S.
[3]
I.
In Zeiten, die wir vorwissenschaftliche nennen dürfen, waren die
Menschen um die Erklärung des Traumes nicht verlegen. Wenn sie ihn
nach dem Erwachen erinnerten, galt er ihnen als eine entweder gnädige
oder feindselige Kundgebung höherer, dämonischer und göttlicher,
Mächte. Mit dem Aufblühen naturwissenschaftlicher Denkweisen hat sich
all diese sinnreiche Mythologie in Psychologie umgesetzt, und heute be-
zweifelt nur mehr eine geringe Minderzahl unter den Gebildeten, dass der
Traum die eigene psychische Leistung des Träumers ist.Seit der Verwerfung der mythologischen Hypothese ist der Traum
aber erklärungsbedürftig geworden. Die Bedingungen seiner Entstehung,
seine Beziehung zum Seelenleben des Wachens, seine Abhängigkeit von
Reizen, die sich während des Schlafzustandes zur Wahrnehmung drängen,
die vielen dem wachen Denken anstössigen Eigentümlichkeiten seines
Inhaltes, die Inkongruenz zwischen seinen Vorstellungsbildern und den
an sie geknüpften Affekten, endlich die Flüchtigkeit des Traumes, die
Art, wie das wache Denken ihn als fremdartig bei Seite schiebt, in der
Erinnerung verstümmelt oder auslöscht: — all diese und noch andere
Probleme verlangen seit vielen hundert Jahren nach Lösungen, die bis
heute nicht befriedigend gegeben werden konnten. Im Vordergrunde des
Interesses steht aber die Frage nach der Bedeutung des Traumes,
die einen zweifachen Sinn in sich schliesst. Sie fragt erstens nach der
psychischen Bedeutung des Träumens, nach der Stellung des Traumes zu
anderen seelischen Vorgängen und nach einer etwaigen biologischen
Funktion desselben, und zweitens möchte sie wissen, ob der Traum
deutbar ist, ob der einzelne Trauminhalt einen „Sinn“ hat, wie wir
ihn in anderen psychischen Kompositionen zu finden gewöhnt sind.Drei Richtungen machen sich in der Würdigung des Traumes
bemerkbar. Die eine derselben, die gleichsam den Nachklang der alten
Überschätzung des Traumes bewahrt hat, findet ihren Ausdruck bei
manchen Philosophen. Ihnen gilt als die Grundlage des Traumlebens ein
besonderer Zustand der Seelentätigkeit, den sie sogar als eine Erhebung
zu einer höheren Stufe feiern. So urteilt z. B. Schubert: Der TraumS.
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sei eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äusseren Natur, eine
Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit. Andere Denker
gehen nicht so weit, halten aber daran fest, dass die Träume wesentlich
seelischen Anregungen entspringen und Äusserungen seelischer Kräfte
darstellen, die tagsüber an ihrer freien Entfaltung behindert sind (der
Traumphantasie — Scherner, Volkelt). Eine Fähigkeit zur
Überleistung wenigstens auf gewissen Gebieten (Gedächtnis) wird dem
Traumleben von einer grossen Anzahl von Beobachtern zugesprochen.Im scharfen Gegensatz hierzu vertritt die Mehrzahl ärztlicher
Autoren eine Auffassung, welche dem Traum kaum noch den Wert eines
psychischen Phänomens belässt. Die Erreger des Traumes sind nach
ihnen ausschliesslich die Sinnes- und Leibreize, die entweder von aussen
den Schläfer treffen oder zufällig in seinen inneren Organen rege werden.
Das Geträumte hat nicht mehr Anspruch auf Sinn und Bedeutung als
etwa die Tonfolge, welche die zehn Finger eines der Musik ganz un-
kundigen Menschen hervorrufen, wenn sie über die Tasten des Instru-
mentes hinlaufen. Der Traum ist geradezu als „ein körperlicher, in allen
Fällen unnützer, in vielen Fällen krankhafter Vorgang“ zu kennzeichnen
(Binz). Alle Eigentümlichkeiten des Traumlebens erklären sich aus
der zusammenhangslosen, durch physiologische Reize erzwungenen Arbeit
einzelner Organe oder Zellgruppen des sonst in Schlaf versenkten Gehirns.Wenig beeinflusst durch dieses Urteil der Wissenschaft und un-
bekümmert um die Quellen des Traumes scheint die Volksmeinung an
dem Glauben festzuhalten, dass der Traum denn doch einen Sinn habe,
der sich auf die Verkündigung der Zukunft bezieht, und der durch irgend
ein Verfahren der Deutung aus seinem oft verworrenen und rätselhaften
Inhalt gewonnen werden könne. Die in Anwendung gebrachten Deutungs-
methoden bestehen darin, dass man den erinnerten Trauminhalt durch
einen anderen ersetzt, entweder Stück für Stück nach einem fest-
stehenden Schlüssel, oder das Ganze des Traumes durch ein
anderes Ganzes, zu dem es in der Beziehung eines Symbols steht.
Ernsthafte Männer lächeln über diese Bemühungen. „Träume sind
Schäume.“II.
Zu meiner grossen Überraschung entdeckte ich eines Tages, dass
nicht die ärztliche, sondern die laienhafte, halb noch im Aberglauben
befangene Auffassung des Traumes der Wahrheit nahe kommt. Ich ge-
langte nämlich zu neuen Aufschlüssen über den Traum, indem ich eine
neue Methode der psychologischen Untersuchung auf ihn anwendete, die
mir bei der Lösung der Phobien, Zwangsideen, Wahnideen u. dgl. hervor-
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Über den Traum1901-001/1921