S.
44
herauf-
holt. Für viele analytische Behauptungen ergibt darum
die psychiatrische Klinik die besten Demonstrationsobjekte. Es
konnte also nicht ausbleiben, daß die Analyse bald den Weg zu
den Objekten der psychiatrischen Beobachtung fand. Sehr früh-
zeitig (1896) habe ich an einem Fall von paranoider Demenz die
gleichen ätiologischen Momente und das Vorhandensein der näm-
lichen affektiven Komplexe wie bei den Neurosen feststellen können.
Jung hat rätselhafte Stereotypien bei Dementen durch Rück-
beziehung auf die Lebensgeschichte der Kranken aufgeklärt;
Bleuler bei verschiedenen Psychosen Mechanismen aufgezeigt,
wie die durch Analyse bei den Neurotikern eruierten. Seither
haben die Bemühungen der Analytiker um das Verständnis der
Psychosen nicht mehr aufge-
hört. Besonders seitdem man mit
dem Begriff des Narzißmus arbeitete, gelang es bald an dieser,
bald an jener Stelle einen Blick über die Mauer zu tun. Am weitesten
hat es wohl Abraham in der Aufklärung der Melancholien gebracht.
Auf diesem Gebiet setzt sich zwar gegenwärtig nicht alles Wissen
in therapeutische Macht um; aber auch der bloß theoreti-
sche Ge-
winn ist nicht gering anzuschlagen und mag gern auf seine prak-
tische Verwendung warten. Auf die Dauer können auch die
Psychiater der Beweiskraft ihres Krankenmaterials nicht wider-
stehen. Es vollzieht sich jetzt in der deutschen Psychiatrie eine
Art von pénétration pacifique mit analytischen Gesichts-
punkten. Unter unausgesetzten Beteuerungen, daß sie keine
Psychoanalytiker sein wollen, nicht der „orthodoxen“ Schule an-
gehören, deren Übertreibun-
gen nicht mitmachen, insbesondere aber
an das übermächti-
ge sexuelle Moment nicht glauben, machen
doch die meisten der jüngeren Forscher dies oder jenes Stück der
analytischen Lehre zu ihrem Eigen und wenden es in ihrer Weise
auf das Material an. Alle Anzeichen deuten auf das Bevorstehen
weiterer Entwicklungen nach dieser Richtung.VI.
Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen Reaktions-
symptomen sich der Einzug der Psychoanalyse in das lange refrak-
täre Frankreich vollzieht. Es wirkt wie eine Reproduktion von
früher Erlebtem, hat aber doch auch seine besonderen Züge. Ein-
wendungen von unglaublicher Einfalt werden laut, wie der, das
französische Feingefühl nehme Anstoß an der Pedanterie und
Plumpheit der psychoanalytischen Namengebun-
gen (man mußS.
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dabei doch an Lessings unsterblichen Chevalier Riccaut de la
Marliniere denken!) Eine andere Äußerung klingt ernsthafter; sie
ist selbst einem Professor der Psychologie an der Sorbonne nicht
unwürdig erschienen: das Génie latin vertrage überhaupt nicht
die Denkungsart der Psychoanalyse. Dabei werden die anglo-
sächsischen Alliierten, die als ihre Anhänger gelten, ausdrücklich
preisgegeben. Wer das hört, muß natürlich glauben, das Génie
teutonique habe die Psychoanalyse gleich nach ihrer Geburt als
sein liebstes Kind ans Herz gedrückt.In Frankreich ist das Interesse an der Psychoanalyse von den
Männern der schönen Literatur ausgegangen. Um das zu ver-
stehen, muß man sich erinnern, daß die Psychoanalyse mit der
Traumdeutung die Grenzen einer rein ärztlichen Angelegenheit
überschritten hat. Zwischen ihrem Auftreten in Deutschland und
nun in Frankreich liegen ihre mannigfachen Anwendungen auf
Gebiete der Literatur und Kunstwissenschaft, auf Religions-
geschichte und Prähistorie, auf Mythologie, Volkskunde, Päda-
gogik usw. Alle diese Dinge haben mit der Medizin wenig zu tun,
sind mit ihr eben nur durch die Vermittlung der Psychoanalyse
verknüpft. Ich habe darum kein Anrecht, sie an dieser Stelle ein-
gehend zu behandeln. Ich kann sie aber auch nicht ganz vernach-
lässigen, denn einerseits sind sie unerläßlich, um die richtige Vor-
stellung vom Wert und Wesen der Psychoanalyse zu geben, ander-
seits habe ich mich ja der Aufgabe unterzogen, mein eigenes
Lebenswerk darzustellen. Von den meisten dieser Anwendungen
gehen die Anfänge auf meine Arbeiten zurück. Hier und da habe
ich wohl auch einen Schritt vom Wege getan, um ein solches
außerärztliches Interesse zu befriedigen. Andere, nicht nur Ärzte,
sondern auch Fachmänner, sind dann meiner Wegspur nachgefolgt
und weit in die betreffenden Gebiete eingedrungen. Da ich mich
aber meinem Programm gemäß auf den Bericht über meine eigenen
Beiträge zur Anwendung der Psychoanalyse beschränken werde,
kann ich dem Leser nur ein ganz unzureichendes Bild von deren
Ausdehnung und Bedeutung ermöglichen.Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom Ödipus-
komplex aus, dessen Ubiquität ich allmählich erkannte. War schon
immer die Wahl, ja die Schöpfung des grauenhaftes Stoffes rätsel-
haft gewesen, die erschütternde Wirkung seiner poetischen Dar-
stellung und das Wesen der Schicksalstragödie überhaupt, so er-
klärte sich dies alles durch die Einsicht, daß hier eine Gesetz-S.
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mäßigkeit des seelischen Geschehens in ihrer vollen affektiven
Bedeutung erfaßt worden war. Verhängnis und Orakel waren nur
die Materialisationen der inneren Notwendigkeit; daß der Held
ohne sein Wissen und gegen seine Absicht sündigte, verstand sich
als der richtige Ausdruck der unbewußten Natur seiner ver-
brecherischen Strebungen. Vom Verständnis dieser Schicksals-
tragödie war dann nur ein Schritt bis zur Aufstellung der Charakter-
tragödie des Hamlet, die man seit dreihundert Jahren bewunderte,
ohne ihren Sinn angeben und die Motive des Dichters erraten zu
können. Es war doch merkwürdig, daß dieser vom Dichter er-
schaffene Neurotiker am Ödipuskomplex scheitert wie seine zahl-
reichen Gefährten in der realen Welt, denn Hamlet ist vor die
Aufgabe gestellt, an einem anderen die beiden Taten zu rächen, die
den Inhalt des Ödipusstrebens bilden, wobei ihm sein eigenes dunkles
Schuldgefühl lähmend in den Arm fallen darf. Der Hamlet ist von
Shakespeare sehr bald nach dem Tode seines Vaters geschrieben
worden. Meine Andeutungen zur Analyse dieses Trauerspiels
haben später durch Ernest Jones eine gründliche Ausarbeitung
erfahren. Dasselbe Beispiel nahm dann Otto Rank zum Ausgangs-
punkt seiner Untersuchungen über die Stoffwahl der dramatischen
Dichter. In seinem großen Buche über das „Inzest-Motiv“ konnte
er zeigen, wie häufig die Dichter gerade die Motive der Ödipus-
situation zur Darstellung wählen und die Wandlungen, Abände-
rungen und Milderungen des Stoffes durch die Weltliteratur verfolgen.Es lag nahe, von da aus die Analyse des dichterischen und
künstlerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu nehmen. Man
erkannte, daß das Reich der Phantasie eine „Schonung“ war,
die beim schmerzlich empfundenen Übergang vom Lust- zum
Realitätsprinzip eingerichtet wurde, um einen Ersatz für Trieb-
befriedigung zu gestatten, auf die man im wirklichen Leben hatte
verzichten müssen. Der Künstler hatte sich wie der Neurotiker
von der unbefriedigenden Wirklichkeit in diese Phantasiewelt
zurückgezogen, aber anders als der Neurotiker verstand er den
Rückweg aus ihr zu finden und in der Wirklichkeit wieder festen
Fuß zu fassen. Seine Schöpfungen, die Kunstwerke, waren
Phantasiebefriedigungen unbewußter Wünsche, ganz wie die Träume,
mit denen sie auch den Charakter des Kompromisses gemein hatten,
denn auch sie mußten den offenen Konflikt mit den Mächten der
Verdrängung vermeiden. Aber zum Unterschied von den asozialen,
narzißtischen Traumproduktionen waren sie auf die AnteilnahmeS.
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anderer Menschen berechnet, konnten bei diesen die nämlichen un-
bewußten Wunschregungen beleben und befriedigen. Überdies be-
dienten sie sich der Wahrnehmungslust der Formschönheit als
„Verlockungsprämie“. Was die Psychoanalyse leisten konnte, war,
aus der Auseinanderbeziehung der Lebenseindrücke, zufälligen
Schicksale, und der Werke des Künstlers seine Konstitution und die
in ihr wirksamen Triebregungen, also das allgemeine Menschliche
an ihm, zu konstruieren. In solcher Absicht habe ich z. B.
Leonardo da Vinci zum Gegenstand einer Studie genommen, die
auf einer einzigen, von ihm mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht
und im wesentlichen auf die Erklärung seines Bildes „Die heilige
Anna selbdritt“ hinzielt. Meine Freunde und Schüler haben dann
zahlreiche ähnliche Analysen an Künstlern und ihren Werken
unternommen. Es ist nicht eingetroffen, daß der Genuß am Kunst-
werk durch das so gewonnene analytische Verständnis geschädigt
wird. Dem Laien, der aber hier vielleicht von der Analyse zu viel
erwartet, muß eingestanden werden, daß sie auf zwei Probleme
kein Licht wirft, die ihn wahrscheinlich am meisten interessieren.
Die Analyse kann nichts zur Aufklärung der künstlerischen Be-
gabung sagen und auch die Aufdeckung der Mittel, mit denen der
Künstler arbeitet, der künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu.
An einer kleinen, an sich nicht besonders wertvollen Novelle,
der „Gradiva“ von W. Jensen, konnte ich nachweisen, daß er
dichtete Träume dieselben Deutungen zulassen wie reale, daß also
in der Produktion des Dichters die uns aus der Traumarbeit be-
kannten Mechanismen des Unbewußten wirksam sind.
Mein Buch über den „Witz und seine Beziehung zum
Unbewußten“ ist direkt ein Seitensprung von der „Traum-
deutung“ her. Der einzige Freund, der damals an meinen Arbeiten
Anteil nahm, hatte mir bemerkt, daß meine Traumdeutungen
häufig einen „witzigen“ Eindruck machten. Um diesen Eindruck
aufzuklären, nahm ich die Untersuchung der Witze vor und fand,
das Wesen des Witzes liege in seinen technischen Mitteln, diese
seien aber dieselben wie die Arbeitsweisen der „Traumarbeit“,
also Verdichtung, Verschiebung, Darstellung durch das Gegenteil,
durch ein Kleinstes usw. Daran schloß sich die ökonomische Unter-
suchung, wie der hohe Lustgewinn beim Hörer des Witzes zustande
komme. Die Antwort war: durch momentane Aufhebung von Ver-
drängungsaufwand nach der Verlockung durch eine dargebotene
Lustprämie (Verlust).S.
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Höher schätze ich selbst meine Beiträge zur Religionspsycho-
logie ein, die 1907 mit der Feststellung einer überraschenden
Ähnlichkeit zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen
(Ritus) begannen. Ohne noch die tieferen Zusammenhänge zu
kennen, bezeichnete ich die Zwangsneurose als eine verzerrte
Privatreligion, die Religion sozusagen als eine universelle Zwangs-
neurose. Später, 1912, wurde der nachdrückliche Hinweis von
Jung auf die weitgehenden Analogien zwischen den geistigen
Produktionen der Neurotiker und der Primitiven mir zum Anlaß,
meine Aufmerksamkeit diesem Thema zuzuwenden. In den vier
Aufsätzen, welche zu einem Buch mit dem Titel „Totem und
Tabu“ zusammengefaßt wurden, führte ich aus, daß bei den
Primitiven die Inzestscheu noch stärker ausgeprägt ist als bei den
Kultivierten und ganz besondere Abwehrmaßregeln hervorgerufen
hat, untersuchte die Beziehungen der Tabuverbote, in welcher
Form die ersten Moraleinschränkungen auftreten, zur Gefühlsambi-
valenz, und deckte im primitiven Weltsystem des Animismus
das Prinzip der Überschätzung der seelischen Realität, der „All-
macht der Gedanken“ auf, welches auch der Magie zugrunde
liegt. Überall wurde die Vergleichung mit der Zwangsneurose
durchgeführt und gezeigt, wie viel von den Voraussetzungen des
primitiven Geisteslebens bei dieser merkwürdigen Affektion noch
in Kraft ist. Vor allem zog mich aber der Totemismus an, dies
erste Organisationssystem primitiver Stämme, in dem die Anfänge
sozialer Ordnung mit einer rudimentären Religion und der un-
erbittlichen Herrschaft einiger weniger Tabuverbote vereinigt sind.
Das „verehrte“ Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier, von
dem der Clan auch abzustammen behauptet. Aus verschiedenen
Anzeichen wird erschlossen, daß alle, auch die höchststehenden
Völker, einst dieses Stadium des Totemismus durchgemacht haben.
Meine literarische Hauptquelle für die Arbeiten auf diesem Gebiete
waren die bekannten Werke von J. G. Frazer („Totemism and Exogamy“,
„The Golden Bough“) eine Fundgrube wertvoller Tatsachen und Gesichts-
punkte. Aber zur Aufklärung der Probleme des Totemismus leistete
Frazer wenig; er hatte seine Ansicht über diesen Gegenstand mehrmals
grundstürzend verändert und die anderen Ethnologen und Prähistoriker
schienen ebenso unsicher als uneinig in diesen Dingen. Mein Ausgangs-
punkt war die auffällige Übereinstimmung der beiden Tabusatzungen
des Totemismus, den Totem nicht zu töten und kein Weib des gleichen
Totemclans geschlechtlich zu gebrauchen, mit den beiden Inhalten des
Ödipuskomplexes, den Vater zu beseitigen und die Mutter zum Weibe
zu nehmen. Es ergab sich so die Versuchung, das Totemtier dem VaterS.
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gleichzustellen, wie es die Primitiven ohnedies ausdrück-
lich als den Ahnherrn des Clans verehrten. Von psychoanalytischer
Seite kamen mir dann zwei Tatsachen zu Hilfe, eine glückliche Beob-
achtung Ferenczis am Kinde, welche gestattete, von einer infantilen
Wiederkehr des Totemismus zu sprechen, und die Analyse der
frühen Tierphobien der Kinder, welche so oft zeigte, daß dies Tier ein
Vaterersatz war, auf welchen die im Ödipuskomplex begründete Furcht
vor dem Vater verschoben wurde. Es fehlte nun nicht mehr viel, um
die Vatertötung als Kern des Totemismus und als Ausgangspunkt
der Religionsbildung zu erkennen.Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme von W. Robert-
son Smith’s Werk „The Religion of the Semites“ hinzu – der geniale
Mann, Physiker und Bibelforscher, hatte als ein wesentliches Stück der
Totemreligion die sog. Totemmahlzeit hingestellt. Einmal im Jahre
wurde das sonst heilig gehaltene Totemtier feierlich unter Beteiligung
aller Stammesgenossen getötet, verzehrt und dann betrauert. An diese
Trauer schloß sich ein großes Fest an. Nahm ich die Darwinsche
Vermutung hinzu, daß die Menschen ursprünglich in Horden lebten,
deren jede unter der Herrschaft eines einzigen, starken, gewalttätigen
und eifersüchtigen Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all diesen
Komponenten die Hypothese, oder ich möchte lieber sagen: die Vision,
des folgenden Hergangs: Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter
Despot alle Frauen für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen
gefährlichen Söhne getötet oder verjagt. Eines Tages aber taten sich
diese Söhne zusammen, überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemein-
sam, der ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat
waren sie außerstande, sein Erbe anzutreten, da einer dem anderen im
Wege stand. Unter dem Einfluß des Mißerfolges und der Reue lernten
sie, sich miteinander zu vertragen, banden sich zu einem Brüderclan
durch die Satzungen des Totemismus, welche die Wiederholung einer
solchen Tat ausschließen sollten, und verzichteten insgesamt auf den
Besitz der Frauen, um welche sie den Vater getötet hatten. Sie waren
nun auf fremde Frauen angewiesen; dies der Ursprung der mit dem
Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totemmahlzeit war die
Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat, von der das Schuldbewußtsein
der Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale Organisation,
Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang nahmen.Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzunehmen ist
oder nicht, die Religionsbildung war hiermit auf den Boden des
Vaterkomplexes gestellt und über der Ambivalenz aufgebaut,
welche diesen beherrscht. Nachdem der Vaterersatz durch das
Totemtier verlassen war, wurde der gefürchtete und gehaßte, ver-
ehrte und beneidete Urvater selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnes-
trotz und seine Vatersehnsucht rangen miteinander in immer neuen
Kompromißbildungen, durch welche einerseits die Tat des Vater-
mordes gesühnt, anderseits deren Gewinn behauptet werden sollte.Medizin in Selbstdarstellungen, IV.
S.
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Ein besonders helles Licht wirft diese Auffassung der Religion auf
die psychologische Fundierung des Christentums, in dem ja die
Zeremonie der Totemmahlzeit noch wenig entstellt als Kom-
munion fortlebt. Ich will ausdrücklich bemerken, daß diese letztere
Agnoszierung nicht von mir herrührt, sondern sich bereits bei
Robertson Smith und Frazer findet.Th. Reik und der Ethnologe G. Röheim haben in zahl-
reichen beachtenswerten Arbeiten an die Gedankengänge von
„Totem und Tabu“ angeknüpft, sie fortgeführt, vertieft oder be-
richtigt. Ich selbst bin später noch einige Male auf sie zurück-
gekommen, bei Untersuchungen über das „unbewußte Schuld-
gefühl“, dem auch unter den Motiven des neurotischen Leidens eine
so große Bedeutung zukommt, und bei Bemühungen, die soziale
Psychologie enger an die Psychologie des Individuums zu binden
(„Das Ich und das Es“ – „Massenpsychologie und Ich-Analyse“).
Auch zur Erklärung der Hypnotisierbarkeit habe ich die archaische
Erbschaft aus der Urhordenzeit der Menschen herangezogen.Gering ist mein direkter Anteil an anderen Anwendungen der
Psychoanalyse, die doch des allgemeinsten Interesses würdig sind.
Von den Phantasien des einzelnen Neurotikers führt ein breiter
Weg zu den Phantasieschöpfungen der Massen und Völker, wie sie
in den Mythen, Sagen und Märchen zutage liegen. Die Mytho-
logie ist das Arbeitsgebiet von Otto Rank geworden, die Deutung
der Mythen, ihre Zurückführung auf die unbekannten unbewußten
Kindheitskomplexe, der Ersatz astraler Erklärungen durch mensch-
liche Motivierung war in vielen Fällen der Erfolg seiner analytischen
Bemühung. Auch das Thema der Symbolik hat zahlreiche Be-
arbeiter in meinen Kreisen gefunden. Die Symbolik hat der
Psychoanalyse viel Feindschaften eingetragen; manche allzu nüch-
terne Forscher haben ihr die Anerkennung der Symbolik, wie sie
sich aus der Deutung der Träume ergab, niemals verzeihen können.
Aber die Analyse ist an der Entdeckung der Symbolik unschuldig,
sie war auf anderen Gebieten längst bekannt und spielt dort
(Folklore, Sage, Mythus) selbst eine größere Rolle als in der
„Sprache des Traumes“.Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik habe ich per-
sönlich nichts beigetragen; aber es war natürlich, daß die ana-
lytischen Ermittelungen über das Sexualleben und die seelische
Entwicklung der Kinder die Aufmerksamkeit der Erzieher auf
sich zogen und sie ihre Aufgaben in einem neuen Lichte sehenS.
51
ließen. Als unermüdlicher Vorkämpfer dieser Richtung in der
Pädagogik hat sich der protestantische Pfarrer O. Pfister in
Zürich hervorgetan, der die Pflege der Analyse auch mit dem Fest-
halten an einer allerdings sublimierten Religiosität vereinbar fand;
neben ihm Frau Dr. Hug-Hellmuth und Dr. S. Bernfeld in
Wien sowie viele andere. Aus der Verwendung der Analyse zur
vorbeugenden Erziehung des gesunden und zur Korrektur des noch
nicht neurotischen, aber in seiner Entwicklung entgleisten Kindes
hat sich eine praktisch wichtige Folge ergeben. Es ist nicht mehr
möglich, die Ausübung der Psychoanalyse den Ärzten vorzubehalten
und die Laien von ihr auszuschließen. In der Tat ist der Arzt, der
nicht eine besondere Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diploms
ein Laie in der Analyse und der Nichtarzt kann bei entsprechender
Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung an einen Arzt auch die
Aufgabe der analytischen Behandlung von Neurosen erfüllen.Durch eine jener Entwicklungen, gegen deren Erfolg man sich
vergebens sträuben würde, ist das Wort Psychoanalyse selbst
mehrdeutig geworden. Ursprünglich die Bezeichnung eines be-
stimmten therapeutischen Verfahrens, ist es jetzt auch der Name
einer Wissenschaft geworden, der vom Unbewußt-Seelischen. Diese
Wissenschaft kann nur selten für sich allein ein Problem voll er-
ledigen; aber sie scheint berufen, zu den verschiedensten Wissens-
gebieten wichtige Beiträge zu liefern. Das Anwendungsgebiet der
Psychoanalyse reicht ebensoweit wie das der Psychologie, zu der
sie eine Ergänzung von mächtiger Tragweite hinzufügt.So kann ich denn, rückschauend auf das Stückwerk meiner
Lebensarbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge gemacht und manche
Anregungen ausgeteilt habe, woraus dann in der Zukunft etwas
werden soll. Ich kann selbst nicht wissen, ob es viel sein wird
oder wenig.
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Sigmund Freud1925-041/1930