Sigmund Freud1925-041/1925.2
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    IV.

    Die Lehren vom Widerstand und von der Verdrängung, vom
    Unbewußten, von der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens
    und der Wichtigkeit der Kindheitserlebnisse sind die Haupt-
    bestandteile des psychoanalytischen Lehrgebäudes. Ich bedauere,
    daß ich hier nur die einzelnen Stücke beschreiben konnte und
    nicht auch, wie sie sich zusammensetzen und ineinander greifen.
    Es ist jetzt an der Zeit, sich zu den Veränderungen zu wenden,
    die sich allmählich an der Technik des analytischen Verfahrens
    vollzogen.

    Die zuerst geübte Überwindung des Widerstandes durch
    Drängen und Versichern war unentbehrlich gewesen, um dem
    Arzt die ersten Orientierungen in dem, was er zu erwarten hatte,
    zu verschaffen. Auf die Dauer war sie aber für beide Teile zu
    anstrengend und schien nicht frei von gewissen naheliegenden
    Bedenken. Sie wurde also von einer anderen Methode ab-
    gelöst, welche in gewissem Sinne ihr Gegensatz war. Anstatt
    den Patienten anzutreiben, etwas zu einem bestimmten Thema
    zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich der „freien Assoziation“
    zu überlassen, d. h. zu sagen, was immer ihm in den Sinn kam,
    wenn er sich jeder bewußten Zielvorstellung enthielt. Nur mußte
    er sich dazu verpflichten, auch wirklich alles mitzuteilen, was
    ihm seine Selbstwahrnehmung ergab, und den kritischen Ein-
    wendungen nicht nachzugeben, die einzelne Einfälle mit den
    Motivierungen beseitigen wollten, sie seien nicht wichtig genug,
    gehörten nicht dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig. Die
    Forderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung brauchte man
    nicht ausdrücklich zu wiederholen, sie war ja die Voraussetzung
    der analytischen Kur.

    Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung
    der psychoanalytischen Grundregel leisten sollte, was man
    von ihm erwartete, nämlich das verdrängte und durch Widerstände
    ferngehaltene Material dem Bewußtsein zuzuführen, mag be-
    fremdend erscheinen. Allein man muß bedenken, daß die freie
    Assoziation nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt unter dem
    Einfluß der analytischen Situation, auch wenn er seine Denk-
    tätigkeit nicht auf ein bestimmtes Thema richtet. Man hat das
    Recht, anzunehmen, daß ihm nichts anderes einfallen wird, als
    was zu dieser Situation in Beziehung steht. Sein Widerstand

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    gegen die Reproduktion des Verdrängten wird sich jetzt auf
    zweierlei Weise äußern. Erstens durch jene kritischen Ein-
    wendungen, auf welche die psychoanalytische Grundregel gemünzt
    ist. Überwindet er aber in Befolgung der Regel diese Abhaltungen,
    so findet der Widerstand einen anderen Ausdruck. Er wird es
    durchsetzen, daß dem Analysierten niemals das Verdrängte selbst
    einfällt, sondern nur etwas, was diesem nach Art einer Anspielung
    nahe kommt, und je größer der Widerstand ist, desto weiter wird
    sich der mitzuteilende Ersatzeinfall von dem Eigentlichen, das
    man sucht, entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung, aber
    ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im all-
    gemeinen auf das Kommende vorbereitet ist, kann nun das Material,
    das der Patient zutage fördert, nach zwei Möglichkeiten verwerten.
    Entweder gelingt es ihm, bei geringem Widerstand, aus den An-
    deutungen das Verdrängte selbst zu erraten, oder er kann, bei
    stärkerem Widerstand, an den Einfällen, die sich vom Thema
    zu entfernen scheinen, die Beschaffenheit dieses Widerstandes
    erkennen, den er dann dem Patienten mitteilt. Die Aufdeckung
    des Widerstandes ist aber der erste Schritt zu seiner Überwindung.
    So ergibt sich im Rahmen der analytischen Arbeit eine Deutungs-
    kunst, deren erfolgreiche Handhabung zwar Takt und Übung
    erfordert, die aber unschwer zu erlernen ist. Die Methode der
    freien Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur
    den der Ersparung an Mühe. Sie setzt den Analysierten dem ge-
    ringsten Maß von Zwang aus, verliert nie den Kontakt mit der
    realen Gegenwart, gewährt weitgehende Garantien dafür, daß man
    kein Moment in der Struktur der Neurose übersieht und nichts aus
    eigener Erwartung in sie einträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich
    dem Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung des
    Stoffes zu bestimmen, daher wird die systematische Bearbeitung
    der einzelnen Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im
    Gegensatz zum Hergang beim hypnotischen oder antreibenden
    Verfahren erfährt man das Zusammengehörige zu verschiedenen
    Zeiten und an verschiedenen Stellen der Behandlung. Für einen
    Zuhörer – den es in Wirklichkeit nicht geben darf – würde die
    analytische Kur daher ganz undurchsichtig sein.

    Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie eigentlich nie
    zu versagen braucht. Es muß theoretisch immer möglich sein,
    einen Einfall zu haben, wenn man seine Ansprüche an die Art
    desselben fallen läßt. Doch tritt solches Versagen ganz regel-

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    mäßig in einem Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzelung
    wird auch dieser Fall deutbar.

    Ich nähere mich nun der Beschreibung eines Moments, welches
    einen wesentlichen Zug zum Bilde der Analyse hinzufügt und
    technisch wie theoretisch die größte Bedeutung beanspruchen
    darf. In jeder analytischen Behandlung stellt sich ohne Dazutun
    des Arztes eine intensive Gefühlsbeziehung des Patienten zur
    Person des Analytikers her, die in den realen Verhältnissen keine
    Erklärung finden kann. Sie ist positiver oder negativer Natur,
    variiert von leidenschaftlicher, vollsinnlicher Verliebtheit bis zum
    extremen Ausdruck von Auflehnung, Erbitterung und Haß. Diese
    abkürzend sogenannte „Übertragung“ setzt sich beim Patienten
    bald an die Stelle des Wunsches nach Genesung und wird, solange
    sie zärtlich und gemäßigt ist, zum Träger des ärztlichen Einflusses
    und zur eigentlichen Triebfeder der gemeinsamen analytischen
    Arbeit. Später, wenn sie leidenschaftlich geworden ist oder ins
    Feindselige umgeschlagen hat, wird sie das Hauptwerkzeug des
    Widerstandes. Dann geschieht es auch, daß sie die Einfallstätigkeit
    des Patienten lahm legt und den Erfolg der Behandlung gefährdet.
    Es wäre aber unsinnig, ihr ausweichen zu wollen; eine Analyse
    ohne Übertragung ist eine Unmöglichkeit. Man darf nicht glauben,
    daß die Analyse die Übertragung schafft und daß diese nur bei
    ihr vorkommt. Die Übertragung wird von der Analyse nur auf
    gedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein menschliches Phänomen,
    entscheidet über den Erfolg bei jeder ärztlichen Beeinflussung,
    ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen einer Person zu ihrer
    menschlichen Umwelt. Unschwer erkennt man in ihr denselben
    dynamischen Faktor, den die Hypnotiker Suggerierbarkeit genannt
    haben, der der Träger des hypnotischen Rapports ist, über dessen
    Unberechenbarkeit auch die kathartische Methode zu klagen hatte.
    Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung fehlt oder durchaus
    negativ geworden ist, wie bei der Dementia praecox und der
    Paranoia, da entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen Be-
    einflussung des Kranken.

    Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem
    Mittel der Suggestion arbeitet wie andere psychotherapeutische
    Methoden. Der Unterschied ist aber, daß ihr – der Suggestion
    oder der Übertragung – hier nicht die Entscheidung über den
    therapeutischen Erfolg überlassen wird. Sie wird vielmehr dazu
    verwendet, den Kranken zur Leistung einer psychischen Arbeit

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    zu bewegen – zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände –,
    die eine dauernde Veränderung seiner seelischen Ökonomie be-
    deutet. Die Übertragung wird vom Analytiker dem Kranken
    bewußt gemacht, sie wird aufgelöst, indem man ihn davon über-
    zeugt, daß er in seinem Übertragungsverhalten Gefühlsrelationen
    wiedererlebt, die von seinen frühesten Objektbesetzungen, aus
    der verdrängten Periode seiner Kindheit, herstammen. Durch
    solche Wendung wird die Übertragung aus der stärksten Waffe
    des Widerstandes zum besten Instrument der analytischen Kur.
    Immerhin bleibt ihre Handhabung das schwierigste wie das
    wichtigste Stück der analytischen Technik.

    Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoziation und der an
    sie anschließenden Deutungskunst gelang der Psychoanalyse eine
    Leistung, die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war, aber
    in Wirklichkeit zu einer völlig neuen Stellung und Geltung im
    wissenschaftlichen Betrieb führen mußte. Es wurde möglich,
    nachzuweisen, daß Träume sinnvoll sind, und den Sinn derselben
    zu erraten. Träume waren noch im klassischen Altertum als
    Verkündigungen der Zukunft hochgeschätzt worden; die moderne
    Wissenschaft wollte vom Traum nichts wissen, überließ ihn dem
    Aberglauben, erklärte ihn für einen bloß „körperlichen“ Akt, für
    eine Art Zuckung des sonst schlafenden Seelenlebens. Daß jemand,
    der ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet hatte, als „Traum-
    deuter“ auftreten könnte, schien doch ausgeschlossen. Wenn man
    sich aber um eine solche Verdammung des Traumes nicht kümmerte,
    ihn behandelte wie ein unverstandenes neurotisches Symptom,
    eine Wahn- oder Zwangs-idee, von seinem scheinbaren Inhalt absah
    und seine einzelnen Bilder zu Objekten der freien Assoziation
    machte, so kam man zu einem anderen Ergebnis. Man gewann
    durch die zahlreichen Einfälle des Träumers Kenntnis von einem
    Gedankengebilde, das nicht mehr absurd oder verworren genannt
    werden konnte, das einer vollwertigen psychischen Leistung ent-
    sprach und von dem der manifeste Traum nur eine entstellte,
    verkürzte und mißverstandene Übersetzung war, zumeist eine
    Übersetzung in visuelle Bilder. Diese latenten Traumgedanken
    enthielten den Sinn des Traumes, der manifeste Trauminhalt war
    nur eine Täuschung, eine Fassade, an welche zwar die Assoziation
    anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung.

    Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen Reihe
    von Fragen, die wichtigsten darunter, ob es denn ein Motiv für

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    die Traumbildung gebe, unter welchen Bedingungen sie sich voll-
    ziehen könne, auf welchen Wegen die Überführung der immer
    sinnreichen Traumgedanken in den oft sinnlosen Traum vor sich
    geht u. a. In meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung“
    habe ich versucht, alle diese Probleme zu erledigen. Nur der
    kürzeste Auszug aus dieser Untersuchung kann hier Raum finden:
    Wenn man die latenten Traumgedanken, die man aus der Analyse
    des Traumes erfahren hat, untersucht, findet man einen unter
    ihnen, der sich von den anderen, verständigen und dem Träumer
    wohlbekannten, scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des
    Wachlebens (Tagesreste); in dem vereinzelten aber erkennt man
    eine oft sehr anstößige Wunschregung, die dem Wachleben des
    Träumers fremd ist, die er dementsprechend auch verwundert
    oder entrüstet verleugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traum-
    bildner, sie hat die Energie für die Produktion des Traumes auf-
    gebracht und sich der Tagesreste als Material bedient; der so
    entstandene Traum stellt eine Befriedigungssituation für sie vor,
    ist ihre Wunscherfüllung. Dieser Vorgang wäre nicht möglich
    geworden, wenn nicht etwas in der Natur des Schlafzustandes
    ihn begünstigt hätte. Die psychische Voraussetzung des Schlafens
    ist die Einstellung des Ichs auf den Schlafwunsch und die Ab-
    ziehung der Besetzungen von allen Interessen des Lebens; da
    gleichzeitig die Zugänge zur Motilität gesperrt werden, kann das
    Ich auch den Aufwand herabsetzen, mit dem es sonst die Ver-
    drängungen aufrecht hält. Diesen nächtlichen Nachlaß der Ver-
    drängung macht sich die unbewußte Regung zunutze, um mit
    dem Traum zum Bewußtsein vorzudringen. Der Verdrängungs-
    widerstand des Ichs ist aber auch im Schlafe nicht aufgehoben,
    sondern bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von ihm ist als
    Traumzensur verblieben und verbietet nun der unbewußten
    Wunschregung, sich in den Formen zu äußern, die ihr eigentlich
    angemessen wären. Infolge der Strenge der Traumzensur müssen
    sich die latenten Traumgedanken Abänderungen und Ab-
    schwächungen gefallen lassen, die den verpönten Sinn des Traumes
    unkenntlich machen. Dies ist die Erklärung der Traum-
    entstellung, welcher der manifeste Traum seine auffälligsten
    Charaktere verdankt. Daher die Berechtigung des Satzes: der
    Traum sei die (verkappte) Erfüllung eines (verdrängten)
    Wunsches. Wir erkennen schon jetzt, daß der Traum gebaut
    ist wie ein neurotisches Symptom, er ist eine Kompromißbildung

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    zwischen dem Anspruch einer verdrängten Triebregung und dem
    Widerstand einer zensurierenden Macht im Ich. Infolge der
    gleichen Genese ist er auch ebenso unverständlich wie das Sym-
    ptom und in gleicher Weise der Deutung bedürftig.

    Die allgemeine Funktion des Traumes ist leicht aufzufinden.
    Es dient dazu, um äußere oder innere Reize, welche zum Erwachen
    auffordern würden, durch eine Art von Beschwichtigung abzuwehren
    und so den Schlaf gegen Störung zu versichern. Der äußere Reiz
    wird abgewehrt, indem er umgedeutet und in irgendeine harmlose
    Situation verwoben wird; den inneren Reiz des Triebanspruchs
    läßt der Schläfer gewähren und gestattet ihm die Befriedigung
    durch die Traumbildung, solange sich die latenten Traumgedanken
    der Bändigung durch die Zensur nicht entziehen. Droht aber
    diese Gefahr und wird der Traum allzu deutlich, so bricht der
    Schläfer den Traum ab und wacht erschreckt auf (Angsttraum).
    Dasselbe Versagen der Traumfunktion tritt ein, wenn der äußere
    Reiz so stark wird, daß er sich nicht mehr abweisen läßt (Weck-
    traum). Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traum-
    zensur die latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt
    überführt, habe ich die Traumarbeit genannt. Er besteht in
    einer eigenartigen Behandlung des vorbewußten Gedankenmaterials,
    bei welcher dessen Bestandteile verdichtet, seine psychischen
    Akzente verschoben, das Ganze dann in visuelle Bilder umgesetzt,
    dramatisiert, und durch eine mißverständliche sekundäre Be-
    arbeitung ergänzt wird. Die Traumarbeit ist ein ausgezeichnetes
    Muster der Vorgänge in den tieferen, unbewußten Schichten des
    Seelenlebens, welche sich von den uns bekannten normalen Denk-
    vorgängen erheblich unterscheiden. Sie bringt auch eine Anzahl
    archaischer Züge zum Vorschein, z. B. die Verwendung einer hier
    vorwiegend sexuellen Symbolik, die man dann auf anderen Ge-
    bieten geistiger Tätigkeit wiedergefunden hat.

    Indem sich die unbewußte Triebregung des Traumes mit einem
    Tagesrest, einem unerledigten Interesse des Wachlebens, in Ver-
    bindung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten Traume einen
    zweifachen Wert für die analytische Arbeit. Der gedeutete Traum
    erweist sich ja einerseits als die Erfüllung eines verdrängten
    Wunsches, andererseits kann er die vorbewußte Denktätigkeit
    des Tages fortgesetzt und sich mit beliebigem Inhalt erfüllt haben,
    einem Vorsatz, einer Warnung, Überlegung und wiederum einer
    Wunscherfüllung Ausdruck geben. Die Analyse verwertet ihn

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    nach beiden Richtungen, sowohl für die Kenntnis der bewußten
    wie der unbewußten Vorgänge beim Analysierten. Auch zieht
    sie aus dem Umstande Vorteil, daß dem Traume der vergessene
    Stoff des Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile
    Amnesie zumeist im Anschluß an die Deutung von Träumen über-
    wunden wird. Der Traum leistet hier ein Stück von dem, was
    früher der Hypnose auferlegt war. Dagegen habe ich nie die mir
    oft zugeschriebene Behauptung aufgestellt, die Traumdeutung
    ergebe, daß alle Träume sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle
    Triebkräfte zurückgehen. Es ist leicht zu sehen, daß Hunger,
    Durst und Exkretionsdrang ebensogut Befriedigungsträume er-
    zeugen wie irgendeine verdrängte sexuelle oder egoistische Regung.
    Bei kleinen Kindern stellt sich eine bequeme Probe auf die Richtig-
    keit unserer Traumtheorie zur Verfügung. Hier, wo die verschiedenen
    psychischen Systeme noch nicht scharf gesondert, die Verdrängungen
    noch nicht tiefer ausgebildet sind, erfährt man häufig von Träumen,
    die nichts anderes sind als unverhüllte Erfüllungen irgendwelcher
    vom Tage erübrigten Wunschregungen. Unter dem Einfluß
    imperativer Bedürfnisse können auch Erwachsene solche Träume
    vom infantilen Typus produzieren.
    In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient sich die
    Analyse des Studiums der so häufigen kleinen Fehlleistungen
    und Symptomhandlungen der Menschen, denen ich eine 1904
    zuerst als Buch veröffentlichte Untersuchung „Zur Psycho-
    pathologie des Alltagslebens“ gewidmet habe. Den Inhalt dieses
    vielgelesenen Werkes bildet der Nachweis, daß diese Phänomene
    nichts Zufälliges sind, daß sie über physiologische Erklärungen
    hinausgehen, sinnvoll und deutbar sind und zum Schluß auf
    zurückgehaltene oder verdrängte Regungen und Intentionen be-
    rechtigen. Der überragende Wert der Traumdeutung wie dieser
    Studie liegt aber nicht in der Unterstützung, die sie der analytischen
    Arbeit leihen, sondern in einer anderen Eigenschaft derselben.
    Bisher hatte die Psychoanalyse sich nur mit der Auflösung patho-
    logischer Phänomene beschäftigt und zu deren Erklärung oft
    Annahmen machen müssen, deren Tragweite außer Verhältnis
    zur Wichtigkeit des behandelten Stoffes stand. Der Traum
    aber, den sie dann in Angriff nahm, war kein krankhaftes Sym-
    ptom, er war ein Phänomen des normalen Seelenlebens, konnte
    sich bei jedem gesunden Menschen ereignen. Wenn der Traum
    so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine Erklärung die nämlichen

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    Annahmen erfordert, die der Verdrängung von Triebregungen,
    der Ersatz-
    und Kompromißbildung, der verschiedenen psychischen
    Systeme zur Unterbringung des Bewußten und Unbewußten, dann
    ist die Psychoanalyse nicht mehr eine Hilfswissenschaft der Psycho-
    pathologie, dann ist sie vielmehr der Ansatz zu einer neuen und
    gründlicheren Seelenkunde, die auch für das Verständnis des
    Normalen unentbehrlich wird. Man darf ihre Voraussetzungen
    und Ergebnisse auf andere Gebiete des seelischen und geistigen
    Geschehens übertragen; der Weg ins Weite, zum Weltinteresse,
    ist ihr eröffnet.

    V.

    Ich unterbreche die Darstellung vom inneren Wachstum
    der Psychoanalyse und wende mich ihren äußeren Schicksalen zu.
    Was ich von ihrem Erwerb bisher mitgeteilt habe, war in großen
    Zügen der Erfolg meiner Arbeit, ich habe aber in den Zusammen-
    hang auch spätere Ergebnisse eingetragen und die Beiträge meiner
    Schüler und Anhänger nicht von den eigenen gesondert.

    Durch mehr als ein Jahrzehnt nach der Trennung von
    Breuer hatte ich keine Anhänger. Ich stand völlig isoliert. In
    Wien wurde ich gemieden, das Ausland nahm von mir keine Kenntnis.
    Die „Traumdeutung“, 1900, wurde in den Fachzeitschriften kaum
    referiert. Im Aufsatz „Zur Geschichte der psychoanalytischen
    Bewegung“ habe ich als Beispiel für die Einstellung der psychia-
    trischen Kreise in Wien ein Gespräch mit einem Assistenten mit-
    geteilt, der ein Buch gegen meine Lehren geschrieben, aber die
    „Traumdeutung“ nicht gelesen hatte. Man hatte ihm auf der
    Klinik gesagt, es lohne nicht der Mühe. Der Betreffende, seither
    Extraordinarius geworden, hat sich gestattet, den Inhalt jener
    Unterredung zu verleugnen und überhaupt die Treue meiner Er-
    innerung anzuzweifeln. Ich halte jedes Wort meines damaligen
    Berichtes aufrecht.

    Als ich verstanden hatte, mit welchen Notwendigkeiten ich
    zusammengestoßen war, ließ meine Empfindlichkeit sehr nach.
    Allmählich fand auch die Isolierung ein Ende. Zuerst sammelte
    sich in Wien ein kleiner Kreis von Schülern um mich; nach 1906
    erfuhr man, daß sich die Psychiater in Zürich, E. Bleuler, sein
    Assistent C. G. Jung und andere lebhaft für die Psychoanalyse
    interessierten. Persönliche Beziehungen knüpften sich an, zu
    Ostern 1908 trafen sich die Freunde der jungen Wissenschaft in