S.
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I.
Ich bin am 6 Mai 1856 zu Freiberg in
Mähren geboren, einem kleinen Städtchen
der heutigen Czechoslovakei. Meine Eltern
waren Juden, auch ich bin Jude geblieben.
Von meiner väterlichen Familie glaube
ich zu wissen, daß sie lange Zeiten am
Rhein (in Köln) gelebt hat, aus Anlaß
einer Judenverfolgung im 14ten oder
15 Jahrhundert nach dem Osten floh und
im Laufe des 19 Jahrhunderts die Rück-
wanderung von Litauen über Galizien
nach dem deutschen Österreich antrat. Als
Kind von 4 Jahren kam ich nach Wien, wo
ich alle Schulen durchmachte. Auf dem Gym-
nasium war ich durch 7 Jahre Primus, hatte
eine bevorzugte Stellung, wurde kaum
je geprüft. Obwohl wir in sehr beengten
Verhältnissen lebten, verlangte mein Vater,
daß ich in der Berufswahl nur meinen Neig-
ungen folgen sollte. Eine besondere Vor-
liebe für die Stellung und Tätigkeit des
Arztes habe ich in jenen Jugendjahren nicht
verspürt, übrigens auch später nicht. Eher be-
wegte mich eine Art von Wißbegierde,
die sich aber mehr auf menschliche Verhältnisse
als auf natürliche Objekte bezog und auch
den Wert der Beobachtung als eines Haupt-
mittels zu ihrer Befriedigung nicht erkannt
hatte. Indes, die damals aktuelle Lehre
Darwins zog mich mächtig an, weil sie eine
außerordentliche Förderung des Weltver-
ständnisses versprach und ich weiß, daß der
Vortrag von Goethe's schönem Aufsatz
„Die Natur“ in einer populären Vorlesung kurz
vor der Reifeprüfung die Entscheidung
gab, daß ich Medizin inskribierte.Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte
mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen.
Vor allem traf mich die Zumutung, daß
ich mich als minderwertig und nicht volks-
zugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war.
Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit
ab. Ich habe nie begriffen, warum ich mich
meiner Abkunft, oder wie man zu sagen
begann: Rasse, schämen sollte. Auf die mir
verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete
ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß sich
für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen
innerhalb des Rahmens des Menschtums
auch ohne solche Einreihung finden müsse.
Aber eine für später wichtige Folge dieserS.
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ersten Eindrücke von der Universität war, daß ich
so frühzeitig mit dem Los vertraut wurde,
in der Opposition zu stehen und von der „kom-
pakten Majorität“ in Bann getan zu werden.
Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils
wurde so vorbereitet.Außerdem mußte ich in den ersten Universitäts-
jahren die Erfahrung machen, daß Eigenheit
und Enge meiner Begabungen mir in mehr-
eren wissenschaftlichen Fächern, auf die ich
mich in jugendlichem Übereifer gestürzt
hatte, jeden Erfolg versagten. Ich lernte so die
Wahrheit der Mahnung Mephistos erkennen:
„Vergebens, daß ihr ringsum wissenschaft-
lich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann.“Im physiologischen Laboratorium von Ernst
Brücke fand ich endlich Ruhe und volle
Befriedigung, auch die Personen, die ich respekt-
ieren und zu Vorbildern nehmen konnte.
Brücke stellte mir eine Aufgabe aus der Histologie
des Nervensystems, die ich zu seiner Zufrieden-
heit lösen und selbständig weiterführen
konnte. Ich arbeitete in diesem Institut
von 1876-82 mit kurzen Unterbrechungen
und galt allgemein als designiert für die
nächste sich dort ergebende Assistentenstelle.
Die eigentlichen medizinischen Fächer zogen mich
- mit Ausnahme der Psychiatrie - nicht an.
Ich betrieb das medizinische Studium recht
nachlässig, wurde auch erst 1881, mit ziemlicher
Verspätung also, zum Doktor der gesamten
Heilkunde promoviert.Die Wendung kam 1882, als mein über alles
verehrter Lehrer den großmütigen Leichtsinn
meines Vaters korrigierte, indem er mich
mit Rücksicht auf meine schlechte materielle
Lage dringend ermahnte, die theoretische
Laufbahn aufzugeben. Ich folgte seinem Rat,
verließ das physiologische Laboratorium und
trat als Aspirant in das Allgemeine
Krankenhaus ein. Dort wurde ich nach einiger
Zeit zum Sekundararzt (Interne) beför-
dert und diente an verschiedenen Ab-
teilungen, auch länger als ein halbes Jahr
bei Meynert, dessen Werk und Persönlichkeit
mich schon als Studenten gefesselt hatten.In gewissem Sinne blieb ich doch der zuerst
eingeschlagenen Arbeitsrichtung treu. BrückeS.
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hatte mich an das Rückenmark eines der niedrigsten
Fische (Ammocoetes-Petromyzon) als Untersuchungs-
objekt gewiesen, ich ging nun zum mensch-
lichen Zentralnervensystem über, auf dessen
verwickelte Faserung die Flechsig'schen
Funde der ungleichzeitigen Markscheiden-
bildung damals gerade ein helles Licht
warfen. Auch daß ich mir zunächst einzig und
allein die Medulla oblongata zum Objekt
wählte, war eine Fortwirkung meiner
Anfänge. Recht im Gegensatz zur diffusen
Natur meiner Studien in den ersten
Universitätsjahren entwickelte ich nun eine
Neigung zur ausschließenden Konzentration
der Arbeit auf einen Stoff oder ein Problem.
Diese Neigung ist mir verblieben und hat
mir später den Vorwurf der Einseitigkeit
eingetragen.Ich war nun ein ebenso eifriger Arbeiter im
gehirnanatomischen Institut wie vorher im
physiologischen.MehrereKleine Arbeiten über
Faserverlauf und Kernursprünge in der
Oblongata sind in diesen Spitalsjahren
entstanden und immerhin von Edinger
vermerkt worden. Eines Tages machte mir
Meynert, der mir das Laboratorium eröffnet
hatte, auch als ich nicht bei ihm diente, den
Vorschlag, ich sollte mich endgiltig der Gehirn-
anatomie zuwenden, er verspreche, mir
seine Vorlesung abzutreten, denn er
fühle sich zu alt, um die neueren Methoden
zu handhaben. Ich lehnte erschreckt durch
die Größe der Aufgabe ab; auch mochte
ich damals schon erraten haben, daß der
geniale Mann mir keineswegs wohlwoll-
endund zuverlässiggesinnt sei.Die Gehirnanatomie war in praktischer Hinsicht
gewiß kein Fortschritt gegen die Physiologie.
Den materiellen Anforderungen trug ich Rech-
nung, indem ich das Studium der Nerven-
krankheiten begann. Dieses Spezialfach
wurde damals in Wien wenig gepflegt,
das Material war auf verschiedenen
internen Abteilungen verstreut, es gab
keine gute Gelegenheit sich auszubilden,
man mußte sein eigener Lehrer sein.
Auch Nothnagel, den man kurz vorher auf
Grund seines Buches über die Gehirn-
lokalisation berufen hatte, zeichnete
die Neuropathologie nicht vor anderen
Teilgebieten der internen Medizin aus. In
der Ferne leuchtete der große Name
Charcot's und so machte ich mir den Plan,S.
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hier die Dozentur für Nervenkrankheiten
zu erwerben und dann zur weiteren Aus-
bildung nach Paris zu gehen.
In den nun folgenden Jahren sekundarärzt-
lichen Dienstes veröffentlichte ich mehrere
kasuistische Beobachtungen über organische
Krankheiten des Nervensystems. Ich wurde
allmälich mit dem Gebiet vertraut; ich ver-
stand es nun, einen Herd in der Oblongata so
genau zu lokalisieren, daß der pathologische
Anatom nichts hinzuzusetzen hatte, ich war
der erste in Wien, der einen Fall mit
der Diagnose „Polyneuritis acuta“ zur Sektion
schickte. Der Ruf meiner durch die Aut-
opsie bestätigten Diagnosen trug mir
den Zulauf amerikanischer Ärzte ein, denen
ich in einer Art von „Pidgin-English“
Kurse an den Kranken meiner Ab-
teilung las. Von den Neurosen verstand
ich nichts. Als ich einmal meinen Hörern
einen Neurotiker als mit fixiertem
Kopfschmerz als Fall von chronischer circum-
skripter Meningitis vorstellte, fielen sie
alle inberechtigterherabsetzender kritischer Auflehnung
von mir ab und meine vorzeitige Lehr-
tätigkeit hatte ein Ende. Zu meiner
Entschuldigung sei bemerkt, es war die
Zeit, da auch größere Autoritäten in
Wien die Neurasthenie als Hirntumor
zu diagnostizieren pflegten.
Im Frühjahr 1885 erhielt ich die Dozentur
für Neuropathologie auf Grund meiner
histologischen und klinischen Arbeiten. Bald
darauf wurde mir infolge des warmen
Fürspruchs Brücke's ein größeres Reise-
stipendium zugeteilt. Im Herbst dieses
Jahres reiste ich nach Paris.
Ich trat als Eleve in die Salpêtrière ein,
fand aber anfangs als einer der vielen
Mitläufer aus der Fremde wenig Beachtung.
Eines Tages hörte ich Charcot sein Bedauern
darüber äußern, daß der deutsche Übersetzer
seiner Vorlesungen seit dem Kriege
nichts von sich habe hören lassen. Es wäre ihm
lieb,wennwenn jemand die deutsche Übersetzung
seiner „Neuen Vorlesungen“ übernehmen
würde. Ich bot mich schriftlich dazu an, ich
weiß noch, daß der Brief die Wendung
enthielt, ich sei bloß mit der Aphasie
motrice, aber nicht mit der Aphasie sensor-
ielle du français behaftet. Charcot
akzeptierte mich, zog mich in seinen Privat-
verkehr und von da an hatte ich meinenS.
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vollen Anteil an allem, was auf der Klinik
vorging.
Während ich dies schreibe, erhalte ich zahlreiche Auf-
sätze und Zeitungsartikel aus Frankreich,
die von dem heftigen Sträuben gegen die
Aufnahme der Psychoanalyse zeugen und
oft die unzutreffendsten Behauptungen
über mein Verhältnis zur französischen
Schule aufstellen. So lese ich z. B. daß ich meinen
Aufenthalt in Paris dazu benützt, mich mit
den Lehren von P. Janet vertraut zu
machen und dann mit meinem Raube
die Fluchtzu ergreifenergriffen habe. Ich will darum
ausdrücklich erwähnen, daß der Name
Janet's während meines Verweilens an der
Salpêtrière (1885/6) überhaupt nicht genannt
wurde.
Von allem, was ich bei Charcot sah, machten mir
den größten Eindruck seine letzten Unter-
suchungen über die Hysterie, die zum Teil
noch unter meinen Augen ausgeführt wurden.
Also der Nachweis der Echtheit und Gesetzmäßig-
keit der hysterischen Phänomene („Introite
et hic dii sunt“), des häufigen Vorkommens
der Hysterie bei Männern, die Erzeugung
hysterischer Lähmungen und Kontrakturen
durch hypnotische Suggestion, das Ergebnis,
daß diese Kunstprodukte dieselben Charaktere
bis ins Einzelnste zeigten wie die spontanen,
oft durch Trauma hervorgerufenen Zufälle.
Manche von Charcot's Demonstrationen hatten
bei mir wie bei anderen Gästen zunächst
Befremden und Neigung zum Widerspruch
erzeugt, den wir durch Berufung auf eine
der herrschenden Theorien zu stützen ver-
suchten. Er erledigte solche Bedenken immer
freundlich und geduldig, aber auch sehr be-
stimmt; in einer dieser Diskussionen
fiel das Wort: Ça n'empêche pas
d'exister, das sich mir unvergeßlich ein-
geprägt hat.
Bekanntlich ist heute nicht mehr alles aufrecht geblieben
was uns Charcot damals lehrte. Einiges
ist unsicher geworden, anderes hat die Probe
der Zeit offenbar nicht bestanden. Aber
es ist genug davon übrig geblieben, was
als dauernder Besitz der Wissenschaft ge-
wertet wird. Ehe ich Paris verließ, verab-
redete ich mit dem Meister den Plan
einer Arbeit zur Vergleichung der hysterischen
mit den organischen Lähmungen. Ich wollte
den Satz durchführen, daß bei der Hysterie
Lähmungen und Anästhesien einzelnerS.
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Körperteile sich so abgrenzen, wie es der gemeinen
(nicht anatomischen) Vorstellung des Menschen
entspricht. Er war damit einverstanden, aber es
war leicht zu sehen, daß er im Grunde keine
besondere Vorliebe für ein tieferes Ein-
gehen in die Psychologie der Neurose hatte.
Er war doch von der pathologischen Anatomie
her gekommen.
Ehe ich nach Wien zurückkehrte, hielt ich mich
einige Wochen in Berlin auf, um mir einige
Kenntnisse über die allgemeinen Erkrankungen
des Kindesalters zu holen. Kassowitz in Wien,
der ein öffentliches Kinderkrankeninstitut
leitete, hatte versprochen, mir dort eine Ab-
teilung für Nervenkrankheiten der Kinder
einzurichten. Ich fand in Berlin bei Ad. Baginsky
freundliche Aufnahme und Förderung.
Aus dem Kassowitz'schen Institut habe ich im
Laufe der nächsten Jahre mehrere größere
Arbeiten über die einseitigen und doppel-
seitigen Gehirnlähmungen der Kinder veröff-
entlicht. Demzufolge übertrug mir auch später
1897 Nothnagel die Bearbeitung des ent-
sprechenden Stoffes in seinem großen
„Handbuch der allgem. und speziellen Therapie“.
Im Herbst 1886 ließ ich mich in Wien
als Arzt nieder und heiratete das Mädchen
das seit länger als 4 Jahren in einer fernen
Stadt auf mich gewartet hatte. Ich kann hier
rückgreifend erzählen, daß es die Schuld
meiner Braut war, wenn ich nicht schon in
jenen jungen Jahren berühmt geworden
bin. Ein abseitiges, aber tiefgehendes Interesse
hatte mich 1884 veranlaßt, mir das damals
wenig bekannte Alkaloid Cocain von
Merck kommen zu lassen und dessen
physiologische Wirkungen zu studieren.
Mitten in dieser Arbeit eröffnete sich mir die
Aussicht einer Reise, um meine Verlobte
wieder zu sehen, von der ich zwei Jahre
getrennt gewesen war. Ich schloß die
Untersuchung über das Cocain
rasch ab und nahm in meine Publikation
die Vorhersage auf, daß sich bald weitere
Verwendungen des Mittels ergeben
würden. Meinem Freund, dem Augenarzt
L. Königstein legte ich aber nahe zu prüfen
inwieweit sich die anästhesierenden Eigen-
schaften des Cocains am kranken Auge
verwerten ließen. Als ich vom UrlaubS.
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zurück kam fand ich, daß nicht er, sondern ein
anderer Freund, Carl Koller (jetzt in New
York) dem ich auchvomvon dem Cocain erzählt, die entscheid-
enden Versuche am Tierauge angestellt
und sie auf dem Ophthalmologen-Kongreß
zu Heidelberg demonstriert hatte. Koller gilt
darum mit Recht als der Entdecker der
Lokalanästhesie durch Cocain, die für
die kleine Chirurgie so wichtig geworden
ist; ichhabeaber habe mein damaliges Versäumnis
meiner Braut nicht nachgetragen.
Ich wende mich nun wieder zu meiner
Niederlassung als Nervenarzt in Wien 1886.
zu 7 g Wenn man von der Behandlung Nerven-
kranker leben wollte, mußte man offenbar
ihnen etwas leisten können. Mein therapeut-
isches Arsenal umfaßte nur zwei Waffen,
die Elektrotherapie und die Hypnose, denn
die Versendung in die Wasserheilanstalt
nach einmaliger Konsultation war keine
zureichendeEinnahmsquelleErwerbsquelle. + Es oblag mir
die Verpflichtung in der „Gesellschaft der Ärzte“
Bericht über das zu erstatten, was ich
bei Charcot gesehen und gelernt hatte. Allein
ich fand eine üble Aufnahme. Maßgebende
Personen wie der Vorsitzende, der Internist
Bamberger erklärten das, was ich erzählte, für
unglaubwürdig. Meynert forderte mich auf,
Fälle, wie die von mir geschilderten, doch in
Wien aufzusuchen und der Gesellschaft vor-
zustellen. Dies versuchte ich auch, aber die
Primarärzte auf deren Abteilung ich solche
Fälle fand, verweigerten es mir, sie zu
beobachten oder zu bearbeiten. Einer von
ihnen, ein alter Chirurg, brach direkt in
den Ausruf aus: „Aber Herr Kollege, wie
können Sie solchen Unsinn reden! Hysteron
(sic!) heißt doch der Uterus. Wie kann denn
ein Mann hysterisch sein?“ Ich wendete
vergebens ein, daß ich nur die Verfügung
über den Krankheitsfall brauchte und nicht
die Genehmigung meiner Diagnose. Endlich
trieb ich außerhalb des Spitals einen Fall
von klassischer hysterischer Hemianästhesie
bei einem Manne auf, den ich in der
Gesellschaft der Ärzte demonstrierte. Diesmal
klatschte man mir Beifall, nahm aber
weiter kein Interesse an mir. Der Eindruck
daß die großen Autoritäten meine Neuig-
keiten abgelehnt hätten, blieb unerschüttert;
ich fand mich mit der männlichen Hysterie
und der suggestiven Erzeugung hysterischerS.
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Lähmungen in die Opposition gedrängt. Als mir
bald darauf das hirnanatomische Laboratorium
versperrt wurde und ich durch Semester kein
Lokal hatte, in dem ich meine Vorlesung
abhalten konnte, zog ich mich aus dem akade-
mischenundVereinsleben zurück. Ich habe die „Gesellschaft
der Ärzte“ seit einem Menschenalter nicht
mehr besucht.
Einschaltung I g
In der Elektrotherapie vertraute ich mich dem Hand-
buch von W. Erb an, welches detaillierte Vorschriften
für die Behandlung aller Symptome der Nerven-
leiden zur Verfügung stellte. Leider mußte
ich bald erfahren, daß die Befolgung dieser
Vorschriften niemals half, daß, was ich für
den Niederschlag exakter Beobachtung ge-
halten hatte, eine phantastische Konstruktion
war. Die Einsicht, daß das Werk des ersten
Namens der deutschen Neuropathologie
nicht mehr Beziehung zur Realität habe als
etwa ein „ägyptisches“ Traumbuch, wie es
in unseren Volksbuchhandlungen verkauft
wird, war schmerzlich, aber sie verhalf dazu,
wieder ein Stück des naiven Autoritäts-
glaubens abzutragen, von dem ich noch
nicht frei war. So schob ich denn den elektrischen
Apparat beiseite, noch ehe Moebius das erlös-
ende Wort gesprochen hatte, die Erfolge
der elektrischen Behandlung bei Nerven-
kranken seien – wo sie sich überhaupt
ergeben – eine Wirkung der ärztlichen
Suggestion.
Mit der Hypnose stand es besser. Noch als Student
hatte ichdereiner öffentlichen Vorstellung
des „Magnetiseurs“ Hansen beigewohnt
und bemerkt, daß eine der Versuchs-
personen totenbleich wurde als sie in kata-
leptische Starre geriet und während der
ganzen Dauer des Zustandes so verharrte.
Damit war meine Überzeugung von der Echt-
heit der hypnotischen Phänomene fest be-
gründet. Bald nachher fand diese Auffassung
in Heidenhain ihren wissenschaftlichen
Vertreter, was aber die Professoren
der Psychiatrie nicht abhielt, noch auf
lange hinaus die Hypnose für etwas
Schwindelhaftes und überdies Gefährliches
zu erklären und auf die Hypnotiseure
geringschätzig herabzusehen. In Paris hatte
ich gesehen, daß man sich der Hypnose unbe-
denklich als Methode bediente, um bei
den Kranken Symptome zu schaffen
und wieder aufzuheben. Dann drang dieS.
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Kunde zu uns, daß in Nancy eine Schule entstan-
den war, welche die Suggestion – mit oder ohne Hypnose –
im großen Ausmaße und mit besonderem
Erfolg zu therapeutischen Zwecken verwen-
dete. Es machte sich so ganz natürlich, daß in den ersten
Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit, von
den mehr zufälligen und nicht systematischen
psychotherapeutischen Methoden abgesehen, die
hypnotische Suggestion mein hauptsächlichstes
Arbeitsmittel wurde.
Damit war zwar der Verzicht auf die Behandlung
der organischen Nervenkrankheiten gegeben, aber
das verschlug wenig. Denn einerseits gab die
Therapie dieser Zustände überhaupt keine erfreu-
liche Aussicht, andererseits verschwand
in der Stadtpraxis des Privatarztes die geringe
Anzahl der an ihnen Leidenden gegen die
Menge von Nervösen, die sich überdies
dadurch vervielfältigten, daß sie unerlöst
von einem Arzt zum anderen liefen.
Sonst aber war die Arbeit mit der Hypnose
wirklich verführerisch. Man hatte zum ersten
Male das Gefühl seiner Ohnmacht über-
wunden, der Ruf des Wundertäters war
sehr schmeichelhaft. Welches die Mängel
des Verfahrens waren, sollte ich später ent-
decken. Vorläufig konnte ich mich nur
über zwei Punkte beklagen, erstens daß
es nicht gelang alle Kranken zu hypnotisieren,
zweitens daß man es nicht in der Hand hatte,
den einzelnen in so tiefe Hypnose
zu versetzen, als man gewünscht hätte. In
der Absicht, meine hypnotische Technik zu ver-
vollkommnen reiste ich im Sommer 1889
nach Nancy, wo ich mehrere Wochen zubrachte.
Ich sah den rührenden alten Liébault
bei seiner Arbeit an den armen Frauen
und Kindern der Arbeiterbevölkerung,
wurde Zeuge der erstaunlichen Experimente
Bernheim's an seinen Spitalspatienten
und holte mir die stärksten Eindrücke
von der Möglichkeit mächtiger seelischer Vorgänge,
die doch dem Bewußtsein des Menschen
verhüllt bleiben. Zum Zweckemeinerder Be-
lehrung hatte ich eine meiner Patientinnen
bewogen, nach Nancy nachzukommen.
Es war eine vornehme, genial begabte
Hysterika, die mir überlassen worden
war, weil man nichts mit ihr anzufangen
wußte. Ich hatte ihr durch hypnotische
Beeinflussung eine menschenwürdige
Existenz ermöglicht und konnte sie
immer wieder aus dem Elend ihresS.
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Zustandes herausheben. Daß sie jedesmal nach
einiger Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner
damaligen Unkenntnis darauf, daß ihre Hypnose
niemals den Grad von Somnambulismus
mit Amnesie erreicht hatte. Bernheim ver-
suchte es nun mit ihr wiederholte Male, brachte
es aber auch nicht weiter. Er gestand mir
freimütig, daß er die großen therapeutischen
Erfolge durch die Suggestiondurchin seiner
Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privat-
patienten erziele. Ich hatte viele anregende
Unterhaltungen mit ihm und übernahm
es, seine beiden Werke über die Suggestion
und ihre Heilwirkungen ins Deutsche zu
übersetzen.
Im Zeitraum von 1886-1891 habe ich wenig wissen-
schaftlich gearbeitet und kaum etwas publiziert.
Ich war davon in Anspruch genommen mich in den
neuen Beruf zu finden und meine materielle
Existenz sowie die meiner rasch anwachsenden
Familie zu sichern. 1891 erschien die erste der
Arbeiten über die Gehirnlähmungen der
Kinder, in Gemeinschaft mit meinem Freunde
und Assistenten Dr Oscar Rie abgefaßt. Im selben
Jahr veranlaßte mich ein Auftrag der Mitarbeit-
erschaft an einem Handwörterbuch der Medizin
die Lehre von der Aphasie zu erörtern, die
damals von dem rein lokalisatorischen
Gesichtspunkte Wernicke-Lichtheim's beherrscht wur-
de. Ein kleines kritisch-spekulatives Buch
„Zur Auffassung der Aphasie“ war die Frucht dieser
Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen,
wie es kam, daß die wissenschaftliche
Forschung wieder zum Hauptinteresse
meines Lebens wurde.II.
Meine frühere Darstellung ergänzend muß
ich angeben, daß ich von Anfang an außer
der hypnotischen Suggestion eine andere
Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente
mich ihrer zur Ausforschung des Kranken
über die Entstehungsgeschichte seines Symptoms,
die er im Wachzustand oft gar nicht oder
nur sehr unvollkommen mitteilen konnte.
Dies Verfahren schien nicht nur wirksamer
als das bloße suggestive Gebot oder Verbot,
es befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes,
der doch ein Recht hatte, etwas von der Her-
kunft des Phänomens zu erfahren, das
er durch die monotone suggestive Prozedur
aufzuheben strebte.
Zu diesem anderen Verfahren war ich aber
auf folgende Weise gekommen. Noch im
Brücke'schen Laboratorium wurde ich
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Sigmund Freud1925-041/1924.01