• S.

    505

    II. UNSER VERHÄLTNIS ZUM TOD.

    Das zweite Moment, von dem ich es ableite, daß wir uns
    so befremdet fühlen in dieser einst so schönen und trauten
    Welt, ist die Störung des bisher von uns festgehaltenen Ver-
    hältnisses zum Tode.

    Dies Verhältnis war kein aufrichtiges. Wenn man uns
    anhörte, so waren wir natürlich bereit zu vertreten, daß der
    Tod der notwendige Ausgang alles Lebens sei, daß jeder von
    uns der Natur einen Tod schulde und vorbereitet sein müsse,
    die Schuld zu bezahlen, kurz, daß der Tod natürlich sei, un-
    ableugbar und unvermeidlich. In Wirklichkeit pflegten wir
    uns aber zu benehmen, als ob es anders wäre. Wir haben
    die unverkennbare Tendenz gezeigt, den Tod beiseite zu schie-
    ben, ihn aus dem Leben zu eliminieren. Wir haben versucht,
    ihn totzuschweigen; wir besitzen ja auch das Sprichwort:
    man denke an etwas wie an den Tod. Wie an den eigenen
    natürlich. Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar, und so-
    oft wir den Versuch dazu machen, können wir bemerken,
    daß wir eigentlich als Zuschauer weiter dabei bleiben. So
    konnte in der psychoanalytischen Schule der Ausspruch ge-
    wagt werden: Im Grunde glaube niemand an seinen eigenen
    Tod oder, was dasselbe ist: Im Unbewußten sei jeder von
    uns seiner Unsterblichkeit überzeugt.

    Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kultur-
    mensch es sorgfältig vermeiden, von dieser Möglichkeit zu
    sprechen, wenn der zum Tode Bestimmte es hören kann. Nur
    Kinder setzen sich über diese Beschränkung hinweg; sie dro-
    hen einander ungescheut mit den Chancen des Sterbens und
    bringen es auch zu stande, einer geliebten Person dergleichen
    ins Gesicht zu sagen, wie z. B.: Liebe Mama, wenn du leider
    gestorben sein wirst, werde ich dies oder jenes. Der erwach-

  • S.

    506

    sene Kultivierte wird den Tod eines anderen auch nicht gern
    in seine Gedanken einsetzen, ohne sich hart oder böse zu
    erscheinen; es sei denn, daß er berufsmäßig als Arzt, Ad-
    vokat u. dgl. mit dem Tode zu tun habe. Am wenigsten wird
    er sich gestatten, an den Tod des anderen zu denken, wenn
    mit diesem Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung
    verbunden ist. Natürlich lassen sich Todesfälle durch dies
    unser Zartgefühl nicht zurückhalten; wenn sie sich ereignet
    haben, sind wir jedesmal tief ergriffen und wie in unseren
    Erwartungen erschüttert. Wir betonen regelmäßig die zufäl-
    lige Veranlassung des Todes, den Unfall, die Erkrankung,
    das hohe Alter, und verraten so unser Bestreben,
    den Tod von einer Notwendigkeit zu einer Zufälligkeit herab-
    zudrücken. Eine Häufung von Todesfällen erscheint uns als
    etwas überaus Schreckliches. Dem Verstorbenen selbst brin-
    gen wir ein besonderes Verhalten entgegen, fast wie eine
    Bewunderung für einen, der etwas sehr Schwieriges zu stande
    gebracht hat. Wir stellen die Kritik gegen ihn ein, sehen
    ihm sein etwaiges Unrecht nach, geben den Befehl aus: De
    mortuis nil nisi bene, und finden es gerechtfertigt, daß man
    ihm in der Leichenrede und auf dem Grabsteine das Vor-
    teilhafteste nachrühmt. Die Rücksicht auf den Toten, deren
    er doch nicht mehr bedarf, steht uns über der Wahrheit, den
    meisten von uns gewiß auch über der Rücksicht für den Le-
    benden.

    Diese kulturell-konventionelle Einstellung gegen den Tod
    ergänzt sich nun durch unseren völligen Zusammenbruch,
    wenn das Sterben eine der uns nahestehenden Personen, einen
    Eltern- oder Gattenteil, ein Geschwister, Kind oder teuren
    Freund getroffen hat. Wir begraben mit ihm unsere Hoff-
    nungen, Ansprüche, Genüsse, lassen uns nicht trösten und

  • S.

    507

    weigern uns, den Verlorenen zu ersetzen. Wir benehmen uns
    dann wie eine Art von Asra, welche mitsterben, wenn
    die sterben, die sie lieben.

    Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke
    Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert
    an Interesse, wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen,
    eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird
    so schaal, gehaltlos wie etwa ein amerikanischer Flirt, bei
    dem es von vornherein feststeht, daß nichts vorfallen darf,
    zum Unterschied von einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei
    welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen ein-
    gedenk bleiben müssen. Unsere Gefühlsbindungen, die un-
    erträgliche Intensität unserer Trauer, machen uns abgeneigt,
    für uns und die unserigen Gefahren aufzusuchen. Wir ge-
    trauen uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in Be-
    tracht zu ziehen, die gefährlich, aber eigentlich unerläßlich
    sind wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Länder, Ex-
    perimente mit explodierbaren Substanzen. Uns lähmt dabei
    das Bedenken, wer der Mutter den Sohn, der Gattin den
    Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein Un-
    glück geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebensrech-
    nung auszuschließen, hat so viele andere Verzichte und Aus-
    schließungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlspruch der
    Hansa gelautet: Navigare necesse est, vivere non necesse!
    (Seefahren muß man, leben muß man nicht.)

    Es kann dann nicht anders kommen, als daß wir in der
    Welt der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz suchen
    für die Einbuße des Lebens. Dort finden wir noch Menschen,
    die zu sterben verstehen, ja, die es auch zu Stande bringen,
    einen anderen zu töten. Dort allein erfüllt sich uns auch
    die Bedingung, unter welcher wir uns mit dem Tode ver- 
     

  • S.

    508

    söhnen könnten, wenn wir nämlich hinter allen Wechselfällen
    des Lebens noch ein unantastbares Leben übrig behielten.
    Es ist doch zu traurig, daß es im Leben zugehen kann wie
    im Schachspiel, wo ein falscher Zug uns zwingen kann, die
    Partie verloren zu geben, mit dem Unterschiede aber, daß
    wir keine zweite, keine Revanchepartie beginnen können. Auf
    dem Gebiete der Fiktion finden wir jene Mehrheit von Leben,
    deren wir bedürfen. Wir sterben in der Identifizierung mit
    dem einen Helden, überleben ihn aber doch und sind bereit,
    ebenso ungeschädigt ein zweites Mal mit einem anderen Hel-
    den zu sterben.

    Es ist evident, daß der Krieg diese konventionelle Be-
    handlung des Todes hinwegfegen muß. Der Tod läßt sich
    jetzt nicht mehr verleugnen; man muß an ihn glauben. Die
    Menschen sterben wirklich, auch nicht mehr einzeln, sondern
    viele, oft Zehntausende an einem Tage. Er ist auch kein
    Zufall mehr. Es scheint freilich noch zufällig, ob diese Kugel
    den einen trifft oder den anderen; aber diesen anderen mag
    leicht eine zweite Kugel treffen, die Häufung macht dem
    Eindruck des Zufälligen ein Ende. Das Leben ist freilich
    wieder interessant geworden, es hat seinen vollen Inhalt wie-
    der bekommen.

    Man müßte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vor-
    nehmen, diejenigen, die selbst im Kampfe ihr Leben preis-
    geben, trennen von den anderen, die zu Hause geblieben sind
    und nur zu erwarten haben, einen ihrer Lieben an den Tod
    durch Verletzung, Krankheit oder Infektion zu verlieren. Es
    wäre gewiß sehr interessant, die Veränderungen in der Psy-
    chologie der Kämpfer zu studieren, aber ich weiß zu wenig
    darüber. Wir müssen uns an die zweite Gruppe halten, zu
    der wir selbst gehören. Ich sagte schon, daß ich meine, die

  • S.

    509

    Verwirrung und die Lähmung unserer Leistungsfähigkeit, un-
    ter denen wir leiden, seien wesentlich mitbestimmt durch den
    Umstand, daß wir unser bisheriges Verhältnis zum Tode nicht
    aufrecht halten können und ein neues noch nicht gefunden
    haben. Vielleicht hilft es uns dazu, wenn wir unsere psycho-
    logische Untersuchung auf zwei andere Beziehungen zum Tode
    richten, auf jene, die wir dem Urmenschen, dem Menschen der
    Vorzeit, zuschreiben dürfen, und jene andere, die in jedem
    von uns noch erhalten ist, aber sich unsichtbar für unser Be-
    wußtsein in tieferen Schichten unseres Seelenlebens verbirgt.

    Wie sich der Mensch der Vorzeit gegen den Tod ver-
    halten, wissen wir natürlich nur durch Rückschlüsse und
    Konstruktionen, aber ich meine, daß diese Mittel uns ziem-
    lich vertrauenswürdige Auskünfte ergeben haben.

    Der Urmensch hat sich in sehr merkwürdiger Weise zum
    Tode eingestellt. Gar nicht einheitlich, vielmehr recht wider-
    spruchsvoll. Er hat einerseits den Tod ernst genommen, ihn
    als Aufhebung des Lebens anerkannt und sich seiner in die-
    sem Sinne bedient, anderseits aber auch den Tod geleugnet,
    ihn zu nichts herabgedrückt. Dieser Widerspruch wurde durch
    den Umstand ermöglicht, daß er zum Tode des anderen, des
    Fremden, des Feindes, eine radikal andere Stellung einnahm
    als zu seinem eigenen. Der Tod des anderen war ihm recht,
    galt ihm als Vernichtung des Verhaßten, und der Urmensch
    kannte kein Bedenken, ihn herbeizuführen. Er war gewiß ein
    sehr leidenschaftliches Wesen, grausamer und bösartiger als
    andere Tiere. Er mordete gerne und wie selbstverständlich.
    Den Instinkt, der andere Tiere davon abhalten soll, Wesen
    der gleichen Art zu töten und zu verzehren, brauchen wir
    ihm nicht zuzuschreiben.

    Die Urgeschichte der Menschheit ist denn auch vom 

  • S.

    510

    Morde erfüllt. Noch heute ist das, was unsere Kinder in der
    Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Rei-
    henfolge von Völkermorden. Das dunkle Schuldgefühl, unter
    dem die Menschheit seit Urzeiten steht, das sich in manchen
    Religionen zur Annahme einer Urschuld, einer Erbsünde,
    verdichtet hat, ist wahrscheinlich der Ausdruck einer Blut-
    schuld, mit welcher sich die urzeitliche Menschheit beladen
    hat. Ich habe in meinem Buche „Totem und Tabu“ (1913),
    den Winken von W. Robertson Smith, Atkinson und Ch.
    Darwin folgend, die Natur dieser alten Schuld erraten
    wollen, und meine, daß noch die heutige christliche Lehre
    uns den Rückschluß auf sie ermöglicht. Wenn Gottes Sohn
    sein Leben opfern mußte, um die Menschheit von der Erb-
    sünde zu erlösen, so muß nach der Regel der Talion, der
    Vergeltung durch Gleiches, diese Sünde eine Tötung, ein
    Mord gewesen sein. Nur dies konnte zu seiner Sühne das
    Opfer eines Lebens erfordern. Und wenn die Erbsünde ein
    Verschulden gegen Gott-Vater war, so muß das älteste Ver-
    brechen der Menschheit ein Vatermord gewesen sein, die
    Tötung des Urvaters der primitiven Menschenhorde, dessen
    Erinnerungsbild später zur Gottheit verklärt wurde.*)

    Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiß ebenso un-
    vorstellbar und unwirklich, wie heute noch jedem von uns.
    Es ergab sich aber für ihn ein Fall, in dem die beiden gegen-
    setzlichen Einstellungen zum Tode zusammenstießen und in
    Konflikt miteinander gerieten, und dieser Fall wurde sehr
    bedeutsam und reich an fernwirkenden Folgen. Er ereignete
    sich, wenn der Urmensch einen seiner Angehörigen sterben
    sah, sein Weib, sein Kind, seinen Freund, die er sicherlich 

    *)Vgl. Imago, Bd. II., 1913. (Die infantile Wiederkehr des
    Totemismus.)

  • S.

    511

    ähnlich liebte wie wir die unseren, denn die Liebe kann nicht
    um vieles jünger sein als die Mordlust. Da mußte er in
    seinem Schmerz die Erfahrung machen, daß man auch selbst
    sterben könne, und sein ganzes Wesen empörte sich gegen
    dieses Zugeständnis; jeder dieser Lieben war ja doch ein
    Stück seines eigenen geliebten Ichs. Anderseits war ihm ein
    solcher Tod doch auch recht, denn in jeder der geliebten
    Personen stak auch ein Stück Fremdheit. Das Gesetz der
    Gefühlsambivalenz, das heute noch unsere Gefühlsbeziehun-
    gen zu den von uns geliebtesten Personen beherrscht, galt
    in Urzeiten gewiß noch uneingeschränkter. Somit waren diese
    geliebten Verstorbenen doch auch Fremde und Feinde ge-
    wesen, die einen Anteil von feindseligen Gefühlen bei ihm
    hervorgerufen hatten.*)

    Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rät-
    sel, welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab,
    habe sein Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder
    Spekulation geworden. Ich glaube, die Philosophen denken
    da zu – philosophisch, nehmen zu wenig Rücksicht auf die
    primär wirksamen Motive. Ich möchte darum die obige Be-
    hauptung einschränken und korrigieren: an der Leiche des
    erschlagenen Feindes wird der Urmensch triumphiert haben,
    ohne einen Anlaß zu finden, sich den Kopf über die Rätsel
    des Lebens und Todes zu zerbrechen. Nicht das intellek-
    tuelle Rätsel und nicht jeder Todesfall, sondern der Ge-
    fühlskonflikt beim Tode geliebter und dabei doch auch frem-
    der und gehaßter Personen hat die Forschung der Menschen
    entbunden. Aus diesem Gefühlskonflikt wurde zunächst die
    Psychologie geboren. Der Mensch konnte den Tod nicht mehr

    *) Siehe Imago, Bd. I, 1912, Tabu und Ambivalenz. Und „Totem
    und Tabu“.

  • S.

    512

    von sich ferne halten, da er ihn in dem Schmerz um den
    Verstorbenen verkostet hatte, aber er wollte ihn doch nicht
    zugestehen, da er sich selbst nicht tot vorstellen konnte.
    So ließ er sich auf Kompromisse ein, gab den Tod auch für
    sich zu, bestritt ihm aber die Bedeutung der Lebensver-
    nichtung, wofür ihm beim Tode des Feindes jedes Motiv
    gefehlt hatte. An der Leiche der geliebten Person ersann
    er die Geister, und sein Schuldbewußtsein ob der Befriedi-
    gung, die der Trauer beigemengt war, bewirkte, daß diese
    erstgeschaffenen Geister böse Dämonen wurden, vor denen
    man sich ängstigen mußte. Die Veränderungen des Todes
    legten ihm die Zerlegung des Individuums in einen Leib und
    in eine – ursprünglich mehrere – Seelen nahe; in solcher
    Weise ging sein Gedankengang dem Zersetzungsprozeß, den
    der Tod einleitet, parallel. Die fortdauernde Erinnerung an
    den Verstorbenen wurde die Grundlage der Annahme anderer
    Existenzformen, gab ihm die Idee eines Fortlebens nach dem
    anscheinenden Tode.

    Diese späteren Existenzen waren anfänglich nur Anhängsel
    an die durch den Tod abgeschlossene, schattenhaft, inhalts-
    leer und bis in späte Zeiten hinauf geringgeschätzt; sie trugen
    noch den Charakter kümmerlicher Auskünfte. Wir erinnern,
    was die Seele des Achilleus dem Odysseus erwidert:

    „Denn dich Lebenden einst verehrten wir, gleich den Göttern,
    Argos Söhn'; und jetzo gebietest du mächtig den Geistern,
    Wohnend allhier. Drum laß dich den Tod nicht reuen, Achilleus.
    Also ich selbst; und sogleich antwortet' er, solches erwidernd:
    Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus!
    Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen
    Einem dürftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand,
    Als die sämtliche Schar der geschwundenen Toten beherrschen.“
    (Odyssee XI v. 184–491.)

  • S.

    513


    Oder in der kraftvollen, bitter-parodistischen Fassung von
    H. Heine:

    „Der kleinste lebendige Philister
    Zu Stuckert am Neckar
    Viel glücklicher ist er
    Als ich, der Pelide, der tote Held,
    Der Schattenfürst in der Unterwelt.“

    Erst später brachten es die Religionen zu stande, diese
    Nachexistenz für die wertvollere, vollgültige auszugeben und
    das durch den Tod abgeschlossene Leben zu einer bloßen
    Vorbereitung herabzudrücken. Es war dann nur konsequent,
    wenn man auch das Leben in die Vergangenheit verlängerte,
    die früheren Existenzen, die Seelenwanderung und Wieder-
    geburt ersann, alles in der Absicht, dem Tode seine Bedeu-
    tung als Aufhebung des Lebens zu rauben. So frühzeitig hat
    die Verleugnung des Todes, die wir als konventionell-kulturell
    bezeichnet haben, ihren Anfang genommen.

    An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur
    die Seelenlehre, der Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige
    Wurzel des menschlichen Schuldbewußtseins, sondern auch
    die ersten ethischen Gebote. Das erste und bedeutsamste
    Verbot des erwachenden Gewissens lautete: Du sollst
    nicht töten. Es war als die Reaktion gegen die hinter
    der Trauer versteckte Haßbefriedigung am geliebten Toten
    gewonnen worden, und wurde allmählich auf den ungeliebten
    Fremden und endlich auch auf den Feind ausgedehnt.

    An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht
    mehr verspürt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine
    Entscheidung gefunden hat, wird jeder der siegreichen Kämp-
    fer froh in sein Heim zurückkehren, zu seinem Weibe und
    Kindern, unverweilt und ungestört durch Gedanken an die
    Feinde, die er im Nahkampfe oder durch die fernwirkende 

  • S.

    514

    Waffe getötet hat. Es ist bemerkenswert, daß sich die primi-
    tiven Völker, die noch auf der Erde leben und dem Ur-
    menschen gewiß näher stehen als wir, in diesem Punkte an-
    ders verhalten – oder verhalten haben, solange sie noch
    nicht den Einfluß unserer Kultur erfahren hatten. Der Wilde
    – Australier, Buschmann, Feuerländer – ist keineswegs ein
    reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heim-
    kehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht
    berühren, ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft lang-
    wierige und mühselige Bußen gesühnt hat. Natürlich liegt
    die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe; der Wilde fürch-
    tet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister
    der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Aus-
    druck seines bösen Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter
    diesem Aberglauben verbirgt sich ein Stück ethischer Fein-
    fühligkeit, welches uns Kulturmenschen verloren gegangen
    ist.*)

    Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Be-
    rührung mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möchten,
    werden gewiß nicht versäumen, aus der Frühzeitigkeit und
    Eindringlichkeit des Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu
    ziehen auf die Stärke ethischer Regungen, welche uns ein-
    gepflanzt sein müssen. Leider beweist dieses Argument noch
    mehr für das Gegenteil. Ein so starkes Verbot kann sich
    nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines-
    Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten**),
    es schließt sich von selbst aus. Gerade die Betonung des
    Gebotes: Du sollst nicht töten, macht uns sicher, daß wir 


    *) S. Imago, Bd. II. l. c.

    **) Vgl. die glänzende Argumentation von Frazer in Imago l. c. und
    „Totem und Tabu“. 

  • S.

    515

    von einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern ab-
    stammen, denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst,
    im Blute lag. Die ethischen Strebungen der Menschheit, an
    deren Stärke und Bedeutsamkeit man nicht zu nörgeln braucht,
    sind ein Erwerb der Menschheitsgeschichte; in leider sehr wech-
    selndem Ausmaße sind sie dann zum ererbten Besitze der
    heute lebenden Menschheit geworden.

    Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns
    dem Unbewußten im eigenen Seelenleben zu. Wir fußen hier
    ganz auf der Untersuchungsmethode der Psychoanalyse, der
    einzigen, die in solche Tiefen reicht. Wir fragen: wie verhält
    sich unser Unbewußtes zum Problem des Todes? Die Ant-
    wort muß lauten: fast genau so wie der Urmensch. In dieser
    wie in vielen anderen Hinsichten lebt der Mensch der Vor-
    zeit ungeändert in unserem Unbewußten fort. Also unser
    Unbewußtes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet
    sich wie unsterblich. Was wir unser „Unbewußtes“ heißen,
    die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden Schichten un-
    serer Seele, kennt überhaupt nichts Negatives, keine Ver-
    neinung – Gegensätze fallen in ihm zusammen – und kennt
    darum auch nicht den eigenen Tod, dem wir nur einen nega-
    tiven Inhalt geben können. Dem Todesglauben kommt also
    nichts Triebhaftes in uns entgegen. Vielleicht ist dies sogar
    das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Begründung
    des Heldentums ruht auf dem Urteile, daß das eigene Leben
    nicht so wertvoll sein kann wie gewisse abstrakte und all-
    gemeine Güter. Aber ich meine, häufiger dürfte das instink-
    tive und impulsive Heldentum sein, welches von solcher Moti-
    vierung absieht und einfach nach der Zusicherung des An-
    zengruberschen Steinklopferhanns: Es kann dir nix
    g’scheh’n, den Gefahren trotzt. Oder jene Motivierung dient 

  • S.

    516

    nur dazu, die Bedenken wegzuräumen, welche die dem Un-
    bewußten entsprechende heldenhafte Reaktion hintanhalten
    können. Die Todesangst, unter deren Herrschaft wir häufiger
    stehen, als wir selbst wissen, ist' dagegen etwas Sekundäres,
    und meist aus Schuldbewußtsein hervorgegangen.

    Anderseits anerkennen wir den Tod für Fremde und Feinde
    und verhängen ihn über sie ebenso bereitwillig und unbe
    denklich wie der Urmensch. Hier zeigt sich freilich ein Un
    terschied, den man in der Wirklichkeit für entscheidend er-
    klären wird. Unser Unbewußtes führt die Tötung nicht aus,
    es denkt und wünscht sie bloß. Aber es wäre unrecht, diese
    psychische Realität im Vergleiche zur faktischen so
    ganz zu unterschätzen. Sie ist bedeutsam und folgenschwer
    genug. Wir beseitigen in unseren unbewußten Regungen täg
    lich und stündlich alle, die uns im Wege stehen, die uns
    beleidigt und geschädigt haben. Das „Hol' ihn der Teufel“,
    das sich so häufig in scherzendem Unmute über unsere Lippen
    drängt, und das eigentlich sagen will: Hol' ihn der Tod, in
    unserem Unbewußten ist es ernsthafter, kraftvoller Todes
    wunsch. Ja, unser Unbewußtes mordet selbst für Kleinig-
    keiten; wie die alte athenische Gesetzgebung des Drakon
    kennt es für Verbrechen keine andere Strafe als-den Tod,
    und dies mit einer gewissen Konsequenz, denn jede Schädi-
    gung unseres allmächtigen und selbstherrlichen Ichs ist im
    Grunde ein crimen laesae majestatis.

    So sind wir auch selbst, wenn man uns nach unseren
    unbewußten Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen
    eine Rotte von Mördern. Es ist ein Glück, daß alle diese
    Wünsche nicht die Kraft besitzen, die ihnen die Menschen
    in Urzeiten noch zutrauten*); in dem Kreuzfeuer der gegen-
     


    *)Vgl. über „Allmacht der Gedanken“ in Imago und „Totem u. Tabu“.

  • S.

    517

    seitigen Verwünschungen wäre die Menschheit längst zugrunde
    gegangen, die besten und weisesten der Männer darunter wie
    die schönsten und holdesten der Frauen.

    Mit Aufstellungen wie diesen findet die Psychoanalyse
    bei den Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Ver-
    leumdungen zurück, welche gegen die Versicherungen des
    Bewußtseins nicht in Betracht kommen, und übersieht ge-
    schickt die geringen Anzeichen, durch welche sich auch das
    Unbewußte dem Bewußtsein zu verraten pflegt. Es ist darum
    am Platze darauf hinzuweisen, daß viele Denker, die nicht
    von der Psychoanalyse beeinflußt sein konnten, die Bereit-
    schaft unserer stillen Gedanken, mit Hinwegsetzung über das
    Mordverbot zu beseitigen, was uns im Wege steht, deutlich
    genug angeklagt haben. Ich wähle hiefür ein einziges berühmt
    gewordenes Beispiel an Stelle vieler anderer:

    Im „Père Goriot“ spielt Balzac auf eine Stelle in den
    Werken J. J. Rousseaus an, in welcher dieser Autor den
    Leser fragt, was er wohl tun würde, wenn er – ohne Paris
    zu verlassen und natürlich ohne entdeckt zu werden – einen
    alten Mandarin in Peking durch einen bloßen Willensakt
    töten könnte, dessen Ableben ihm einen großen Vorteil ein-
    bringen müßte. Er läßt erraten, daß er das Leben dieses
    Würdenträgers für nicht sehr gesichert hält. „Tuer son man-
    darin“ ist dann sprichwörtlich worden für diese geheime Be-
    reitschaft auch der heutigen Menschen.

    Es gibt auch eine ganze Anzahl von zynischen Witzen
    und Anekdoten, welche nach derselben Richtung Zeugnis ab-
    legen, wie z. B. die dem Ehemanne zugeschriebene Äußerung:
    Wenn einer von uns beiden stirbt, übersiedle ich nach Paris.
    Solche zynische Witze wären nicht möglich, wenn sie nicht
    eine verleugnete Wahrheit mitzuteilen hätten, zu der man 

  • S.

    518

    sich nicht bekennen darf, wenn sie ernsthaft und unverhüllt
    ausgesprochen wird. Im Scherz darf man bekanntlich sogar
    die Wahrheit sagen:

    Wie für den Urmenschen, so ergibt sich auch für unser
    Unbewußtes ein Fall, in dem die beiden entgegengesetzten
    Einstellungen gegen den Tod, die eine, welche ihn als Le-
    bensvernichtung anerkennt, und die andere, die ihn als un-
    wirklich verleugnet, zusammenstoßen und in Konflikt ge-
    raten. Und dieser Fall ist der nämliche wie in der Urzeit,
    der Tod oder die Todesgefahr eines unserer Lieben, eines
    Eltern- oder Gattenteils, eines Geschwisters, Kindes oder lie-
    ben Freundes. Diese Lieben sind uns einerseits ein innerer
    Besitz, Bestandteile unseres eigenen Ichs, andererseits aber
    auch teilweise Fremde, ja Feinde. Den zärtlichsten und in-
    nigsten unserer Liebesbeziehungen hängt mit Ausnahme ganz
    weniger Situationen ein Stückchen Feindseligkeit an, welches
    den unbewußten Todeswunsch anregen kann. Aus diesem Am-
    bivalenzkonflikt geht aber nicht wie dereinst die Seelenlehre
    und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe
    Einblicke auch in das normale Seelenleben gestattet. Wie
    häufig haben die psychoanalytisch behandelnden Ärzte mit
    dem Symptom der überzärtlichen Sorge um das Wohl der
    Angehörigen oder mit völlig unbegründeten Selbstvorwürfen
    nach dem Tode einer geliebten Person zu tun gehabt. Das
    Studium dieser Vorfälle hat ihnen über die Verbreitung und
    Bedeutung der unbewußten Todeswünsche keinen Zweifel ge-
    lassen.

    Der Laie empfindet ein außerordentliches Grauen vor
    dieser Gefühlsmöglichkeit und nimmt diese Abneigung als
    legitimen Grund zum Unglauben gegen die Behauptungen der
    Psychoanalyse. Ich meine mit Unrecht. Es wird keine Herab-

  • S.

    519

    setzung unseres Liebeslebens beabsichtigt, und es liegt auch
    keine solche vor. Unserem Verständnis wie unserer Empfin-
    dung liegt es freilich ferne, Liebe und Haß in solcher Weise
    miteinander zu verkoppeln, aber indem die Natur mit diesem
    Gegensatzpaar arbeitet, bringt sie es zu stande, die Liebe
    immer wach und frisch zu erhalten, um sie gegen den hinter
    ihr lauernden Haß zu versichern. Man darf sagen, die schön-
    sten Entfaltungen unseres Liebeslebens danken wir der Re-
    aktion gegen den feindseligen Impuls, den wir in unserer
    Brust verspüren.

    Resümieren wir nun: unser Unbewußtes ist gegen die
    Vorstellung des eigenen Todes ebenso unzugänglich, gegen
    den Fremden ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person
    ebenso zwiespältig (ambivalent) wie der Mensch der Urzeit.
    Wie weit haben wir uns aber in der konventionell-kulturellen
    Einstellung gegen den Tod von diesem Urzustande entfernt!

    Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzwei-
    ung eingreift. Er streift uns die späteren Kulturauflagerun-
    gen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein
    kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den
    eigenen Tod nicht glauben können; er bezeichnet uns die
    Fremden als Feinde, deren Tod man herbeiführen oder her-
    beiwünschen soll; er rät uns, uns über den Tod geliebter
    Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist aber nicht abzu-
    schaffen; solange die Existenzbedingungen der Völker so ver-
    schieden und die Abstoßungen unter ihnen so heftig sind,
    wird es Kriege geben müssen. Da erhebt sich denn die Frage:
    Sollen wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und sich ihm
    anpassen? Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer
    kulturellen Einstellung zum Tode psychologisch wieder ein-
    mal über unseren Stand gelebt haben, und vielmehr umkehren

  • S.

    520

    und die Wahrheit fatieren? Wäre es nicht besser, dem Tode
    den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken ein-
    zuräumen, der ihm gebührt, und unsere unbewußte Einstel-
    lung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt haben,
    ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheint das keine Höher-
    leistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken,
    eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit
    mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträg-
    licher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die
    erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn
    sie uns darin stört.

    Wir erinnern uns des alten Spruches:

    Si vis pacem, para bellum.
    (Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege.)

    Es wäre zeitgemäß, ihn abzuändern:

    Si vis vitam, para mortem.
    (Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den
    Tod ein.)