S.
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SIGMUND FREUD
I.
Mehrere der Mitarbeiter an dieser Sammlung von „Selbst
darstellungen“ leiten ihren Beitrag mit einigen nachdenklichen
Bemerkungen über die Besonderheit und Schwere der übernommenen
Aufgabe ein. Ich meine, ich darf sagen, daß meine Aufgabe noch
um ein Stück mehr erschwert ist, denn ich habe Bearbeitungen,
wie die hier erforderte, schon wiederholt veröffentlicht und aus
der Natur des Gegenstandes ergab sich, daß in ihnen von meiner
persönlichen Rolle mehr die Rede war als sonst üblich ist oder
notwendig erscheint.Die erste Darstellung der Entwicklung und des Inhalts der
Psychoanalyse gab ich 1909 in fünf Vorlesungen an der Clark
University in Worcester, Mass., wohin ich zur 20jährigen
Gründungsfeier der Institution berufen worden war.1) Vor kurzem
erst gab ich der Versuchung nach, einem amerikanischen Sammel-
werk einen Beitrag ähnlichen Inhalts zu leisten, weil diese Publi-
kation „Über die Anfänge des 20. Jahrhunderts“ die Bedeutung
der Psychoanalyse durch das Zugeständnis eines besonderen Kapitels
anerkannt hatte.2) Zwischen beiden liegt eine Schrift „Zur Ge-
schichte der psychoanalytischen Bewegung“ 19143), welche eigent-
lich alles Wesentliche bringt, das ich an gegenwärtiger Stelle mit-
zuteilen hätte. Da ich mir nicht widersprechen darf und mich
nicht ohne Abänderung wiederholen möchte, muß ich versuchen,1)Englisch erschienen im American Journal of Psychology, 1910, deutsch
unter dem Titel „Über Psychoanalyse“ bei F. Deuticke, Wien, 7. Aufl. 1924.2)These eventful years. The twentieth Century in the making as told by many
of its makers. Two volumes. London and New York, The Encyclopaedia Britannica
Company. Mein Aufsatz, übersetzt von Dr. A. A. Brill, bildet Cap. LXXIII des
zweiten Bandes.3)Erschienen im Jahrbuch der Psychoanalyse Bd. VI, neuerdings 1924 als
Sonderabdruck veröffentlicht.S.
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nun ein neues Mengungsverhältnis zwischen subjektiver und objek-
tiver Darstellung, zwischen biographischem und historischem Inter-
esse zu finden.Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren, einem kleinen
Städtchen der heutigen Tschechoslowakei. Meine Eltern waren Juden,
auch ich bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube
ich zu wissen, daß sie lange Zeiten am Rhein (in Köln) gelebt hat, aus
Anlaß einer Judenverfolgung im 14. oder 15. Jahrhundert nach dem
Osten floh und im Laufe des 19. Jahrhunderts die Rückwanderung von
Litauen über Galizien nach dem deutschen Österreich antrat. Als Kind
von vier Jahren kam ich nach Wien, wo ich alle Schulen durchmachte.
Auf dem Gymnasium war ich durch sieben Jahre Primus, hatte eine
bevorzugte Stellung, wurde kaum je geprüft. Obwohl wir in sehr be-
engten Verhältnissen lebten, verlangte mein Vater, daß ich in der Berufs-
wahl nur meinen Neigungen folgen sollte. Eine besondere Vorliebe
für die Stellung und Tätigkeit des Arztes habe ich in jenen Jugend-
jahren nicht verspürt, übrigens auch später nicht. Eher bewegte mich
eine Art von Wißbegierde, die sich aber mehr auf menschliche Ver-
hältnisse als auf natürliche Objekte bezog und auch den Wert der
Beobachtung als eines Hauptmittels zu ihrer Befriedigung nicht erkannt
hatte. Indes, die damals aktuelle Lehre Darwins zog mich mächtig
an, weil sie eine außerordentliche Förderung des Weltverständnisses
versprach und ich weiß, daß der Vortrag von Goethes schönem Aufsatz
„Die Natur“ in einer populären Vorlesung kurz vor der Reifeprüfung
die Entscheidung gab, daß ich Medizin inskribierte.Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige
fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß
ich mich als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil
ich Jude war. Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit ab.
Ich habe nie begriffen, warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man
zu sagen begann: Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volks-
gemeinschaft verzichtete ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß
sich für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen innerhalb des Rahmens
des Menschtums auch ohne solche Einreihung finden müsse. Aber
eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke von der Uni-
versität war, daß ich so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in
der Opposition zu stehen und von der „kompakten Majorität“ in Bann
getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils wurde so
vorbereitet.Außerdem mußte ich in den ersten Universitätsjahren die Erfahrung
machen, daß Eigenheit und Enge meiner Begabungen mir in mehreren
wissenschaftlichen Fächern, auf die ich mich in jugendlichem Über-
eifer gestürzt hatte, jeden Erfolg versagten. Ich lernte so die Wahrheit
der Mahnung Mephistos erkennen:Vergebens, daß ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann.S.
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Sigmund Freud
Im physiologischen Laboratorium von Ernst Brücke fand ich
endlich Ruhe und volle Befriedigung, auch die Personen, die ich respek-
tieren und zu Vorbildern nehmen konnte. Brücke stellte mir eine
Aufgabe aus der Histologie des Nervensystems, die ich zu seiner Zu-
friedenheit lösen und selbständig weiterführen konnte. Ich arbeitete
in diesem Institut von 1876–1882 mit kurzen Unterbrechungen und
galt allgemein als designiert für die nächste sich dort ergebende Assistenten-
stelle. Die eigentlich medizinischen Fächer zogen mich – mit Ausnahme
der Psychiatrie – nicht an. Ich betrieb das medizinische Studium
recht nachlässig, wurde auch erst 1881, mit ziemlicher Verspätung also,
zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert.Die Wendung kam 1882, als mein über alles verehrter Lehrer den
großmütigen Leichtsinn meines Vaters korrigierte, indem er mich mit
Rücksicht auf meine schlechte materielle Lage dringend ermahnte, die
theoretische Laufbahn aufzugeben. Ich folgte seinem Rate, verließ
das physiologische Laboratorium und trat als Aspirant in das Allgemeine
Krankenhaus ein. Dort wurde ich nach einiger Zeit zum Sekundararzt
(Interne) befördert und diente an verschiedenen Abteilungen, auch
länger als ein halbes Jahr bei Meynert, dessen Werk und Persönlichkeit
mich schon als Studenten gefesselt hatten.In gewissem Sinne blieb ich doch der zuerst eingeschlagenen Arbeits-
richtung treu. Brücke hatte mich an das Rückenmark eines der
niedrigsten Fische (Ammocoetes-Petromyzon) als Untersuchungsobjekt
gewiesen, ich ging nun zum menschlichen Zentralnervensystem über,
auf dessen verwickelte Faserung die Flechsigschen Funde der ungleich-
zeitigen Markscheidenbildung damals gerade ein helles Licht warfen.
Auch daß ich mir zunächst einzig und allein die Medulla oblongata
zum Objekt wählte, war eine Fortwirkung meiner Anfänge. Recht im
Gegensatz zur diffusen Natur meiner Studien in den ersten Universitäts-
jahren entwickelte ich nun eine Neigung zur ausschließenden Kon-
zentration der Arbeit auf einen Stoff oder ein Problem. Diese Neigung
ist mir verblieben und hat mir später den Vorwurf der Einseitigkeit
eingetragen.Ich war nun ein ebenso eifriger Arbeiter im gehirnanatomischen
Institut wie früher im physiologischen. Kleine Arbeiten über Faser-
verlauf und Kernursprünge in der Oblongata sind in diesen Spitals-
jahren entstanden und immerhin von Edinger vermerkt worden. Eines
Tages machte mir Meynert, der mir das Laboratorium eröffnet hatte,
auch als ich nicht bei ihm diente, den Vorschlag, ich sollte mich end-
gültig der Gehirnanatomie zuwenden, er verspreche, mir seine Vor-
lesung abzutreten, denn er fühle sich zu alt, um die neueren Methoden
zu handhaben. Ich lehnte, erschreckt durch die Größe der Aufgabe,
ab; auch mochte ich damals schon erraten haben, daß der geniale Mann
mir keineswegs wohlwollend gesinnt sei.Die Gehirnanatomie war in praktischer Hinsicht gewiß kein Fort-
schritt gegen die Physiologie. Den materiellen Anforderungen trug
ich Rechnung, indem ich das Studium der Nervenkrankheiten begann.
Dieses Spezialfach wurde damals in Wien wenig gepflegt, das MaterialS.
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war auf verschiedenen internen Abteilungen verstreut, es gab keine
gute Gelegenheit sich auszubilden, man mußte sein eigener Lehrer sein.
Auch Nothnagel, den man kurz vorher auf Grund seines Buches über
die Gehirnlokalisation berufen hatte, zeichnete die Neuropathologie
nicht vor anderen Teilgebieten der internen Medizin aus. In der Ferne
leuchtete der große Name Charcots und so machte ich mir den Plan,
hier die Dozentur für Nervenkrankheiten zu erwerben und dann zur
weiteren Ausbildung nach Paris zu gehen.In den nun folgenden Jahren sekundarärztlichen Dienstes ver-
öffentlichte ich mehrere kasuistische Beobachtungen über organische
Krankheiten des Nervensystems. Ich wurde allmählich mit dem Gebiet
vertraut; ich verstand es, einen Herd in der Oblongata so genau zu
lokalisieren, daß der pathologische Anatom nichts hinzuzusetzen hatte,
ich war der erste in Wien, der einen Fall mit der Diagnose Polyneuritis
acuta zur Sektion schickte. Der Ruf meiner durch die Autopsie be-
stätigten Diagnosen trug mir den Zulauf amerikanischer Ärzte ein,
denen ich in einer Art von Pidgin-English Kurse an den Kranken-
meiner Abteilung las. Von den Neurosen verstand ich nichts. Als
ich einmal meinen Hörern einen Neurotiker mit fixiertem Kopfschmerz
als Fall von chronischer zirkumskripter Meningitis vorstellte, fielen
sie alle in berechtigter kritischer Ablehnung von mir ab und meine
vorzeitige Lehrtätigkeit hatte ein Ende. Zu meiner Entschuldigung
sei bemerkt, es war die Zeit, da auch größere Autoritäten in Wien die
Neurasthenie als Hirntumor zu diagnostizieren pflegten.Im Frühjahr 1885 erhielt ich die Dozentur für Neuropathologie
auf Grund meiner histologischen und klinischen Arbeiten. Bald darauf
wurde mir infolge des warmen Fürspruchs Brückes ein größeres Reise-
stipendium zugeteilt. Im Herbst dieses Jahres reiste ich nach Paris.Ich trat als Eleve in die Salpêtrière ein, fand aber anfangs als einer
der vielen Mitläufer aus der Fremde wenig Beachtung. Eines Tages
hörte ich Charcot sein Bedauern darüber äußern, daß der deutsche
Übersetzer seiner Vorlesungen seit dem Kriege nichts von sich habe
hören lassen. Es wäre ihm lieb, wenn jemand die deutsche Übersetzung
seiner „Neuen Vorlesungen“ übernehmen würde. Ich bot mich schriftlich
dazu an; ich weiß noch, daß der Brief die Wendung enthielt, ich sei
bloß mit der Aphasie motrice, aber nicht mit der Aphasie sensorielle
du français behaftet. Charcot akzeptierte mich, zog mich in seinen
Privatverkehr und von da an hatte ich meinen vollen Anteil an allem,
was auf der Klinik vorging.Während ich dies schreibe, erhalte ich zahlreiche Aufsätze und
Zeitungsartikel aus Frankreich, die von dem heftigen Sträuben gegen
die Aufnahme der Psychoanalyse zeugen und oft die unzutreffendsten
Behauptungen über mein Verhältnis zur französischen Schule auf-
stellen. So lese ich z. B., daß ich meinen Aufenthalt in Paris dazu
benützt, mich mit den Lehren von P. Janet vertraut zu machen, und
dann mit meinem Raube die Flucht ergriffen habe. Ich will darum
ausdrücklich erwähnen, daß der Name Janets während meines Ver-
weilens an der Salpêtrière überhaupt nicht genannt wurde.S.
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Von allem, was ich bei Charcot sah, machten mir den größten
Eindruck seine letzten Untersuchungen über die Hysterie, die zum
Teil noch unter meinen Augen ausgeführt wurden. Also der Nachweis
der Echtheit und Gesetzmäßigkeit der hysterischen Phänomene (,,In-
troite et hic dii sunt“), des häufigen Vorkommens der Hysterie bei
Männern, die Erzeugung hysterischer Lähmungen und Kontrakturen
durch hypnotische Suggestion, das Ergebnis, daß diese Kunstprodukte
dieselben Charaktere bis ins einzelnste zeigten wie die spontanen, oft
durch Trauma hervorgerufenen Zufälle. Manche von Charcots Demon-
strationen hatten bei mir wie bei anderen Gästen zunächst Befremden
und Neigung zum Widerspruch erzeugt, den wir durch Berufung auf
eine der herrschenden Theorien zu stützen versuchten. Er erledigte
solche Bedenken immer freundlich und geduldig, aber auch sehr bestimmt;
in einer dieser Diskussionen fiel das Wort: Ça n’empêche pas d’exister,
das sich mir unvergeßlich eingeprägt hat.Bekanntlich ist heute nicht mehr alles aufrecht geblieben, was uns
Charcot damals lehrte. Einiges ist unsicher geworden, anderes hat
die Probe der Zeit offenbar nicht bestanden. Aber es ist genug davon
übrig geblieben, was als dauernder Besitz der Wissenschaft gewertet
wird. Ehe ich Paris verließ, verabredete ich mit dem Meister den Plan
einer Arbeit zur Vergleichung der hysterischen mit den organischen
Lähmungen. Ich wollte den Satz durchführen, daß bei der Hysterie
Lähmungen und Anästhesien einzelner Körperteile sich so abgrenzen,
wie es der gemeinen (nicht anatomischen) Vorstellung des Menschen
entspricht. Er war damit einverstanden, aber es war leicht zu sehen,
daß er im Grunde keine besondere Vorliebe für ein tieferes Eingehen
in die Psychologie der Neurose hatte. Er war doch von der pathologischen
Anatomie her gekommen.Ehe ich nach Wien zurückkehrte, hielt ich mich einige Wochen
in Berlin auf, um mir einige Kenntnisse über die allgemeinen Erkrankungen
des Kindesalters zu holen. Kassowitz in Wien, der ein öffentliches
Kinderkrankeninstitut leitete, hatte versprochen, mir dort eine Ab-
teilung für Nervenkrankheiten der Kinder einzurichten. Ich fand in
Berlin bei Ad. Baginsky freundliche Aufnahme und Förderung. Aus
dem Kassowitzschen Institut habe ich im Laufe der nächsten Jahre
mehrere größere Arbeiten über die einseitigen und doppelseitigen Gehirn-
lähmungen der Kinder veröffentlicht. Demzufolge übertrug mir auch
später 1897 Nothnagel die Bearbeitung des entsprechenden Stoffes
in seinem großen ,,Handbuch der allgemeinen und speziellen Therapie“.Im Herbst 1886 ließ ich mich in Wien als Arzt nieder und heiratete
das Mädchen, das seit länger als vier Jahren in einer fernen Stadt auf
mich gewartet hatte. Ich kann hier rückgreifend erzählen, daß es die
Schuld meiner Braut war, wenn ich nicht schon in jenen jungen Jahren
berühmt geworden bin. Ein abseitiges, aber tiefgehendes Interesse
hatte mich 1884 veranlaßt, mir das damals wenig bekannte Alkaloid
Kokain von Merck kommen zu lassen und dessen physiologische Wir-
kungen zu studieren. Mitten in dieser Arbeit eröffnete sich mir die
Aussicht einer Reise, um meine Verlobte wiederzusehen, von der ichS.
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SIGMUND FREUD
zwei Jahre getrennt gewesen war. Ich schloß die Untersuchung über
das Kokain rasch ab und nahm in meine Publikation die Vorhersage
auf, daß sich bald weitere Verwendungen des Mittels ergeben würden.
Meinem Freunde, dem Augenarzt L. Königstein, legte ich aber nahe, zu
prüfen, inwieweit sich die anästhesierenden Eigenschaften des Kokains
am kranken Auge verwerten ließen. Als ich vom Urlaub zurückkam,
fand ich, daß nicht er, sondern ein anderer Freund, Carl Koller (jetzt
in Newyork), dem ich auch vom Kokain erzählt, die entscheidenden
Versuche am Tierauge angestellt und sie auf dem Ophthalmologen
kongreß zu Heidelberg demonstriert hatte. Koller gilt darum mit
Recht als der Entdecker der Lokalanästhesie durch Kokain, die für
die kleine Chirurgie so wichtig geworden ist; ich aber habe mein damaliges
Versäumnis meiner Braut nicht nachgetragen.
Ich wende mich nun wieder zu meiner Niederlassung als Nerven
arzt in Wien 1886. Es lag mir die Verpflichtung ob, in der „Gesellschaft
der Ärzte“ Bericht über das zu erstatten, was ich bei Charcot gesehen
und gelernt hatte. Allein ich fand eine üble Aufnahme. Maßgebende
Personen wie der Vorsitzende, der Internist Bamberger, erklärten
das, was ich erzählte, für unglaubwürdig. Meynert forderte mich auf,
Fälle, wie die von mir geschilderten, doch in Wien aufzusuchen und
der Gesellschaft vorzustellen. Dies versuchte ich auch, aber die Primar-
ärzte, auf deren Abteilung ich solche Fälle fand, verweigerten es mir,
sie zu beobachten oder zu bearbeiten. Einer von ihnen, ein alter Chirurg,
brach direkt in den Ausruf aus: „Aber Herr Kollege, wie können Sie
solchen Unsinn reden! Hysteron (sic!) heißt doch der Uterus. Wie
kann denn ein Mann hysterisch sein?“ Ich wendete vergebens ein,
daß ich nur die Verfügung über den Krankheitsfall brauchte und nicht
die Genehmigung meiner Diagnose. Endlich trieb ich außerhalb des
Spitals einen Fall von klassischer hysterischer Hemianästhesie bei einem
Manne auf, den ich in der „Gesellschaft der Ärzte“ demonstrierte.
Diesmal klatschte man mir Beifall, nahm aber weiter kein Interesse
an mir. Der Eindruck, daß die großen Autoritäten meine Neuigkeiten
abgelehnt hätten, blieb unerschüttert; ich fand mich mit der männlichen
Hysterie und der suggestiven Erzeugung hysterischer Lähmungen in
die Opposition gedrängt. Als mir bald darauf das hirnanatomische
Laboratorium versperrt wurde und ich durch Semester kein Lokal hatte,
in dem ich meine Vorlesung abhalten konnte, zog ich mich aus dem
akademischen und Vereinsleben zurück. Ich habe die „Gesellschaft
der Ärzte“ seit einem Menschenalter nicht mehr besucht.
Wenn man von der Behandlung Nervenkranker leben wollte, mußte
man offenbar ihnen etwas leisten können. Mein therapeutisches Arsenal
umfaßte nur zwei Waffen, die Elektrotherapie und die Hypnose, denn
die Versendung in die Wasserheilanstalt nach einmaliger Konsultation
war keine zureichende Erwerbsquelle. In der Elektrotherapie vertraute
ich nach dem Handbuch von W. Erb an, welches detaillierte Vorschriften
für die Behandlung aller Symptome der Nervenleiden zur Verfügung
stellte. Leider mußte ich bald erfahren, daß die Befolgung dieser Vor-
schriften niemals half, daß, was ich für den Niederschlag exakter Beob6S.
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achtung gehalten hatte, eine phantastische Konstruktion war. Die
Einsicht, daß das Werk des ersten Namens der deutschen Neuropathologie
nicht mehr Beziehung zur Realität habe als etwa ein „ägyptisches“
Traumbuch, wie es in unseren Volksbuchhandlungen verkauft wird,
war schmerzlich, aber sie verhalf dazu, wieder ein Stück des naiven
Autoritätsglaubens abzutragen, von dem ich noch nicht frei war. So
schob ich denn den elektrischen Apparat beiseite, noch ehe Möbius
das erlösende Wort gesprochen hatte, die Erfolge der elektrischen Be-
handlung bei Nervenkranken seien – wo sie sich überhaupt ergeben –
eine Wirkung der ärztlichen Suggestion.Mit der Hypnose stand es besser. Noch als Student hatte ich einer
öffentlichen Vorstellung des „Magnetiseurs“ Hansen beigewohnt und
bemerkt, daß eine der Versuchspersonen totenbleich wurde, als sie in
kataleptische Starre geriet und während der ganzen Dauer des Zustandes
so verharrte. Damit war meine Überzeugung von der Echtheit der
hypnotischen Phänomene fest begründet. Bald nachher fand diese
Auffassung in Heidenhain ihren wissenschaftlichen Vertreter, was
aber die Professoren der Psychiatrie nicht abhielt, noch auf lange hinaus
die Hypnose für etwas Schwindelhaftes und überdies Gefährliches zu
erklären und auf die Hypnotiseure geringschätzig herabzuschauen. In
Paris hatte ich gesehen, daß man sich der Hypnose unbedenklich als
Methode bediente, um bei den Kranken Symptome zu schaffen und
wieder aufzuheben. Dann drang die Kunde zu uns, daß in Nancy eine
Schule entstanden war, welche die Suggestion mit oder ohne Hypnose
im großen Ausmaße und mit besonderem Erfolg zu therapeutischen
Zwecken verwendete. Es machte sich so ganz natürlich, daß in den
ersten Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit, von den mehr zufälligen
und nicht systematischen psychotherapeutischen Methoden abgesehen,
die hypnotische Suggestion mein hauptsächliches Arbeitsmittel wurde.Damit war zwar der Verzicht auf die Behandlung der organischen
Nervenkrankheiten gegeben, aber das verschlug wenig. Denn einerseits
gab die Therapie dieser Zustände überhaupt keine erfreuliche Aussicht
und andererseits verschwand in der Stadtpraxis des Privatarztes die
geringe Anzahl der an ihnen Leidenden gegen die Menge von Nervösen,
die sich überdies dadurch vervielfältigten, daß sie unerlöst von einem
Arzt zum anderen liefen. Sonst aber war die Arbeit mit der Hypnose
wirklich verführerisch. Man hatte zum erstenmal das Gefühl seiner
Ohnmacht überwunden, der Ruf des Wundertäters war sehr schmeichel-
haft. Welches die Mängel des Verfahrens waren, sollte ich später ent-
decken. Vorläufig konnte ich mich nur über zwei Punkte beklagen,
erstens, daß es nicht gelang, alle Kranken zu hypnotisieren; zweitens,
daß man es nicht in der Hand hatte, den einzelnen in so tiefe Hypnose
zu versetzen, als man gewünscht hätte. In der Absicht, meine hypno-
tische Technik zu vervollkommnen, reiste ich im Sommer 1889 nach
Nancy, wo ich mehrere Wochen zubrachte. Ich sah den rührenden
alten Liébault bei seiner Arbeit an den armen Frauen und Kindern
der Arbeiterbevölkerung, wurde Zeuge der erstaunlichen Experimente
Bernheims an seinen Spitalpatienten und holte mir die stärkstenS.
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Eindrücke von der Möglichkeit mächtiger seelischer Vorgänge, die doch
dem Bewußtsein des Menschen verhüllt bleiben. Zum Zwecke der Be-
lehrung hatte ich eine meiner Patientinnen bewogen, nach Nancy
nachzukommen. Es war eine vornehme, genial begabte Hysterika,
die mir überlassen worden war, weil man nichts mit ihr anzufangen
wußte. Ich hatte ihr durch hypnotische Beeinflussung eine menschen-
würdige Existenz ermöglicht und konnte sie immer wieder aus dem
Elend ihres Zustandes herausheben. Daß sie jedesmal nach einiger
Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner damaligen Unkenntnis darauf,
daß ihre Hypnose niemals den Grad von Somnambulismus mit Amnesie
erreicht hatte. Bernheim versuchte es nun mit ihr wiederholte Male,
brachte es aber auch nicht weiter. Er gestand mir freimütig, daß er
die großen therapeutischen Erfolge durch die Suggestion nur in seiner
Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privatpatienten erziele. Ich hatte
viele anregende Unterhaltungen mit ihm und übernahm es, seine beiden
Werke über die Suggestion und ihre Heilwirkungen ins Deutsche zu
übersetzen.Im Zeitraum von 1886–1891 habe ich wenig wissenschaftlich
gearbeitet und kaum etwas publiziert. Ich war davon in Anspruch ge-
nommen, mich in den neuen Beruf zu finden und meine materielle
Existenz sowie die meiner rasch anwachsenden Familie zu sichern.
1891 erschien die erste der Arbeiten über die Gehirnlähmungen der
Kinder, in Gemeinschaft mit meinem Freunde und Assistenten Dr. Oskar
Rie abgefaßt. In demselben Jahre veranlaßte mich ein Auftrag der
Mitarbeiterschaft an einem Handwörterbuch der Medizin, die Lehre
von der Aphasie zu erörtern, die damals von dem rein lokalisatorischen
Gesichtspunkte Wernicke-Lichtheims beherrscht war. Ein kleines
kritisch-spekulatives Buch „Zur Auffassung der Aphasie“ war die Frucht
dieser Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen, wie es kam, daß
die wissenschaftliche Forschung wieder zum Hauptinteresse meines
Lebens wurde.II.
Meine frühere Darstellung ergänzend, muß ich angeben, daß
ich von Anfang an außer der hypnotischen Suggestion eine andere
Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente mich ihrer zur Aus-
forschung des Kranken über die Entstehungsgeschichte seines
Symptoms, die er im Wachzustand oft gar nicht oder nur sehr
unvollkommen mitteilen konnte. Dies Verfahren schien nicht
nur wirksamer als das bloße suggestive Gebot oder Verbot, es
befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes, der doch ein Recht
hatte, etwas von der Herkunft des Phänomens zu erfahren, das
er durch die monotone suggestive Prozedur aufzuheben strebte.Zu diesem anderen Verfahren war ich aber auf folgende Weise
gekommen. Noch im Brückeschen Laboratorium wurde ich8
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Sigmund Freud1925-041/1925.2