles was Quelle solcher Unlust
    werden kann, von sich abzusondern, es
    nach außen zu werfen, ein reines Lust-
    ich zu bilden, dem ein fremdes, drohendes
    Draußen gegenübersteht. Die Grenzen dieses
    primitiven Lust-Ichs können der Be-
    richtigung durch die Erfahrung nicht entgehen.
    Manches, was man als lustspendend nicht
    aufgeben möchte, ist doch nicht Ich, ist Objekt, und
    manche Qual, die man hinausweisen will,
    erweist sich doch als unabtrennbar vom
    Ich, als innerer Herkunft. Man lernt
    ein Verfahren kennen, wie man
    durch absichtliche Lenkung der Sinnestätigkeit
    und geeignete Muskelaktion Innerliches –
    dem Ich angehöriges – und Äußerliches – einer
    Außenwelt entstammendes – unterscheiden
    kann und tut damit den ersten Schritt
    zur Einsetzung des Realitätsprinzips,
    das die weitere Entwicklung beherrschen
    soll. Diese Unterscheidung dient natürlich
    der praktischen Absicht, sich der verspürten
    und der drohenden Unlustempfindungen
    zu erwehren. Daß das Ich zur Abwehr
    gewisser Unlusterregungen aus seinem Inneren
    keine anderen Methoden zur Anwendung bringt,

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    als deren es sich gegen Unlust von außen bedient,
    wird dann der Ausgangspunkt bedeutsamer
    krankhafter Störungen.
          Auf solche Art löst sich also das Ich von der
    Außenwelt. Richtiger gesagt: Ursprünglich
    enthält das Ich alles, später scheidet es eine
    Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ich-
    gefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest
    eines weit umfassenderen, ja eines allumfassenden
    Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit
    des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn
    wir annehmen dürfen, daß dieses primäre
    Ichgefühl sich im Seelenleben vieler Menschen
    – in größerem oder geringerem Ausmaße –
    erhalten hat, so würde es sich dem enger
    und schärfer umgrenzten Ichgefühl der
    Reifezeit wie eine Art Gegenstück
    an die Seite stellen, und die zu
    ihm passenden Vorstellungsinhalte wären
    gerade die der Unbegrenztheit und der Ver-
    bundenheit mit dem All, dieselben mit
    denen mein Freund das „ozeanische“ Gefühl
    erläutert. Haben wir aber ein Recht zur
    Annahme des Überlebens des Ursprünglichen
    neben dem Späteren, das aus ihm geworden
    ist?
          Unzweifelhaft. Ein solches Vorkommnis ist weder
    auf seelischem, noch auf anderen Gebieten be-
    fremdend. Für die Tierreihe halten wir
    an der Annahme fest, daß die höchstentwick-
    elten Arten aus den niedrigsten hervor-
    gegangen sind. Doch finden wir alle
    einfachen Lebensformen noch heute unter
    den Lebenden. Das Geschlecht der großen Sau-
    rier ist ausgestorben und hat den Säuge-
    tieren Platz gemacht, aber ein richtiger
    Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil,
    lebt noch mit uns. Die Analogie mag
    zu entlegen sein, krankt auch an dem
    Umstand, daß die überlebenden niedrigen
    Arten zumeist nicht die richtigen Ahnen
    der heutigen, höher entwickelten sind. Die
    Zwischenglieder sind in der Regel ausge-
    storben und nur durch Rekonstruktion
    bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen
    ist die Erhaltung des Primitiven neben
    dem daraus entstandenen Umgewandelten
    so häufig, daß es sich erübrigt, es durch Bei-
    spiele zu beweisen. Meist ist dieses Vor-
    kommen Folge einer Entwicklungs-
    spaltung. Ein quantitativer Anteil

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    einer Triebregung ist unverändert erhalten ge-
    blieben, ein anderer hat die weitere Entwick-
    lung erfahren.
          Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem
    der Erhaltung im Psychischen, das kaum noch
    Bearbeitung gefunden hat, aber so reizvoll
    und bedeutsam ist, daß wir uns ihm auch
    bei unzureichendem Anlaß eine Weile Auf-
    merksamkeit schenken dürfen. Seitdem
    wir den Irrtum überwunden haben, daß
    das uns geläufige Vergessen eine Zerstörung
    der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung
    bedeutet, neigen wir zu der entgegengesetzten
    Annahme, daß im Seelenleben nichts, was
    einmal gebildet wurde, untergehen kann, daß
    alles irgendwie erhalten bleibt und unter
    geeigneten Umständen, z. B. durch eine so weit
    reichende Regression, wieder zum Vorschein
    gebracht werden kann. Man versuche
    sich durch einen Vergleich aus einem
    anderen Gebiet klar zu machen, was
    diese Annahme zum Inhalt hat. Wir greifen
    etwa die Entwicklung der Ewigen Stadt
    als Beispiel auf. Historiker belehren uns,
    das älteste Rom war die Roma quadrata,
    eine umzäunte Ansiedlung auf dem Palatin,
    dann folgte die Phase des Septimontium,
    eine Vereinigung der Niederlassungen auf
    den einzelnen Hügeln, darauf die Stadt,
    die durch die Servianische Mauer umschlossen
    begrenzt wurde, und noch später, nach all den Umwand-
    lungen der republikanischen und der frühen
    Kaiserzeit, die Stadt, die Kaiser Aurelianus
    durch seine Mauern umschloß. Wir wollen
    die Wandlungen der Stadt nicht weiter
    verfolgen, fragen uns nur und fragen, was ein
    Besucher, den wir mit den vollkommensten
    historischen und topographischen Kenntnissen
    ausgestattet denken, im heutigen
    Rom von diesen frühen Stadien noch
    vorfinden mag. Die Aurelianische Mauer
    wird er bis auf wenige Durchbrüche fast
    unverändert sehen. An einzelnen Stellen
    kann er Strecken des Servianischen Walles
    durch Ausgrabung zu Tage gefördert finden.
    Wenn er genug weiß, – mehr als die heutige
    Archäologie, – kann er vielleicht den ganzen
    Verlauf dieser Mauer und den Umriß
    der Roma quadrata ins Stadtbild ein-
    zeichnen. Von den Gebäuden, die einst
    diese alten Rahmen ausgefüllt haben,
    findet er nichts oder geringe Reste,

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    denn sie bestehen nicht mehr. Das Äußerste, was ihm
    die beste Kenntnis des Roms der Republik
    leisten kann, wäre, daß er die Stellen anzu-
    geben weiß, wo die Tempel und öffentlichen Gebäu-
    de dieser Zeit gestanden haben. Was jetzt diese
    Stellen einnimmt, sind Ruinen, aber nicht ihrer
    selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus späteren
    Zeiten nach Bränden und Zerstörungen.
    Es bedarf kaum noch einer besonderen Erwähnung,
    daß alle diese Überreste des alten Roms als Ein-
    sprengungen in das Gewirre einer Großstadt
    aus den letzten Jahrhunderten, seit der Re-
    naissance, erscheinen. Manches Alte ist ge-
    wiß noch im Boden der Stadt oder unter
    ihren modernen Bauwerken begraben.
    Dies ist die Art der Erhaltung des Vergangenen,
    die uns an historischen Städten wie Rom entgegentritt.
          Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom
    sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern
    ein psychisches Wesen von ähnlich langer und
    reichhaltiger Vergangenheit, in dem also
    nichts, was einmal zu Stande gekommen war, unter-
    gegangen ist, in dem neben der letzten
    Entwicklungsphase auch alle früheren noch
    einmal zu Stande gekommen war, fortbestehen. Das würde für Rom
    also bedeuten, daß auf dem Palatin
    die Kaiserpaläste und das Septizonium des Septimius Severus
    sich noch zur alten Höhe erheben, daß die Engels-
    burg noch auf ihren Zinnen die schönen Statuen
    trägt, mit denen sie bis zur Gothenbelagerung ge-
    schmückt war, usw. Aber noch mehr: an der
    Stelle des Palazzo Caffarelli stünde wieder,
    ohne daß man dieses Gebäude abzutragen
    brauchte, der Tempel des Kapitolinischen
    Jupiter, und zwar dieser nicht nur in seiner
    letzten Gestalt, wie ihn die Römer der
    Kaiserzeit sahen, sondern auch in seiner
    frühesten, als er noch etruskische Formen
    zeigte und mit tönernen Antifixen
    geziert war. Wo jetzt das Colisseo steht, könnten
    wir auch die verschwundene Domus aurea
    des Nero bewundern, auf dem Pantheonplatz
    fänden wir nicht nur das heutige Pantheon,
    wie es uns von Hadrian hinterlassen
    wurde, sondern auf demselben Grund auch
    den ursprünglichen Bau des M. Agrippa,
    ja derselbe Boden trüge die Kirche Maria
    sopra Minerva und den alten Tempel über
    dem sie gebaut ist. Und dabei brauchte
    es vielleicht nur eine Änderung der Blick-
    richtung oder des Standpunktes von Seiten
    des Beobachters, um den einen oder den
    anderen Anblick hervorzurufen.

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    Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige
    Spielerei zu sein. Er hat nur eine einzige
    Rechtfertigung; er zeigt uns, wie weit wir
    davon entfernt sind, die Eigentümlichkeiten
    des seelischen Lebens durch anschauliche Dar-
    stellung zu bewältigen.
          Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung
    nehmen. Er fragt uns, warum wir gerade die
    Vergangenheit einer Stadt ausgewählt haben,
    um sie mit der seelischen Vergangenheit
    zu vergleichen. Die Annahme der Erhaltung
    alles Vergangenen gilt doch auch für das
    Seelenleben nur unter der Bedingung, daß
    das Organ der Psyche intakt geblieben ist,
    daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder
    Entzündung gelitten hat. Zerstörende Einwirkungen,
    die man diesen Krankheitsursachen
    gleichstellen könnte, werden aber in der
    Geschichte keiner Stadt vermißt, auch wenn
    sie eine minder bewegte Vergangenheit
    gehabt hat als Rom, auch wenn sie wie
    London kaum je von einem Feind heimge-
    sucht wurde. Die friedlichste Entwicklung
    einer Stadt schließt Demolierungen
    und Ersetzungen von Bauwerken ein,
    und darum ist die Stadt von vornherein für
    einen solchen Vergleich mit
    einem seelischen Organismus ungeeignet.
          Wir weichen diesem Einwand, wenden
    uns unter Verzicht auf eine eindrucksvolle
    Kontrastwirkung zu einem immerhin ver-
    wandteren Vergleichsobjekt, wie es der
    tierische oder menschliche Leib ist. Aber
    auch hier finden wir das nämliche. Die
    früheren Phasen der Entwicklung sind in
    keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in
    die späteren, zu denen sie den Stoff
    geliefert haben, aufgegangen. Der Embryo
    läßt sich im Erwachsenen nicht nach-
    weisen, die Thymusdrüse, die das Kind
    besaß, ist nach der Pubertät durch Binde-
    gewebe ersetzt, aber selbst nicht mehr vorhanden;
    in den Röhrenknochen des reifen Mannes
    kann ich zwar den Umriß des kindlichen
    Knochens einzeichnen, aber dieser selbst
    ist vergangen, indem er sich streckte und
    verdickte, bis er seine endgültige Form
    erhielt. Es bleibt dabei, daß eine solche
    Erhaltung aller Vorstufen neben der
    Endgestaltung nur im Psychischen
    möglich ist, und daß wir nicht in der Lage
    sind, uns dies Vorkommen anschaulich
    zu machen.

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    9.

    Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit.
    Vielleicht sollten wir uns zu behaupten begnügen,
    daß das Vergangene im Seelenleben erhalten
    bleiben kann, nicht notwendigerweise zerstört
    werden muß. Es ist immerhin möglich, daß
    auch im Psychischen manches Alte – in der Norm
    oder ausnahmsweise – so weit verwischt oder
    aufgezehrt wird, daß es durch keinen Vorgang
    mehr wiederhergestellt und wiederbelebt werden
    kann, oder daß die Erhaltung allgemein
    an gewisse günstige Bedingungen geknüpft
    ist. Es ist möglich, aber wir wissen nichts darüber.
    Wir dürfen nur daran festhalten, daß die Er-
    haltung des Vergangenen im Seelenleben
    eher Regel als befremdliche Ausnahme ist.
          Wenn wir so durchaus bereit sind anzuer-
    kennen, es gebe bei vielen Menschen ein
    „ozeanisches“ Gefühl, und geneigt, es auf eine
    frühe Phase des Ichgefühls zurückzuführen,
    erhebt sich die weitere Frage, welchen
    Anspruch hat dieses Gefühl als die Quelle
    der religiösen Bedürfnisse angesehen zu werden.
          Mir erscheint dieser Anspruch nicht
    zwingend. Ein Gefühl kann doch nur dann
    eine Energiequelle sein, wenn es selbst
    der Ausdruck eines starken Bedürfnisses ist.
    Für die religiösen Bedürfnisse scheint mir
    die Ableitung von der infantilen Hilflosig-
    keit und der durch sie geweckten Vater-
    sehnsucht unabweisbar, zumal da sich dies
    Gefühl nicht einfach aus dem kindlichen
    Leben fortsetzt, sondern durch die Angst
    vor der Übermacht des Schicksals dauernd
    erhalten wird. Ein ähnlich starkes Bedürfnis
    aus der Kindheit wie das nach dem Vater-
    schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist
    die Rolle des ozeanischen Gefühls,
    das etwa die Wiederherstellung des
    uneingeschränkten Narzißmus anstreben
    könnte, vom Vordergrund abgedrängt. Bis
    zum Gefühl der kindlichen Hilflosigkeit
    kann man den Ursprung der religiösen
    Einstellung in klaren Umrissen verfolgen.
    Es mag noch anderes dahinterstecken, aber
    das verhüllt einstweilen der Nebel.
          Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische
    Gefühl nachträglich in Beziehungen zur Religion
    geraten ist. Dies Eins-sein mit dem All,
    was als Gedankeninhalt ihm zugehört,
    spricht uns ja an wie ein erster Versuch
    einer religiösen Tröstung, wie ein
    anderer Weg zur Ableugnung der Gefahr,
    die das Ich von der Außenwelt drohend

  • S.

    10.

    erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis, daß
    es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen kaum
    faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer
    meiner Freunde, den ein unstillbarer
    Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experi-
    menten getrieben und endlich zum Allwisser
    gemacht hat, versicherte mir, daß man in
    den Yogapraktiken durch Abwendung von
    der Außenwelt, durch Bindung der Aufmerk-
    samkeit an körperliche Funktionen,
    durch besondere Weisen der Atmung
    tatsächlich neue Empfindungen und Allgemein-
    gefühle in sich erwecken kann, die er als
    Regressionen zu uralten, längst über-
    lagerten Zuständen des Seelenlebens
    auffassen will. Er sieht in ihnen eine
    sozusagen physiologische Begründung vieler
    Weisheiten der Mystik. Beziehungen
    zu manchen dunkeln Modifikationen des
    Seelenlebens wie Trance und Ekstase
    lägen hier nahe. Allein mich drängt es,
    auch einmal mit den Worten des Schiller'schen
    Tauchers auszurufen:
            „Es freue sich, wer da atmet im
            rosigen Licht.“

    II.

    In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“
    handelte es sich nicht um die tiefsten
    Quellen des religiösen Gefühls, sondern
    um das, was der gemeine Mann unter
    seiner Religion versteht, um das System
    von Lehren und Verheißungen, das
    ihm einerseits die Rätsel dieser
    Welt mit beneidenswerter Vollständigkeit aufklärt,
    anderseits ihm versichert, daß
    eine sorgsame Vorsehung über sein
    Leben wachen und etwaige Versagungen
    in einer jenseitigen Existenz gutmachen
    wird. Diese Vorsehung kann der gemeine
    Mann sich nicht anders als in der Person
    eines großartig erhöhten Vaters vorstellen.
    Nur ein solcher kennt die Bedürfnisse der
    Menschenkinder, läßt sich durch ihre Bitten
    erweichen, durch die Zeichen ihrer Reue
    beschwichtigen. Das Ganze ist so
    offenkundig infantil, so wirklichkeitsfremd,
    daß es einer menschenfreundlichen Gesinnung
    schmerzlich wird zu denken,
    die große Mehrheit der Sterblichen
    werde sich niemals über diese Auffassung
    des Lebens erheben können. Noch